Karma: Der Mechanismus ► Text der Sutren: Kontakt mit Karma

Verfasst: 19.05.2014

Tattvarthasutra, Kapitel 6

  1. Die drei Arten des Handelns - die Aktivitäten des Körpers, der Sprachorgane und des Geistes - stellen den Kontakt zwischen einem Lebewesen (jiva) und Karma her. Dieser Vorgang wird yoga genannt.

  2. Dieser Kontakt verursacht das Einfließen von Karma (asrava) in ein Lebewesen (jiva).

  3. Es gibt zwei Kategorien von Karma:

    1. punya
      positives Karma - wird durch Aktivitäten verursacht, die im allgemeinen als positiv (volkstümlich: 'gut', 'tugendhaft') angesehen werden.
      Diese Art von Karma manifestiert sich als angenehmes subjektives Lebensgefühl (positive Erfahrungen) und führt im Idealfall zum geistigen Wachstum des jiva;

    2. papa
      negatives Karma - wird durch Aktivitäten verursacht, die im allgemeinen als negativ (volkstümlich: 'böse', 'schuldhaft', 'schlecht') angesehen werden.
      Diese Art von Karma manifestiert sich als unangenehmes subjektives Lebensgefühl (negative Erfahrungen) und blockiert das geistige Wachstum des jiva.

  4. Karma manifestiert sich in zwei Intensitätsgraden:
    1. Alle Handlungen, die durch Leidenschaften ausgelöst werden (samparayika), verlängern den Zyklus von Geburt und Wiedergeburt des handelnden Lebewesens;
    2. alle Handlungen, die nicht durch Leidenschaften beeinflußt werden (iryapatha), haben nur eine vorübergehende, flüchtige Wirkung auf das handelnde Lebewesen.

  5. Karma, das den Zyklus von Geburt und Wiedergeburt verlängert (samparayika), wird von den fünf Sinnen, den vier Leidenschaften, der Mißachtung der fünf Freiheiten und durch 25 Arten von Aktivitäten verursacht.

  6. Die gleiche Handlung - ausgeführt von verschiedenen jivas - kann unterschiedlich geartetes Karma einfließen lassen. Die Unterschiede im Einfließen werden davon bestimmt:
    1. mit welcher Intensität eine Handlung gewünscht oder geplant wurde,
    2. ob eine Handlung mit oder ohne Intention begangen wurde (z.B. durch Nachlässigkeit, etc.),
    3. ob eine Handlung im Inneren des jiva ihren Ursprung hatte oder von außen an ihn herangetragen wurde,
    4. welche Energie und Fähigkeit zum Ausführen der Handlung eingesetzt wurde.

  7. Die Wirkung von Karma hängt wesentlich davon ab, ob die Handlung, die Anlaß für die Speicherung des Karmas gab
    1. im Bewußtsein eines jiva (d.h. im Element jiva) ihren Ursprung hatte, oder
    2. von der materiellen Umgebung eines jiva (d.h. außerhalb seines bewußten Einflusses - vom Element ajiva) an ihn herangetragen wurde.

  8. Eine Handlung, die ihren Ursprung im Bewußtsein hat, wird in ihrer karmischen Wirkung dadurch beeinflußt, daß der Handelnde entweder
    1. nur den Entschluß faßt, die Handlung zu begehen (Planung),
    2. konkrete Vorbereitungen für das Ausführen der Handlung trifft (z.B. das Sammeln von Material für diese Handlung), oder
    3. mit der Handlung selbst beginnt.

      Diese drei Handungsmuster werden weiterhin dadurch modifiziert, daß die besagte Handlung entweder
      1. von dem jiva selbst ausgeführt wird,
      2. aufgrund seiner Veranlassung (von anderen) ausgeführt wird oder
      3. ob der jiva der Handlung nur innerlich zustimmt (ohne weiter an deren Ausführung beteiligt zu sein).

      Der Aktivitätstyp (yoga - Körper, Sprachorgane und/oder Geist), über den eine Handlung ausgeführt wird, verändert ebenfalls die karmischen Auswirkungen.

      Eine weitere Modifizierung ergibt sich, wenn die vier Leidenschaften (Ärger, Stolz, Falschheit und Gier) an der Gestaltung einer Handlung Anteil haben.

