Jaina in Antwerpen ► 1 ►Einführung ► Methodisches Vorgehen

Verfasst: 07.02.2013

Dem gesamten Forschungsvorhaben liegt ein empirisch-ethnografischer Ansatz zugrunde.

Die Datenerhebung erstreckte sich über einen Forschungszeitraum von drei Jahren, wobei im ersten Jahr die Vorarbeiten wie Zugang zum Feld, Orientierung im Feld und das Finden von geeigneten Informanten zur Datenerhebung geleistet wurden. Die Datenerhebung selbst erfolgte schwerpunktmäßig im zweiten und dritten Forschungsjahr, von August 2004 bis Oktober 2006. Alle Daten in dieser Arbeit, stammen, wenn nicht anders vermerkt, aus meiner Feldforschung im oben genannten Zeitraum.

Aus der Fremde in die Fremde, so ließe sich meine Situation mit einem Satz umschreiben. Anfangs fasziniert von der indischen Tempelarchitektur in Antwerpen, interessierte ich mich besonders für die zum Tempel gehörende Glaubensgemeinschaft. Nachdem ich den Entschluss gefasst hatte, das Projekt durchzuführen, zog ich im Juli 2004 nach Antwerpen um. Die direkte Nähe zu den Gläubigen war für meine Untersuchung unumgänglich. Es war wichtig, eine gute Vertrauensgrundlage zu schaffen, um überhaupt die Forschung durchführen zu können. Ab Oktober 2005 unterstützte der Schweizerische Nationalfonds erfreulicherweise das Forschungsprojekt für drei Jahre.

Fest entschlossen und mit den Möglichkeiten und Grenzen der qualitativen und quantitativen Methoden der Datenerhebung vertraut, begab ich mich ins Feld. Besonders inspirierte mich Hans-Jürgen Greschats Arbeit zur mündlichen Religionsforschung. Seine Äußerungen zur „Vermenschlichung" sprachen mich dabei besonders an. „Von der Vermenschlichung der Religionswissenschaft habe ich noch nie genug Aufhebens machen können: Es ist Zeit, Menschen neben Sachen zu stellen, mehr noch, die Menschen in den Mittelpunkt zu stellen! Freilich, wie dabei vorzugehen sei, eine praktikable religionswissenschaftliche Methode, sie habe ich nicht entdecken können, weder bei Wilfred Cantell Smith noch bei anderen Religionswissenschaftlern.[1] Wie ich bei der Untersuchung vorging, soll im Anschluss dargestellt werden. Eine ausführlichere Erläuterung der angewandten qualitativen und quantitativen Methoden soll hier jedoch nicht gegeben werden. Hierzu sei auf bereits vorhandene Literatur verwiesen[2].

Nachdem ich die Andachtsstätte der Jaina entdeckt und besucht hatte, waren viele Fragen offen. So zum Beispiel: Wie komme ich mit den Menschen in Kontakt? Welche Form der Kontaktaufnahme ist die Beste? Mit viel Geduld und Einfühlungsvermögen ist es mir gelungen, alle Anfangsschwierigkeiten zu überwinden, um mehr als drei Jahre in sehr engem Kontakt mit den Jaina in Antwerpen zu leben. Nahezu alle Daten beruhen auf eigenen Beobachtungen, meinen Erfahrungen im Feld, den häufigen Besuchen bei den Familien zu Hause und auf Gesprächen mit den Gläubigen bei Festen oder bei einem meiner täglichen Tempelbesuche. Wohlvertraut mit den Vorteilen und Grenzen der teilnehmenden Beobachtung als Forschungsmethode[3], machte ich schwerpunktmäßig Gebrauch von dieser Vorgehensweise. Ort der teilnehmenden Beobachtung war anfangs die Andachtsstätte bei der morgendlichen Puja. Jeden Morgen um sieben Uhr versammelt sich eine Gruppe von Gläubigen, meist sind es acht bis zwölf Männer, um die Andacht durchzuführen.[4] Dabei veränderte sich meine Position im Laufe der Zeit. Aus der teilnehmenden Beobachtung wurde die aktive Teilnahme. Das Spektrum reichte vom Glockenschlagen während der Puja im richtigen Moment über die Vorbereitungsarbeiten bis hin zum Durchführen der Puja. Diese Situation zeigte sich als sehr gewinnbringend für die erste Kontaktaufnahme mit den Gläubigen. Während der Vorbereitungsarbeiten bestand oft die Möglichkeit, Fragen bezüglich des Rituals zu stellen. So zum Beispiel zu Gegenständen, die benutzt werden, und auch zum Ablauf und zur Bedeutung des Rituals.[5] Daraus entwickelten sich mit der Zeit persönliche Kontakte, aus denen private Treffen entstanden.

