Der Jainismus - Eine Einführung

Verfasst: 24.10.2012
Aktualisiert: 02.07.2015

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Der Jainismus

Eine Einführung

 

Einleitung

Der Jainismus ist eine in Indien beheimatete Religion; er gehört zu den ältesten Religionen der Welt und seine Lehren haben andere Glaubensrichtungen, wie etwa den Buddhismus und Hinduismus, beeinflusst. Die Anhänger des Jainismus bezeichnen sich selbst  als 'Jaina' - der Begriff leitet sich vom Sanskritwort 'Jina' ab, was mit ("spiritueller) Sieger" übersetzt werden kann und Personen bezeichnet, die ihre inneren 'Feinde' wie etwa Egoismus, Gier, Angst und Hass usw. überwunden haben und auf diese Weise dem Kreislauf der Wiedergeburten entstiegen sind. Der Begriff 'Jainismus' entstand erst in jüngerer Zeit, zuvor waren die Anhänger dieser Religion zumeist als Shramanas ("Asketen") bekannt.

Personen die den Kreislauf der Wiedergeburten überwunden haben, werden als Arhat, Siddha oder Tirthankara bezeichnet. Während der Hinduismus aus der vedischen Kultur entstanden ist, brachte die Kultur der Shramanas den Jainismus und den Buddhismus hervor. Der Jainismus basiert auf Gewaltlosigkeit (Ahimsa) und Mitgefühl und ist nach traditioneller Vorstellung nicht von einer bestimmten Person gegründet worden sondern existiert ewig. Gemäß der Überlieferung gab es vierundzwanzig Tirthankaras, Wegebereiter und Erneuerer der Lehre im heutigem Zeitalter, deren letzte waren Parshvanatha und Mahavira.

In Indien leben heute etwa sechs bis acht Millionen Jainas, ihr Anteil beträgt weniger als ein Prozent der indischen Bevölkerung. Im Wirtschaftsleben Indiens nehmen die Jainas noch heute eine herausragende Stellung ein. Daneben sind weltweit Jaina Gemeinschaften verschiedener Traditionen zu finden. Die größten Diaspora-Gemeinden entstanden im 20. Jh. in Nordamerika und England. Kleinere Gemeinschaften haben sich in Kanada, Tansania, Belgien und in den Arabischen Emiraten gebildet.

 

Entstehung

Parshvanatha (877-777 v. Chr.), wurde mehr als 250 Jahre vor Mahavira (599-527 v. Chr.) geboren. Er predigte eine Religion der vier Prinzipien - Gewaltlosigkeit, Wahrheit, Nicht-Stehlen und Besitzlosigkeit. Während die späteren Bildnisse der 24 Tirthankaras oft nur durch Symbole voneinander zu unterscheiden sind, wird Parshvanatha mit einem Schirm von Schlangen, der über sein Haupt gespannt ist, dargestellt.

 

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1. Parshvanatha

2. Chandraprabha

3. Sumati

 

Abb.1-3: Darstellungen der 24 Tirthankaras sind häufig nur anhand von Symbolen zu unterscheiden, die zumeist im Thronsockel angebracht sind. Eine Ausnahme bildet Parshvanatha, der mit einer Schlangenhaube geschmückt ist. Die Tirthankaras Chandraprabha (Abb.2) und Sumati (Abb.3) sind anhand ihres Chihna ("Symbol") zu identifizieren. Bei Chandraprabha ist dies die Mondsichel, bei Sumati ein Brachvogel.

Mahavira (599-527 v. Chr.), der letze Reformer des Jainismus in diesem Zeitalter, zog Menschen aus allen Schichten und Berufen an: Reiche und Arme, Könige und Bürger, Frauen und Männer. Gemäß seiner Lehre gibt es auf dem spirituellen Weg keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen und keine Einteilung in Kasten. Vielmehr sind alle Lebewesen - Tiere, Pflanzen und Menschen - gleich. Im Jainismus ist somit auch der Schutz der Tiere verankert.

