Jainismus und die Tempel von Mount Abu und Ranakpur: Ritual und Tempelkult

Veröffentlicht: 24.11.2012

Die Tirthankaras

Jeder Jaina-Tempel ist einem der 24 Tirthankaras (Furtbereiter) geweiht, der im Sanktuarium verehrt wird. Diesen Ehrentitel kann man so interpretieren, dass sie die Furt über den Ozean der Wiedergeburt bereitet haben. Die Tirthankaras des Allerheiligsten werden immer in Meditationshaltung mit ineinandergelegten Händen dargestellt, d.h. unterschiedliche mudras (Handhaltungen) wie im Buddhismus kann es nicht geben, da man hier nicht einen Erlöser meint, der weiterhin Einfluss auf die Geschicke der Menschheit nimmt, sondern nur einen Lehrer, der als Beispiel und Vorbild dienen kann. Das Bild des Erlösten soll weder beseelt noch unbeseelt erscheinen, sondern in totaler geistiger Gelassenheit. Es ist ein Symbol für den vollbrachten Rückzug aus der Welt. Das Unpersönliche dieser Erscheinung wird durch den starren Blick verstärkt, der durch eingelegte Steine oder Silber für die Augen hervorgerufen wird. Die Kultbilder dürfen in der Regel nicht fotografiert werden, aber unzählige weitere Abbilder umgeben das Heiligtum, entweder in eigenen kleinen Zellen untergebracht oder wie bei hier gezeigten Beispiel aus Palitana auf einer niedrigen Bank aufgereiht. Durchweg handelt es sich bei diesen vielen kleinen Nebenstatuen um private Stiftungen.

http://de.herenow4u.net/fileadmin/cms/Buecher/Jainismus-Tempel_von_Mount_Abu_und_Ranakpur/26.jpgOft bestehen die Statuen aus Alabaster, um die sublime Durchsichtigkeit des von aller irdischen Materie gereinigten Leibes aufzuzeigen. Sie stellen eindrucksvoll den Sieg des transzendenten Prinzips über die Macht des Fleisches dar. Insofern können sie auch nicht individuell unterschieden werden und man behilft sich mit Symboltieren, z.B. Löwen oder Stieren, um sie zu erkennen.

Neben der Yoga-Haltung werden Tirthankaras gerne noch in Form der "Entkörperlichung" starr stehend dargestellt. Dem Süden eigentümlich ist die Verehrung von Riesenstatuen in dieser Haltung wie der von Shravana Belgola (streng genommen kein Tirthankara-Bildnis).

Genau betrachtet hat die Verehrung der Tirthankaras keinen objektiven, sondern nur einen subjektiven Sinn. Da sie dafür gar nicht mehr erreichbar sind, kann es in einem Jaina-Tempel im wortwörtlichen Sinn kein Gebet geben. Stattdessen dienen Hymnen, das Aufsagen von Mantras, das Umwandeln und selbst die Darbringung von Opfern nur dazu, beim Adoranten eine positive Grundhaltung und ein Gefühl des Friedens zu erzeugen; außerdem verbessern sie natürlich sein karma.

In der Geschichte einer Episode aus dem Leben Parshvas, von Heinrich Zimmer (s. Literaturliste) nacherzählt, findet das Verhältnis der Jaina-Religion zum Kult vielleicht seinen besten Ausdruck:

"Als Parshva als Cakravartin Anandakmara auf Erden weilte, überfielen ihn bei einem Fest zu Ehren Arishtanemis Zweifel, ob es sinnvoll sei, ein Bild anzubeten. Der Weise Vipulamati zerstreute seine Zweifel durch den Vergleich mit einem Spiegel: dieser färbe sich rot durch eine davorgehaltene rote Blume, blau durch eine ebensolche blaue. Genauso kann der Geist sich vor einem Bild wandeln, der Anblick eines leidenschaftslosen Gottes einen zum Verzicht bereit machen; so wie der Anblick einer Dirne einen unruhig macht, so senkt sich beim Anblick eines Tirthankara Frieden ins Herz."

