Jainismus und die Tempel von Mount Abu und Ranakpur ► Die Jainas als Gemeinschaft heute

Verfasst: 23.11.2012

Der Sangha

Bei den Jainas besteht die Gemeinschaft der Gläubigen aus Ordinierten (Mönchen und Nonnen) und aus der großen Schar der Laien. Seit jeher besteht ein enger Zusammenhang zwischen diesen beiden Gruppen, so übt die Laiengemeinde in Gujarat und Rajasthan per Gewohnheitsrecht die Aufsicht aus über Auswahl, Ausbildung und Lebenswandel der Asketen. Man wacht sehr streng über deren Moral und tendiert bereits bei relativ kleineren Anlässen dazu, sie aus dem Stand der Ordinierten auszuschließen. Manchmal untersucht man bei ihnen sogar die früheren Lebensumstände und oft hat es der Exekutivausschuss der Laien verstanden, unwürdige Personen von der Abtswahl auszuschließen. Allerdings erstreckt sich diese Aufsicht nur auf Mönche der eigenen Sekte. Ein bisschen erinnert dieses Verhältnis an die Free Kirk of Scotland.

 

Mönche und Nonnen

Grundsätzlich unterscheidet sich der Mönchsbegriff bei den Jainas von europäischen Vorstellungen. Im Westen bedeutet er Sesshaftigkeit, die den einzelnen an eine bestimmte Gemeinschaft anbindet, die Jainas verbinden ihn dagegen mit immerwährender Wanderung, ohne Anbindung an einen festen Platz.

Ruhendes karma kann nur durch Askese getilgt werden, insofern ist der Mönchsstand der einzige, der Erlösung erlangen kann. Mönche und Nonnen werden damit, so sie ihre Gelübde ernst nehmen, zur Idealgesellschaft, der es nachzueifern gilt und entsprechend hoch geehrt. Da sie zu einem unsteten Wanderleben gezwungen sind, obliegen bestimmte soziale Aufgaben, die man im Westen mit Ordensgemeinschaften verbindet wie Pflege von Krankenhäusern oder Schulen generell den Laien.

Als Voraussetzung für den Eintritt in das Mönchsdasein gilt das Ablegen der "Fünf Großen Gelübde": Schonung alles liebenden, Verpflichtung zur Wahrheit, Nichtaneignung, Keuschheit und Besitzlosigkeit. Dabei bedeutet Nichtaneignung den Verzicht auf alles nicht unbedingt zum Leben Notwendige; das kann so weit gehen, dass ein Mönch nur gekrümmt auf dem Boden schläft, um nicht den gesamten Platz für seinen Körper zu beanspruchen.

Mit Besitzlosigkeit ist eher das Nicht-Haften an Gegenständen, Orten usw. gemeint, deshalb muss sich der Mönch permanent auf Wanderschaft befinden. Ursprünglich schrieb Mahavira ihm nur einen Tag Verweildauer in einem Dorf oder fünf Tage in einer Stadt zu, später wurde diese Regel auf eine Woche und einen Monat erweitert. Deshalb existieren in allen größeren Jaina-Gemeinden Unterkunfts- und Gesellschaftshäuser, die häufig den gesellschaftlichen Mittelpunkt der Gemeinschaft ausmachen. Hier erteilen Mönche und Nonnen Belehrung und versuchen, das sittliche Zusammenleben der Gemeinde zu fördern. Dafür wird ihnen außerordentliche Dankbarkeit und Verehrung erwiesen, z.B. in Form der rituellen Fusswaschung oder der Proskynese. Verpflichtung zur Wahrheit bedeutet eher die Übereinstimmung zwischen Worten und Taten.

Das Leben dieser Wanderasketen ist ausgesprochen hart, da sie auf alle Annehmlichkeiten des Lebens wie ein weiches Lager oder ein Bad verzichten sollen. Ihr Tagesablauf wird durch eine Unterteilung in vier gleiche Teile für Unterricht, Selbststudium, Meditation und Einsammeln der Nahrung genau reglementiert.

Etwa um vier Uhr morgens soll der Mönch aufstehen und nach Verrichtung der Notdurft über die Vergehen der letzten Nacht meditieren. Bei Anbruch der Helligkeit sucht er Körper, Kleidung und Wohnstätte nach Insekten ab, um sie in Sicherheit zu bringen. Anschließend wird unterrichtet und studiert. Nicht vor 10 Uhr begibt er sich auf seinen Almosengang, für den besonders strenge Vorschriften gelten: der Geber darf nicht identisch sein mit dem, der die Herberge gewährt hat, das Essen darf nicht speziell für den Mönch hergestellt worden sein, es darf weder herbeigeholt noch gekauft werden. Nur bei Tageslicht kann die Mahlzeit eingenommen werden, da man sonst kleine Lebewesen mitverschlucken könnte. Um 15 Uhr werden erneut Kleider und Körper nach Tieren abgesucht, in den Herbergen ist kein Licht gestattet, da auch dies Insekten schadet. Nach Einbruch der Dunkelheit muss man sich auf Meditation oder das Rezitieren von mantras beschränken.

