Meditieren - warum? ► 03 ► Mentale Gesundheit & Preksha Meditation (3)

Verfasst: 05.12.2012

Viele Zustände des Geistes sind in der Jain Literatur beschrieben worden, darunter der Zustand des Aufruhrs, der Verblendung und des Schwankens. Acharya Hemchandra (11. Jahrhundert) hat detailliert über Zustände des Geistes geschrieben, und auch Acharya Tulsi (20. Jahrhundert) hat sie in seinem Buch „Disziplinierung des Geistes“ anschaulich geschildert. Ist der Geist in Aufruhr, gerät er in einen Zustand gefährlicher Unvernunft. Partikel des irreführenden Mohaniya Karma rufen Emotionen hervor, welche den Geist derart heftig bewegen, dass er rastlos umherzuwandern beginnt und pausenlos die Objekte in der Außenwelt nach Gefallen oder Nicht-Gefallen bewertet und einordnet. Der Aufruhr legt sich erst, wenn durch die Meditation ein Ausweg aus diesem Labyrinth gefunden ist.

Meditation ist nicht an sich gut und führt nicht automatisch zur Befreiung. Man unterscheidet zwei Arten von Meditation: Arta-Raudra Meditation und Dharma-Shukla Meditation. Arta-Raudra Meditation führt im Gegensatz zur Dharma-Shukla Meditation weder zur Befreiung aus Verstrickungen, noch ist sie der Gesundheit dienlich. Dharma-Shukla Meditation hingegen fördert sowohl die spirituelle Entwicklung, als auch die körperliche Gesundheit.  

In der Arta Meditation richtet sich die Konzentration auf die Erreichung weltlicher Ziele. In der Raudra Meditation kreist der Geist unentwegt um betrübliche Ereignisse wie den Verlust geliebter Menschen oder katastrophale Lebenssituationen. Die dadurch hervorgerufenen Empfindungen sind Trauer und Schmerz. Auf die Dauer gewinnen diese Empfindungen an Intensität und beeinträchtigen die Gesundheit. Ähnliche Empfindungen entstehen bei der Arta Meditation, wenn man bei der Konzentration auf die Erreichung eines bestimmten Zieles zu einem bestimmten Zweck das Erwünschte nicht in absehbarer Zeit erreicht.

Eine gezielte Konzentrationsübung der Arta Meditation ist „der Kranich“. Der Kranich, wie er auf einem Bein stehend auf seine Beute lauert, ist das Sinnbild dieser Konzentrationsübung. Gegen Konzentration ist nichts einzuwenden, doch ist es wichtig dabei in Betracht zu ziehen, wofür sie angewendet wird. In den Jain Agamas wird ausdrücklich vor der Arta Meditation gewarnt. In der Tradition der Jain Meditation ist das Motiv für die Konzentration ebenso wichtig wie die Konzentration selbst. Deshalb sagen wir, dass Meditation nicht an sich gut ist, sondern nur dann eine aufbauende und gesundheitsfördernde Wirkung hat, wenn unsere Motive rein sind.

Arta-Raudra Meditation bezieht sich auf Ereignisse der Außenwelt, Dharma-Shukla Meditation konzentriert sich auf die innere Transformation. Der Umgang mit Erkrankungen und Leiden ist eine Kunst. Während eines Preksha Meditation Camps bat ich die Teilnehmer, sich mit Alter, Krankheit und Tod anzufreunden. Wem es gelingt, sich mit ihnen anzufreunden, den quälen sie nicht. Wer sie hasst, den drangsalieren sie. Acharya Tulsi hatte starke Atembeschwerden, aber keine großen Schmerzen. Er sagte, er habe ein Abkommen mit den Atembeschwerden getroffen: „Ich beklage mich nicht über sie, und sie belasten mich dafür nicht ständig.“ Sie quälten ihn tatsächlich nur selten. Freundschaft mit Widrigkeiten zu schließen, ist Dharma Meditation.

Auf die Dauer bewirkt Arta Meditation mentale Erkrankungen aufgrund der negativen Emotionen, die durch sie generiert werden. In der Dharma Meditation hingegen konzentriert man sich auf die Höhere Wirklichkeit, was die innere Befindlichkeit so anhebt, dass positive Emotionen generiert werden, welche die Gesundheit in jeder Hinsicht stärken. Neben den durch äußere Umstände ausgelösten Ursachen für mentale Erkrankungen gibt es auch die inneren. Innere Ursachen für mentale Erkrankungen sind Begierden, Zorn, Angst. Sie werden in den Agamas und der ayurvedischen Literatur genau beschrieben. Auch in der medizinischen Wissenschaft sind diese Tatsachen wohl bekannt. Jeder Mensch hat Begierden in sich, doch wenn sie sich sehr stark in ihm ausprägen können, ist er anfällig für mentale Erkrankungen. Unser Gehirn ist so organisiert, dass zwei Nervensysteme, das sympathische und das parasympathische, Hand in Hand arbeiten. Eines ist für Aktivität, das andere für Ruhe zuständig, beide arbeiten zusammen, damit keine Überreaktionen ausgelöst werden. Niemand weiß, welche physischen und mentalen Erkrankungen sich ohne die Zusammenarbeit der beiden Nervensysteme noch entwickeln können.

Beim Verlust geliebter Menschen ist jeder unglücklich und traurig. Im Ayurveda heißt es, dass uneingeschränkte Begierden, uneingeschränktes Unglück und uneingeschränkte Angst den Vatastrom [Wind, Luft und Äther] im Körper umlenken und das zu Erkrankungen führt. Emotionen und Begierden sollten nicht von eindringlicher Stärke sein. In der Preksha Meditation gehen wir nach innen, um schrittweise unsere Emotionen und Begierden zur Kenntnis zu nehmen. Doch der wahre Erfolg der Preksha Meditation ist nicht nur die zunehmende Einsicht in unsere Emotionen und Begierden, sondern auch, sie meistern zu lernen.

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