Karma: Der Mechanismus ► Auflösung von Karma - Tattvarthasutra, Kapitel 9 ► Tattvarthasutra 9.18

Verfasst: 18.05.2014

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Samayikacchedopasthapanaparihararavisuddhisuksma samparayayathakhyatamiti caritram (18)

Die Ausrichtung des Handelns auf die Befreiung (charitra) bedeutet:

 

  • Gelassenheit,
  • Wiederherstellung der Gelassenheit, nachdem man sie verloren hat,
  • das Abschließen aller unvollendeten Handlungen,
  • die aktive Ausrichtung des Lebens auf den Übergang in umfassendere Existenzebenen,
  • die Umsetzung der in diesem Kapitel aufgeführten Aktivitäten und Einstellungen. (18)

    Gelassenheit bedeutet, auf unangenehme wie angenehme Manifestationen des eigenen Karmas nicht aufgeregt zu reagieren, sondern die Ereignisse im Kontext karmischer Abläufe zu verstehen.

    Das Wissen, daß nur die eigene emotionale Anhaftung den Anstoß für die Manifestation eines bestimmten Lebensthemas gegeben haben kann, erzeugt eine gelassene Betrachtungsweise, die nicht mehr zuläßt, daß die emotionale Bedeutung eines Ereignisses durch externe Faktoren bestimmt wird. Wenn wir grundlegend verstehen, daß es wenig Sinn macht, z.B. unangenehme Situationen durch eigene negative Emotionen noch unangenehmer zu gestalten, dann sind wir der bewußten Steuerung karmischer Abläufe schon ein gutes Stück näher gekommen.

    Die Wiederherstellung der Gelassenheit, nachdem man sie verloren hat. Solange wir karmischen Mechanismen unterworfen sind, besteht immer die Möglichkeit, daß externe oder interne Ereignisse in uns emotionale Reaktionen hervorrufen, deren Stärke uns überschattet, bzw. die Klarheit unserer Unterscheidungs- und Entscheidungskraft einschränkt. Bei Eintritt dieses psychischen Zustandes besteht oft die Tendenz, sich den (negativen) Emotionen anheimzugeben und jeden Versuch, die Situation unter Kontrolle zu bringen, von vornherein als aussichtslos anzusehen.

    Wenn zu dem frühestmöglichen Zeitpunkt - d.h. nachdem die anfängliche totale Überschattung vorüber ist, die Absurdität der eigenen Reaktion schon eingesehen wird, aber die karmische Manifestation unsere Emotionen immer noch beeinflußt - die bewußte Anstrengung unternommen wird, Gelassenheit wiederzuerlangen, baut sich eine zielgerichtete Dynamik auf, die karmische Manifestationen mehr und mehr unter Kontrolle bringen wird.

    Das Streben nach Gelassenheit und deren Wiedererlangung bedeutet nicht, das Leben und die eigenen Emotionen ständig unter Kontrolle zu halten. Abgesehen davon, daß eine bewußte Kontrolle gerade beim Eintreten starker karmischer Überschattungen überhaupt nicht möglich ist, würde dies Kreativität und Spontaneität einschränken und dadurch neuartige Erfahrungen und die Expansion des Bewußtseins verhindern.

    Gelassenheit ist das Überwinden des eigenen Stolzes, Ärgers, etc. bei der Manifestation von Karmas. Es ist ein Zustand, der trainiert werden kann und mit der Praxis wächst.

    Das Abschließen unvollendeter Handlungen befreit Geist und Emotionen von unerledigten Dingen, die 'auf der Seele lasten'.

    Wenige Menschen sind sich bewußt, wieviel Energie sie darauf verwenden, den Berg unerledigter Handlungen, den sie ständig vor sich herschieben, unter Kontrolle zu halten. Es sind die Gegenstände unseres täglichen Lebens, die unsere Aufmerksamkeit ständig auf diese unerledigten Handlungen lenken: das Telephon, das uns an Gespräche erinnert, die wir schon längst geführt haben sollten; der unaufgeräumte Schreibtisch, auf dem wichtige Papiere in einem Wust unwichtiger Werbung untergehen; die ausgebrannte Glühbirne, die das Herabsteigen in den Keller problematisch macht; - die Reihe der Beispiele ließe sich endlos fortsetzen.

