Jainismus und die Tempel von Mount Abu und Ranakpur ► Glaubensvorstellungen und Seelenbegriff

Verfasst: 21.11.2012

Unterschiedlicher Gottesbegriff

In der westlichen Gedankenwelt ist mit dem Begriff Religion unabdingbar die Vorstellung eines Höchsten Gottes verbunden, durch den oder aus dem heraus diese Welt einmal ihren Anfang genommen hat. Anders bei den Jainas: da ihr Universum schon immer existierte und niemals ein Ende finden wird, gibt es darin keinen Platz für einen Schöpfergott. Zwar wird auch ihr Pantheon von unzähligen himmlischen Wesen bevölkert, darunter der ganzen Palette hinduistischer Gottheiten, doch stellen diese lediglich Überwesen nach menschlichem Vorbild dar. Sie haben sich durch gute Taten in einem früheren Leben ein Gottesdasein verdient, sind mit besonderen Fähigkeiten und einem langen Dasein ausgestattet, doch unterliegen sie weiterhin Tod und Wiedergeburt. Gegenüber den Menschen verzeichnen sie sogar den ganz entscheidenden Nachteil, dass Götter nicht erlösungsfähig sind. Damit entfällt allerdings für den Menschen die bequeme Möglichkeit eines göttlichen Gnadenakts, er muss sich seinen Weg zur Erlösung durch eigene Leistung bahnen.

Trotzdem würden sich Jainas nicht als atheistisch bezeichnen, denn sie verehren das Überweltlich-Erhabene im idealen Zustand der erlösten Seelen, also in dem, was sie für sich selbst als Ziel anstreben.

 

Die Seelen oder geistigen Substanzen

Die Welt kommt also nicht durch einen Schöpfungsakt zustande, sondern durch ein Zusammenwirken der ewigen geistigen und ungeistigen Substanzen. Es handelt sich bei dieser Vorstellung um den klassischen Dualismus von Geist und Materie. Mt geistigen Substanzen meint man die Seelen aller Lebewesen, angefangen bei Pflanzen, Tieren bis hin zu den ganz mikroskopisch kleinen, Höllenwesen, Menschen und Götter, denn die Jainas denken sich den ganzen Kosmos als belebt und beseelt. Diese animistischen Vorstellungen sind ebenfalls ein Beweis für das hohe Alter dieser Religion.

Alle diese Seelen sind voneinander unabhängig und stellen jede für sich eine ungeschaffene und unzerstörbare Einheit dar, so dass ihre Gesamtsumme immer gleich bleibt. Wenn sie nicht an die Materie gebunden wären, würden sie sich im Zustand der absoluten Seligkeit, Allwissenheit und unbegrenzten Energie befinden.

 

Die ungeistigen Substanzen

Im Zusammenwirken mit den Seelen lassen die ungeistigen, also materiellen Substanzen, die empirisch erfahrbare Welt entstehen. Es sind insgesamt fünf, doch würde ein westlich orientierter Mensch die meisten den Medien oder Dimensionen zurechnen wie den Raum, die Zeit, die Bewegung und die Ruhe. Die wichtigste Rolle spielt die Materie, deren Grundform man sich unendlich klein wie eine Art Atom vorstellt, das sich zusammenziehen und ausdehnen kann, mit anderen sich zu Aggregaten verbinden kann, die verschiedensten Farben, Formen und Gerüche annehmen kann und dadurch imstande ist, die vielfältigsten Phänomene hervorzubringen.

Unter den vielen Eigenschaften der Materie ragt die Fähigkeit hervor, in die Seele einzudringen und dort entscheidende Veränderungen herbeizuführen. Sie verdunkelt und umhüllt die Seele, die man sich ansonsten kristallklar vorstellt. Damit verliert die Seele ihre hervorragendsten Merkmale: statt Allwissenheit besitzt sie nur noch geringe Erkenntnisfähigkeit, anstelle der Seligkeit tritt das Leid, das von vergänglichen Leibern, Trieben und Leidenschaften charakterisiert wird.

Das karma: Bei jeder Handlung eines Lebewesens treten feine stoffliche Partikel in die Seele ein und können dort zu karma werden, jener in der ganzen indischen Welt anerkannten Substanz, die für die Reihenfolge und Qualität unserer Wiedergeburten verantwortlich zeichnet. Das stellt man sich ganz bildlich vor wie das Eindringen einer farbigen Flüssigkeit in durchsichtiges, kristallklares Wasser.

Diese Vorstellung des karma als einer aus feinsten Partikeln bestehenden Materieform unterscheidet die Jainas von den Buddhisten, die karma nur immateriell interpretieren und setzt eine auf jeden Fall ältere Gedankenwelt voraus.

Zwar übt die Seele ihrerseits eine Anziehungskraft auf die Stoffpartikel aus, andererseits aber ist das eigentliche Bindemittel für die Haftung die Leidenschaft, d.h. bei einer Tat, die ohne Affekte oder zumindest Intentionen begangen wird, rutschen die Partikel von der Seele ab wie Sandkörner von einer glatten Schräge.