 

Die Jaina Gemeinde

Mahavira gründete einen religiösen Orden, der auf der Philosophie seines Vorgängers Parshvanatha beruhte. Er war somit der Reformer einer bereits bestehenden religiösen Gemeinschaft und erweiterte die bestehenden Verhaltensregeln um das Zölibat und führte weiterhin sechs von den Gläubigen täglich durchzuführende Praktiken ein. Gemäß der Überlieferung hielt Mahavira diese Veränderungen für notwendig, um auf dem spirituellen Weg Fortschritte zu erzielen.

Eine Jaina-Gemeinde wird bis heute aus vier Gruppen gebildet:

Diese Anordnung bezeichnet man als Chaturvidha Sangha, die vierfache Gemeinde.

 

Jaina Kanon

Etwa 60 heilige Schriften bilden Jaina Kanon, der jedoch nur von den Shvetambaras akkzeptiert wird. Die Digambaras gehen davon aus, daßdie einst existierenden kanonischen Schriften im Laufe der Zeit verloren gingen. Zu den heiligen Schriften gibt es unzählige Kommentare; einige dieser Texte sind von deutschen Gelehrten wie Hermann Jakobi, Albrecht Weber, Helmuth v. Glasenapp, Luswig Alsdorf, Walther Schubring oder Klaus Bruhn ins Deutsche oder Englische übersetzt worden. Die Schriften umfassen Philosophie, Theologie, Kosmologie, Ethik, Astronomie, Logik, Physik, Biologie usw.

Einer der wichtigsten Texte ist das Tattvartha Sutra, das die gesamte Jaina Lehre in zehn Kapiteln (bestehend aus 344 bzw. 357 Aphorismen) erfasst und im ersten nachchristlichen Jahrhundert von dem Jaina Mönch Umaswami [1] verfasst wurde. Kommentare zum Tattvartha Sutra sind von verschiedenen Gelehrten angefertigt worden. Der Sanskritbegriff Tattva bedeutet hier 'Wahrheit'.

 

Relativismus

Kennzeichnend für die Philosophie des Jainismus ist der Relativismus - Anekantavada genannt. Gemäß dieser Theorie gibt es keine absolute Wahrheit - alles muss stets von verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden. Erst diese verschiedenen Gesichtspunkte zusammen ergeben die Wahrheit. Die 'Wahrheit' ist somit eine Kombination aller oder einiger Ansichten. Die Theorie dieser toleranten Sichtweise ist eine der bemerkenswertesten Beiträge der Jainas auf dem Gebiet der philosophischen Überlegungen.

Schriftlich festgehalten ist die Philosophie des Relativismus im Tattavartha Sutra, Vers 5.29; dort heißt es:

उत्पादव्ययध्रौव्ययुक्तं सत्
utpāda-vyaya-dhrauvyayuktaṃ sat

'Wirklichkeit setzt sich zusammen aus Aspekten wie Entstehung, Zerstörung und ebenso aus Dauerhaftigkeit.'

Anekantavada wird als Basis für die Umsetzung von Gewaltfreiheit (Ahimsa), ein ebenso grundlegendes Merkmal der Jaina Philosophie, gesehen.

 

Gewaltlosigkeit

Ahimsa bedeutet 'Gewaltlosigkeit' und steht im Zusammenhang mit Anekantavada, der Akzeptanz der verschiedenen Ansichten und Meinungen. In Gewaltfreiheit zu leben bedeutet in Harmonie zu existieren mit allen Lebewesen. Es beinhaltet universelle Freundlichkeit, die Bereitschaft zu vergeben und frei zu sein von Angst. Dabei bezieht sich das Prinzip von Ahimsa in der Praxis nicht nur auf alle Lebewesen sondern auf die gesamte Umwelt. Dies bedeutet: weder Tieren noch Pflanzen, Mitmenschen aber auch der Erde darf keinerlei Form von Gewalt zugefügt werden. Die Lehre der Gewaltlosigkeit ist dabei aber nicht allein auf physische Aktivitäten begrenzt, sondern bezieht die Gedanken eines Menschen mit ein, denn die Gedanken werden als Vorstufe aller Aktivitäten gesehen. Alte Überlieferungen erklären, dass die Absicht zu verletzen und das Fehlen von Mitgefühl, die Basis für Gewalttaten bilden. Gewalt in jeglicher Form führt zur Entstehung von neuem negativen Karma, was die Seele an der spirituellen Weiterentwicklung hindert.

