Jainismus und die Tempel von Mount Abu und Ranakpur ► Eine kurze Geschichte des Jainismus

Verfasst: 22.11.2012

Kurze Charakterisierung

Man könnte den Jainismus charakterisieren als eine auf den Menschen konzentrierte Erlösungsreligion, vielleicht nicht atheistisch, sondern eher transtheistisch. Er legt eine besondere Wertschätzung auf die Ethik des Einzelnen und verkörpert eine spiritualistische, weltverneinende Tendenz. In seiner Gesamtheit weist er alle charakteristischen Merkmale indischer Religionen auf, da die Lehre vom karma, der Wiedergeburt und Erlösung im Vordergrund stehen. Auch die Vorstellungen von Höllen, Götter- und Menschenwelt, vom periodischen Verlauf der Weltgeschichte und dem regelmäßigen Auftreten von Heilsverkündern stehen Buddhismus und Hinduismus ausgesprochen nahe.

 

Shvetambaras und Digambaras

Durch den größeren Rigorismus Mahaviras im Gegensatz zu Parshva entwickelten sich rasch zwei (Mönchs-) Schulen, die im Wesentlichen bis heute die Entwicklung des Jainismus bestimmen: die Shvetambaras (Weißbekleideten), benannt nach der Farbe ihrer Ordensgewänder und die Digambaras (Luftbekleideten), die auf jede Art von Kleidung verzichteten.

 

Ajivikas

Ein Schüler Mahaviras, Maskarin Gosala, lehnte später dessen Lehre ab und vertrat seinerseits einen rigorosen Fatalismus, bei dem jede menschliche Anstrengung unnütz sei, jedes Lebewesen einen Kreislauf von 8.400.000 Äonen durchlaufen müsse und dann ohne jede eigene Anstrengung spontan erlöst werde.

Er ist also insofern interessant, als er die ansonsten gesamtindische Lehre vom karma zurückwies. Buddha, der Mahavira nicht erwähnt hat, bezeichnete Maskarin Gosala als seinen gefährlichsten Konkurrenten; die Lehre von der "Fatalität" sah er als geradezu kriminell an. Insgesamt blieben die Ajivikas eine kurze Episode in der Religionsgeschichte Indiens.

 

Kanon

Ein erster jainistischer Kanon ist wohl erst im 4. oder 3. vorchristlichen Jahrhundert entstanden, aber einige Passagen mögen älter sein und tatsächlich Worte Mahaviras wiedergeben. Als Urheber dieser verbindlichen Texte gilt sein Schüler Sudharman, der seinem eigenen Schüler Jambusvamin auf dessen Fragen hin die Texte diktiert. Charakteristisch für sie ist, dass das Gedankengebäude Mahaviras offensichtlich von der Zahl und von Klassifikationen bestimmt wurde: so nennt er die drei Arten des Bewusstseins, die fünf Arten des rechten Bewusstseins, die sieben Prinzipien oder Kategorien, die fünf Arten von Körpern, die sechs Farbtöne oder Schattierungen, die acht Arten "karmischer" Materie usw. Predigten und erste Schriften wurden in Ardhamagadhi verfasst, einer Umgangssprache, die im betreffenden geographischen Rahmen allen zugänglich war.

 

Bhadrabahu und die Ausdehnung der Lehre nach Süden

In Europa hörte man erstmals durch die Soldaten Alexanders des Großen, die sich erstaunt über die "Gymnosophoi" (nackte Philosophen) äußerten, von den Jainas.

Offenbar inspiriert durch Alexander begründete wenige Jahre später Candragupta das erste Großreich auf indischem Boden, das Maurya-Reich. Sein Lehrer und geistiger Mentor war Bhadrabahu, der den König später auch dazu bewogen haben soll, der Herrschaft zu entsagen und mit ihm zusammen in Shravana Belgola den Fastentod zu sterben. Dies mag eine Legende sein, da die Jainas grundsätzlich dazu neigen, berühmte Könige zu Anhängern ihrer Lehre zu erklären.

Aber die historische Bedeutung Bhadrabahus ist trotzdem unbestritten; unter seiner Leitung fand Ende des 4.Jahrhunderts das erste Konzil der Jainas in Pataliputra statt, bei dem erstmalig der Kanon zusammengestellt wurde. Als im Land eine große Hungersnot ausbrach, führte er die Gemeinde nach Süden und rettete sie damit vielleicht vor der Vernichtung. Seit dieser Zeit spielt Mysore eine besondere Rolle in der Entwicklung der Religion, seit dieser Zeit entwickeln sich erst Shvetambaras (Weiße) und Digambaras (Nackte) wirklich auseinander, da sich die jetzt mehr isolierten Gemeinden konservativer an ihre Traditionen klammerten. Der Dekkhan blieb das Land der Digambaras, auch nachdem sie im Norden durch den Islam vertrieben worden waren. Bis heute ziehen die Jaina-Riesenstandbilder des Südens, am bekanntesten das von Shravana Belgola (983 n.Chr.) Pilger und Touristen gleichermaßen an.

