Meditieren - warum? ► 06 ► Stress Management & Preksha Meditation (3)

Verfasst: 14.12.2012

In unserer seit 2500 Jahren überlieferten Literatur finden sich auch Biografien von großen Sehern. Liest man sie, fällt einem auf, wie tolerant sie waren. Häufig wurden sie beschimpft, bestraft, ja sogar tätlich angegriffen. Dennoch waren sie nie gestresst oder angespannt. Wenn Stress Teil des menschlichen Lebens ist, kann man behaupten, dass Mahavira das wohl am meisten stressige Leben gehabt hat. Es wird berichtet, dass er nie angespannt war, obwohl er beschimpft worden ist, man sich in seiner Gegenwart sehr grob ausgedrückt und ihn auch körperlich angegriffen hat. Auch von Guru Nanak [Religionsstifter und Heiliger des Sikhismus], Samarth Ramdas, Rama Krishna und vielen anderen wird berichtet, dass sie mit Schmähungen und allen erdenklichen Arten unkultivierten Verhaltens konfrontiert wurden und niemals die Geduld verloren haben. Wer seine Emotionen in Schach halten kann, regt sich nicht auf, selbst wenn andere sich daneben benehmen.

In den zeitgenössischen Generationen scheint sich die allgemeine Stimmungslage in einer Schieflage zu befinden. Beide Geschlechter haben mit diesem Problem zu kämpfen. Es gibt nur sehr wenige Menschen, die nicht dazu bereit sind, sich von jedem die Laune verderben zu lassen. Kaum jemand ist in der Lage, seine Affekte zu meistern. In der Preksha Meditation wird von Anfang an großer Wert auf die Wahrnehmung der Emotionen gelegt. Die überwiegende Mehrheit der Teilnehmer an Meditationscamps hat bestätigt, in der Meditation zur Ruhe gekommen zu sein und sich nach der Meditation heiter und gelöst gefühlt zu haben.

In Zeitungen und Zeitschriften werden viele Methoden zur Stressbewältigung angeboten, dazu kommen Seminare und Workshops. Wir sollten nicht über Stressmanagement nachdenken, ohne zu wissen, was den der Gesundheit abträglichen Stress erzeugt und die Ursachen dafür beseitigen, anstatt ihn immer wieder neu zu beleben. Es scheint, wir ziehen es vor, wieder und wieder hinzufallen und ein Pflaster auf die Wunde zu kleben, anstatt uns zu fragen, was wir tun können, um nicht immer wieder hinzufallen.

Physischer Stress ist kein besonders komplexes Problem, man kann ihm mit einfachen Körperübungen begegnen. Doch stressbedingte mentale und emotionale Anspannung ist gefährlich. Dem sollte man unbedingt vorbeugen. Bemerken wir, dass sich durch eine gewisse Art der Ansprache schon mentale Spannungen in uns aufbauen, ist es an der Zeit, etwas zu unternehmen und die richtige Perspektive zu gewinnen. Dazu müssen wir schleunigst unsere Einstellung ändern. So können wir dem Aufbau emotionaler und mentaler Überspannung vorbeugen.

Acharya Umaswati [vermutlich 2. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, Autor des Tattvartha Sutra, bekanntester Text des Jaina Kanons] hat die 3 Schritte auf dem Weg zur Emanzipation des Menschen (Moksha) benannt, die auch als die drei Juwelen des Jainismus bekannt sind:

  • Richtige Perspektive
  • Richtige Erkenntnis
  • Richtiges Handeln

Meiner Auffassung nach sollte „richtige Sprache“ als Folge richtiger Erkenntnis, bzw. faktisch fundierten Wissens als Handlungsgrundlage einbezogen werden. Durch Entwicklung der richtigen Perspektive können Einsichten und Erkenntnisse gewonnen werden, die zur Wahl der richtigen Sprache führen. Es gibt es keinen Spielraum mehr für Spannungen, weil uns die Situation so klar vor Augen steht, dass wir erleuchtet handeln können.

