Karma: Der Mechanismus ► Anhang 1 ►Die fünf Freiheiten - vrata

Verfasst: 05.03.2014

In ihrer traditionellen Interpretation bedeuten die fünf Freiheiten:

  1. Frei sein von dem direkten oder indirekten Töten oder Verletzen anderer Lebewesen.
  2. Frei sein von Unaufrichtigkeit, Lüge, Unwahrheit und Betrug.
  3. Frei sein davon, zu nehmen, was nicht freiwillig gegeben wurde.
  4. Frei sein von dem inneren Zwang, sein Leben an sexuellen Bedürfnissen ausrichten zu müssen.
  5. Frei sein von der Anhaftung an weltlichem Besitz, (d.h. Freiheit von dem inneren Zwang, mehr und mehr materielle Objekte ansammeln zu müssen; Freiheit von der Sucht nach immer höherem sozialen Status; Freiheit von der Sucht, weltliche Erlebnisse wiederholen zu müssen und Freiheit von der Illusion, daß weltliche Besitztümer oder Erlebnisse dauerhafte Zufriedenheit bringen können.)

Das als 'Die fünf Freiheiten' übersetzte Sanskritwort vrata bedeutet im formalen Sinn 'Gelübde'. Das Wort 'Gelübde' ist heutzutage jedoch mit religiösen, welt-entsagenden und eher altertümlichen Anmutungen assoziiert und wird dadurch dem dynamischen Mechanismus, den das Tattvarthasutra unter vrata versteht, nicht gerecht.

Die fünf Freiheiten haben nichts mit Entsagung, Verzicht oder Abkehr von der Welt zu tun. Das oft mit Entsagung verbundene Gefühl der Selbstkasteiung, Selbst-Bestrafung, Buße etc. fördert nicht im geringsten den Weg zur Befreiung, sondern behindert ihn eher. Verzicht, Buße etc. ist nur die ins Gegenteil verkehrte Anhaftung an weltlichen Dingen, nicht aber eine grundlegende Freiheit von diesen Objekten. So wie bei Haß die emotionsgeladene Bindung an die Zielperson immer noch vorhanden ist - nur im negativen Sinn - so ist auch Verzicht, Buße etc. ein negatives Verhaftetsein an weltlichen Dingen, das keine Freiheit von diesen Dingen bringt. Solange ein Objekt, von dem wir frei sein wollen, in unserem Leben noch eine Rolle spielt, sind wir davon nicht frei.

Darüberhinaus ist jede Art der Entsagung auf die Vergangenheit ausgerichtet und enthält keine dynamische Bewegung auf zukünftige Aktivitäten hin. Solange wir jedoch nur nach einer Freiheit von etwas streben, statt nach einer Freiheit zu etwas, haben wir die eigentliche Freiheit noch nicht gefunden.

Das Praktizieren der fünf Freiheiten ist grundlegend nicht auf die Aufgabe von Lebenselementen ausgerichtet, sondern auf das Gewinnen neuer, interessanterer, angenehmerer und umfassenderer Lebensebenen. Wir erreichen diesen angenehmeren, neuen Zustand, weil er uns mehr interessiert als der alte. Daß der alte Zustand dabei überflüssig wird und wegfällt, ist eine Nebenwirkung, nicht das Hauptziel. Ein Beispiel: Wenn wir von einem Radiosender mit Musik, die uns nicht sonderlich gefällt, zu einem Sender mit 'besserer' Musik wechseln, würden wir diesen Wechsel nie als einen 'Verzicht' auf die 'weniger angenehme' Musik verstehen.

Das Praktizieren der fünf Freiheiten verwendet keine Energie auf den Verzicht alter Zustände, sondern kümmert sich ausschließlich um die Erfahrung der neuen, angenehmeren Zustände. Der Wegfall alter Verhaltensmuster erfolgt dann automatisch, - ohne unser Zutun.

In diesem expansiven Sinn bedeutet das Praktizieren der fünf Freiheiten eine Ausrichtung auf folgende Lebensinhalte:

  1. Zuneigung zu allen Lebewesen.
  2. Die Erfahrung von Wahrheit. (Klare Wahrnehmung der real wirkenden Weltmechanismen.)
  3. Die Erfahrung der Fülle (Alles, was für die eigene Entwicklung förderlich ist, fließt im Überfluß zu.)
  4. Die Bereitschaft zu wachsen.
  5. Die Erfahrung wahrer Freiheit. (Durch emotionalen Gleichmut Besitz gegenüber fallen die Sorgen weg, die Eigentum oft verursacht. - Dies bedeutet nicht, keinen Besitz zu haben.)

