Karma: Der Mechanismus ► Bindung an Karma - Tattvarthasutra, Kapitel 8 ► Tattvarthasutra 8.09

Verfasst: 03.04.2014

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Darshana charitra mohaniya kashaya kashayavedaniyakhyastridvina-vasodashabhedah samyaktva mithyatvatavatadubhayanya kashaya-kashayau hasyaratyaratishokabhayajugupsastripunnapumsakaveda anantanubandhyapratyakkhyan apratyakhyanasamjvalanavikalpascai krodhamanamayalobhah (9)

Karma, das Täuschung (mohaniya) verursacht, blockiert teilweise oder vollständig

 

Dabei äußert sich Karma, das das Entstehen von nicht-irrendem, intuitivem Verstehen behindert, durch

  1. Irrtum und Mißverstehen,
  2. die Vermischung von Irrtum und wahrem Verständnis der Weltmechanismen,
  3. die (geringfügige) Beeinträchtigung des Verstehens der wahren Weltmechanismen durch Irrtum und falsche Auslegung.

Karma, das eine Ausrichtung des Handelns auf die Befreiung behindert, äußert sich durch

  1. das Auftreten der vier Leidenschaften (Ärger, Stolz, Falschheit und Gier), von denen es jeweils vier Intensitätsgrade gibt und
  2. die neun Quasi-Leidenschaften, d.h.:
  • übermäßiges Lachen,
  • übermäßigen Genuß,
  • Langeweile, Unzufriedenheit, Erschöpfung,
  • Sorgen,
  • Angst und Unsicherheit,
  • Abscheu, Entrüstung, Widerwille,
  • den Zwang, ständig nach (neuen) weiblichen Se xualpartnern suchen zu müssen,
  • den Zwang, ständig nach (neuen) männlichen Sexualpartnern suchen zu müssen,
  • den Zwang, ständig nach (neuen) Sexualpartnern beiderlei Geschlechts suchen zu müssen. (9)


    Intuitives Verstehen (darshana[15]) ist das intuitive Gewicht, mit dem wir Erfahrungen und/oder Erkenntnisse belegen.

    Dieser Vorgang ist eine der grundlegenden Erfahrungen unseres Lebens. Aufgrund des intuitiven Verstehens unserer Erfahrungen wählen wir im täglichen Leben aus allen uns zur Verfügung stehenden Handlungsalternativen denjenigen Weg aus, von dem wir uns emotional am meisten angezogen fühlen. Der Intellekt spielt dabei in den wenigsten Fällen eine Rolle, da er viel zu langsam ist, um im schnellen Lauf des täglichen Lebens alle Konsequenzen unseres Handelns vorher bedenken zu können.

    Wir erfahren aber ebenfalls, daß uns dieses intuitive Verstehen auch in die Irre leiten kann, d.h. daß wir durch Folgen unserer Intuition nicht unbedingt auch die von uns gewünschten Ergebnisse erhalten müssen.

    Das Tattvarthasutra beschreibt nun mit 'nicht-irrendem intuitiven Verstehen' (samyag darshana) eine spezielle Variante der Intuition. Diese spezielle Art des intuitiven Verstehens hat die Eigenschaft, die Dinge wie sie wirklich sind, fehlerfrei und klar zu erkennen. Sie läßt uns im Ablauf des täglichen Lebens automatisch und intuitiv diejenigen Handlungsalternativen auswählen, die uns der Befreiung näher bringen. Weiterhin verleiht sie die Fähigkeit, Irrtum und Mißverstehen bei der Sinneswahrnehmung und bei der Präsentation externen Wissens (durch Lehrer oder beim Studium der Schriften) intuitiv erkennen und ausschließen zu können, samyag darshana ist der Schlüssel zu umfassenderem Verständnis, das in der letzten Konsequenz zur Befreiung führt.

    Nicht-irrendes intuitives Verstehen ist eine naturgegebene Fähigkeit des Bewußtseins. Es manifestiert sich in allen Lebewesen, denen ein Verstand zu eigen ist und die die Fähigkeit haben, Befreiung zu erlangen.

    Nicht-irrendes intuitives Verstehen entsteht, wenn Karma, das diese Fähigkeit blockiert oder behindert hat, wegfällt oder inaktiv wird, dies ist die innere Ursache. Äußerlich manifestiert es sich nach Wegfall des entsprechenden Karmas sowohl intuitiv (d.h. es entfaltet sich ohne äußere Hilfe nur durch das Bewußtwerden ureigener, bereits vorhandener Qualitäten[16]), als auch durch die Aneignung von Wissen aus äußeren Quellen, (z.B. durch das Studium bei einem Lehrer oder das Lesen und Verstehen der Schriften).

    Karma, das das Entstehen nicht-irrenden intuitiven Verstehens behindert oder vollständig blockiert, äußert sich u.a. durch Indifferenz der wahren Natur der Weltmechanismen gegenüber, durch Desinteresse an der eigenen Entwicklung und durch die Unfähigkeit erkennen zu können, welche Handlungsalternativen positive oder negative Auswirkungen auf die eigene Person haben.