Acharya Bikshu und seine Mönche verbrachten einmal die vier Monate der Regenzeit (Chaturmas) in der berühmten Stadt Pali in Rajasthan in einem Laden mit Erlaubnis des Besitzers. Dieser ließ sich nach einer Weile einreden, dass die Mönche sein Geschäft bestimmt nicht freiwillig am Ende der Regenmonate verlassen würden und er sie besser sofort hinauswerfe, um späteren Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen. Gesagt, getan, Acharya Bikshu verließ mit seinen Mönchen das Geschäft. Obwohl er guten Grund zu einer heftigen Reaktion gehabt hätte, blieb er ganz ruhig. In dieser Regenzeit kam besonders viel Wasser vom Himmel, soviel, dass der Laden am nächsten Tag den Wassermassen nicht mehr standhielt und einstürzte. Acharya Bikshu sagte dazu: „So ein Mensch ist er also! Er bat uns zu gehen, bevor sein Geschäft einstürzte. Was wäre gewesen, wenn wir heute noch dort gewesen wären?“ 

Die richtige Perspektive brachte Acharya Bikshu zu dieser Akzeptanz. Für die richtige Perspektive müssen wir eine Situation gründlich untersuchen und tief hineingehen, damit wir sie verstehen. Leichtfertiges Gerede wiegelt auf und erzeugt Spannungen ohne konkreten Anlass. Verstehen wir etwas, bauen wir keine Spannungen auf.

Es war einmal ein unschuldiger Mensch, der keine eigenen Ansichten hatte. Was auch immer die Leute ihm sagten, tat er. Er hatte keine eigenen Erkenntnisse, Visionen oder Gedanken. Üblicherweise werden derart unschuldige Menschen von anderen aufgezogen. So dachten sich eines Tages ein paar Jugendliche: „Mit dem leisten wir uns heute einen Spaß.“ Zwei aus der Gruppe gingen zu ihm und sagten: „Du schläfst nachts seelenruhig, während deine Frau sich in der Stadt herumtreibt. Es ist nicht richtig, dass dich das nicht kümmert.“ Als es Nacht wurde, setzte sich der Mann mit einem Stock in der Hand vor seine Tür. Er sagte sich: „Wenn sie heute nach Hause kommt, haue ich ihr auf den Kopf.“ Die ganze Nacht konnte er nicht schlafen. Schließlich dämmerte es. Ein Vorübergehender fragte ihn: „Warum sitzt du hier mit dem Stock?“ Er erwiderte: „Meine Frau beträgt sich daneben. Sie kommt erst spät in der Nacht heim. Ich möchte ihr auf den Kopf hauen.“ Der Vorübergehende wunderte sich: „Du hast doch gar keine Frau!“

Der Mensch lässt sich von seinen Emotionen überrumpeln. Häufig gerät man nicht wegen der tatsächlichen Lage der Dinge, sondern wegen seiner Sicht auf die Ereignisse in Stress. Kommt jemand und sagt, so-und-so sagt das-und-das über dich, wissen wir nicht, was die Person tatsächlich gesagt hat. In der Folge haben wir aber mit den durch diese Äußerungen ausgelösten Emotionen zu tun. Das geschieht häufiger im Leben, als wir bemerken. Viele Situationen, in denen wir unter Spannung stehen, sind geprägt von Täuschungen und falschen Annahmen. Dem können wir mit der Entwicklung der richtigen Perspektive begegnen. Mit der richtigen Perspektive gerät man nicht unter Spannung und kann auf der Grundlage der richtigen Erkenntnisse und Einsichten angemessen handeln.

Acharya Tulsi sagte bis zu seinem letzten Atemzug: „Ich weiß gar nicht, was Anspannung ist.“ Ein Mann von 83 Jahren war in seinem ganzen Leben noch nie angespannt! Das kann zweierlei heißen, entweder hat er sein Leben nicht voll gelebt oder er kennt ein Geheimnis. Dieses Geheimnis müssen wir entdecken. Wer seine Affekte im Zaum halten kann, spannt sich nicht an. In der Preksha Meditation wird empfohlen, die Emotionen zu meistern, indem man darauf achtet, dass sie nicht herausgefordert werden. Das ist adäquate spirituelle Praxis (Sadhana).

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