Ausbreitung nach Osten und Westen: Bereits im 2. Jahrhundert v.Chr. muss der Jainismus in Orissa populär gewesen sein, wie die Inschriften des Königs Kharavela von Kaiinga (168-153 v.Chr.) in Udayagiri zeigen.

Aber zur wichtigsten Landschaft für die Jainas entwickelte sich der Westen, insbesondere Gujarat; hier liegen die Heiligen Berge Girnar und Shatrunjaya, hier fand in Valabhi ca. 5üO n.Chr. das zweite große Konzil statt, auf dem der Shvetambara-Kanon, der agama, endgültig fixiert wurde. Aufgeteilt in elf angas (der zwölfte ging verloren) und zwölf upangas enthält er Legenden, Texte zur Erkenntnislehre, kosmologische Darstellungen und Vorschriften für die Lebensführung. Für den Westler erscheinen diese Texte oft wegen ihrer Formalität kaum leserlich, aber dahinter verbirgt sich ein reichhaltiger Schatz an Erzähl-Tradition und kunstvoller Metrik.

Weitere Absonderung von den Digambaras: Allerdings hat diese Fixierung des agama auch zu einer größeren Trennung zwischen den beiden Schulen geführt, da der Kanon für die Digambaras kaum eine Rolle spielt, sie sich vielmehr auf die Autorität ihrer Kirchenväter berufen.

 

Die weitere Geschichte der Digambaras

In der ersten Hälfte des 1. Jahrtausends haben die Digambaras zweifellos noch eine große Rolle gespielt, da sie in fünf gacchas (Diözesen) aufgegliedert waren. Aber im Norden schwand ihr Einfluss immer mehr. Zunächst wurden sie vom Buddhismus, der in ihrem Ursprungsland Magadha so viele viharas (Klöster) errichtet hatte, dass man das Land danach

Bihar benannte, im Nordosten verdrängt. Der Islam schließlich, der seit dem 13. Jahrhundert den Norden beherrschte, beendete hier den Wirkungskreis der "Nackten", da er aus religiösen Gründen das Unbekleidetsein nicht akzeptieren konnte.

Im Süden übte seit dem frühen Mittelalter ein wiedererstarkter Hinduismus einen großen Druck auf die Jaina-Gemeinde aus. Zeitweilig zerstörten die Pallava- und Cholakönige ihre Tempel, zeitweilig wurden sie gezwungen, vor ihren eigentlichen Zeremonien nach shivaitischem Ritus Betel und Asche darzubringen. Die wachsende Macht der Hindus führte dazu, dass man, um überleben zu können, mehr und mehr hinduistische Götter in die Jainatexte und -tempel aufnahm. So schmolz ihre Zahl im Laufe der Jahrhunderte durch Zwangsbekehrungen und Übertritte mehr und mehr dahin; allmählich wurden sie zu einer unbedeutenden Minderheit.

 

Die weitere Geschichte der Shvetambaras

Im Gegensatz dazu erlebten die "Weißgekleideten" seit dem 7./8. Jahrhundert einen starken Aufschwung. Auch sie begannen sich jetzt in "Diözesen" zu gliedern. Zur Kernlandschaft der Jainas entwickelte sich immer mehr Gujarat, da es ihnen hier wiederholt gelang, mächtige Könige als Schirmherren zu gewinnen. Eine besondere Förderung erfuhren sie unter den Chalukya-(Solanki-) Königen, die selbst als Stifter von Tempeln in Erscheinung traten und oft Jainas als Minister beschäftigten. So konnte unter Bhima I. (1022-1064) sein Minister Vimala Shah den nach ihm benannten Tempel auf dem Mount Abu errichten.

Ihre größte Blüte erlebten die Jainas Gujarats und Rajasthans im 11. und 12. Jahrhundert, als ihr bedeutendster Schriftsteller, Hemacandra, dort wirkte. Er verfasste eine Heilslehre, ein Buch über Regierungskunst aus Jaina-Sicht, ein Epos der Chalukya-Dynastie, eine Grammatik und vieles mehr. Seinen Zeitgenossen erschienen seine Fähigkeiten als übernatürlich und magisch: so soll er seinem Herrscher beim Einfall gegnerischer Kräfte geweissagt haben, dass die Jaina-Schutzgöttinnen das Land bewahren werden; und tatsächlich sei der feindliche König bei einem Nachtmarsch mit der Halskette an einem Baum hängengeblieben und erstickt.

König Kumarapala (1143-1172) ließ sich schließlich von Hemacandra zum Jainismus bekehren und verwandelte das Reich in einen Jaina-Musterstaat, in dem Schlachtungen verboten waren und die Brahmanen ihre Tieropfer durch Getreideopfer ersetzen mussten. In genialer Weise verstand es Hemacandra, bei Konfliktsituationen zwischen Königspflicht und religiösen Vorstellungen auszugleichen. Eine solche Szene hat er selbst im Prabandhakosha beschrieben:

"Kurze Zeit, nachdem Kumarapala die Schonung der lebenden Wesen angeordnet hatte, kam die lichte Hälfte des Monats Ashvina herbei. Da ließen die Priester der Kanteshvari und der übrigen Göttinnen den König wissen: "Herr, am siebenten Tage muss der König, nach dem Brauche der Vorfahren den Göttinnen 700 Ziegen und 7 Büffel geben, am 8. 800 Ziegen und 8 Büffel, am 9. aber 900 Ziegen und 9 Büffel."