Neben dieser Lebensführung legt man oft zusätzliche Gelübde ab, meist das Fasten betreffend, das zu einem vollständigen System ausgebildet worden ist; es reicht vom Verzicht auf bestimmte Speisen bis zur völligen Nahrungsverweigerung. Viele Mönche sind zu wahren Rekordleistungen fähig: so hat es 1923 der Asket Sundarlalji auf 81 Tage Essensverzicht gebracht.

Innerhalb der Mönchsgemeinde kann man vom Muni (Mönch) zum Vacaka (Vorleser), Upadhyaya (Vorleser) und Acarya (Meister) befördert werden; meist wird die entsprechende Zeremonie durch ein großes Fest der Laien gefeiert.

Für einen Mönch war es früher besonders erstrebenswert, sich nach einer 12-jährigen Askese auf einem Berg zu Tode zu hungern. Heute findet das wohl kaum noch statt, aber es ist sehr wohl gebräuchlich, bei unheilbarer Krankheit oder im Angesicht des Todes die Nahrung zu verweigern.

Die Auswahl der Asketen erfolgt durch die Gesamtgemeinde aus Ordinierten und Laien. Nur moralisch w7ürdige und körperlich unversehrte Personen können in den geistlichen Stand aufgenommen werden. Ansonsten kann der Hintritt ab 7 1/2 Jahren erfolgen. Drei Jahre lang verbleibt man auf der Stufe eines Brahmacari, der noch den Haarzopf trägt und nur die Gelübde zur teilweisen Selbstzucht abgelegt hat, anschließend erreicht man die Stufe des Kshullaka, in der man die Verpflichtung zur Ablegung der Gelübde ablegt und die Heiligen Schriften studiert.

Erst mit dem Vollzug des Pravajya-Zeremoniells wird man zum vollordinierten Mönch geweiht; es beinhaltet das Ablegen der Kleidung und die Übergabe der neuen Ausrüstung wie des Dhoti, des Mundtuches, des Almosentopfes, von Feger und Wanderstab. Anschließend werden in einer äußerst schmerzhaften Prozedur die letzten fünf Haarbüschel ausgerissen. Diese sehr langwierige Zeremonie (bis zu einem Monat) ist ausgesprochen prunkvoll und kostspielig. So wird der Kandidat noch einmal "weltlich" mit Juwelen bekleidet und diese anschließend versteigert. Bezahlt wird sie von der Familie des angehenden Mönches oder, falls dies nicht möglich ist, von der gesamten Gemeinde.

Die Ordination stellt für eine Familie eine hohe Ehre dar und sie benutzt die Gelegenheit dazu, sich öffentlich darzustellen. Da Jainas oft sehr reich sind, kann die Berufung einer Person aus einer solchen Familie Anlass zu einem tagelangen Volksfest sein. Gita Mehta hat im ersten Kapitel ihres Buches "Narmada oder Geschichten vom menschlichen Herzen" sehr eindrucksvoll die Ordination des Sohnes eines millionenschweren Juwelenhändlers geschildert: beginnend mit der Lebenskrise des jungen Mannes beschreibt sie die Konflikte in der Familie, als der einzige Sohn entschlossen ist, sich von der Welt zurückzuziehen. Doch an den entscheidenden Tagen wird das Ereignis dennoch dazu benützt, Reichtum und Geltungssucht der Familie darzustellen.

 

Die Laien

Auch für die Nicht-Ordinierten stellt die Schonung alles Lebenden das höchste Prinzip dar. Das hat schon früh dazu geführt, dass Jainas im normalen Leben bestimmte Berufe nicht bekleiden können. Sie stellen keine Soldaten, auch keine Bauern, da die Arbeit mit dem Pflug unweigerlich den Tod kleiner Lebewesen nach sich zieht. Bis vor einiger Zeit konnten sie nicht einmal Medizin studieren, da ihnen Sezieren religiös untersagt war. Insofern ergriffen sie häufig den Beruf als Bankier, Geldverleiher oder Händler, speziell in der Juwelenbranche. Nun kann man heutzutage im Rahmen des modernen Verkehrswesens auch nicht mehr verhindern, Tiere zu gefährden. Aber da hilft den Jainas ihr ausgesprochen pragmatischer Sinn: da sie die Erlösung im Laienstande sowieso nicht erreichen können, überlassen sie die vollkommene Verwirklichung der Gebote gern den Asketen.

