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Verfasst: 24.02.2013

Ashta Prakari Puja

Zuerst erfolgt eine kurze allgemeine Einführung zum Ablauf der Ashta Prakari Puja. Im Anschluss daran folgt eine Beschreibung dieser Verehrung, wie sie im Jaina-Tempel in Antwerpen praktiziert wird. Die Ashta Prakari Puja umfasst mehrere Teile, wobei jeder Teil eine Puja für sich darstellt.

Das Ritual umfasst folgende drei Hauptteile:

a) Anga Puja: an den Statuen
b) Agra Puja: vor den Statuen
c) Bhav Puja: vor den Statuen

Zu a):

Die Anga Puja findet an der Statue statt und umfasst folgende Teile:

 

  • Jal Puja:
    Die Statuen werden mit Milch und anschließend mit Wasser übergossen.

  • Chandan Puja:
    Paste aus Sandelholz wird an bestimmten Stellen der Statue aufgetragen.

  • Pushpa Puja:
    Die Statuen werden mit Blumen geschmückt.

Zu b):

Die Agra Puja findet vor dem Garbha Griha statt und beinhaltet folgende Abläufe:

 

  • Dhoop Puja:
    Vor dem Allerheiligsten wird ein Räucherstäbchen im Uhrzeigersinn bewegt.

  • Deepak Puja:
    Diese Puja beinhaltet das Drehen einer brennenden Kerze im Uhrzeigersinn.

  • Nivedhya Puja:
    Süßigkeiten und Zucker werden geopfert.

  • Fal Puja:
    Der letzte Abschnitt der Agra Puja, wobei hier Früchte und Mandeln geopfert werden.

  • Darpan Puja:
    Wird mit einem kleinen Spiegel und einem passenden Fächer ausgeführt. Der Verehrer hält dabei den Spiegel an die Herzgegend, und zwar so, dass sich die Statuen darin spiegeln. Mit dem Fächer werden kleine kreisförmige Bewegungen ausgeführt.

  • Chamar Puja:
    Wie der Name schon vermuten lässt, wird diese Puja mit einem sogenannten Chamar, was als Wedel beschrieben werden kann, durchgeführt. Er besteht aus einem langen silbernen Griff und einer großen Quaste, die aus Kamelhaaren hergestellt wird. Die Verehrerinnen und Verehrer schwingen den Chamar vor dem Allerheiligsten von rechts nach links und in entgegengesetzter Richtung, dabei bewegen viele ihren gesamten Körper mit nahezu tänzerischen Bewegungen.[1]

Zu c)

Die Bhav Puja findet wie die Agra Puja vor dem Allerheiligsten statt, aber ohne Hilfe materieller Gegenstände. Die Bhav Puja umfasst Mantras, Gesänge und stille Meditation. Diese Mantras und Gesänge werden in verschiedenen Positionen, stehend oder kniend, durchgeführt. Kurze Phasen von absoluter Bewegungslosigkeit und Stille unterbrechen den Ablauf der Rezitationen. Abgeschlossen wird die Puja mit einer kleinen Gabe von Reis, die jeder Gläubige in der rechten Hand hält, um sie zum Schluss auf das Reismandala zu streuen.

Täglich um sieben Uhr morgens, an Wochenenden und nationalen Feiertagen eine Stunde später, findet sich eine kleine Gruppe Gläubige, meist Männer, am Tempel ein, um die Ashta Prakari Puja durchzuführen. Dies sind alles Laien – Priester gibt es im Jainismus nicht –, deren Routine es ist, sich jeden Morgen im Tempel einzufinden. Es besteht ein fester Kern von vier, fünf Personen, andere kommen sporadisch dazu. Die Männer und Frauen tragen zur Durchführung dieses Rituals indische Kleidung.

