Das Gespür für Wachstum ► Text der Sutren (Kapitel 1 des Tattvarthasutra)

Verfasst: 05.08.2014

(1) Das intuitive Gespür, wie wir unser Bewußtsein optimal entfalten (samyag darshana)

  • Wissen, das uns diese Bewußtseinsentfaltung erkennen und verstehen läßt (samyag jnana)
    und
  • die Umsetzung dieser Erkenntnisse in Handlung (samyag charitra)
    sind der Weg zur Freiheit.

(2) Vertrauen in den Sinn der Realität ist der Ursprung unseres Gespürs für Wachstum.

(3)  Vertrauen in den Sinn der Realität und das Gespür für Wachstum (samyag darshana) entstehen

  • durch Intuition (nisarga)
    oder
  • durch Aneignen speziellen Wissens (adhigama).

(4) Der individuelle Lebensimpuls - 'das, was lebt in einem Lebewesen' - (jiva)

  • die Elemente ohne Lebensimpuls (ajiva)
  • der Mechanismus, durch den wir Karma anziehen (ashrava)
  • das Binden karmischer Materie in unser Bewußtsein (bandha)
  • das Stoppen des Prozesses, der karmische Materie an uns bindet (samvara)
  • das Auflösen unserer Bindung an karmische Materie (nirjara) und
  • Freiheit von allen Einflüssen, die unsere ureigenen Eigenschaften und Fähigkeiten einschränken (moksa)

sind die Gesamtheit der Realität.

(5)  Wir erfahren die Realität (Bewußtsein, Materie, Karma, etc.) auf vier Ebenen:

  • auf der Ebene der Namen - in der wir zur Kommunikation und für soziale Mechanismen ausschließlich Namen und Begriffe verwenden (nama)
  • auf der Ebene der Selektion - in der wir unsere persönliche Wirklichkeit aus dem pausenlosen Ansturm innerer und äußerer Reize herausfiltern (sthapana)
  • auf der Ebene aller potentiell möglichen Eigenschaften der Elemente - die die Grundlage für eine identische Wahrnehmung der Realität durch verschiedene Menschen bildet (dravya)
    und
  • auf der Ebene der Tatsachen - in der sich einzelne Eigenschaften der Elemente (oder deren Kombinationen) auf unsere aktuelle Gegenwart auswirken (bhava).


(6)  Wir erhalten Einblick in die Realität entweder durch

  • Totales Erfassen (pramana) - bei dem wir Erscheinungsformen der Elemente (deren Form, Eigenschaften und Interaktionen) in der Gegenwart als Ganzes wahrnehmen, oder durch
  • Teilsichten (naya) - bei denen wir Erscheinungsformen der Elemente von einer begrenzten Perspektive aus betrachten.

(7)  Wir entwickeln Totales Erfassen - pramana - indem wir

  • unsere Aufmerksamkeit auf diese spezielle Fähigkeit unseres Bewußtseins richten (nirdesha)
  • die dadurch gewonnenen Erkenntnisse als unsere eigenen erkennen und akzeptieren (svamitva)
  • uns über seine Funktionsweise und Eigenschaften klar werden (sadhana)
  • feststellen, wodurch es hervorgerufen wurde (adhikarana)
  • bewußt die Dauer dieser Erfahrung verlängern (sthiti)
  • Totalem Erfassen erlauben, unser Leben zu beeinflussen (vidhana).


(8)  Totales Erfassen - pramana - erkennt

  • die Existenz (sat)
  • die Merkmale, Eigenschaften und Funktionsweisen (sankhya)
  • den Ort des Auftretens (kshetra)
  • die unmittelbare Sinneserfahrung (sparshana)
  • Zeitpunkt und Dauer des Auftretens (kala)
  • den inneren Sinn und die Aufgaben (antara)
  • die augenblicklich aktiven Eigenschaften (bhava)
  • die Menge und Proportionen (alpa-bahutva)

aller sechs Elemente und deren Erscheinungsformen.

(9)  Fünf Kanäle geben uns Zugang zu Wissen (jnana):

(10)   Alle fünf Kanäle nehmen Wissen durch Totales Erfassen - pramana - auf.

(11)   Die ersten beiden Kanäle geben uns indirekten Zugang zu Wissen.

(12)   Die anderen drei Kanäle geben uns direkten Zugang zu Wissen.

(13)

  • Erinnerung (an etwas, das wir kennen, das aber im Augenblick nicht mit unseren Sinnen in Kontakt ist) (smrtih)
  • Erinnerung (an etwas, das wir kennen, wenn das gleiche oder ein ähnliches Objekt den Sinnen präsentiert wird)(sanjna)
  • Folgerung aufgrund von Beobachtung (Induktion)(chinta)
  • Folgerung aufgrund von Überlegung (Deduktion) (abhinibodha)

sind ebenfalls Wissen, das durch die Sinne entsteht (mati).