Da aber das Leben trotzdem heilig und unverletzlich ist, sind die Jainas aus Prinzip Vegetarier. Zur Verbesserung ihres karma füttern sie Ratten, Schlangen und Ameisen. In Bombay verdient ein Mann sich seinen Lebensunterhalt damit, sich auf einem Bett durch die Straßen tragen zu lassen, als Nahrung für die Wanzen. Für Europäer stellen die Jaina-Tierhospitäler wohl die eigentümlichste Variante dieser Glaubensvorstellung dar. In sie bringt man kranke Tiere, aber auch solche, die man irgendwie vor dem Tode retten konnte, vielleicht durch Kauf auf dem Markt oder direkt vom Schlachter. 1875 zählte man im Tierhospital in Ahmedabad 395 Kühe und Büffel, 4 blinde Kälber, 894 Ziegen, 20 Pferde, 7 Katzen, 2 Affen, 274 Hühner, 290 Enten, 2000 Tauben, 50 Papageien, 25 Spatzen und 38 andere Vögel. Manche dieser Heime enthalten auch ein Insektarium, in das man vor den Monsunregen gerettete Kleintiere einliefert. Sie werden bis zu einer bestimmten Menge in einem Raum untergebracht, dieser dann ca. zehn Jahre geschlossen, weil man annimmt, dass dann jedes Leben erloschen sei.

Religiöse Jainas sind darum bemüht, den Zufluss von negativem karma gering zu halten und das Zuströmen von positivem karma zu maximieren. Dies versucht man durch eine große Selbstzucht zu erreichen und insbesondere alle Exzesse zu vermeiden wie unnötiges Reisen, nutzlose oder sündige Reden und die maßlose Ausweitung des Geschäftsbereiches. Stattdessen soll er sich in seinem Wohnbereich einschränken, beim Essen maßhalten und wohltätig sein. All dies kann er auch bis zum totalen Fasten immer wieder durch Gelübde fixieren.

Eine berühmte Methode des Fastens, bei der es offenbar auch immer wieder zu rekordverdächtigen Leistungen kommt, ist die, an einem Tag zu fasten, dann eine Mahlzeit einzunehmen, anschließend zwei Tage Fasten mit einer Mahlzeit am darauffolgenden Tag, dann drei Tage usw. Ist man an die Grenze seiner physischen Kraft gelangt, sollte man in der gleichen Weise rückwärts wieder reduzieren. Eine Dame hat es in der jüngeren Vergangenheit auf 30 Tage, hin und zurück, gebracht, wofür sie insgesamt 16 Monate benötigte.

Als Reduzierung der "Fünf Großen Gelübde" eines Mönches können Laien die "Fünf Kleinen Gelübde" ablegen. Insbesondere sollen dabei bestimmte Speisen wie Fleisch, Honig, Kürbisse, Kartoffeln, Zwiebeln, Knoblauch und Mohrrüben vermieden werden, da ihnen nach dem Glauben der Jainas noch Seelen innewohnen. Trinkwasser muss durchgeseiht und abgekocht werden, nach Sonnenuntergang darf keine Mahlzeit mehr eingenommen werden.

Wie in jeder asiatischen Religion legt auch der Jainismus viel Wert auf die Meditation. Ein bewusster Jaina meditiert mindestens einmal täglich 48 Minuten, manche auch zwei- dreimal. Voraussetzung für eine gedeihliche Meditation sind Gleichgültigkeit gegenüber allem Irdischen, Unparteilichkeit und eine wohlwollende Gesinnung gegenüber allen Lebewesen.

Neben diesen Aktivitäten, die eine beständige Selbstzucht und Kontrolle voraussetzen, legt sich der religiöse Jaina täglich "sechs notwendige Pflichten" auf, die Lobpreisung der Tirthankara%, täglichen Tempelkult, Aufsichnehmen eines Gelübdes, Verehrung seines Guru, Verharren in der besonderen Stellung und eine Beichte beinhalten. Diese Beichte spielt eine große Rolle bei den Andachtsübungen und wird entweder als bloßes Sündenregister heruntergeleiert, kann aber auch als Ohrenbeichte bei einem Guru oder Mönch erfolgen.

Vergegenwärtigt man sich diese komplette Durchsetzung des Lebens mit Geboten und Einschränkungen, so setzt dies eine ungeheure Selbstdisziplin voraus. Und diese genau ist Grundvoraussetzung für den Glauben der Jainas. Da kein Gott behilflich sein kann und karmischer Aufstieg nur durch die persönliche Leistung erreicht wird, bedeutet dies einen ungemein schwierigen und dornenreichen Weg des Einzelnen. Man vermisst als Westler ein bisschen den Bereich der Lebensfreude, den sich die Menschen zwar sicherlich, wie immer in der Welt, verschaffen werden, der aber in der Religion nicht expressis verbis ausgedrückt wird.

