Karma: Der Mechanismus ► Auflösung von Karma - Tattvarthasutra, Kapitel 9 ► Tattvarthasutra 9.06

Verfasst: 12.05.2014

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Uttamaksamamardavarjavashau chasatyasamyamayapastyagakin chanyabtahmacharyanidharmah (6)

Die Berücksichtigung der Bedürfnisse anderer Wesen (dharma) ist

  1. Vergebung (sich selbst und anderen),
  2. Verzicht auf Stolz, Hochmut, Arroganz,
  3. Direktheit, Klarheit der Aussage,
  4. Reinheit der Intention,
  5. Ehrlichkeit,
  6. Achtsamkeit, daß andere Wesen nicht verletzt werden,
  7. die Konfrontation problematischer Situationen,
  8. das Aufgeben von Aktivitäten,
  9. Distanz und
  10. die Bereitschaft zu wachsen. (6)


    Dieser Sutra beschreibt Mechanismen, die im Umgang mit anderen Lebewesen die Aufnahme neuen Karmas verhindern.

    Wesentliche Funktion der Existenz eines jiva ist es, anderen jivas Unterstützung und Hilfe zu geben (Tattvarthasutra, Kapitel 5, Sutra 21). Diese Grundfunktion des Lebens ist hier mit dharma gemeint.[10] Die Gestaltung der Interaktion mit anderen Wesen, ohne daß dadurch Karma gebunden wird, hat daher wesentlichen Einfluß auf unser Leben. Die Mechanismen im Einzelnen:

    • Das Vergeben vermeintlichen oder realen Unrechts oder Fehler (sich selbst und anderen), befreit den jiva von der An-haftung an vergangene Ereignisse, die sich ohnehin nicht mehr ändern lassen. Vergeben verhindert auch, daß Emotionen wie Rache, Neid, etc. erneut Karma binden können.

    • Der Verzicht auf Stolz, Hochmut, Arroganz beseitigt Schranken zwischen dem eigenen Selbst und anderen.

    Die Standpunkte und Ansichten anderer geben uns Zugang zu Erfahrungen, die wir nicht selbst erleben konnten.

    Stolz, Hochmut und Arroganz weisen diese Erfahrungen zurück, weil befürchtet wird, daß sie die Gültigkeit des eigenen Standpunktes gefährden oder einschränken könnten. Da diese Zurückweisung nicht auf besseren Argumenten o^er umfassenderem Wissen beruht, sondern auf der Ausstrahlung negativer Energie (Aggression, Unwillen etc.), ist sie immer ein Ausdruck innerer Unsicherheit.

    Eine von Stolz und Arroganz geprägte Sichtweise kann nicht durch Eingehen auf andere Standpunkte verändert oder erweitert werden und blockiert dadurch grundlegend die Weiterentwicklung des jiva. Ein Verzicht auf Stolz etc. verhindert bzw. beseitigt diese Blockade.

    • Die Direktheit und Klarheit, mit der wir uns äußern, läßt uns die Aussagen anderer mit der gleichen Klarheit wahrnehmen, die auch wir aussenden. Wenn wir unsere Absichten klar und deutlich darstellen, fällt Karma weg, das Bedeutung verschleiert. Dadurch erhalten wir die Fähigkeit, die Essenz der Äußerungen anderer auch dann klar zu erkennen, wenn diese undeutlich ausgedrückt werden.

    • Die Reinheit unserer Intentionen schützt uns davor, Karma aufzunehmen, das Täuschung hervorruft. Verdeckte Absichten und Geheimnistuerei verursachen, daß uns die gleiche Haltung entgegengebracht wird. Karma, das Täuschung hervorruft, blockiert eine klare Wahrnehmung der Wirklichkeit.

    • Ehrlichkeit bewirkt, daß andere uns ebenfalls ehrlich entgegentreten. Da dadurch Karma wegfällt, das Täuschung und Mißverstehen manifestiert, erhalten wir Zugang zu wahrem Wissen.

    • Achtsamkeit, daß andere Wesen nicht verletzt werden, bewirkt, daß die Handlungen anderer Wesen unsere eigenen Lebensäußerungen ebenfalls nicht negativ beeinflussen. Die Einbeziehung der Bedürfnisse anderer Wesen (Menschen und Tiere) in die Planung und Ausführung von Aktivitäten erweitert außerdem die eigene Sichtweise der Welt.

    • Die Konfrontation problematischer Situationen. Im Zusammenleben mit anderen Menschen lassen sich Differenzen in Ansprüchen und Lebensäußerungen kaum verhindern. Diese Differenzen wachsen leicht zu überdimensionalen Problemen an, wenn nicht rechtzeitig darüber kommuniziert wird. Gerade die Scheu vor einer Aussprache läßt oft unnötige Spannungen anwachsen, die den klaren Blick für die Motivationen anderer trübt und Energie von der Verwirklichung der eigenen Ziele abzieht. Eine bewußte Konfrontation dieser Situationen und die entsprechende Auflösung von Spannungen setzt Energie frei und verhindert, daß dadurch negatives Karma gebunden wird.

    • Das Aufgeben von Aktivitäten, die andere besser ausführen können, oder denen diese Aktivitäten mehr Freude bringen als der eigenen Person. Dies schließt auch die Aufgabe entsprechender Gegenstände, Macht, Einfluß etc. ein.

      Das Festhalten an Situationen und Dingen, über die wir hinausgewachsen sind, kann leicht den eigenen Fortschritt behindern. Ein Loslassen dieser (eingrenzenden) Komponenten öffnet das Verständnis für größere Aufgaben und weitet den Blick für umfassendere Erfahrungen. Es gibt außerdem anderen die Möglichkeit, an Aufgaben zu wachsen, die wir bereits abgeschlossen haben.

    • Distanz zu den Aktivitäten anderer verhindert, daß wir in Situationen und Abläufe hineingezogen werden, die uns von unserem eigenen Weg abbringen könnten.

      Dies bedeutet nicht, sich nicht zu engagieren, es bedeutet nur, durch entsprechende Distanz nicht die Souveränität des eigenen Handelns aufzugeben.

    • Die Bereitschaft zu wachsen ist eine auf dynamische Expansion ausgerichtete Haltung. Die Verfolgung dieser Einstellung bewirkt oft, daß unsere Mitmenschen sich motiviert fühlen, ihre Aufmerksamkeit ebenfalls auf eine Erweiterung ihres eigenen Bewußtseins- und Erfahrungsbereiches zu richten.
    Fußnoten:
    [10]
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