 

Kosmologie

Die Beschreibung der Welt und des Kosmos ist ein zentrales Thema in den heiligen Schriften der Jainas. Kaum eine Religion hat eine so ausgeklügelte und bis ins Detail durchdachte Vorstellung vom Universum entwickelt. Dieser traditionellen Kosmologie zufolge bildet das belebte Universum einen dreidimensionalen Körper, der entfernt einer Sanduhr oder einer doppelten Spindel ähnelt (vgl. Abb. 5). Außerhalb des Universums existiert ein Vakuum ohne jegliches Leben und Materie. Das belebte Universum besteht aus vier Ebenen:

  1. Der untere Abschnitt ist aufgeteilt in sieben Höllen.
  2. Der obere Abschnitt des Universums besteht aus sieben Himmeln, die von göttlichen Wesen bewohnt werden.
  3. Der mittlere Abschnitt bildet eine Scheibe, auf der die von Menschen, Tieren und Pflanzen bewohnten Gebiete angesiedelt sind.
  4. Am Scheitel des Universums befindet sich Siddha Loka, also jener Ort, an dem sich die erlösten Seelen (Siddhi) aufhalten.

 

 

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4.

5.

6.

 

Abb. 4-6: In zahlreichen Jaina Manuskripten finden sich Abbildungen des Universums, das in seiner Form in etwa einer Sanduhr ähnelt (Abb. 5). Im unteren Bereich befinden sich die Höllen und im oberen Abschnitt sind die Himmel übereinander angeordnet. Die Welt der Menschen ist in der Mitte, in der schmalsten Zone des Universums zwischen Himmeln und Höllen, positioniert. Siddha Loka, der Ort der erlösten Seelen befindet sich an der Spitze und ist in den Darstellungen durch eine weiße Mondsichel markiert (siehe Abb. 6). Zuweilen wird das Universum in Form eines Menschen abgebildet (siehe Abb. 6). Hier ist die Welt der Menschen in der Draufsicht als eine runde Scheibe zu erkennen.

 

Das Universum besteht aus sechs Substanzen oder fundamentalen Eigenschaften, nämlich:

  1. Seele (Jiva),
  2. Materie (Pudgala),
  3. Bewegung (Dharma),
  4. Bewegungslosigkeit (Adharma),
  5. Raum (Akasha) und
  6. Zeit (Kala)

Welt und Kosmos sind nicht geschaffen sondern werden als ewig existierend verstanden. Im Zusammenspiel von Seele und Materie entsteht schließlich die Welt, so wir wie sie wahrnehmen.

Die beseelten Lebewesen, die das Universum bevölkern, werden in fünf verschieden Gruppen unterteilt. Diese Gliederung basiert auf der Anzahl der Sinne des Lebewesens:

  1. Lebewesen mit einem Sinn.
  2. Lebewesen mit zwei Sinnen (Tast- und Geschmackssinn).
  3. Lebewesen mit drei Sinnen (Tast-, Geschmacks- und Geruchssinn).
  4. Lebewesen mit vier Sinnen (Tast-, Geschmacks-, Geruchssinn sowie visuelle Wahrnehmung).
  5. Lebewesen mit fünf Sinnen (Tast-, Geschmacks-, Geruchssinn sowie visuelle Wahrnehmung und Gehör).