Alle Leidenschaften haben ihre letztendliche Ursache im Durst der Seele nach Existenz, einem Durst, der in den alten Texten oft mit einer Schlingpflanze verglichen wird, die in der Seele wuchert. Wie man diesen Lebenstrieb bekämpfen kann, beschreibt der Schüler Mahaviras, Gautama dem Asketen Keshin in einem Gedicht des berühmten Uttaradhyayana-Textes:

"Innen im Herzen befindet sich eine Liane, die dort entstanden ist, Goyama, die trägt giftige Speise als Frucht. Wie hast du die aber ausgerissen?" "Nachdem ich die Liane ganz und gar abgeschnitten, sie ausgerissen habe mit der Wurzel, wandere ich nach dem Brauch als Asket umher, frei bin ich von der Giftspeise." "Was aber nennst du die Liane?" So fragte Kesi den Goyama. Zu Kesi aber, der so sprach, sagte Goyama folgendes: "Der Durst nach dem Dasein wird 'die Liane' genannt, schrecklich, schreckliche Früchte tragend. Nachdem ich die herausgerissen habe, nach dem Brauch wandere ich nun als Asket, großer Weiser!"[1]

Das karma kann, je nach der moralischen Qualität und der Leidenschaft einer Handlung sehr unterschiedliche Charakteristiken aufweisen. Die zahlenbesessenen und immer zur Systematisierung neigenden Jainas listen insgesamt 148 Spielarten auf, die das Lebewesen entsprechend unterschiedlich beeinflussen. Größtenteils baut es sich noch zu Lebzeiten ab und äußert sich dann in Effekten auf das gegenwärtige Leben: so kann es glaubens- oder wissensverhüllende Auswirkungen haben, kann Unlust, Zorn und Trauer hervorrufen, die soziale Stellung beeinträchtigen oder positive Gelegenheiten im Leben verhindern. Da aber das auf diese Weise verzehrte karma ohne Unterlass neu aufgefüllt wird, bleibt im Normalfall der Vorrat groß genug, um die Rechnung nicht ausgeglichen sein zu lassen und damit eine neue Wiedergeburt zu erzwingen.

Die Prägung der Seele durch das karma lässt sich auch farblich darstellen: je niedriger die Beweggründe für eine Handlung sind, desto dunkler wird der Karmastoff die Seele tönen. So bedeuten grausame Aktionen den Zufluss schwarzer Partikel, Aktionen aus Geiz oder Sinnlichkeit bringen dunkle Elemente, bei Unbeherrschtheit oder Unbedachtheit entstehen graue Farbtöne, frommes und großmütiges Handeln lässt es rot einfließen, Mitleid und Uneigennutz äußern sich gelb und nur Leidenschaftslosigkeit führt zum weißen Erscheinungsbild.

Die oben angeführten Beispiele machen deutlich, dass positives Handeln zwar die Seele hell färbt, aber auch das reicht zur Verschleierung der natürlichen Fähigkeiten der Seele aus. Mit einem positiven Leben kann man so eine gute oder bessere Wiedergeburt erreichen, aber niemals die erlösende Erkenntnis. Um zu dieser zu gelangen, müsste der Vorrat an vorhandenem karma total abgebaut und der Zufluss von neuem systematisch unterbunden werden.

 

Pessimistische Sicht des Lebens und der materiellen Welt

Nur vollständige Vernichtung des karma kann aus dem ewigen Kreislauf des Werdens und Vergehens herausführen. Dies aber ist für die Jainas unbedingt notwendig, da sie in ihrer vollständig pessimistischen Sichtweise des Lebens alles Körperliche, jegliche Existenz der Seele in einem Körper als Leid und als negativ ansehen.

Wie weit diese dem Europäer unverständliche Sichtweise gehen kann, mag ein kleiner Auszug aus dem Avashyaka-Curni verdeutlichen, in dem König Pundariya seinem Bruder Kandariya das Elend menschlicher Existenz beschreibt:

"Denn die menschliche Existenz ist zahlreichen Übeln unterworfen, bestehend in den hundert Widerwärtigkeiten von Geburt, Alter, Tod, Krankheit, Schmerz, körperlichen und seelischen Empfindungen von Lust und Leid. Sie ist unsicher, ohne Bestand, ohne Dauer. Dem Rot einer Wolke in der Dämmerung gleich, einer Wasserblase entsprechend, einem an der Spitze eines Kusha-Grashalmes hängenden Wassertropfen ähnlich, einer Traumerscheinung vergleichbar, unstet wie die Ranke eines Blitzes, unbeständig, hat sie die Natur des Faulens, Fallens und Vergehens und muss früher oder später unweigerlich verlassen werden.