Auf Rat des Hemacandra versprach der König das Opfer, ließ die Tiere nachts in den Tempel treiben und sie bei verschlossenen Türen von verlässlichen Rajputen bewachen. Morgens öffnete man den Tempel und der König eröffnete den Priestern beim Anblick der friedlich ruhenden Tiere:

"Priester, diese Tiere habe ich den Göttinnen gegeben. Wenn die an ihnen Gefallen gefunden hätten, so würden sie dieselben verzehrt haben. Sie sind aber nicht verzehrt. Deshalb finden die Göttinnen keinen Gefallen an Fleisch. Ihr aber liebt es. Darum seid ganz still; ich werde nicht erlauben, dass lebende Wesen getötet werden." Die Priester ließen die Köpfe hängen. Der König ließ aber den Göttinnen Speiseopfer geben, die ebensoviel wert waren als die Ziegen."

Danach verlief die Geschichte der Shvetambara-Jainas im Nordwesten äußerst wechselhaft. Unter der Vaghela-Dynastie im 13. Jahrhundert wurden die Ministerbrüder Tejahpala und Vastupala zu den größten Bauherren der indischen Kunstgeschichte, u.a. erbauten sie den Luna Vasahi-Tempel auf dem Abu. Aber die muslimische

Bedrohung brachte Rückschläge: man war gezwungen, Bibliotheken in geheimen Gewölben unterzubringen und Scheinarchitekturen zur Irreführung zu erbauen. Und natürlich passte man sich auch hier mehr und mehr der hinduistischen Mehrheit an, übernahm ihre Götter und Teile des Rituals. Hindu-Pujaris wurden in den Tempeln angestellt, damit an den Einnahmen beteiligt und so als Fürsprecher gewonnen. Aber mit dieser Anpassung schaffte man es, sich in bessere Zeiten hinüberzuretten.

Eine massive Förderung genossen die Jainas wieder im 15. Jahrhundert in Mewar unter der Sisodia-Dynastie, wovon höchst nachdrücklich der Tempel von Ranakpur zeugt.

Die Moguln schließlich erwiesen sich seit dem religionstoleranten Akbar durchweg den Jainas als freundlich, so dass diese seit dem 16. Jahrhundert keine Verfolgung mehr erfahren haben. Ihre heiligen Stätten wurden durch den Staat geschützt, das Schlachten von Tieren in der Umgebung verboten.

 

Die Sthanakavasis

Aber das jetzt durchgängig freundliche Verhältnis zwischen Muslimen und Jainas führte auch zur Beeinflussung: angeregt von der Bilderfeindlichkeit des Islam wurde Mitte des 17. Jahrhunderts der Reformorden der Sthanakavasis begründet, die keine Idole oder Tempel verwenden, auf Pilgerfahrten verzichten und allgemein eine erneuerte Zucht und Moral anstrebten. An Zahl heute den Digambaras und Shvetambaras nahezu gleich könnte man sie mittlerweile als dritte Kirche der Jainas bezeichnen.

Die englische Herrschaft brachte einen allgemeinen Wohlstand, der insbesondere auch den traditionell wohlhabenden Kaufmannsschichten der Jainas zugute kam. Dennoch sanken bis Anfang dieses Jahrhunderts die Mitgliederzahlen der Gemeinden beständig, was mit der allgemeinen Hinduisierung der Laien zusammenhing. Man hatte so viele Anschauungen, Riten und Feste von den Hindus übernommen, verehrte teilweise dieselben Götter, dass sich die Grenzen zwischen den Religionen zu sehr verwischt hatten. 1921 zählte man in Indien nur noch 1,18 Millionen Jainas.

 

Renaissance

Aber wie auch bei den Hindus begann bereits im späten 19. Jahrhundert ein allgemeines Wiedererwachen. Man begann zunächst damit, die einfachen Massen durch Verfassen oder Übersetzung vieler religiöser Werke in die Volkssprachen Gujarati oder Hindi anzuziehen, hielt erste Jaina-Literatur-Konferenzen ab.

Um die Jahrhundertwende begannen sich die Kirchen erstmalig organisiert mit einem Zentralsitz zusammenzuschließen: 1893 begannen die Digambaras mit Sitz in Khurai in Zentralindien, es folgten 1903 die Shvetambaras mit Sitz in Bombay und schließlich 1906 die Sthanakavasis in Ajmer. Das ermöglichte erstmals, eigene Jaina-Schulen und Institute zu unterhalten, eigene Schriftenreihen und Bücher zu veröffentlichen und soziale Institutionen wie Witwen- oder Waisenhäuser zu begründen.

Im kleineren Rahmen folgten private Gesellschaften diesem Vorbild, die sich zum Beispiel des Tierschutzes oder der Frauenfrage bei den Jainas annehmen. All dies führte zu einem gewaltigen geistigen wie auch quantitativen Aufschwung, dessen Ende noch nicht abzusehen ist.

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