Karma: Der Mechanismus ► Einführung

Verfasst: 01.03.2014

Die meisten Menschen erfahren ihr Leben als ständiges Wechselspiel zwischen Aktion und Reaktion. Sie setzen Handlungen in Gang und der Rest der Welt (d.h. auch der eigene Körper und das eigene Bewusstsein) reagiert auf diesen Stimulus. Oft präsentiert auch die äußere Welt Tatsachen und Probleme und löst dadurch unsere Reaktion aus.

Dieses Konzept von Aktion und Reaktion scheint Sinn zu machen. Es liefert uns eine Vorstellung, wie wir unser tägliches Leben - mehr oder weniger erfolgreich - steuern können.  Je erfahrener wir sind, - d.h. je besser wir verstehen, wie die Welt auf unsere Handlungen reagiert, - desto effektiver, fähiger und weiser können wir unser Leben führen.

Soweit - so gut. Doch leider funktioniert dieses Konzept nicht so glatt, wie es sich anhört:  Fast jede unserer Handlungen scheint Elemente zu enthalten, die sich unserem Einfluss entziehen, die den Handlungsablauf jederzeit beeinflussen können, ihn stören oder in Frage stellen. Besonders Langzeitprojekte haben eine irritierende Tendenz, in Ablauf und Ergebnis unvorhersehbar zu werden - unabhängig von der sorgfältigsten Planung und den reichhaltigsten Mitteln. Am Ende sehen viele Dinge völlig anders aus als ursprünglich geplant und erwartet.

Dass Handlungen so ablaufen wie geplant und die von uns gewünschte Befriedigung bringen, ist oft eher die Ausnahme als die Regel.

Irgendetwas scheint in all unseren Berechnungen und Planungen zu fehlen, - irgendetwas, das wesentlichen Einfluss auf all unser Handeln und dessen Ergebnisse hat.

Erstaunlicherweise hat dieses 'Etwas', das doch zentrale Macht über unser Leben ausübt, nie die sonderliche Aufmerksamkeit der westlichen Wissenschaft erregt. Die Psychologie blieb bisher der einzige Versuch, Grundmechanismen und Triebkräfte unseres Handelns in nicht-materiellen Bereichen zu suchen. Was 100 Jahre Forschung in diese Richtung allerdings bisher herausgefunden haben, liefert uns kaum einen neuen, systematischen Ansatz für wirksameres Handeln. Denn wenn die psychologischen Thesen auch logisch klingen mögen, so sträuben wir uns doch intuitiv dagegen, von einem kaum zugänglichen Unterbewusstsein gesteuert zu sein, dessen Ursprung und Eigenschaften nicht ausreichend erklärt sind.

In der östlichen Hemisphäre der Welt gibt es jedoch Modelle und Konzepte, die nicht nur die inneren Mechanismen des Handelns erklären, sondern auch eine Vorstellung bieten, welches immense - bislang ungenutzte - Potential dem Menschen zur Verfügung steht und wie er die ihm angeboren Fähigkeiten weit wirksamer entfalten kann als er es im Augenblick tut. Der Name dieses Konzeptes heißt 'Karma'.

Nun hat das Wort 'Karma' in den letzten zwanzig Jahren im Westen eine eher dubiose Bedeutung angenommen. Es wird mit einem nebulösen Gefühl der Vergeltung längst vergangener Handlungen assoziiert und mit Schuld, die sich in zukünftigen Inkarnationen entladen soll. Darüber hinaus dient es oft als bequeme Entschuldigung für Unglück oder schlechte Planung. Karma wurde in unserem Kulturkreis nie exakt definiert und zirkuliert in eher vagem Verständnis hauptsächlich in spirituell angehauchten Kreisen.

Die Tatsache, dass dieses Wort im Westen missverstanden und falsch eingesetzt wird, schränkt die Bedeutung, Klarheit und Gültigkeit des ursprünglichen indischen Konzeptes des Karma -•wie es in der vorliegenden Übersetzung des Tattvarthasutra beschrieben wird - jedoch nicht im geringsten ein.

Das ursprüngliche indische Konzept hat nicht die Absicht uns an Ereignisse früherer Inkarnationen zu ketten, wie es das vage westliche Karma-Verständnis fälschlicherweise annimmt. Und im erfrischenden Gegensatz zum kaum zugänglichen Unterbewusstsein der westlichen Psychologie bergen die karmischen Mechanismen auch nichts Geheimnisvolles.