Ebenso auch der menschliche Körper: Ein Gehäuse des Leides, Träger von hundert verschiedenen Gebrechen, ist er mit dem Holz der Knochen aufgerichtet und mit dem Netz der Adern und Sehnen umwunden und umbunden. Wie ein Gefäß aus Ton zerbrechlich, ist er mit Unreinheit befleckt. Obwohl man ihn nicht liebt, muss man ihn dauernd stärken. Vom Alter zernagt wie ein baufälliges Haus hat er die Natur des Faulens, Fallens und Vergehens und wird früher oder später unweigerlich zu verlassen sein.

Und auch die menschlichen Liebesgenüsse: Unrein und ohne Dauer, ein Gebräu aus Erbrochenem sowie aus Galle, Schleim, Samen und Blut, lassen sie Kot und Urin, Schleim und Rotz, Erbrochenes, Galle, Eiter, Samen und Blut entstehen. Voll von unappetitlich stinkendem, eitrigem Dreck, den Geruch von Toten ausdünstend, jagen sie Angst ein vor dem Einatmen von Unreinem und erregen Ekel. Von kurzer Dauer und gering, schmutzig, leidvoll, vielen Leuten gemein, führen sie zu Befleckung Jammer und Leid. Von unweisen Leuten gepflegt, sind sie von den Guten stets zu verachten. Sie verlängern den endlosen Wesenskreislauf und bringen beißend scharfe Früchte des Karman zur Reife. Wie ein Feuerbrand ziehen sie Leid nach sich, wenn man sie nicht loslässt, und sie verhindern das Eingehen in die Erlösung. Früher oder später werden sie unweigerlich zu verlassen sein." [2]

So drastisch dieser Text sein mag, so kann er doch die absolut lebensverneinende Grundeinstellung der Jainas bestens veranschaulichen. Man taumelt auf dieser Erde durch eine Welt flüchtiger Freuden, trügerischer oder verderblicher Begierden und schlimmster Qualen, nur um als Ergebnis zu einer Wanderung von Dasein zu Dasein ohne Ende verurteilt zu sein. Und all dies ohne die den anderen Religionen so vertraute und tröstende Vorstellung der Gnade eines wohlwollenden Gottes.

Es ist faszinierend, dass eine solche Religion bis heute überdauern konnte und außerdem in einem klassisch-dialektischen Widerspruch einige der schönsten Bauwerke der Weltarchitektur schaffen konnte.

 

Die Erlösung

In 14 Stufen können die Jainas beschreiben, in welchem Zustand sich der Träger einer Seele gerade befindet. Aber dabei handelt es sich natürlich um eine rein theoretische Stufenfolge, da man ja jederzeit auch wieder absinken kann. In dem Moment, da die Tilgung des karma total gelingt, wird die von allem Materiellen befreite Seele schwerelos emporsteigen zum Gipfel des Universums. Die Wege dazu werden in dem Kapitel über den sangha (Gemeinschaft der Gläubigen) beschrieben.

 

Das Universum

Es würde in diesem Rahmen zu weit führen, eine Beschreibung des Kosmos aus jainistischer Sicht zu geben, da die religiösen Theoretiker ein unendlich kompliziertes Gedankenkonstrukt aus Zahlen und Formen errichtet haben. Man denkt sich die Welt in Schichten übereinander gestaffelt, zuunterst sieben Höllenregionen, dann die durch den Weltberg Meru und einen kreisrunden Kontinent zentrierte Menschenwelt, die von Ringen aus Meeren und Kontinenten umgeben wird. Über dem gestirnten Himmel folgen die Etagen der Götterwelt und erst darüber die Region der Vollendeten, in die die befreite Seele hineinschießt. Man könnte das ganze System einem Menschenleib einbeschreiben, bei dem die Schädelwölbung dann jener Kuppel des Alls entsprechen würde, über die es nicht mehr hinausgeht und die den Sammelpunkt der Seelen markiert.

 

Die Vollendeten

In dieser höchsten Sphäre befinden sich die Vollendeten dann in allergrößter Glückseligkeit und kommunizieren miteinander in einer rein spirituellen, sogar göttlich gedachten Gemeinschaft.

Natürlich gehören die 24 Tirthankaras in der Vorstellung der Jainas zu diesen Erlösten und genießen als solche hohe Verehrung. Ihre Standbilder finden wir in jedem Tempel. Aber auch hier muss man wieder vorsichtig mit der europäischen Sichtweise umgehen: Tirthankaras werden nicht wie westliche Götter, Heilige oder Nothelfer angefleht, da sie keinen Einfluss mehr auf das Geschick der Menschen nehmen. Sie dienen vielmehr der Menschheit nur als Beispiele für den notwendig langen und mühseligen Weg zur geistigen Freiheit. Insofern stellt die Verehrung eines Tirthankara den Wunsch und die Verpflichtung dar, ihm nachzueifern und gilt deshalb als löblich, beinhaltet aber nicht den Wunsch nach Hilfeleistung oder Eingreifen des Erlösten.

 


  

 

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Fußnoten:
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[2]
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