Die vierte Freiheit wird im herkömmlichen Sinne als 'die Einschränkung sexueller Aktivität1 interpretiert. Diese restriktive Interpretation entspricht jedoch nicht der Dynamik, mit der die anderen vier Freiheiten die Expansion des menschlichen Erfahrungs- und Wirkungsbereiches unterstützen.

Das Sanskritwort 'brahma'[1], das diese Freiheit definiert, bedeutet wörtlich: 'Wachstum', 'Evolution' oder 'Expansion'. Es enthält keinen wie auch immer gearteten Bezug zu sexuellen Sinneserfahrungen. [2]

Eine Erklärung, warum gerade die Beschränkung einer bestimmten Sinneserfahrung geistiges Wachstum hervorbringen soll, ließ sich in den Schriften der Jains nicht finden. Die wenigen dogmatischen Aussagen zu diesem Thema entsprechen nicht der Präzision des Jaina Wissens, das normalerweise äußerst detaillierte Erklärungen bietet.

Aus diesen Gründen liegt die Vermutung nahe, daß der Begriff brahma während der 700 bis 800 Jahre, die zwischen dem Lehren Mahavirs (557 bis 527 v.Chr.) und der Niederschrift des Tattvarthasutra (ca. 200 n.Chr.) liegen, einen Bedeutungswandel erfahren hat.

Von seiner ursprünglichen Bedeutung ('Wachstum', 'Expansion') ausgehend läßt sich abrahma als 'die Abneigung zu wachsen' verstehen. Freiheit von dieser Abneigung wäre daher 'die Bereitschaft, Wachstum zu erfahren'. Diese Interpretation entspricht dem auf dynamische Expansion ausgerichteten Wissen der Jains weit mehr, als die Beschränkung des Begriffes nur auf Sexualität.

Selbstverständlich steht es jedem frei, abrahma im herkömmlichen Sinne zu interpretieren. In der modernen Fassung wäre dies 'die Freiheit von dem Zwang, sich ständig (neue) Sexualpartner suchen zu müssen'. Es wird jedoch empfohlen zu prüfen, ob die Umsetzung dieser Interpretation in der Praxis auch die gewünschte Expansion des Bewußtseins hervorbringt.

Doch unabhängig davon, wie dies bewertet wird, ist 'die Bereitschaft zu wachsen' in jedem Fall ein wesentliches Element des Weges zur Befreiung {moksa).

Das erfolgreiche Praktizieren der fünf Freiheiten ist nur möglich, wenn ein elementares Verlangen nach der eigenen Befreiung vorhanden ist. Ohne diese innere Ausrichtung und einer auf moksa gerichteten Dynamik kann der Versuch, die fünf Freiheiten zu praktizieren, zu einer Art selbstquälerischen Entsagung werden, die den Weg zur Befreiung nicht nur behindert, sondern im Endeffekt sogar Widerwillen gegen jede Art 'spiritueller' Aktivität erzeugen kann.

Solange die neuen Lebenseinstellungen nicht als interessanter, angenehmer und umfassender empfunden werden als die alten, wird die eigentliche Dynamik des Weges zur Befreiung und die dabei automatisch eintretende Erweiterung der eigenen Bewußtseins- und Wahrnehmungsfähigkeiten noch nicht erfahren.

Positiv ausgedrückt: Wenn man bei der Umsetzung der neuen Einstellungen dem Leben mehr Freude, Einsichten und Attraktivität abgewinnt, als die alten Einstellungen je bieten konnten, dann wird der Wegfall der alten Verhaltensmuster nicht als Verlust oder Verzicht empfunden, sondern als ein früheres, weniger entwickeltes Vorstadium.

Je intensiver eine grundlegende Änderung oder Erweiterung der augenblicklich bestehenden Lebenssituation gewünscht wird, desto leichter lassen sich die neuen Einstellungen im Leben verankern.

Tiefgehende Enttäuschungen oder Schocks sind oft der auslösende Impuls für eine Suche nach neuen Lebensinhalten. Eine permanente Veränderung der Lebensrichtung läßt sich jedoch nur dann erreichen, wenn man sich bewußt entscheidet, diesem Impuls auch aktiv zu folgen (siehe Kapitel KONTAKT MIT KARMA, Kommentar zu Sutra 12) - die Sehnsucht nach Veränderung allein reicht nicht aus.

Die praktische Erfahrung hat gezeigt, daß eine wesentliche Beschleunigung der inneren Erkenntnisfähigkeit eintritt, wenn ein jiva sich auf vegetarische Ernährung umstellt. Diese Wirkung wird üblicherweise 4 - 6 Wochen nach der Umstellung spürbar.

Fußnoten:
[1]
[2]
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