(14)   Sinneswissen (mati) entsteht durch unsere Sinne und den Geist.

(15)   Sinneswissen entsteht in vier Schritten:

  1. Bemerken (avagraha)
  2. Bilden einer ersten Vorstellung über das Wahr­genommene (iha)
  3. Bewerten der Wahrnehmung (avaya)
  4. Konsolidieren, Einordnen und Speichern der Wahrnehmung in unserem Gedächtnis (dharana).

(16)   Sinneswissen erkennt zwölf grundlegende Eigenschaften der wahrgenommenen Objekte und Ereignisse:

1 - viele (bahu)
2 - wenig (eine Mengeneinheit) (eka)
3 - viele Arten (bahuvidha)
4 - wenig Arten (eine Art) (ekavidha)
5 - schnell (ksipra)
6 - langsam (aksipra)
7 - unvollständig (anihsrita)
8 - vollständig (nihsrita)
9 - nur indirekt zu erkennen (anukta)
10 - sofort zu erkennen (ukta)
11 - stetig, permanent (dhruva)
12 - flüchtig (adhruva).

(17)   Sinneswissen (mati) erkennt nicht nur die äußeren (sichtbaren) Eigenschaften eines Elementes, sondern auch dessen gesamten Inhalt, Sinn und Aufgabe.

(18)   Im ersten Schritt der Sinneswahrnehmung - dem 'Bemerken' (avagraha) - nehmen wir Objekte und Abläufe undeutlich wahr.

(19)   Undeutliche Wahrnehmung entsteht nicht durch die Augen oder den Geist.

(20)   Alles externe Wissen (sruti) nehmen wir zuerst mit unseren Sinnen wahr.

Es gibt zwei Arten von Schriften. Die erste Art hat zwölf und die zweite Art viele Unterteilungen.

(21)   Den Bewohnern höherer und niederer Regionen ist außersinnliche Wahrnehmung (avadhi) angeboren.

(22)   Menschen und Tiere erfahren - nach Auflösung entsprechender Karmas - sechs Arten außersinnlicher Wahrnehmung (avadhi).

(23)   Direktes Wahrnehmen des Bewußtseins anderer (manah-paryaya) tritt in zwei Intensitäten auf, in

  • einfacher Form (rjumati) und
  • als tiefer, umfassender Einblick (vipulamati).

(24)   Die zwei Intensitäten direkter mentaler Wahrnehmung (manah-paryaya) unterscheiden sich voneinander durch den Grad ihrer Klarheit und durch die Möglichkeit, diese Fähigkeit wieder verlieren zu können.

(25)   Direktes Wahrnehmen des Bewußtseins anderer (manah-paryaya) unterscheidet sich von außersinnlicher Wahrnehmung (Hellsicht und Telepathie) (avadhi) durch

  • seine Klarheit
  • die räumliche Ausdehnung des Bereiches, den wir dadurch erkennen
  • die Entwicklungsstufe des Wahrnehmenden und
  • die Objekte, die wir dadurch erfassen.

(26)   Unsere Sinne und externes Wissen erfassen alle sechs Elemente (Lebewesen, Materie, Zeit etc.), aber nicht all deren Erscheinungsformen.
(27)   Außersinnliche Wahrnehmung (avadhi) erfaßt alles, was Form hat, aber nicht all dessen Erscheinungsformen.
(28)   Direkte mentale Wahrnehmung (manah-paryaya) gibt uns Zugang zu weit feineren Bereichen als außersinnliche Wahrnehmung (avadhi).
(29)   Allwissenheit (kevala jnana) umfaßt alle Elemente und all deren Erscheinungsformen gleichzeitig. (29)
(30)   Es können ein bis vier Wahrnehmungskanäle gleichzeitig aktiv sein.
(31)

 

  • Sinneswahrnehmung (mati)
  • Informationen aus externen Quellen (sruti) und
  • außersinnliche Wahrnehmung (avadhi)

können wir auch fehlerhafte Erkenntnisse vermitteln.

(32)   Ein im Irrtum Befangener hält Vorstellung und Wirklichkeit nicht auseinander. Wie ein Geisteskranker ordnet er Dingen und Ereignissen Bedeutungen zu, die seinen ständig schwankenden Stimmungen unterworfen sind.

(33)   Erkenntnisse aus Teilsichten (naya) entstehen in 7 Schritten:

1 - Umreißen einer unklaren Erfahrung (naigama)
2 - Erkennen des zusammenhängenden Ganzen (sangraha)
3 - Identifizieren der Funk­tions­ele­men­te (vyavahara)
4 - Erkennen, was sich (davon) in unserer Gegenwart manifestiert (rju sutra)
5 - Vertiefen dieser Erkenntnis durch verbale Beschreibung (sabda)
6 - Verdichten der bewußten Erkenntnis zu einem klaren Bild (samabhirudha)
7 - Integrieren der klaren Erkenntnis in unser Bewußtsein (evambhuta).

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