  9. Handlungen, die ihren Ursprung außerhalb eines Lebewesens haben, beeinflussen die karmischen Auswirkungen auf den Handelnden (den jiva) durch
    1. die Art des Hervorbringens (Erschaffens) von Handlungen, Gegenständen, Gedanken, etc.
    2. die Art des Vermischens (Kombinierens) von Gegenständen oder von Handlungskomponenten und
    3. die Art des In-Bewegung-Setzens (Antreibens eine Handlung).

  10. Die Ablehnung (Herabwürdigung, Mißachtung, Nicht-Wertschätzung) von Wissen im Allgemeinen,
    1. die Zurückhaltung (Geheimhaltung) von Wissen,
    2. die durch Neid oder Eifersucht verursachte Weigerung, Wissen weiterzugeben,
    3. das Behindern des Vorgangs der Wissensgewinnung,
    4. das Leugnen der Wahrheit, die andere verbreiten, obwohl sie als solche erkannt wird und
    5. die Zurückweisung (Zerstörung) der Wahrheit, obwohl sie als solche erkannt wird

      verursachen das Einfließen von Karmas, die das Entfalten von Wissen (samyag jnana) und von nicht-irrendem intuitivem Verstehen (samyag darshana) blockieren.

  11. Das bewußte Auskosten und Verlängern von Schmerz (Leiden) und/oder schmerzlicher Gefühle,
    1. das bewußte Auskosten und Verlängern des Gefühls der Sorge (Trauer), des Bedauerns (Scham), des Bemitleidens,
    2. das Einschränken der Vitalität und
    3. öffentlich zur Schau gestelltes Lamentieren, das Mitleid und Aufmerksamkeit erheischen soll

      verursacht in dem derart handelnden jiva - unabhängig davon, ob er dies in sich selbst, in anderen, oder in beiden auslöst - das Einfließen von Karma, das ein unangenehmes Lebensgefühl hervorruft.

  12. Zuneigung zu allen Lebewesen,
    1. Zuneigung zu denjenigen, die auf ihrem Weg zur Befreiung die fünf Freiheiten aktiv praktizieren,
    2. Mildtätigkeit, die auf Zuneigung beruht,
    3. Selbstbeherrschung, selbst wenn sie nicht perfekt ist,
    4. Gleichmut, wenn sich positive oder negative Karmas manifestieren,
    5. spirituelle Anstrengungen, selbst wenn sie nicht auf korrektem Wissen beruhen,
    6. Meditation und intelligentes Verhalten auf dem Weg zur Befreiung,
    7. das Vergeben von Fehlern (sich selbst und anderen),
    8. Ausgeglichenheit und
    9. die Freiheit von Gier (die Freiheit von dem Zwang, mehr und mehr besitzen zu müssen)

      verursachen in dem derart handelnden jiva das Einfließen von Karma, das ein angenehmes Lebensgefühl hervorruft.

  13. Zweifel an (und eine böswillig negative Haltung gegenüber)
    1. den Allwissenden (kevali),
    2. den Schriften (shruti),
    3. der Gemeinschaft der Asketen (sangha),
    4. dem Weg zur Befreiung (dharma) und
    5. den Eigenschaften der Bewohner höherer Welten (deva)

      verursachen in dem derart handelnden jiva das Einfließen von Karma, das das Entstehen nicht-irrenden intuitiven Verstehens (samyag darshana) behindert.

  14. Starke Gefühlsaufwallungen, die durch die vier Leidenschaften ausgelöst werden, verursachen das Einfließen von Karma, das richtiges Handeln blockiert.

  15. Das Verursachen exzessiver Schmerzen und exzessives Verhaftetsein an dieser Welt führt zu dem Einfließen von Karma, das Verkörperungen in den niederen, 'höllischen' Regionen veranlaßt.

  16. Das Täuschen und Irreführen anderer führt zum Einfließen von Karma, das Verkörperungen in der Tier- und Pflanzenwelt verursacht.

  17. Aktivitäten mit moderatem Verhaftetsein und Besitz führen zu dem Einfließen von Karma, das Verkörperungen in menschlicher Form verursacht.

  18. Auch eine Haltung natürlicher Bescheidenheit führt zum Einfließen von Karma, das die Geburt in menschlicher Form veranlaßt.