Den besten Schlüssel zum Verständnis von Karma liefert das Wort selbst: in der direkten Übersetzung bedeutet Karma 'Handlung', - und zwar ausschließlich 'Handlung, die in der Gegenwart stattfindet'.

Unter 'Handlung' versteht das Tattvarthasutra jedoch nicht nur die Bewegung von materiellen Dingen und Lebewesen, sondern auch ein 'interaktives Feld', das jede Handlung in und um ein Lebewesen erzeugt und das im Wesentlichen von unseren Wünschen, Intentionen, Motivationen, dem emotionalen Gehalt und dem 'Drive', mit dem wir unsere Handlungen durchführen, gesteuert wird.

Das Tattvarthasutra erklärt, wie unsere Handlungen dieses Feld beeinflussen und wie das Feld wiederum uns beeinflusst. Es bietet Mechanismen an, wie wir dieses Feld steuern und uns nutzbar machen können.

Der Fokus des ursprünglichen Begriffes Karma auf die Gegenwart macht außerdem deutlich, dass sich unsere Handlungen nicht erst in unwirklich ferner Zukunft 'karmisch' auswirken werden, wie im Westen gerne angenommen wird. Der Fokus auf die Gegenwart bedeutet, dass jede unserer Handlungen automatisch unser 'interaktives karmisches Feld' aktualisiert und daher auch die Wirkung unmittelbar in der Gegenwart eintritt. Sie manifestiert sich u.a. darin, dass sich uns - teils auf subtile Ebene, teils konkret erfahrbar - potentielle Handlungsmöglichkeiten eröffnen oder verschließen.

Dieser Fokus karmischer Mechanismen auf die Gegenwart gibt auch all denen Hoffnung, die sich bisher - in fehlerhaftem Verständnis - einem riesigen Berg Karma aus nebulöser Vergangenheit ausgeliefert sahen, der in ihrer Vorstellung oft noch negativen Charakter annahm. Die unzugängliche Grösse dieses Berges und das Fehlen jeglicher vernünftiger Instruktionen, wie man damit umgehen sollte, verursachten bei vielen eine unruhige Beziehung zu diesem Thema. Man 'glaubte' offiziell zwar nicht an Karma, hatte aber insgeheim die Befürchtung, dass an dem ganzen Konzept doch etwas dräuend Nachteiliges dran sein könnte.

Das Tattvarthasutra stellt nun klar, dass unser individuelles karmisches Feld ständig den vollständigen, aktuellen Status unseren gesamten Karmas enthält und dass dieses Feld durch unsere Handlungen auch jederzeit beeinflussbar ist. Es gibt keinen verborgenen 'Karma-Berg', in dem all unsere vergangenen Handlungen gespeichert sind.

Zwar wird der Inhalt unseres interaktiven karmischen Feldes durch (frühere) Aktivitäten geprägt - wie all unser Leben, -doch sind die eigentlichen (früheren) Handlungsabläufe darin nicht festgehalten. Das Feld enthält nur die Richtungen, in die wir uns bewegen (unsere Wünsche und Motivationen) und die Intensität und das emotionale Engagement, mit denen wir diese Richtungen verfolgen.

Damit wird auch klar, dass Karma nicht - wie oft angenommen - eine negative Last ist. Das Streben nach Erfüllung (Umsetzung, Realisierung) der im Inneren gefühlten Werte und Ideen ist eins der grundlegenden Merkmale unserer Existenz. Wir wollen dass unsere Handlungen Früchte tragen, wir möchten diese Früchte erfahren und wir haben normalerweise auch recht konkrete Vorstellungen davon, wie diese aussehen sollen. Das emotionale Engagement, mit dem wir unsere Vorstellungen verfolgen, wirkt dabei wie ein Magnet, der all die Komponenten anzieht, die zur Erfüllung dieser Vorstellungen notwendig sind. Karma ist der Mechanismus, der uns die Themen unseres Lebens solange erfahren lässt, bis wir optimale Erkenntnis daraus gewonnen haben und unsere emotionale Anhaftung an den (erledigten) Themen fortfällt.

Es steht uns selbstverständlich frei, diesen Vorgang - die Wiedervorlage nicht abgeschlossener Lebensthemen - negativ zu interpretieren. Es besteht jedoch grundlegend dazu kein Anlass, da es sich letztendlich um einen wertneutralen Wachstumsprozess handelt. Je besser wir verstehen, wie sich dieser Prozess steuern lässt, desto weniger werden wir uns ihm ausgeliefert fühlen, - und je schneller die von uns gewünschten Ergebnisse eintreten, desto weniger werden wir die Erscheinungsformen dieses Prozesses negativ auslegen.

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