Jaina in Antwerpen ► 1 ►Einführung ► Methodisches Vorgehen ► Die 10 Gebote der Feldforschung

Verfasst: 08.02.2013

10 Gebote der Feldforschung

  1. Du sollst einigermaßen nach jenen Sitten und Regeln leben, die für die Menschen, bei denen du forschst, wichtig sind. Dies bedeutet Achtung ihrer Rituale und heiligen Zeiten, sowohl in der Kleidung als auch beim Essen und Trinken. - Si vivis Romae Romano vivito more!
  2. Du sollst zur Großzügigkeit und Unvoreingenommenheit fähig sein, um Werte zu erkennen und nach Grundsätzen zu urteilen, die nicht die eigenen sind. Hinderlich ist es, wenn du überall böse und hinterlistige Menschen vermutest.
  3. Du sollst niemals abfällig über deine Gastgeber und jene Leute reden und berichten, mit denen du Bier, Wein, Tee oder sonst etwas getrunken hast.
  4. Du sollst dir ein solides Wissen über die Geschichte und die sozialen Verhältnisse der dich interessierenden Kultur aneignen. Suche daher zunächst deren Friedhöfe, Märkte, Wirtshäuser, Kirchen oder ähnliche Orte auf.
  5. Du sollst dir ein Bild von der Geographie der Plätze und Häuser machen, auf und in denen sich das Leben abspielt, das du erforschen willst. Gehe zu Fuß die betreffende Gegend ab und steige auf einen Kirchturm oder einen Hügel.
  6. Du sollst, um dich von den üblichen Reisenden zu unterscheiden, das Erlebte mir dir forttragen und darüber möglichst ohne Vorurteile berichten. Daher ist es wichtig, ein Forschungstagebuch (neben den anderen Aufzeichnungen) zu führen, in das du dir jeden Tag deine Gedanken, Probleme und Freuden der Forschung, aber auch den Ärger bei dieser einträgst. Dies regt zu ehrlichem Nachdenken über dich selbst und deine Forschung an, aber auch zur Selbstkritik.
  7. Du sollst die Muße zum „ero-epischen (freien) Gespräch" aufbringen. Das heißt, die Menschen dürfen nicht als bloße Datenlieferanten gesehen werden. Mit ihnen ist so zu sprechen, dass sie sich geachtet fühlen. Man muss sich selbst als Mensch einbringen und darf sich nicht aufzwingen. Erst so lassen sich gute Gesprächs- und Beobachtungsprotokolle erstellen.
  8. Du sollst dich bemühen, deine Gesprächspartner einigermaßen einzuschätzen. Sonst kann es sein, dass du hereingelegt oder bewusst belogen wirst.
  9. Du sollst dich nicht als Missionar oder Sozialarbeiter aufspielen. Es steht dir nicht zu, „erzieherisch" auf die vermeintlichen „Wilden" einzuwirken. Du bist kein Richter, sondern lediglich Zeuge!
  10. Du musst eine gute Konstitution haben, um dich am Acker, in stickigen Kneipen, in der Kirche, in noblen Gasthäusern, im Wald, im Stall, auf staubigen Straßen und auch sonst wo wohl zu fühlen. Dazu gehört die Fähigkeit, jederzeit zu essen, zu trinken und zu schlafen.[1]

Mit eigenen Ansichten und Anliegen vorsichtig und einfühlsam umzugehen, solange sie nicht von der Gruppe an die Forscherin/den Forscher herangetragen werden, könnte als 11. Gebot für die Feldforschung hinzugefügt werden.