 

Die Zeit verläuft nach indischer Vorstellung nicht linear sondern zyklisch, d.h. die Ereignisse in der Welt und im Kosmos finden entsprechend eines kosmischen Zeitrades statt. Dieses Zeitrad ist gegliedert in eine ab- und eine aufsteigende Periode, die jeweils in sechs Zeitalter zerfallen:

A. Absteigende Periode (Avasarpini)

  1. Sushama-sushama („gut-gut“)
  2. Sushama („gut“)
  3. Sushama-duhshama („gut-schlecht“)
  4. Duhshama-sushama („schlecht-gut“)
  5. Duhshama („schlecht“)
  6. Duhshama-duhshama („schlecht-schlecht“)

B. Aufsteigende Periode (Utsarpini)

    1. Duhshama-duhshama („schlecht-schlecht“)
    2. Duhshama („schlecht“)
    3. Duhshama-sushama („schlecht-gut“)
    4. Sushama-duhshama („gut-schlecht“)
    5. Sushama („gut“)
    6. Sushama-sushama („gut-gut“)

Die Tirthankaras erscheinen nur im 3. und 4. Zeitalter. In unserem Zeitalters sind dies:

  1. Sumati
  2. Vardhamana Mahavira

 

Lehren und Prinzipien des Jainismus

Die Jaina Religion ist menschlichen Ursprungs und wurzelt, wie eingangs erwähnt, in der Kultur der Shramanas ("Asketen"). Jene Individuen, die durch Askese und Selbsterkenntnis die Zusammenhänge des gesamten Kosmos erkannt haben und somit die Kette der Wiedergeburten (Samsara) durchbrochen haben werden als Jina ("Sieger") bezeichnet und von den Jainas besonders verehrt. Durch die Verehrung werden sie gleichzeitig zum Vorbild für die Gläubigen, und als Weg- oder Furtbereiter (Tirthankara) zeigen sie diesen den Pfad zur Erlösung (Moksha) auf. Die Anhänger des Jainismus erhoffen ihrerseits durch die Befolgung der Lehre dereinst selbst Erlösung zu erlangen. Die Verehrung der Jinas beschwört dabei allein ihre Funktion als Vorbild, denn die erlösten Seelen sind dem weltlichen Leben entrückt und können somit auch nicht mehr helfend eingreifen. Die Erlösung erlangt der Gläubige allein durch eigene Anstrengung.

Dazu enthält die Jaina Lehre Anleitung u.a. zahlreiche Reihen von Prinzipien und Gelübden, Kontemplationen und Betrachtungen:

 

I. Fünf Gelübde:

Die fünf 'großen Gelübde' (Mahavratas) bilden die Grundlage der Mönchsdisziplin und müssen von allen Mönchen und Nonnen strikt zu 100% eingehalten werden:

  1. Ahimsa, - das Unterlassen von direktem oder indirektem Töten oder Verletzen anderer Lebewesen.
  2. Satya, - das Unterlassen von Lügen, Unaufrichtigkeit und Betrug.
  3. Asteya, - das Unterlassen des Nehmens von nicht Gegebenem (Diebstahl).
  4. Brahmacharya, - das Unterlassen  des inneren Zwanges, sein Leben an sexuellen Bedürfnissen auszurichten.
  5. Aparigraha, - das Unterlassen von Anhaftung an weltlichen Besitz.

Für die Laien gelten die 12 Anuvratas (kleinen Gelübde), eine auf das weltliche Leben angepasste Form der Mahavratas + 7 weitere Ausführungen.

II. Neun Wahrheiten (Tattva):

Die Jaina Philosophe gründet sich auf neun Wahrheiten, deren Kenntnis notwendig ist um rechten Glauben (Samyaktva) und rechtes Wissen (Samyag Jnana) zu erlangen:

    1. Jiva - Individueller Lebensimpuls ('Seele'),
    2. Ajiva - Elemente ohne Lebensimpuls,
    3. Punya - Religiöses Verdienst,
    4. Papa - Handlungen mit negativen Auswirkungen,
    5. Ashrava - Mechanismen, wodurch Karma angezogen wird,
    6. Bandha - Bindung karmischer Materie an das Bewusstsein,
    7. Samvara - Anhalten der Prozesse, die karmische Materie an uns binden,
    8. Nirjara - Auflösen der Bindung an karmische Materie,
    9. Moksha - Freiheit von allen Einflüssen, die unsere ureigenen Eigenschaften und Fähigkeiten einschränken ('Erlösung').