Weitere Gottheiten

Da aber die Anrufung hilfreicher überirdischer Wesen letztendlich wohl doch ein Grundbedürfnis menschlicher Existenz bleibt, verehren die Jainas über die Tirthankaras hinaus einerseits berühmte Lehrer und Weise ihrer Religion, andererseits Gottheiten, die Verständnis für die Nöte der Menschen aufzubringen bereit sind: so beten sie speziell zu den shasanadevatas (Göttinnen der Lehre) und yakshas (Geistern), die bereits den Tirthankaras beigestanden haben. Teilweise nehmen diese Geistwesen das Aussehen und die Namen brahmanischer Götter wie Kali, Brahma, Kubera und Varuna an.

Besondere jainisüsche Verehrung genießen die 16 "Göttinnen des Wissens" (vidya devis) und die Indras, die Götterkönige der verschiedenen Himmel.

Die starke Hinduisierung, die vielleicht auch die einzige Möglichkeit bot zu überleben, hat dann zur Darstellung und Anrufung von Ganesha, Lakshmi, Hanuman und vielen anderen geführt. Kein Wunder, dass sich Jainas heute häufig auch als Hindus bezeichnen und oft an den Pujas in Hindu-Tempeln teilnehmen. In dem Fall sind sie von der größeren Religionsgruppe wahrscheinlich nur noch durch ihre besondere Ethik und ihr Verhältnis zu den Tirthankaras zu unterscheiden.

Das Tempelritual

http://de.herenow4u.net/fileadmin/cms/Buecher/Jainismus-Tempel_von_Mount_Abu_und_Ranakpur/27.1.jpgDer allgemein ausgeübte Kult beschränkt sich auf Hymnen, die alle zuvor genannten Gruppen einbeziehen können sowie rituelle Umwandlungen des Kultbildes im Uhrzeigersinn.

Daneben aber existiert ein regelrechter Tempeldienst, der von einem Pujari (jemand, der die Puja darbringt) wahrgenommen wird. Bei diesen Personen handelt es sich nicht um Priester in unserem Sinn, ihnen obliegt lediglich die Pflege und der Dienst am Tempel und seinen Idolen. Die Anpassung an die Hindus hat dazu geführt, dass dieses Amt weitestgehend von Brahmanen wahrgenommen wird, die also genaugenommen gar nicht zur eigenen Religion gehören.

Der Dienst eines solchen Pujari beginnt gegen 6.30 Uhr morgens: Tempel und Kultbild werden gereinigt, dann der Tirthankara mit dem Vasa-Pulver (Mischung aus Sandel, Safran, Kampfer, Moschus und Ambra) bestrichen.

Anschließend legt er die Swastika (Hakenkreuz) in Reis aus, belegt sie mit Früchten und den Halbmond mit Süßigkeiten. Bei dieser Handlung, die man auch von normalen Laien-Gläubigen beobachten kann, versinnbildlichen die vier Seiten des Hakenkreuzes die vier möglichen Daseinsstufen, die drei Punkte darüber die drei Juwelen und der Halbmond die Erlösung.

Nach einem mantra und einer Niederwerfung umwandelt er dann dreimal das Idol, singt eine Hymne und verlässt den Tempel.

Um 10 Uhr beginnt eine zweite Puja, diesmal mit davorgefaltetem Mundtuch: das alte Pulver vom letzten Mal wird entfernt, das Kultbild jetzt mit pancamrita (fünffacher Nektar) aus Milch, geronnener Milch, geklärter Butter, Wasser und Zucker Übergossen, anschließend noch einmal mit Wasser und sorgfältig abgetrocknet.

An neun Stellen betupft der Pujari dann die Statue mit Sandel und schmückt sie mit Blumen. Nach Verehrung mit Räucherwerk und Lampen legt er eine neue Swastika aus und bringt Hymnen dar.

Am frühen Abend erfolgt der dritte Gottesdienst: diesmal wird neben dem Räucherwerk eine Lampe mit fünf Dochten vor dem Tirthankara geschwenkt, danach eine Öllampe. Das Ganze wird diesmal von Instrumenten begleitet, insbesondere Pauken und Glocken. Im Übrigen schlägt man jedesmal, wenn man sich dem Erlösten naht oder sich von ihm entfernt, die sogenannte Siegesglocke an.