Nachdem der Boden im Tempel gefegt wurde, beginnen die Vorbereitungen. Für die Arbeiten an den Statuen binden sich die Gläubigen ein Tuch vor den Mund, welches auf eine vorgeschriebene Art und Weise gefaltet wird. Dies ist ein Ausdruck der Gewaltlosigkeit, Ahimsa. Das Tuch wird auch beim Herstellen von Sandelholzpaste getragen. Zwei Personen widmen sich währenddessen dem Reinigen der Statuen. Schmuck und Blumen werden entfernt. Während der Schmuck zur Wiederverwendung gereinigt wird, entsorgt man die Blumen an einen bestimmten Platz außerhalb des Tempels. Inzwischen beginnen zwei weitere Personen mit dem Herstellen von Sandelholzpaste. Andere tragen in einem großen Gefäß Wasser in den Tempelraum, dazu vier kleine Kännchen, Kalash genannt, wovon zwei mit Wasser und zwei mit Milch gefüllt werden. Sind die Vorbereitungsarbeiten abgeschlossen und wurde die Sauberkeit der Statuen von mehreren Personen überprüft, beginnen die Gläubigen mit dem Ritual. Dazu werden zwei Personen ausgewählt, um die Puja durch Begießen der Statuen und des Siddha Chakras zu eröffnen. Im Anschluss an die Eröffnung folgen alle anderen Anwesenden im Tempel, um die Jal Puja durchzuführen. Das Gleiche geschieht anschließend mit Wasser. Wasser und Milch werden in einer silbernen Schüssel aufgefangen und stehen bis zur Schließung des Tempels im Vorraum. Die Gläubigen betupfen Augen, Hals- und Nabelgegend mit dieser Flüssigkeit. Nachdem alle Anwesenden die Puja mit Wasser durchgeführt haben, werden die Statuen und das Rad der Perfektion unter dem Läuten der Glocke von ihrem Platz geholt. Drei Personen setzen sich vor den niedrigen Tisch auf den Boden, um die Statuen nochmals zu säubern und zu trocknen. Dies geschieht mit drei verschiedenen weißen Baumwolltüchern, Angaloonchana genannt. Das Trocknen der Statuen wird in einer festgelegten Reihenfolge durchgeführt. Begonnen wird an der Hauptstatue, Parshvanat. Hält der Gläubige den ersten Durchgang für beendet, reicht er das gebrauchte Tuch weiter an den rechts von ihm Sitzenden. Dieser Vorgang wird dreimal wiederholt und kann unterschiedlich lang, manchmal sehr lange, dauern. In dieser Zeit beten die meisten Anwesenden in Stille oder meditieren. Manchmal wird diese Stille unterbrochen durch das Singen eines oder mehrerer Gläubiger oder vom Kommen und Gehen von Besuchern, die sich nur kurz vor den Statuen verneigen und den Tempel wieder verlassen. Kinder, die vor der Schule von ihren Eltern gebracht werden, sind ebenso zu beobachten.

Die Statuen werden auf das Allerheiligste zurückgestellt und die Puja mit Sandelholzpaste kann beginnen. Die Puja wird von zwei Personen eröffnet, während die Gruppe die Eröffnung mit Gesang, Sutra, begleitet. Die Sandelholzpaste wird an neun vorgeschriebenen Stellen der Statuen aufgetragen und neunmal auf dem Rad der Perfektion. Das nennt man Nav Angi Puja – nav bedeutet neun.

Diese Puja wird an der Statue wie folgt ausgeführt:

      Die Zehen (1,2)
      Das Auftragen der Sandelholzpaste an den Zehen erfolgt an beiden Füßen des Tirthankaras, wobei am linken Fuß begonnen wird.
    1. Die Knie (3,4)
      An beiden Knien, wobei hier zuerst das rechte Knie berührt wird.
    2. Die Unterarme (5,6)
      Beide Unterarme, rechts beginnen.
    3. Die Schultern (7,8)
      Beide Schultern, rechts beginnen.
    4. Das Haupt (9)
    5. Die Stirn (10)
    6. Die Kehle (11)
    7. Das Herz (12)
    8. Der Nabel (13)

     

Die Sandelholzpaste wird mit dem Ringfinger der rechten Hand aufgetragen. Beim Berühren der Nabelgegend wird die Handinnenfläche nach oben gedreht. Die Statue soll nicht mit dem Nagel berührt werden. Die Puja im Jainismus ist nicht nur ein äußerer Akt der Verehrung, vielmehr findet sie im Innern der Gläubigen statt und sollte von entsprechenden Gedanken begleitet werden.

„Bei der Jain-Puja wird nicht nach weltlichen Dingen gefragt. Vielmehr wird die asketische Lebensweise der Tirthankara verehrt. Die Gläubigen würdigen die Taten der Tirthankara und streben diesem Vorbild nach. Das Berühren der großen Zehe soll an die großen Strecken erinnern, die sie zurückgelegt haben, um zu den Menschen zu sprechen und ihnen den richtigen Weg zu zeigen. Beim Berühren beider Knie gedenkt der Gläubige an die lange Zeit, die sie bewegungslos in Meditation verbrachten. Beim Berühren der Schultern denken wir an die Bescheidenheit der Tirthankara, die auf ihre großen Taten nie stolz waren. Beim Berühren des Kopfes erinnern wir uns an die Fürsorge der Tirthankara gegenüber allen Lebewesen. Das Berühren der Stirn versprichtgroßes Glück. Wir erinnern uns an ihre sanfte Stimme, während wir die Kehle berühren. Bhagwans Herz war voller Mitgefühl und Gnade für andere. Dem gedenken wir beim Berühren der Herzgegend. Beim Berühren des Nabels denken wir an die hohe Konzentrationsfähigkeit der Tirthankara während der Meditation.“[2]