    Das Balancieren all dieser unerledigten Dinge kostet oft mehr Energie, als eine Erledigung erfordern würde, während der Abschluß der entsprechenden Handlungen vielfach als beträchtliche Befreiung erfahren wird. Wenn Geist, Gedächtnis und Emotionen von diesem unnötigen Ballast befreit sind, sind sie offen für wesentlichere Themen.

    Die aktive Ausrichtung des Lebens auf den Übergang in umfassendere Existenzebenen bedeutet, Einstellungen und Handlungen auf das Überschreiten der eigenen Grenzen auszurichten.

    Karmische Manifestationen haben oft die Eigenschaft, den jiva psychisch und physisch zu erschöpfen, sodaß leicht eine tiefe Sehnsucht nach Ruhe und Ausgeglichenheit entsteht. Wenn sich dann zu Zeiten weniger intensiver karmischer Manifestationen ein (temporäres) emotionales Gleichgewicht einstellt, ist die Versuchung groß, diesen zeitweilig ausgeglichenen Zustand um jeden Preis festzuhalten.[11]

    Dieses Festhalten an einem temporären emotionalen Gleichgewicht beseitigt jedoch nicht die eigentliche Ursache für Erschöpfung und Depression, da eine grundlegende Befreiung davon sich nur durch den Abbau der entsprechenden Karmas erreichen läßt.

    Die Ausrichtung auf das Überschreiten der eigenen Grenzen verhindert die Stagnation eines in Gewohnheit erstarrten Lebens. Dies bedeutet das Aufbrechen von Situationen, die uns mit immer den gleichen, bekannten Abläufen konfrontieren, aus denen wir nichts mehr lernen können. Es ist das Verlassen von Umständen, denen wir nur noch aus Bequemlichkeit anhängen. Es bedeutet die Umsetzung neuer Erkenntnisse in konkrete Handlung und das Beschreiten neuer Wege, deren Verlauf und Endpunkt noch nicht sichtbar sind.

    Sicherlich ist dieser Weg mit Anstrengung verbunden, doch ist dies ein geringer Preis für die Auflösung karmischer Beschränkungen und die Erfahrung von Seinsebenen, die uns dem in uns gefühlten immensen Potential näher kommen lassen.

    Die Umsetzung der in diesem Kapitel aufgeführten Aktivitäten und Einstellungen sind:

    • das Verhindern der Aufnahme neuen Karmas,
    • die Auflösung bestehender karmischer Bindungen,
    • das bewußte Steuern der eigenen Aktivitäten,
    • Umsicht im persönlichen Verhalten,
    • Berücksichtigung der Bedürfnisse anderer Wesen,
    • das Überdenken der eigenen Situation,
    • Ausdauer beim Auftreten von Härten und
    • die Ausrichtung des Handelns auf die Befreiung.

    * * *

    Die in diesem Buch aufgeführten Mechanismen und Handlungsempfehlungen sind keine mystischen Techniken. Sie sind praktisch und im täglichen Leben leicht auszuführen.

    Sie führen zu spirituellen Erfahrungen, die weit über das hinausgehen, was je im ersten Entwicklungszustand (mithyaktva gunasthana) erlebt werden kann. Diese Erfahrungen können sich jedoch erst dann einstellen, wenn die Blockaden beseitigt sind, die ihre Wahrnehmung verhindern. Mit dem Wegfall der Behinderungen wird sich die umfassendere Wahrnehmung und die Expansion und Klarheit, die alle höheren Bewußtseinsebenen kennzeichnen, automatisch entfalten. Es ist ein Weg, der jedem uneingeschränkt und selbstbestimmt zugänglich ist.

Fußnoten:
[11]
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