  19. Ausschweifendes, nur an Genuß orientiertes Leben kann die Verkörperung in jedem der vier Bereiche auslösen.

  20. Selbstbeherrschung mit geringer Anhaftung,
    1. partielle Selbstbeherrschung
    2. Gleichmut bei der ungewollten Aktivierung (Manifestation) von Karma,
    3. spirituelle Anstrengungen, selbst wenn sie noch nicht auf korrektem Verständnis beruhen

      veranlassen das Einfließen von Karma, das eine Verkörperung in den höheren (himmlischen) Bereichen verursacht.

  21. In den Bewohnern höherer 'himmlischer' Bereiche verursacht auch das Streben nach nicht-irrendem intuitiven Verstehen (samyag darshana) das Einfließen von Karma.

  22. Unrechte und betrügerische Gedanken, Worte und Handlungen führen zum Einfließen von Karma, das die Manifestation eines häßlichen, unangenehmen Körpers verursacht.

  23. Deren Gegenteil (d.h. ehrliche und tugendhafte Gedanken, Worte und Handlungen) führen zum Einfließen von Karma, das die Manifestation eines schönen, angenehmen Körpers verursacht.

  24. Sechzehn Handlungsarten und innere Einstellungen verursachen das Einfließen von Karma, das den Körper eines tirthankaras (eines vollkommenen Lehrers, der sein Wissen vom Zustand der Allwissenheit aus übermittelt) manifestiert:
    1. die Präsenz reinen nicht-irrenden intuitiven Verstehens,
    2. die Achtung des Weges zur Befreiung und derer, die ihn gehen,
    3. perfektes Praktizieren der fünf Freiheiten und der geringeren Freiheiten,
    4. unablässiges Streben nach Wissen, das zur Befreiung führt,
    5. ständiges Vergegenwärtigen, wie begrenzt und temporär die materielle Form des Bewußtseins auf seiner Wanderung durch den Zyklus von Geburt und Wiedergeburt ist,
    6. Mildtätigkeit (d.h. die Auflösung der Angst anderer durch Inspirieren von Mut; die Unterstützung derer, die auf dem Weg zur Befreiung sind, durch Nahrung und Wissen; etc.),
    7. das Überwinden der Härten, die auf dem Weg zur Befreiung auftreten können,
    8. der Schutz anderer auf dem Weg zur Befreiung und die Beseitigung ihrer Sorgen und Hindernisse auf diesem Weg,
    9. die Unterstützung anderer auf dem Weg zur Befreiung durch die Erfüllung derer speziellen Bedürfnisse (z.B. durch Zubereitung besonders reiner Nahrung),
    10. die Achtung der Allwissenden,
    11. die Achtung derjenigen, die den Weg zur Befreiung öffentlich propagieren und repräsentieren,
    12. die Achtung der individuellen Lehrer des Weges zur Befreiung,
    13. die Achtung der Schriften,
    14. das Praktizieren der sechs täglichen Übungen,
    15. die Weitergabe des Wissens um den Weg zur Befreiung,
    16. die Zuneigung zu allen, die den Weg zur Befreiung gehen.

  25. Üble Nachrede,
    1. Eigenlob,
    2. das Verleugnen guter Eigenschaften und Leistungen anderer und
    3. das Preisen von Qualitäten, die man nicht besitzt. verursachen das Einfließen von Karma, das einen einfachen, ungeachteten Status im Leben veranlaßt.

  26. Deren Gegenteil, d.h.
    1. das Anerkennen anderer,
    2. Selbstbescheidenheit,
    3. das Verbreiten der guten Qualitäten und Leistungen anderer,
    4. der Verzicht darauf, die eigenen guten Qualitäten und Leistungen zu verbreiten,
    5. die Achtung derer, die auf dem Weg zur Befreiung weiter fortgeschritten sind als man selbst,
    6. die Freiheit von Stolz auf eigene Leistungen und Errun-genschaften

    verursachen das Einfließen von Karma, das einen geachteten Status im Leben veranlaßt.

  27. Das Stören oder Behindern anderer
    1. bei ihrer Ausübung von Mildtätigkeit,
    2. bei dem Verdienen ihres Einkommens,
    3. bei ihrer Freude über den Konsum von Speisen etc.,
    4. bei ihrer Freude über Dinge, die Annehmlichkeit bringen,
    5. bei dem Einsatz ihrer Vitalität und Kraft

      verursachen das Einfließen von Karma, das Behinderungen im Leben veranlaßt.
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