Das Gespür für Wachstum ► Tattvarthasutra, Kapitel 1 ► Sutra 15 ► Avagraha - Wahrnehmung

Verfasst: 09.07.2014

Wahrnehmung (avagraha)

ist das erste bewußte Erkennen eines Objektes nach dem Kontakt mit den Sinnesorganen.

Diesem Vorgang geht der Prozeß des darshana voraus. darshana ist ein äußerst delikater Prozeß, der noch vor Beginn des eigentlichen Wahrnehmungsvorgangs (avagraha) abläuft.

darshana ist die Bewußtseinserfahrung, die in dem Augenblick entsteht, in dem unsere Sinne zum ersten Mal mit einem Objekt in Kontakt kommen, jedoch noch keine Beschreibung (auch keine undeutliche) davon Hefern können.

An dieser Stelle entscheidet sich, ob eine 'Tendenz in Richtung auf ein Objekt' überhaupt entsteht. Hier findet der eigentliche Selektionsvorgang statt, mit dem wir aus den Milliarden von Reizen, die auf unsere Sinne und den Geist treffen, die wenigen auswählen, die bis zu unserem Bewußtsein vordringen. Hier wird auf einer fundamentalen Ebene bestimmt, ob sich ein Reiz zu einer Wahrnehmung (und damit zu einer später möglichen Erkenntnis) entwickeln wird.

Darshana ist von all den Vorstellungen und Rastern geprägt, die wir zwischen die Realität und unser Bewußtsein gelegt haben. Es ist ein Filter, der uns ausschließlich mit den Ereignissen und Dingen in bewußten Kontakt bringt, die in unserem Bewußtsein eine Resonanz auslösen. Alles andere existiert zwar und trifft auch auf unsere Sinne, kann aber aufgrund dieses Filters nie unsere Wahrnehmung und damit unser Bewußtsein erreichen.

Hier ist die Ebene der geistigen Struktur (sthapana)[40], auf der wir unser Bewußtsein auf die Inhalte und Werte ausrichten, von denen wir positiv oder negativ angezogen werden.

Wir sind diesem Selektionsmechanismus jedoch nicht ausgeliefert. Wir können die Wirkung des Filters jederzeit verändern, indem wir unsere Vorstellungen (d.h. den Inhalt unseres interaktiven karmischen Feldes) ändern. Diese Umgestaltung geschieht in zwei Schritten:

  • Der erste Schritt ist der ernsthafte Entschluß, Vorstellungen und Aktivitäten aufzugeben, durch die Vorurteile, Unwissenheit, Irrtum, Skepsis, starke negative Gefühle, etc. hervorgerufen werden können.

  • Der zweite Schritt ist die Umsetzung dieses Entschlusses in Handlung.

Die Änderung bzw. der Abbau des interaktiven karmischen Feldes erfolgt automatisch, wenn wir den im ersten Schritt gefaßten Entschluß in die Tat umsetzen.

Die Umsetzung des Entschlusses in Handlung ist notwendig, weil nur dadurch das Karma manifestiert bzw. abgebaut wird, das den entsprechenden Teilbereich der Reali­tät in unserem Bewußtsein blockiert.[41]

Sobald darshana ein Objekt oder einen Ablauf akzeptiert hat, erfolgt unmittelbar darauf die mehr oder weniger deutliche Wahrnehmung (avagraha), durch die wir das Objekt in unser Bewußtsein aufnehmen.

BEISPIEL:

Wir sehen in der Ferne ein weißes Objekt. Wir wissen, daß es weiß ist, können jedoch nicht näher be­stimmen, was es ist.

Fußnoten:
[40]
[41]
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