Festtage

http://de.herenow4u.net/fileadmin/cms/Buecher/Jainismus-Tempel_von_Mount_Abu_und_Ranakpur/27.2.jpgAuch hier feiert man die meisten gängigen Hindu-Feste wie Divali (Lichterfest zu Ehren Lakshmis), Holi (Frühlingsfest) oder den Geburtstag Ganeshas mit.

Das wichtigste eigentliche Jaina-Fest aber ist paryushana (Regenzeit), das man begehen sollte, wenn ein Monat und 20 Tage von der Regenzeit verstrichen sind. Seine Länge kann je nach Kirche zwischen 8 und 70 Tagen variieren; die wichtigsten Stadien darin sind der Geburtstag Mahaviras am fünften und eine allgemeine Beichte und Versöhnung am letzten Tag. Die Gläubigen sollen dabei entweder einen oder alle acht Tage fasten und die Zeit mit Meditation und Studium zubringen, d.h. für diesen Moment im Jahr sollen sie sich in der Lebensweise dem Mönchsdasein anpassen.

Das nächstwichtige Fest, die siddha-cakra-puja (Verehrung des Heiligenrades) wird gleich zweimal im Jahr gefeiert, im März / April und im September / Oktober. Als Höhepunkt wird dabei das Heiligenrad in einem Teich gebadet.

Wallfahrten: Mit den Hindus teilt man den Glauben an die sündentilgende Wirkung von Wallfahrten. Allerdings wird bei ihnen ein Ort nur dadurch heilig, dass er auf irgendeine Art und Weise mit dem Leben eines Tirthankara verbunden ist. Meist sind dies Heilige Berge, unter denen der 591 m hohe Shatrunjaya in Palitana (Gujarat) eine besondere Bedeutung besitzt.

Bei dieser Pilgerreise, die an Bedeutung der Fahrt eines Muslim nach Mekka gleichkommt, erwirbt man sich besonderes Verdienst, denn man muss tausende von Stufen 99mal hinauf- und hinabsteigen.

Auch bei einer Wallfahrt soll sich der Jaina dem Dasein eines Mönches annähern: das bedeutet nur eine Mahlzeit am Tag, keusches Verhalten und ein Ruhelager auf der Erde.

Da die Mönche zur Regenzeit nicht wandern, sondern sich an einem festen Ort niederlassen, unter ihnen natürlich viele bekannte Äbte und Gurus, kann eine Pilgerreise auch zu einem dieser Plätze führen. Zu diesem Zweck werden die jeweiligen Aufenthaltsorte vorher veröffentlicht. In der Nähe seines Guru oder acarya (Meister) kann der Pilger das reine Mönchsleben seiner Reise gleich fortsetzen; außerdem kann er sie mit der Feier des Paryushana-Festes verbinden.

Als ebenfalls verdienstvoll gilt es, anderen eine Wallfahrt finanziell zu ermöglichen und sie dann vielleicht noch selbst anzuführen. Herrscher und Minister haben in der Vergangenheit oft davon Gebrauch gemacht: so wurde die Pilgerreise des Vastupala (s. das Ranakpur-Kapitel) im 13. Jahrhundert berühmt, da er dazu 1100 Digambaras, 12.100 Shvetambaras, 450 Sänger, 3.300 Barden und 2.900 Diener mitnahm.

Quellen

Englische Ausgabe:

  • Jainism And The Temples Of Mount Abu And Ranakpur

  • ISBN: 81-904045-0-4
  • Copyright: © Gyan Gaurav Publishers.
    C-34, Sir Pratap Colony, Airport Road, Jodhpur
    Tel.: 91 291 2515861, 9414127863
  • Herausgeber: Dilip Surana
  • Layout & Graphics: Antesh Choudhary
  • Text: © Lothar Clermont
  • Photos: © Thomas Dix
  • Erstausgabe: 1998
    Überarbeiteter Nachdruck: 2006, Thomson Press, New Delhi
  • Seiten: 96
    Format: 242 x 312 mm

  • 2012 Überarbeitete HereNow4U Online Edition

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