Das Gespür für Wachstum ► Praxis ► 14 Entwicklungsstufen

Verfasst: 06.08.2014

Das Tattvarthasutra beschreibt 14 Bewußtseinsebenen (gunasthanas), die die Menschen auf ihrem Weg zur Freiheit von allen karmischen Beschränkungen erfahren. Jede der Ebenen ist charakterisiert durch die Art des sich darin manifestierenden Karmas (d.h. durch Inhalt und Intensität unserer Emotionen und die Handlungsmuster, die wir als Resultat dessen erleben), durch die Zeit, die wir uns darin aufhalten, durch die Richtung, in der wir eine Ebene durchschreiten und den Bereich, in dem unsere persönlichen Entwicklung stimuliert wird. Aufgrund dieser verschiedenartigen Faktoren unterscheiden sich die Ebenen deutlich in Lebensgefühl und Inhalt voneinander.

Unser Bewußtsein läßt sich mit einem vielstöckigen Palast vergleichen. Je höher das Stockwerk in dem wir uns aufhalten, desto mehr sehen wir von der Landschaft, die uns umgibt. Auf dem Dach erfassen wir das gesamte Panorama und haben auch ungehinderten Zugang zum Sternenhimmel. In der augenblicklichen Situation der Welt halten sich fast alle Bewohner dieses Palastes nur in dessen Keller auf, der keine Fenster nach außen bietet. Wir haben jedoch alle die Fähigkeit, jederzeit in jedes beliebige Stockwerk zu wechseln. Der Hauptgrund für unsere gegenwärtige Beschränkung auf den Keller ist, daß wir nicht einmal wissen, daß höhere Stockwerke überhaupt existieren.

Die Beschreibung der gunasthanas gibt uns daher die Möglichkeit, unsere augenblicklich aktive Entwicklungsstufe zu bestimmen. Sobald wir die darin wirkenden Mechanismen kennen, können wir leichter diejenigen Lebensthemen abschließen (die Karmas auflösen), die unsere aktuelle Ebene einschränken. Wir vermeiden es dadurch, Zeit und Energie auf Aktivitäten zu verschwenden, die erst auf höheren Ebenen erfolgreich sein können.

Weit interessanter ist jedoch die Tatsache, daß wir oft kurze Einblicke in 'höhere' Bewußtseinszustände erleben - unabhängig von der Ebene, in der wir uns gerade aufhalten. Obwohl diese Einblicke anfangs sehr flüchtig sind, geben sie uns doch einen Vorgeschmack, wie sich höhere Ebenen anfühlen. So kurz diese Einblicke auch sein mögen, sie beweisen in bestechender Unmittelbarkeit, daß wir fähig sind, höhere Bewußtseinszustände zu erfahren. Sie zeigen uns, daß uns höhere Ebenen unseres Bewußtseins definitiv zugänglich sind und daß wir - wenn wir nur unsere Aufmerksamkeit und Energie in eine etwas andere Richtung lenken - sie jetzt stabilisieren und zu einer permanenten Basis unseres Lebens verbreitern können.

Sobald wir mit den Merkmalen und Mechanismen der einzelnen gunasthanas vertraut sind, können wir zudem leichter feststellen, welche Ebenen sich uns eröffnen, wenn wir Einblicke in höhere Bewußtseinszustände erfahren.

Im Gegensatz zu anderen Systemen der Bewußtseinsentwicklung müssen wir die 14 Entwicklungsstufen nicht eine nach der anderen 'erklimmen'. Wir brauchen nicht erst eine Ebene 'abzuschließen', bevor wir die nächsthöhere erfahren können. Das Tattvarthasutra beschreibt eine vielschichtige, verflochtene Struktur, in der das dynamische Überspringen mehrerer Stufen - nach oben wie nach unten - einen wesentlichen Teil unserer Entwicklung bildet. Die Einblicke, die wir durch dieses Überspringen gewinnen, sind ein immenser Ansporn, die Themen der unteren Ebenen grundlegend zu Ende zu führen und uns höhere, weit faszinierendere Entwicklungsstufen zu erschließen.

Wir sollten höhere Stufen jedoch nicht prinzipiell als 'besser' ansehen als die darunterliegenden. Im Endeffekt führt nur die Erfahrung aller Entwicklungsstufen während unserer Verkörperungen zur Ausbildung unseres Charakters. So können wir z.B. auf einer höheren Stufe einsehen, daß eine bestimmte - temporäre - Erfahrung auf einer niedrigeren Stufe wesentlich für unsere Entwicklung ist und uns dann bewußt der weit dichteren emotionalen Intensität und dem geringeren Verständnis der unteren Stufe unterwerfen.

Wenn wir die Abläufe, die unser Bewußtsein entfalten, erst einmal grundlegend verstehen, blicken wir auf niemanden mehr herab, der zur Zeit gerade eine der unteren Stufen erfährt. Wir fühlen nur tiefe Zuneigung und Verständnis für den Weg, für den er sich entschieden hat.

Nur in den Ebenen eins und vier ist ein zeitlich unbegrenzter Aufenthalt möglich. In allen anderen Entwicklungsstufen ist die Verweildauer auf eine minimal und maximal mögliche Zeit begrenzt. Die Stufen erhalten dadurch eine grundlegende Dynamik, die uns antreibt, uns von allen Einflüssen zu befreien, die die volle Entfaltung unseres Bewußtseins behindern.

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