Jainismus und die Tempel von Mount Abu und Ranakpur ► Der Adinatha Tempel von Ranakpur ► Grundriß Adinatha-Tempel

Verfasst: 01.12.2012

Der Adinatha-Tempel ist als ein chatur-mukha-prasada konzipiert, d.h. das Kultbild schaut in alle vier Himmelsrichtungen. Das bedeutet, das sich die Cella (garbha-griha, Nr. 1 im Plan)nach vier Seiten öffnet. Von dieser Grundkonzeption aus erschließt sich der gesamte, fast quadratische Grundriss.

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Umgeben wird das Allerheiligste von Hallen, die man als sabha-mandapas (Versammlungshallen) oder ranga-mandapas (Tanzhallen) ansprechen kann (Nr. 2 im Plan). Diejenige im Westen, in der Achse des Haupteinganges, wird durch ihre Größe deutlich hervorgehoben. Dadurch verschiebt sich die Cella ein wenig nach Osten, was den leicht vom idealen Quadrat abweichenden Grundriss erklärt. Dieser Kernbereich des Tempels in Form eines lateinischen Kreuzes wird von einem offenen rechteckigen Hof (Nr. 3 im Plan) umschlossen, der jedoch im Vergleich zu früheren Jaina-Tempeln sehr zurückgedrängt erscheint.

In den Achslinien vom Allerheiligsten zu den Versammlungshallen befinden sich weitere dreistöckige Hallen, die meghanada-mandapas (Nr. 4 im Plan); darauf folgen die balana-mandapas (Portalhallen, Nr. 5 im Plan), die Eingang zum Tempel gewähren.

Einerseits erschließt sich der Grundriss also vom Allerheiligsten aus in die vier Himmelsrichtungen durch die Abfolge der oben genannten Hallen. Andererseits bildet er Raumschichten aus, die sich um die quadratische Cella legen in Form ideal gemeinter Quadrate. So werden also das Allerheiligste und die sabha-mandapas vom Hof umschlossen, dieser wiederum von einer Raumeinheit, die aus drei Hallen auf jeder Seite besteht (die meghanada-mandapas, flankiert von zwei Hallen, Nr. 6 im Plan), während die Eckpunkte durch große Schreine (Nr. 7 im Plan) gebildet werden. Darum legt sich eine weitere Schale aus 80 devakulikas (untergeordneten Schreinen mit einer Säulenstellung davor. Unterbrochen werden sie von den Portalen, die auf der Nord- und Südseite von jeweils zwei sehr vergrößerten Schreinen (Nr. 8 im Plan) gerahmt werden.

Depaka ist es gelungen, beim Adinatha-Tempel die unterschiedlichsten Konzeptionen miteinander in Einklang zu bringen. So ist das Heiligtum zuallererst einmal ein Chatur-mukha-Tempel, bei dem der Tirthankara durch seine vierfache Präsenz die Himmelsrichtungen und damit den Kosmos beherrscht. Er konnte damit an das berühmte Vorbild des Königs Kumarapala, den Raj Vihara in Siddhapura, anschließen. Zugleich wird damit die Grundidee eines Jaina-Tempels verwirklicht, nach der er den samavasarana (die Rednerbühne eines Tirthankara) symbolisch darstellen soll. Das die vier Himmelsrichtungen zusammen mit der Mitte die Heilige Zahl 5 für den Kosmos meinen, eine Zählweise, die überall in Asien gebräuchlich ist, versteht sich von selbst.

Durch die vier Eckschreine, die den Hof begrenzen, erhält der Bau zugleich die Form eines pancharata (fünf-schreiniger Tempel), eine auch bei den Hindus beliebte Grundform. Da sie nun aber genau in den Zwischenhimmelsrichtungen angeordnet sind, entsteht daraus die Neuner-Konzeption (Weltmitte, Himmelsrichtungen und Zwischenrichtungen), die eine besonders wichtige Grundform eines Mandala Kosmogramm als Grundriss der Welt) darstellt. Man sieht, wie genial der Architekt die Zahlen 5 und 9 ineinander verwoben hat.

Mit den vergrößerten Schreinen (Nr. 8 im Plan) zusammen wird der Tempel von insgesamt 84 devakulikas (Nr. 7 im Plan) umgeben und bildet so die Form eines klassischen vihara heraus (ein Tempel, der auf der Grundrissform eines Klosters beruht), eine gängige Anlage bei den Jainas. 84 symbolisiert die jeweils 24 Tirthankaras der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zuzüglich der sogenannten 12 ewigen Tirthankaras, von denen jeweils vier für eines der drei Zeitalter stehen. Mit dieser Anlage wollte der Bauherr zweifellos an die ersten Adinatha-Tempel erinnern, wie sie der Sage nach die Söhne des ersten Tirthankara, Bharata und Bahubali, mit eben jenen 84 Nebenschreinen erbaut hatten.

Auch während den islamischen Invasionen des 13. und 14. Jahrhunderts hatten es die Jainas verstanden, die Traditionen ihres Tempelbaus zu bewahren. 1315 hatte ein Thakkura Pheru ein Handbuch über Architektur verfasst, das vastu-sara. Nach ihm sollten sich vor dem Allerheiligsten axial drei Mandapas befinden. Man sieht, dass sich der Architekt auch an diese Vorgabe gehalten hat.