Die Gespräche, welche meist in englischer und eher selten in niederländischer Sprache geführt wurden, reichte von zufälligen Gesprächen am Tempel bis hin zu Besuchen in den Privatwohnungen der Jaina. Bewusst habe ich auf in dieser Forschung auf strukturierte Interviews und auf technische Hilfsmittel wie Diktafon oder andere Aufnahmegeräte verzichtet, um die Gesprächspartner nicht zu verunsichern oder abzuschrecken. Während der Gespräche habe ich so weit wie möglich auf Notizen verzichtet und nur dann Aufzeichnungen gemacht, wenn es um Angaben von Daten und um Fachausdrücke aus dem Jainismus und der Kultur in Gujarat ging.[6] Unmittelbar im Anschluss daran schrieb ich für die Forschung wichtige Informationen in mein Feldtagebuch. Des Weiteren führte ich ein Arbeitstagebuch über besondere Vorkommnisse im Feld, aber auch über meine eigenen Gefühle und Gedanken.[7] Diese Vorgehensweise war nötig, um langsam Vertrauen mit den Informantinnen und Informanten aufzubauen und eigene Befindlichkeiten und Veränderungen zu dokumentieren (s. u., 6. Feldforschungsgebot nach Girtler). Schließlich war ich die erste Person von außen, die sich für die Gemeinschaft und ihr religiöses Leben interessierte. Da es im Jainismus keine Priester gibt, wie zum Beispiel in der römisch-katholischen Kirche oder in den Hindu-Traditionen, war es schwer, einen Ansprechpartner oder eine Ansprechpartnerin zu finden. Die Suche nach geeigneten Informantinnen und Informanten glich oft der sprichwörtlichen Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen. Die teilnehmende Beobachtung weitete sich mit der Zeit vom Tempel auf den privaten Bereich der Jaina aus. Weil eine größere Andachtsstätte fehlte, fanden zur Zeit der Datenerhebungen viele Rituale in Privatwohnungen statt. So zum Beispiel das zweimal wöchentlich stattfindende Samayika[8], das gelegentlich oder zu bestimmten Anlässen durchgeführte Pratikraman[9], der zweimal wöchentlich stattfindende Satsang der Shrimad-Rajchandra-Bewegung und deren morgendlicher Bhakti-Satsang jeden Samstag, um nur einige zu nennen.[10] Über lange Zeit nahm ich regelmäßig an allen Treffen teil. Sprachbarrieren (die Sakralsprache der Jaina ist Gujarati) konnten durch das Lesen von englischen Übersetzungen überwunden werden. Unklarheiten und Fragen waren oft Anknüpfungspunkte für weitere Gespräche. Außerdem ging es nicht schwerpunktmäßig darum, den Inhalt der Texte zu analysieren - vielmehr lag das Hauptaugenmerk auf religiösen Fragen. Dennoch lernte ich kontinuierlich Gujarati im Selbststudium. Ich konzentrierte mich dabei vor allem auf das Erlernen der Fachausdrücke im Jainismus. Im Laufe der Zeit konnte ich dem Inhalt einfacher Gespräche der Gläubigen folgen und Ankündigungen von Veranstaltungen lesen und verstehen.

Als sehr geeignet erwies sich bei dieser Forschung die Anwendung des „ero-epischen Gesprächs"[11] nach Girtler in seinem Werk 10 Gebote zur Feldforschung. Girtler schreibt zum „ero-epischen Gespräch: „Mittels teilnehmender Beobachtung und des so genannten ero-epischen Gesprächs ist es möglich, die unterschiedlichsten Lebenswelten unserer Zeit zu erforschen."[12] Bei dieser Gesprächsform bringen sich beide Gesprächspartner gleichermaßen in das Gespräch ein und befinden sich auf gleicher Ebene. Dies erwies sich bei dieser Forschung als die treffendste Methode, um Misstrauen bei den Informantinnen und Informanten abzubauen und in einen gewissen Gesprächsfluss zu kommen. Die Informantinnen und Informanten hatten so die Gelegenheit, etwas über meine Lebens- und Denkweise zu erfahren. Ich ließ mich auch ganz bewusst von ihnen beobachten und befragen, um so die Vertrauensbasis aufzubauen. Die vegetarische Ernährung im Speziellen und die Ernährung im Allgemeinen nehmen im Jainismus eine sehr zentrale Rolle ein.[13] Da auch in meinem Leben die vegetarische und mehr noch die vegane Ernährung aus ethischen Gründen eine große Bedeutung hat, entstand hier zum einen eine gemeinsame Ebene, zum anderen war ein Diskussionspunkt bezüglich veganer Ernährung vorhanden, was auch von den Jaina innerhalb der Diasporas kontrovers diskutiert wird.[14] Diskussionspunkt ist hierbei vor allem, ob Milch und Milchprodukte überhaupt als vegetarische Produkte bezeichnet werden können. Des Weiteren spielt die angewandte Gewalt bei der heute technisierten Milchgewinnung eine große Rolle. Auch bei religiösen Ritualen wie der Puja und dem Aarti taucht dieser Diskussionspunkt vermehrt auf. Beim Aarti[15] wird zum Beispiel in Ghee[16] getränkte Watte verwendet. Ein interner Diskurs entstand vor allem in den Jaina-Diasporas in Amerika, so Pravin Shah.[17] Dort wird angestrebt, Ghee durch Öl zu ersetzen. Im Tempel in Antwerpen stand dies während dieser Untersuchung nicht zur Diskussion. Dieses Thema ist nach meiner Meinung ein hervorragendes Beispiel aus der Praxis für Nähe und Distanz von Forscher und Beforschten. Obwohl ich es selbst befürwortet hätte, Ghee durch Öl zu ersetzen, und diesen Veränderungsprozess gerne gesehen hätte, habe ich mich dazu nicht geäußert, weil ich beobachtete und fühlte, dass es bei den Gläubigen nicht zur Diskussion stand. In diesem Zusammenhang möchte ich die 10 Gebote der Feldforschung von Roland Girtler vorstellen, an die ich mich während meiner Feldforschung des Öfteren erinnert habe.

Fußnoten:
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[2]
[3]
[4]
[5]
[6]
[7]
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[9]
[10]
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