Das Gespür für Wachstum ► Fünf Freiheiten ► Die herkömmliche Interpretation

Verfasst: 24.08.2014

Die herkömmliche Interpretation

Die oben aufgeführte Interpretation unterscheidet sich wesentlich von der herkömmlichen Auslegung der Jains. Nach deren Verständnis bedeuten die fünf Freiheiten:

  1. Frei sein vom direkten oder indirekten Töten oder Verletzen von Lebewesen.
  2. Frei sein von Unaufrichtigkeit, Lüge, Unwahrheit und Betrug.
  3. Frei sein davon zu nehmen, was nicht freiwillig gegeben wurde.
  4. Frei sein von dem inneren Zwang, sein Leben an sexuellen Bedürfnissen ausrichten zu müssen.
  5. Frei sein von der Anhaftung an weltlichem Besitz.

Traditionell verstehen die Jains die fünf Freiheiten als 'Gelübde', deren formales Akzeptieren den Menschen automatisch in die fünfte Entwicklungsstufe versetzt. Dieses althergebrachte Verständnis entspricht jedoch nicht dem Mechanismus der 14 Entwicklungsstufen (gunasthana). Es ist eher ein Anzeichen dafür, daß hier ein wesentlicher Teil des Verständnisses für die in den Schriften beschriebene dynamische Bewußtseinsentwicklung verlorengegangen ist - unabhängig davon, wie weit diese unzutreffende Interpretation verbreitet ist.

Die rein formale Zusage zum Einhalten der Gelübde kann niemals den Übergang in eine höhere Stufe unseres Bewußtseins auslösen. Zwar mag die Zusage einen Anfangspunkt setzen, der eine Entwicklung in diese Richtung in Gang bringen kann, doch erschließen sich höhere Entwicklungsstufen nur dann, wenn wir das Karma abgebaut haben, das unsere Wahrnehmung dieser Ebenen blockiert.

Unglücklicherweise führt das traditionelle Verständnis vielfach zu einer Ausrichtung auf weltentsagende, asketische Verhaltensweisen.

Die fünf Freiheiten sind jedoch ein dynamischer Entwicklungsmechanismus, der nichts mit Entsagung, Verzicht oder Abkehr von der Welt zu tun hat. Das oft mit Entsagung verbundene Gefühl der Selbstkasteiung, Selbst-Bestrafung, Buße etc. fördert unseren Befreiungsprozess nicht im geringsten, sondern behindert ihn eher. Verzicht, Buße etc. ist nur die ins Gegenteil verkehrte negative Anhaftung an die von uns abgelehnten Objekte oder Situationen, nicht aber eine grundlegende Freiheit von ihnen. So wie bei Haß die emotionsgeladene Bindung an die Zielperson immer noch vorhanden ist - nur im negativen Sinn - so ist auch Verzicht, Buße etc. ein negatives Verhaftetsein an den zurückgewiesenen Dingen. Diese Art negativer Bindung erzeugt jedoch keine Freiheit von dem, was wir ablehnen. Solange ein Objekt, von dem wir frei sein wollen, in unserem Leben noch eine Rolle spielt, sind wir nicht frei davon.

Auch ist jede Art von Entsagung oder Reue immer auf die Vergangenheit ausgerichtet. Wir orientieren uns dabei an Taten, Gefühlen und Gedanken, die längst hinter uns liegen. Entsagung und Reue inspirieren keine dynamischen Impulse auf zukünftige Expansion hin. Solange wir jedoch nur nach einer Freiheit von etwas streben, statt nach einer Freiheit zu etwas, haben wir die eigentliche Freiheit noch nicht gefunden.

Die fünf Freiheiten sind grundlegend nicht auf die Aufgabe von Lebenselementen ausgerichtet, sondern immer nur auf das Gewinnen neuer, interessanterer und umfassenderer Erfahrungsdimensionen. Wir erreichen diesen angenehmeren, neuen Zustand, weil er uns mehr fasziniert als der alte. Daß der alte Zustand dabei überflüssig wird und wegfällt, ist eine Nebenwirkung, nicht das Hauptziel. Ein Beispiel: Wenn wir von einem Radiosender mit Musik, die uns nicht sonderlich gefällt, zu einem Sender mit 'besserer' Musik wechseln, würden wir diesen Wechsel nie als einen 'Verzicht' auf die 'weniger angenehme' Musik verstehen.

Beim Verwirklichen der fünf Freiheiten verschwenden wir keine Energie darauf, auf alte Zustände zu verzichten, sondern kümmern uns ausschließlich um die Erschließung neuer, interessanterer und angenehmerer Zustände. Der Wegfall alter Verhaltensmuster erfolgt dann automatisch - ohne unser Zutun.

Die fünf Freiheiten werden auch mit dem Sanskritwort sanyama (bewußte Steuerung) bezeichnet. Das bewußte Steuern der eigenen Handlung entlang der fünf anfangs beschriebenen Handlungslinien ist der eigentliche Mechanismus, der zur Erfahrung höherer Bewußtseinsebenen führt.

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