Bewunderungswürdig erscheinen manche sozialen Leistungen. Im Gegensatz zur gesamten Hindu-Umgebung genießen beispielsweise die Witwen einen viel unproblematischeren Status. Jainas legen in der Gemeinde zusammen, wenn eine Hochzeit ansteht, deren Kosten.von einer armen Familie nicht zu tragen ist. Außerdem finanzieren sie die Kosten eines Studierenden aus der Gemeindekasse; diese erhalten Unterhalt, Geld für Bücher und persönlichen Bedarf und leben in den großen Städten in Jaina-eigenen Heimen. Dafür müssen sie der Gemeinde Rechenschaft über ihre Fortschritte ablegen und am täglichen Religionsunterricht teilnehmen. Es nimmt unter diesen Umständen nicht wunder, dass Jaina-Gemeinden besonders hoch gebildet und kultiviert sind und neben ihrem Wohlstand oft auch aus diesen Gründen Neid und Missgunst hervorrufen.

 

Begleitende Riten im Leben

Die Angleichung bestimmter Vorstellungen an Hindu-Gepflogenheiten hat dazu geführt, dass ein Jaina sein ganzes Leben von einer Unzahl von Riten begleitet wird. Nur einige sollen hier kurz hervorgehoben werden.

Bereits fünf Monate nach Beginn der Schwangerschaft wird die angehende Mutter in der garbbadhana-Zeremonie (Hineinlegen der Leibesfrucht) mit geweihtem Wasser und dem Aufsagen von mantras (zauberkräftigen Sprüchen) gesegnet, um glückliches Gedeihen für das Kind zu erlangen.

Drei Monate später betet man in einer ähnlichen Zeremonie um die Geburt eines Knaben.

Kurz nach der Geburt erstellt man das für jeden Inder so wichtige Horoskop; zusätzlich werden mantras an die Göttin Ambika rezitiert (s. zur Bedeutung dieser Göttin auch das Mount Abu-Kapitel).

Am dritten Tag zeigt man dem Säugling das erste Mal offiziell die Sonne tagsüber und den Mond nachts.

Innerhalb des ersten Monats werden Mutter und Kind in einem zeremoniellen Bad von der Unreinheit, die eine Geburt mit sich bringt, gereinigt. Wenige Tage später erhält das Kind seinen Namen, sei es durch die Eltern, ein besonders prominentes Familienmitglied oder durch einen verehrten Guru.

Irgendwann zwischen dem ersten und fünften Lebensjahr wird bei Jungen feierlich der Kopf kahl rasiert und die Haare entweder einer Gottheit geweiht oder in einem Tempel vergraben.

Wenn ein Jaina religiös ist oder einen bestimmten Guru verehrt, kann er sich in der Amana-Zeremonie speziell in die Gefolgschaft dieses Lehrers aufgenommen werden. Zwar hat fast jede Familie ihren traditionellen Guru, aber die Wahl obliegt dem jungen Menschen selbst. Im Übrigen kann sie vom Beginn des Erwachsenseins an in jedem Lebensalter erfolgen, wenn man das Bedürfnis danach verspürt.

Die Hochzeit schließt sich ebenfalls eng an Hindu-Bräuche an: dazu gehören die langwierige Partnerwahl durch die Eltern mittels Horoskopen und Erkundigungen sowie bei der Zeremonie das Umschreiten des Heiligen Feuers und das Zusammenbinden der Hände beider Partner mit einer Schnur.

Wir haben bereits gesehen, wie wichtig für Jainas immer wieder das Ablegen von Gelübden ist; so sollte das Paar nach der Hochzeit vor einem Mönch schwören, bestimmte Dinge für eine gewisse Zeit zu unterlassen, unter Umständen ein Leben lang.

Auch die Bestattung erfolgt analog zu Hindu-Riten: der Leichnam wird verbrannt und die Asche in einen Fluss gestreut. Als einzigen Unterschied errichtet man den Holzstoß über einer kleinen Basis aus Stein oder Metall, um keine Lebewesen durch das Feuer zu schädigen.

Dieser kurze Überblick der das Leben begleitenden Riten kann natürlich nur genereller Natur sein, d.h. alle diese Gepflogenheiten mögen von Region zu Region und von Sekte zu Sekte wechseln. Selbstverständlich spielen das individuelle Verhältnis zur Religion, die eher konservative oder liberale Grundhaltung einer Familie und der Bildungsstand eine ebenso entscheidende Rolle wie bei uns.


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