    Karma, das eine Ausrichtung des Handelns auf die Befreiung behindert, manifestiert sich durch das Auftreten der vier Leidenschaften: Ärger, Stolz, Falschheit und Gier. Diese vier Leidenschaften lösen stark egoistisches Handeln aus, das keinen anderen Standpunkt neben sich gelten läßt.

    • Ärger
      projiziert den eigenen Standpunkt derart energievoll auf die Umwelt, daß dadurch die Aufnahme neuer Informationen oder Erkenntnisse unmöglich wird. Obwohl Gedanken und Gefühle, die während des Wirkens dieser Karma-Art auftreten, extrem logisch erscheinen mögen, erweist es sich nach Abklingen der Leidenschaft fast immer, daß während dieser Zeit die Wirklichkeit stark verzerrt gesehen wurde. Es ist dabei unerheblich, ob Ärger nach außen gezeigt wird oder im Inneren eines Menschen schwelt. In beiden Fällen sind die Kanäle, über die neue Erkenntnisse erlangt werden könnten, (auch Erkenntnisse, die zum Abbau des Ärgers führen würden) blockiert.
    • Stolz
      gibt dem eigenen Standpunkt eine derart hohe Bedeutung, daß jede neue Art des Handelns oder Verstehens von vornherein als weniger gültig angesehen wird.
    • Falschheit
      kreiert eine Aura von Täuschung um einen Menschen herum, sodaß er die Wahrheit selbst dann nicht erkennen kann, wenn sie ihm präsentiert wird.
    • Gier
      ist das unmäßige Anhäufen materieller Komponenten weit über den eigenen Bedarf hinaus aus rein egoistischen Motiven. Ein derart handelnder jiva ist von der Anhäufung dieser materiellen Komponenten so stark fasziniert, daß ihm keine Zeit und Energie bleibt, sich um sein geistiges Wachstum zu kümmern.

    Wesentliches Merkmal des Wirkens der vier Leidenschaften ist eine Abkapselung des derart handelnden jiuas. Alle Mechanismen, die den Kreis seines bekannten Lebens erweitern könnten, werden von ihm abgewiesen. Alle Impulse, die ihn aus seinem von negativen Emotionen überschattetem Handeln herausführen könnten, werden ignoriert.

    Die vier Leidenschaften treten in vier Intensitätsgraden auf, die jeweils als eigenständige Karma-Art gezählt werden.

    • Die intensivste Manifestation der Leidenschaften verursacht, daß die erste Entwicklungsstufe (gunasthana mithyaktva) - der Zustand der Täuschung, des Irrtums und des Mißverstehens der Weltmechanismen nicht verlassen wird. Dies führt zu fortgesetzten Wiederholungen des Zyklus von Geburt und Wiedergeburt. Wenn keine anderen Komponenten hinzukommen, die eine Möglichkeit eröffnen, aus diesem Zustand herauszufinden, kann er ewig andauern. Die Jains vergleichen die Dauer dieses Intensitätsgrades mit der Beständigkeit einer Linie, die in Stein gemeißelt ist.
      Ein jiva, der die vierte Entwicklungsstufe (samyaktvi permanent erreicht hat, ist frei von diesem Karma. In seinem Leben treten Leidenschaften dieser Intensität nicht mehr auf.
    • Der zweite, weniger intensive, aber immer noch starke Intensitätsgrad der Leidenschaften verhindert ein Erreichen der Selbstdisziplin, durch die die Beachtung der geringeren Freiheiten möglich wird. Die Dauer dieses Intensitätsgrades wird mit der Zeichnung einer Linie in der Erde gleichgesetzt. Ein jiva, der von der vierten in die fünfte Entwicklungsstufe (desavirata) übergeht, hat kein Karma dieses Intensitätsgrades mehr gebunden.
    • Der dritte, moderate Intensitätsgrad der Leidenschaften behindert die Achtung der fünf großen Freiheiten. Seine Dauer ist so flüchtig wie die Zeichnung einer Linie in Staub. Während der sechsten Entwicklungsstufe löst sich Karma dieses Intensitätsgrades mehr und mehr auf. Beim Übergang in die siebente Stufe (apramatta virata) ist kein Karma dieser Intensität mehr gebunden.
    • Der vierte, mildeste Intensitätsgrad behindert das Erreichen perfekten Handelns. Er hinterläßt so wenig Eindruck wie eine Linie im Wasser. Beim Übergang in die zwölfte Entwicklungsstufe (kshina moha) ist kein Karma dieses Intensitätsgrades mehr gebunden.

    Das Auftreten der neun Quasi-Leidenschaften ist nicht in unterschiedliche Intensitätsgrade abgestuft. Die Quasi-Leiden-schaften fallen bis zur elften Entwicklungsstufe nach und nach weg. Nach Erreichen der zwölften Stufe treten sie nicht mehr auf.

    Fußnoten:
    [15]
    [16]
    [17]
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