Jainismus und die Tempel von Mount Abu und Ranakpur ► Der Jainismus

Verfasst: 17.11.2012

Jahr für Jahr besuchen unzählige Touristen die Jaina-Tempel von Mount Abu und Ranakpur. Zwei Reaktionen sind ihnen allen gemeinsam: Fassungsloses, fast ehrfürchtiges Staunen über diese Wunderwerke kunsthandwerklicher Präzision und auf der anderen Seite Unmut und Unverständnis über das Fotografierverbot in Abu. Dem verständlichen Wunsch, der Schönheit der Anlagen mit entsprechenden Aufnahmen gerecht zu werden und diese auch “nach Hause tragen zu können”, versucht dieser Band mit den bestechenden Fotos von Thomas Dix nachzukommen. Angestellte des Tempels von Ranakpur haben dem Fotografen, einem der besten Kenner indischer Architektur, bestätigt, dass er mit seinen Bildern “den Tempel neu erschaffen habe”.

Überall in Rajasthan werden Reisende mit Jaina-Tempeln konfrontiert, so in Jaisalmer, Osian, Mount Abu und Ranakpur. Der Vielfalt besuchter Kultstätten steht aber eine relativ geringe Menge verfügbarer Information gegenüber. Das liegt zum einen daran, dass dem Jainismus in herkömmlichen Rajasthan-Führern relativ wenig Raum gewährt wird, zum anderen daran, dass er unter allen indischen Religionen dem westlichen Menschen am schwersten zugänglich ist. Dieser musste bei der Vorbereitung seiner Reise schon so viel Konzentration auf den Hinduismus verwenden, vielleicht auch auf den Buddhismus, dass ihm die religiösen Vorstellungen der Jainas häufig recht diffus bleiben. Meist erhält sich nur der visuelle Eindruck ihres grandiosen Kunstschaffens. Dieser Informationslücke möchte der einleitende Text abhelfen. Er will Gelegenheit bieten, sich mit einer der faszinierendsten und ältesten Religionen Indiens auf leicht verständliche Weise vertraut zu machen, etwas über die jainistische Gesellschaft zu erfahren und ihre Kunst in den religiösen Kontext einzuordnen.

Die Gemeinschaft der Jainas ist an indischen Maßstäben gemessen verhältnismäßig klein; sie mag heutzutage etwa sieben Millionen Anhänger zählen. Umso mehr überrascht die Vielzahl ihrer Tempel, die in keinem Verhältnis zur Zahl der Gläubigen steht. Aber dies ist nur einer der vielen Widersprüche, die die Jaina-Religion durchziehen: so predigt sie völligen Verzicht und Abkehr von der Welt, aber ihre Mitglieder sind aufgrund ihrer traditionell gewählten Berufe selten arm; die Digambara-Richtung fordert die völlige Nacktheit der Mönche, aber gleichzeitig sind die Tempel ungeheuer überladen.

Vielleicht wird der westliche Leser diese Widersprüche auch nach der Lektüre des Buches nicht auflösen können. Er mag sich dann mit der Jaina-Parabel von den Blinden und dem Elefanten trösten, die uns darüber informiert, auf wie viele Weisen man einen Elefanten beschreiben und definieren kann, je nachdem, welches Körperteil von ihm man berührt. Aber es wäre schon ein schöner Erfolg dieses Buches, wenn man nach dem Lesen das Gefühl hätte, jetzt einem Jaina gegenüber zumindest sinnvolle Fragen zu seiner Religion stellen zu können.

 

http://de.herenow4u.net/fileadmin/cms/Buecher/Jainismus-Tempel_von_Mount_Abu_und_Ranakpur/Exquisitely_elaborated_ceiling_in_Vimala_Vasahi_Temple__Mount_Abu.jpg
Deckengewölbe
  Vimala Vasahi Temple, Mount Abu

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