 

III. Acht Karmas:

Im Jainismus werden acht Formen von Karma unterschieden. Diese sind:

    1. Jnanavaraniya Karma - verschleiert das Wissen.
    2. Darshanavaraniya Karma - behindert die Erkenntnis oder Wahrnehmung.
    3. Vedaniya Karma - behindert die Gefühle.
    4. Mohaniya Karma - verursacht Täuschung.
    5. Ayusya Karma - bestimmt die Lebensspanne.
    6. Nama Karma - bestimmt die Form und Eigenschaften des Körpers.
    7. Gotra Karma - bestimmt das Ansehen des Lebewesen in sozialem Umfeld.
    8. Antaraya Karma - behindert die Einsicht und mindert die Qualität der Seele.

 

IV. Drei Juwelen (Ratnatraya):

Die Verinnerlichung der Neun Wahrheiten (Tattva) erzeugt rechtes Wissen (Samyag Jnana). Nach traditioneller Vorstellung verkündete Mahavira die 'drei Juwelen' als ineinandergreifende Lehrsätze, welche die Voraussetzung bilden für das Erreichen von allumfassenden Wissen (Kevala Jnana) und schließlich für das Erlangen von Erlösung (Moksha) aus dem Kreislauf der Wiedergeburten (Samsara):

    1. Samyagdarshana: 
      'Rechte Wahrnehmung' oder 'Rechte Erkenntnis', d.h. das intuitive Gespür, wie wir unser Bewusstsein optimal entfalten.
    2. Samyagjnana: 
      'Rechtes Wissen', d.h. jenes Wissen, das uns diese Bewusstseinsentfaltung erkennen und verstehen lässt. Die Dinge werden so geschaut wie sie wirklich sind.
    3. Samyagcharitra:
      'Rechtes Verhalten' oder 'Rechtes Betragen', d.h. vor allem die Einhaltung der fünf großen Gelübde (Mahavratas).

 

V. Zehn Tugenden:

    1. Uttama Kshama: Vergebung.
    2. Uttama Mardava: Güte, Sanftmut, Verzicht auf Stolz, Hochmut oder Arroganz.
    3. Uttama Arjava:  Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit.
    4. Uttama Shaucha: Zufriedenheit.
    5. Uttama Satya: Ehrlichkeit.
    6. Uttama Samayama: Achtsamkeit, Beherrschung.
    7. Uttama Tapas: selbstauferlegte Entbehrung.
    8. Uttama Tyaga: Entsagung.
    9. Uttama Akinchana: Verzicht auf Anhaftung.
    10. Uttama Brahmacharya: Sittsamkeit.

 

VI. Betrachtungen (Anupreksha):

Mit dem Begriff Anupreksha wird eine bestimmte Form der Betrachtung, der Wahrnehmung und des Erkennens bezeichnet, genauer gesagt die Kontemplation über einen Gedanken sowie über die dem Gedanken zugrundeliegenden Wahrheiten während der Meditation. Dazu gehören insbesondere die 16 Bhavanas ('Entfaltungen'):

    1. Anitya: Betrachtung über die Vergänglichkeit der Dinge.
    2. Asharana: Betrachtung über die Schutzlosigkeit.
    3. Samsara: Betrachtung über das weltliche Leben und die Seelenwanderung (Kreislauf von Geburt, Tod und Wiedergeburt)
    4. Ekatva: Betrachtung über die Einsamkeit.
    5. Anyatva: Betrachtung über die Trennung der Seele vom Körper sowie die Verschiedenheit des Selbst von der Welt und den weltlichen Beziehungen
    6. Ashuchi: Betrachtung über die Unreinheit des Körpers.
    7. Ashrava: Betrachtung über den Zustrom und Eintritt von Karma.
    8. Samvara: Betrachtung über die Unterbrechung von karmischem Zustrom.
    9. Nirjara: Betrachtung über die Aufhebung von Karma.
    10. Lokasvarupa: Betrachtung über das Universum.
    11. Bodhidurlabha: Betrachtung über die Entwicklung von Vertrauen in die religiösen Lehren.
    12. Dharma: Betrachtung über den Einfluß der Religion sowie der religiösen Lehren.
    13. Maitri: Betrachtung über die Freundschaft zu anderen Wesen.
    14. Pramoda: Betrachtung über die Verehrung von (spirituell) höhergestellten, d.h. weiterentwickelten Menschen.
    15. Karuna: Betrachtung über das Mitgefühl.
    16. Madhyastha: Betrachtung über den Zustand von Neutralität.

