Meditieren - warum?: Mentale Gesundheit & Preksha Meditation (1)

Veröffentlicht: 03.12.2012

Können wir sie mit den Sinnen erfassen, sind Objekte und Situationen für uns deutlich erkennbar. Was die Sinne nicht wahrnehmen können, ist nicht offenkundig für uns. Emotionen und Psyche können wir nicht wahrnehmen. Der Geist aber tritt klar zutage, deshalb wird ihm viel Aufmerksamkeit gewidmet. Die meisten Menschen wissen etwas über ihn. Auch in der Meditation wird seltener mit den Emotionen und der Psyche gearbeitet als mit dem Geist. Maharishi Patanjali maß dem Geist keine besondere Bedeutung zu. Seine Yogasutras beginnen mit dem Meistern der Psyche. Die Psyche ist unser inneres Bewusstsein, das den intellektuellen Aspekt des Geistes regelt.

Der Geist hat neben dem intellektuellen auch einen emotionalen Bereich, der seine gesamten Aktivitäten steuert. Die Psyche hat ein eigenes Bewusstsein, Intellekt, Sprache und Körper haben kein eigenes Bewusstsein. Sie können bewusste Handlungen ausführen, weil sie mit dem Bewusstsein eng verknüpft sind. Unser Geist nimmt materielle Partikel auf, die in der Jain Philosophie als Pudgala (Materie) bezeichnet werden, und absorbiert sie (Manparyapti: die potentielle Fähigkeit, Pudgalapartikel zu absorbieren). Dann nimmt er die Materiepartikeln innewohnende wesenhafte Form an und wird in dieser Ausrichtung aktiv. Die Sinne verinnerlichen ihre Wahrnehmungen, können aber nicht zwischen gut oder schlecht, nützlich oder nutzlos unterscheiden. Die Augen sehen etwas, doch unterscheiden sie nicht, ob das Wahrgenommene nützlich oder nutzlos ist. Diese Unterscheidung ist allein Aufgabe des Geistes.

In der Jain Philosophie gibt es eine festgelegte Vorgehensweise, wie Erkenntnisse gewonnen werden, bzw. intelligentes Handeln zustande kommt. An der ersten Stufe des Gewinnens von Erkenntnissen sind die Sinne beteiligt, sie wird als Avagraha (Absorbieren) bezeichnet. Absorbieren ist der Prozess, mit dem die Sinne ein Objekt erfassen. Jeder der fünf Sinne absorbiert einen spezifischen Bereich des Objektes oder einer Situation. Die durch Absorbieren gewonnenen Erkenntnisse übermitteln sie dem Geist. Seine Funktionen sind:

  • Argumentieren (Eha)
  • Entscheiden (Avay)
  • Formen von Bildern und Eindrücken (Dharna)
  • Erinnern (Smriti)
  • Erkennen und Wiedererkennen (Pratyabhigya)
  • Logisches Folgern (Tark)
  • Ursache und Wirkung bestimmen
  • Antizipation - Vorwegnahme des noch nicht in Erscheinung Getretenen - und Deduktion - Folgerung zur Einordnung von Unbekanntem (Anuman)

Daraus wird ersichtlich, dass der Geist ein ausgedehntes Arbeitsgebiet hat. Er lenkt alle Verhaltensmuster in unserem Leben auf Grundlage der Wahrnehmungen, die ihm die Sinne durch Absorption liefern, und führt dann den gesamten Prozess vom Argumentieren bis zu Antizipation und Deduktion durch. Uns sind zwei Arten von Lebewesen in der Welt bekannt: die mit Geist ausgestatteten und solche ohne. Mit Geist ausgestattete Lebewesen werden als Amanask bezeichnet, die anderen als Samanask. Das System der Entwicklung ist so angelegt, dass Lebewesen, die zwar über Sinne verfügen, aber keinen Geist zur Auswertung der Sinneswahrnehmungen haben, sich nicht weiter entwickeln können und daher bleiben, wie sie sind. Mit Geist ausgestattete Lebewesen können sich beträchtlich weiter entwickeln. Der Geist ist eine unabdingbare Voraussetzung zur Weiterentwicklung.

Die drei Funktionen des Geistes: Erinnern, Denken und Vorstellen sind sehr hilfreich für unsere Entwicklung. Erst die Fähigkeit zum Erinnern ermöglicht uns das Voranschreiten in der Entwicklung. Könnten wir uns nicht an die Vergangenheit erinnern, wären alle Kenntnisse und Erfahrungen der Vergangenheit für uns verloren. Wir wüssten beispielsweise nicht mehr, wo wir wohnen, nachdem wir das Haus verlassen haben.

Von Einstein erzählt man sich, dass er einmal mit dem Zug reiste und ein Fahrkartenkontrolleur seine Fahrkarte sehen wollte. Doch Einstein konnte sie nicht finden. Der Fahrkartenkontrolleur sagte: „Sie würden niemals ohne Fahrkarte reisen, das weiß ich. Ich vertraue Ihnen. Machen Sie sich keine Sorgen, wenn Sie die Fahrkarte nicht finden.“ - Einstein erwiderte: „Sie mögen mir ja vertrauen, aber ich vertraue mir selber nicht.“ Der Fahrkartenkontrolleur staunte: „Warum nicht?“ Einstein entgegnete: „Ich habe vergessen, wo ich aussteigen muss!“

Wenn das Gedächtnis uns im Stich lässt, kommt alles durcheinander. Die Erinnerungsfähigkeit ist eine der großen Stärken des Geistes. Eine andere Stärke des Geistes ist die Vorstellungskraft. Jedweder Fortschritt geschieht durch sie. Wenn wir ein Haus bauen wollen, planen wir es nach unseren Vorstellungen, bevor wir mit dem Bau beginnen. Vor jeder Arbeit stellen wir uns vor, wie sie durchgeführt werden soll. Die Vorstellungskraft aktiviert unsere kreativen Fähigkeiten. In den Upanishaden heißt es: Die Welt wurde nach einer Vorstellung geschaffen. Zuerst gab es die Vorstellung, dann wurde die Welt erschaffen. Das logische Denken ist die mächtigste Funktion Geistes. Es ist die treibende Kraft bei allen Fortschritten, die wir machen. Das sind die drei wesentlichen Funktionen des Geistes.

Quellen

Englischer Titel:
Why Meditate?

Redaktion:
Muni Dhananjay Kumar

Herausgeber:
2005 Jain Vishva Bharati
Institute, ©2005

Übersetzung ins Englische:
2005 Samani Charitra Pragya,
Neeraja Raghavan, Sudhamahi
Regunathan

Übertragung ins Deutsche:
2008 Carla Geerdes
2012 Überarbeitete Fassung
Carla Geerdes

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