Die einzige Möglichkeit die gesamte Jaina-Diaspora zu treffen war Paryushan [2], dem wichtigsten Fest im Jaina-Kalender der Svetambara. Zu dieser Gelegenheit trifft sich nahezu die gesamte Gemeinschaft.[3] Dieses achttägige Fastenfest wird jedes Jahr im August/September abgehalten. Im Heimatland ist dies die Regenzeit, in der Nonnen und Mönche nicht auf Wanderschaft gehen. Der letzte und bedeutendste Tag, Samvatsari genannt, fällt in Indien mit dem Ende der Regenzeit zusammen. Da in der Jaina-Diaspora in Antwerpen nur eine Familie den Digambara[4] angehört, wird im Gegensatz zur Jaina-Diaspora in Toronto[5] Dashalaksana Parva[6] in Antwerpen nicht durchgeführt. Das achttägige Fastenfest, welches ich mehrmals und in verschiedenen Jaina-Diasporas[7] mitverfolgt habe, erwies sich in mehrfacher Hinsicht als sehr fruchtbar für die Datengewinnung. Erstens kommen bei diesem Fest Mitglieder aus allen Branchen des Jainismus zusammen. So waren Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Praktiken gut zu beobachten. Dies zeigte sich hauptsächlich bei der Durchführung des Praktikraman, worauf ich im Kapitel zwei näher eingehen werde. Des Weiteren erwies sich das Fest als sehr aufschlussreich bezüglich der genderspezifischen Frage nach Aufgaben- und Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen, so zum Beispiel beim Übernehmen von Aufgaben zur Vorbereitung und während des Festes. Auch das äußere Erscheinungsbild, etwa das Tragen von westlicher und indischer Kleidung, war sehr fruchtbar für die Datengewinnung. Da die Räumlichkeiten fehlten, um ein Fest für ca. 1.200 Personen durchzuführen, wurden zwei große Zelte hinter der Andachtsstätte aufgebaut. Wie sich bereits in anderen Jaina-Diasporas wie etwa in Toronto zeigte, spielt Paryushan in der neuen Heimat oder vorübergehenden Heimat eine große Rolle.„In India this event coincides with the end of the rainy season. Traditionally it is a special time when the monks and nuns preach to us. Of course, that practice is a bit changed here in Canada. We don't have the luxury of the monks' sermons and advice here - their strict ascetic vows will not allow them to travel outside India - but this means that other aspects of the celebration and the gathering together of members of the community are all the more important."[8] Gleiches und Ähnliches war auch in der Diaspora Antwerpens festzustellen. Äußerungen wie „Das ganze Jahr habe ich Heimweh, diese Tage fühle ich mich wie in Indien" hörte ich des Öfteren.

Neben den qualitativen Methoden der Ethnologie kamen auch Elemente der quantitativen Forschung zur Anwendung. die Erhebung demografischer Daten durchgeführt. In einem Brief an alle Familien der Gemeinschaft stellte ich mich mit meinem Forschungsprojekt vor. Diesem Schreiben fügte ich einen Fragebogen bei zur Erhebung demographischer Daten.[9] Mithilfe eines Adressbuches der Migrantengruppe war es möglich, alle 310 Familien zu erreichen.[10] Jedem Fragebogen lag ein frankierter Rückumschlag bei. In den „Hauptstraßen" der Migrantenfamilien, so zum Beispiel in der Belgielei, Quintenmatsijslei, Jules Moretuslei und im Villenviertel von Wilrijk trug ich die Fragebögen selbst aus. Ziel meines Vorgehens war es vor allem, mich damit allen Mitgliedern mit meinem Vorhaben vorzustellen, weniger die Durchführung einer Datenerhebung. Die empirische Datenerhebung wurde angereichert durch die Auswertung der sehr spärlich vorhandenen Sekundärquellen, bestehend aus vereinzelten Berichten in der lokalen Presse. Anhand der vorliegenden Anträge zum Bau der Tempelanlage einschließlich der Protestbriefe der Anwohner konnte ich den gesamten Prozess rekonstruieren.[11]

Die wenigen Zeitungsartikel zu besonderen Ereignissen lieferten dennoch gewinnbringende Daten aus der Zeit vor meiner Forschung. So zum Beispiel berichtet die Gazet van Antwerpen über eine traditionell indische Hochzeit im Jahr 1990, was sich im August 2002 durch eine Doppelhochzeit wiederholte, die ebenfalls in der Nekkarhalle in Mechelen durchgeführt wurde.[12] Ähnlich hilfreich war der Bericht über das schwerste Erdbeben seit 100 Jahren. Es ereignete sich im Januar 2001 im Staat Gujarat und hatte Auswirkungen auf den Verlauf des Tempelbaus[13] in Antwerpen, mit dem im Mai 2001 begonnen wurde.[14] Die Lieferung der Bauteile aus Gujarat verzögerte sich durch das Erdbeben enorm.

Die Errichtung nichtchristlicher Andachtsstätten in Europa ist eine Folgeerscheinung der Migration mit Rückwirkung auf das Land der Vorväter. Architekten, Baufirmen, Bauarbeiter, Steinmetze (um nur einige zu nennen) bekommen durch die Diasporas Aufträge, um in Europa oder Amerika Andachtsstätten in traditionellem Baustil zu errichten. Dies stellt ein eigenes, noch unerforschtes Forschungsfeld innerhalb der Diasporaforschung dar.[15] Wenig bekannt ist die Tatsache, dass die Handwerker eines Jaina-Tempels keine Jaina sind. Aus religiösen und wohl auch aus Gründen der Kastenzugehörigkeit dürfen Jaina diese Arbeiten nicht ausführen. Meist gehören die Arbeiter der Swaminarayan-Bewegung oder einer anderen Hindugemeinschaft an. Jedes Jahr kommt ein Team von 15-20 Männern nach Antwerpen, um für sechs Monate hier zu arbeiten. Bis zum Abschluss meiner Datenerhebung waren es sieben Teams, die an der Konstruktion beteiligt waren.