 

VII. Standpunkte (Nayas):

Die Jaina Philosophie kennt bei der Betrachtung der Dinge sieben sogenannte 'Standpunkte' (Nayas), die man auch als eine Art 'Teileinsichten' bezeichnen kann. Diese sind:

    1. Naigama Naya:
      Betrachtung eines Gegenstandes ohne Unterscheidung der spezifischen und der generellen Eigenschaften.
    2. Sangraha Naya:
      Betrachtung eines Gegenstandes unter alleiniger Berücksichtigung der generellen Eigenschaften.
    3. Vyavahara Naya:
      Betrachtung eines Gegenstandes unter alleiniger Berücksichtigung der spezifischen Eigenschaften.
    4. Rijusutra Naya:
      Betrachtung eines Gegenstandes im augenblicklichen Zustand ohne Berücksichtigung früherer oder künftiger Zustände.
    5. Samprata Naya:
      Betrachtung eines Wortes nur anhand konventioneller Bedeutung ohne Berücksichtigung der etymologischen Ableitung.
    6. Samabhirudha Naya:
      Unterscheidung synonymer Wörter entsprechend der etymologischen Ableitungen.
    7. Evambhuta Naya:
      Betrachtung eines Wortes  im Hinblick darauf, ob an dem gegenstand, den es bezeichnet, auch die durch die Ableitung geforderten Eigenschaften hervortreten.

 

VIII. Stufen zur Befreiung vom Karma (Gunasthanas):

Die Entwicklung von der vollständigen Abhängigkeit eines Menschen vom Karma bis hin zur absoluten Befreiung ist in vierzehn Stufen unterteilt. [4] Je nach Entwicklungs- und spirituellem Reifegrad bestimmen sich sein Lebensgefühl und Lebensinhalt.

    1. Mithyadrishti Gunasthana:
      Auf der untersten Stufe leidet die Seele unter Täuschung, Vorurteilen und der Einschränkung durch Leidenschaften.
    2. Sasvadana Samyagdrishti Gunasthana:
      Ein kurzes Übergangsstadium, das gekennzeichnet ist durch die Unterdrückung des Irrglaubens, der auf der vorangehenden Mithyadrishti-Stufe noch voll ausgeprägt war.
    3. Samyagmithyadrishti Gunasthana:
      Ein von 'Mischglauben' geprägtes Übergangsstadium, das meist von jenen Seelen (Jiva) durchlaufen wird, die von der vierten Avirata Samyagdrishti-Stufe zurückfielen.
    4. Avirata Samyagdrishti Gunasthana:
      In diesem Stadium der Entwicklung besteht bereits rechter Glaube und rechter Blick auf die Realität, allerdings bedarf es nun der Unterweisung, um mit der methodischen Vernichtung des Karma zu beginnen. Auf dieser Stufe befinden sich hauptsächlich jene Lebewesen, die mit fünf Sinnen ausgestattet sind (u.a. Menschen).
    5. Deshavirata Samyagdrishti Gunasthana:
      In diesem Stadium ist rechter Glaube und Selbstbeherrschung in einem Maße vorhanden, daß die Laiengelübde abgelegt werden.
    6. Pramatta Samyata Gunasthana:
      In diesem Stadium ist rechter Glaube und Selbstbeherrschung vorhanden, daß die Mönchsgelübde (Mahavrata) abgelegt werden. Allerdings kommt es bei der Einhaltung dieser Gelübde noch zu Unachtsamkeit und Verfehlungen.
    7. Apramatta Samyata Gunasthana:
      In diesem Stadium werden die Mönchsgelübde (Mahavrata) ohne Verfehlung beachtet und eingehalten.
    8. Apurva Karana Gunasthana:
      In diesem Stadium wird das Mönchtum in einer vorbildlichen Weise gelebt. Die Seele erreicht dabei einen vorher nie erreichten Zustand der Reinheit.
    9. Anivritti Badara Samparaya Gunasthana:
      In diesem Stadium wird der überwiegende Teil aller Leidenschaften überwunden und große Teile des Karmas vernichtet.
    10. Sukshma Samparaya Gunasthana:
      In diesem Stadium und in den drei folgenden werden durch Meditation auch die subtilen Leidenschaften und Gefühle überwunden.
    11. Upashanta Kashaya Vitaraga Chadmastha Gunasthana:
      In diesem Stadium  sind alle Leidenschaften und Gefühle überwunden.
    12. Kshina Kashaya Vitaraga Chadmastha Gunasthana:
      In diesem Stadium werden die drei letzten verbliebenen Arten schädlichen Karmas eliminiert.
    13. Sayogi Kevali Gunasthana:
      In diesem Stadium wird Allwissenheit (Kevala Jnana) erlangt.
    14. Ayogi Kevali Gunasthana:
      In diesem Stadium wird die Seele von allem Stofflichen befreit und ist erlöst.