Je nach Anzahl der Teilnehmer dauert dieser Abschnitt der Ashta Prakari Puja unterschiedlich lang. Bei sehr vielen Teilnehmern wird das Schmücken mit Blumen und das Aufsetzen der Krone beim Hauptidol, Moolnayak genannt, einfach zwischendurch ausgeführt. Die anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer führen im Anschluss daran die Puja mit Sandelholz durch. Danach wird ein Räucherstäbchen und anschließend ein Kelch mit einer darin brennenden „Kerze“ in Uhrzeigersinn vor dem Allerheiligsten gedreht. Es handelte sich im Kelch nicht um eine aus Wachs hergestellte Kerze. Vielmehr wird hier Butterschmalz verwendet– in Englisch Ghee, in Hindi Ghi.[3] Der Kelch wird an alle Anwesenden weitergereicht, jedoch genügt es auch, nur die Halterung des Räucherstäbchens oder das Tablett, auf dem der Kelch steht, Thali genannt, zu berühren. Bei sehr hoher Besucherzahl, und dies ist bei einer Fläche von ca. 12 m² sehr schnell der Fall, reicht es auch aus, die Person, welche gerade den Gegenstand berührt, zu berühren – immer unter strenger Berücksichtigung der Geschlechter. Männer können Männer berühren und Frauen Frauen. Unter Familienmitgliedern besteht diese Trennung nicht.

Unterdessen wird das Holztischchen bereitgestellt, um darauf das Mandala aus Reis zu legen. Die folgende Zeichnung soll das Mandala und dessen Bedeutung veranschaulichen:

Die Standardform des Mandalas, geformt aus Reiskörnern, ist das Sonnenrad, Swastika genannt. Das Swastika symbolisiert im Jainismus die vier Möglichkeiten der Wiedergeburt. Die Wiedergeburt der Seele kann in vier Stadien erfolgen. Das Feld links oben im Sonnenrad symbolisiert den Bereich der als Mensch geborenen Wesen, der Bereich rechts oben den der als Himmelwesen geborenen, darunter befindet sich der Bereich der als Höllenwesen geborenen und links daneben der Bereich für Wesen, die als Tier wiedergeboren wurden.[4]

Über dem Swastika sind die drei sogenannten Juwelen des Jainismus (in der Grafik als Punkte dargestellt): richtiger Glaube, richtige Kenntnisse, richtiges Verhalten. Das Symbol für richtigen Glauben, ganz links, wird oft als Tempel dargestellt, das Symbol in der Mitte für richtige Kenntnisse als ein Lesepult und das Symbol für richtiges Verhalten, ganz rechts, durch einen Pfad. Darüber formen die Gläubigen eine Sichel aus Reis und mit geringem Abstand darunter eine schmale Linie, Siddhashala genannt, ebenfalls aus Reis. Der Punkt über der Sichel symbolisiert die befreiten Seelen, die nicht wiedergeboren werden.

Im Anschluss daran werden Süßigkeiten dargebracht. Bei den Süßigkeiten handelt es sich um hausgemachtes indisches Konfekt, Nivedya, für dessen Herstellung reichlich Ghee verwendet wird. Das Konfekt, als Alternative auch weißer Kandiszucker, wird auf dem Swastika niedergelegt. Die Früchte und Mandeln werden auf die Siddhashala gelegt. Münzen legt man auf die drei Symbole zwischen Swastika und Siddhashala nieder.

Im Anschluss daran werden der Wedel, Chamar, und der kleine Spiegel mit dem dazugehörigen Fächer, Darpan und Panko, an alle Anwesenden gegeben. Inzwischen werden die Lichter für Aarti und Mangal Divo mit einem brennenden Räucherstäbchen angezündet. Aarti und Mangal Divo werden später in diesem Kapitel in einem eigenen Abschnitt beschrieben. Die morgendliche Ashta Prakari Puja wird stets mit Mantras in verschiedenen Stellungen und einem Lied, das kniend vor dem Allerheiligsten gesungen wird, abgeschlossen. Dieses tägliche Ritual dauert, je nach Anzahl der Anwesenden, ein bis eineinhalb Stunden.

Die Anzahl der Teilnehmer steht deutlich im Zusammenhang mit dem Jahresfesttags- und Ferienkalender, der sich in eine Haupt- und eine Nebensaison einteilen lässt. So zählen zur Hauptsaison die Zeit während Paryushan, dem achttägigen Fastenfest, Divali, und Neujahr für fünf bis sechs Tage und zweimal im Jahr zu Aaso Oli. Als Nebensaison gelten vor allem die örtlichen Sommerferien von Ende Juni bis Ende August und die Weihnachts- und (westliche) Neujahrszeit. Im Dezember und Januar ist Hochsaison für Hochzeiten in Indien und viele der Jaina fliegen in dieser Zeit nach Hause. Mit dem Abschluss des morgendlichen Gruppenrituals ist die Puja keineswegs beendet. Bis 11.30 Uhr an Werktagen und bis 13.00 Uhr an Sonn- und Feiertagen haben die Gläubigen die Gelegenheit zu einem Tempelbesuch, um ihre Puja durchzuführen. Später am Vormittag kommen hauptsächlich Frauen zur Puja.

 

Fußnoten:
[1]
[2]
[3]
[4]
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