Folgeerscheinungen der Migration äußern sich auch noch an anderen Stellen. So bilden sich zum Beispiel weltweite Diasporanetzwerke, die mit ihrem Guru in ihrem Heimatland in Verbindung stehen. Durch eine Neubildung von Laien-Guru-Bewegungen ist es diesen auch möglich, die weltweit entstandenen Diasporas und deren Zentren zu besuchen. Untersuchungen zu Netzwerken liegen in der Religionswissenschaft bislang nicht vor. Sie wurden vor allem in der Ethnologie und in der Sozialwissenschaft durchgeführt.[16]

Die Daten für solch ein Guru-Schüler-Netzwerk sammelte ich bei einem Kurzbesuch des Laien-Gurus Rakeshbhai Jhaveri im Jahre 2005 in Antwerpen und im Jahre 2006, als ich ihm auf seiner Europatournee durch Antwerpen, London und Manchester folgte. Die Tournee endete mit einem dreitägigen Meditationscamp in einem Hotel 15 km vor Manchester. Ich nahm zweimal täglich an den Sitzungen teil. Gespräche mit den Gläubigen vor und nach den Sitzungen gaben Einblick in Bedeutung und Funktion des Gurus für seine Schülerinnen und Schüler. Die Teilnahme in allen drei Städten lieferte wertvolles Vergleichsmaterial zum einen zur Guru-Schüler-Beziehung in den Jaina-Gemeinschaften und zum anderen über die Vernetzung der Jaina-Diasporas untereinander. Durch meine langjährige Erfahrung in der Ethnologie wählte ich auch einen ethnologischen Ansatz als Einstieg für dieses in der Religionswissenschaft bisher nicht behandelte Thema. Dies soll anhand einer Grafik dargestellt werden. Diese Vorgehensweise stützt sich auf die Methode von J. A. Barnes, eines der Pioniere der ethnologischen Netzwerkanalyse.

Die Methode dient zur Veranschaulichung des Netzwerkbegriffs. Barnes verwendete diese Methode für das Netz der persönlichen Beziehungen zwischen den Bewohnern der Fischergemeinde Bremnes in Norwegen. Der Autor äußert sich hierzu wie folgt:„I find it convenient to talk of a socialfield of this kind as a network. The image I have is of a set of points some of which are joined by lines. The points of the image are people, or sometimes groups, and the lines indicate which people interact with each other."[17] Die Methode der grafischen Darstellung veranschaulicht meiner Meinung nach nicht nur den Netzwerkbegriff, sie veranschaulicht auch die Beziehungen unter den Akteuren und die zentralen Orte, wo sich die Beziehungen konzentrieren, wo sogenannte Beziehungsverdichtungen anzutreffen sind. Die Anhängerschaft dieses Gurus beschränkt sich in Antwerpen auf etwa 30 Familien, die ihm seit etwa 25 Jahren folgen. Bei diesem Guru handelt es sich um einen Laien-Guru aus der noch sehr jungen Shrimad-Rajchandra-Bewegung[18] Der Guru reist in regelmäßigen Abständen durch Amerika, Europa und Japan, um seine Zentren in den Jaina-Diasporas zu besuchen. Er greift Probleme auf, die durch die Migration und den Kulturaustausch für die Migrantinnen und Migranten entstehen. Selbsterkenntnis, Partnerschaftsprobleme und Generationskonflikte stehen deutlich im Vordergrund. Viele Tempel wurden bereits zu Ehren von Shrimad Rajchandra erbaut.[19] Nur sehr wenige Forschungen zur Shrimad-Rajchandra-Bewegung liegen vor. Eine sehr ausführliche Forschung führte die Autorin Emma Salter im Jahr 2002 durch.

Im Laufe der Zeit fand ich meinen Platz im Tempel der Gemeinschaft. Weniger Kontakt entstand zu den einzelnen Gremien, so zum Beispiel zur Indian Association Antwerp, dem Jain Cultural Center Antwerp und dem Indian Ladies Club Antwerp. Gründe hierfür könnten die sich noch in der Entwicklung befindlichen Organisationsprozesse der einzelnen Gremien sein. Verantwortliche oder sich verantwortlich fühlende Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner waren nur schwer bis gar nicht ausfindig zu machen. Mit der Eröffnung des Tempels voraussichtlich Ende 2008 und dem Heranwachsen der folgenden Generationen sind große Veränderungen zu erwarten. Die Stadt Antwerpen sieht sich bereits mit der Fertigstellung des Tempels um eine touristische Attraktion reicher. Das Kulturzentrum der Jaina bietet ein geeignetes Forum für interreligiösen und interkulturellen Austausch.

Fußnoten:
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[3]
[4]
[5]
[6]
[7]
[8]
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[12]
[13]
[14]
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