 

Namaskar Mahamantra

Das wichtigste Mantra der Jainas, das von den Gläubigen mehrmals am Tag rezitiert wird, ist das Namaskar Mantra.

णमो अरिहंताण

Namo Arihantanam

णमो सिद्धाण

Namo Siddhanam

णमो आयरियाण

Namo Ayariyanam

णमो उवज्झायाण

Namo Uvajjhayanam

णमो लोए सव्व साहूण

Namo Loe Savva Sahunam

एसोपंचणमोक्कारो, सव्वपावप्पणासणो

Eso Pancha Namukkaro Savva Pava Panasano

मंगला णं च सव्वेसिं, पडमम हवई मंगल

Mangalanam cha Savvesim Padhaman Havai Mangalam

 

Mit diesem Mantra werden die fünf ehrenwertesten Personengruppen angerufen, nämlich:

  • Arihanta, die erleuchteten menschlichen Wesen,
  • Siddha, alle befreiten Seelen,
  • Acharya, der Vorstand einer Jaina Gemeinschaft,
  • Upadhyaya, der spirituelle Lehrer sowie
  • Sadhus und Sadhvis, die Mönche und Nonne.

Mit Namo Arihantanam verbeugt man sich vor allen Arihantas, den sogenannten Tirthankaras ('Furtbereitern'), die den Zustand der Allwissenheit erreicht haben. Sie gingen den Weg der Befreiung, der den Kreislauf von Leben, Tod und Wiedergeburt (Samsara) beendet.

Mit Namo Siddhanam verbeugt man sich vor allen befreiten Seelen, die den durch Befreiung von allem Karma den Zustand der Erlösung und Unsterblichkeit erreicht haben. Sie sind reines Bewusstsein und besitzen keinen physischen Körper.

Mit Namo Ayariyanam verehrt der Gläubige die Führer verschiedener Jaina Gemeinden. Sie vermitteln den Mitgliedern der Gemeinde die Prinzipien des Jainismus und erklären ihnen den Weg der Befreiung.

Mit Namo Uvajjhayanam verehrt der Gläubige alle asketischen Lehrer. Sie verbreiten das Wissen, das in den Heiligen Schriften des Jainismus festgehalten ist und verdeutlichen den Vorrang des spirituellen Lebens gegenüber materiellen Welt.

Mit Namo Savva Sahunam verehrt der Gläubige alle Asketen (Mönche und Nonnen), die streng nach den Ordensregeln leben und durch ihr Vorbild die Laiengemeinde dazu inspirieren, Verzicht zu üben und ein einfaches Leben zu führen.

 

Sutra zur Vergebung

Neben dem Namaskar Mantra ist das Sutra zur Vergebung von besonderer Bedeutung. Es lautet:

 

Khamemi Savva Jive,
Savve Jiva Khamantu Me,
Mitti Me Savva Bhuesu,
Veram Majjham Na Kenai.

Ich vergebe allen Lebewesen,
mögen mir alle Lebewesen vergeben.
Ich pflege mit allen Lebewesen Freundschaft,
ich habe mit niemandem Feindschaft.

Fußnoten:
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