So weit also das, was sich aus dem Grundriss herauslesen lässt. Ich habe es absichtlich etwas ausführlicher dargestellt, weil diese Konzepte in der verwirrenden Vielfalt des Inneren häufig verlorenzugehen drohen. Man darf aber dabei nicht aus den Augen verlieren, dass zum Zeitpunkt der Einweihung 1441 nur das Zentral-Sanktuarium mit dem Schrein und den vier sabha-mandapas fertiggestellt war, sowie die westlich angrenzende Achse, also das meghanada-mandapa und die Hauptportal-Anlage. Noch ein Jahrhundert hat man weitergebaut, um den heutigen Baubestand zu erreichen, zahllose Stiftungen wurden noch bis in die heutige Zeit hinein vorgenommen.

Verglichen mit der relativ einfachen Gestaltung des Äußeren entfaltet sich das Innere in barocker Ornamentierung. Die einzelnen Skulpturen mögen nicht immer höchsten Ansprüchen genügen, ihre Bewegungen wirken oft ungelenk und eckig (s. Foto S.89 unten), die Glieder sind ausgedünnt und die Nasen zu spitz, doch sind sie offensichtlich der Architektur untergeordnet; ihr Zweck besteht darin, zu dekorieren und nicht, wie in Europa üblich, den Eigenwert von Skulptur vorzuführen. Ganz offensichtlich besteht ein Gefühl des horror vacui, denn jeder freie Zentimeter scheint vom Relief ausgefüllt. Neben rein ornamentalen und vegetabilen Motiven verwendete man gern das ganze Repertoire der hinduistischen Bilderwelt: Götterfiguren, himmlische Musikanten und Tänzerinnen, ganas (dickbäuchige Zwerge), Elefanten und maithunas (Liebespaare), außerdem Geschichten aus den großen Epen des Mahabharata und des Ramayana. Über den Säulen stellte man gern die acht dikpalas (Wächter der Himmelsrichtungen) und in den Kuppeln die typisch jainistischen 16 Wissensgöttinnen dar sowie himmlische Musikanten und Tänzerinnen.

Unter den unzähligen Darstellungen will ich nur einige wenige hervorheben:

Den Türschwellen, die mit apotropäischen Dämonenmasken (kirthimukhas) ausgestattet sind, werden halbrunde “Teppiche” zur Reinigung der Seele von Hass und Wut vorgelegt. Daneben finden sich die typischen Muschelhörner, deren Klang als heilig gilt und der Silbe “OM” besonders nahe kommt.

Betritt man den Tempel von Westen und schaut im balana-mandapa (Portalhalle) nach oben, sieht man den kichaka, eine Figur, die mit ihrem einen Kopf und fünf Körpern die fünf Elemente symbolisiert, aus denen sich die materielle Welt zusammensetzt (s. Foto S. 34). Sehr unauffällig sind auf den Pfeilern des westlichen meghanada-mandapa (dreistöckig e Halle, Nr. 4 im Plan) Por trätfiguren des Stifters (Foto links oben) und des Architekten Depaka (Foto rechts oben) angebracht. Inmitten des Dekors und in einer Linie mit Musikantinnen und Tänzerinnen fallen sie zunächst nicht besonders auf. Doch legte Dharna Sah Wert darauf, dass sein Bildnis mit gefalteten Händen im Angesicht und in ewiger Verehrung des Tirthankara plaziert wurde.

Im nördlichen meghanada-mandapa findet sich ein großer Marmorelefant (s. Foto S. 82-83), entstanden 1687, der auf seinem Rücken neben einem Mahout ein Bildnis der Mutter Adinathas, Marudevi, trägt. Sie soll zur Predigt ihres Sohnes gekommen sein und im Moment, als sie in noch relativ großer Entfernung seiner ansichtig wurde, die Erlösung erlangt haben. Damit wäre sie im gegenwärtigen absteigenden Zeitalter die erste Person, die aus dem Geburtenkreislauf ausgeschieden ist.

Prachtvolle Deckendetails, bei denen man nur mit Mühe innerhalb der dekorativen Reliefs auch figürliche Szenen herauslesen kann, finden sich im südlichen meghanada-mandapa. Auf dem Foto auf Seite 24 ist ein nagdaman abgebildet, ein kreisrundes Medaillon, das Krishna inmitten eines Gewirrs von ineinander verknoteten naginis (weiblichen Schlangen) zeigt.

Im südlichen balana-mandapa stehen sich zwei ca. einen Meter durchmessende Reliefs gegenüber, die offenbar als komplementäre Stücke geschaffen worden sind (siehe untere Photos gegenüber):

Auf der Ostseite ist jambu-dvipa (s. Foto S.46 unten links) dargestellt, der kreisrunde Kontinent der Mittelwelt, in dessen Mitte sich der Weltberg Meru erhebt. Umgeben wird er von Bergen, auf denen sich Götterresidenzen befinden und stilisierten Wäldern. Wichtig sind die dargestellten Eingänge auf den vier Seiten.

Gegenüber befindet sich ein Relief mit der Darstellung von nandishvara-dvipa,dem achten Inselkontinent. Auch bei ihm umgeben vier Gruppen, bestehend aus jeweils 13 Bergen mit Tempeln darauf, das Zentrum und bilden so die für die Jainas Heilige Zahl 52. Zwar sieht das Zentrum identisch aus wie beim Gegenstück, doch wird es im allgemeinen wie ein pulsierendes “OM” interpretiert.

Immer wieder werden in Jaina-Tempeln stilisierte Abbilder der Heiligen Berge aufgestellt; das auf dem auf dem Foto auf Seite 75 wiedergegebene Beispiel zeigt den Shatrunjaya, aufgeteilt fast wie ein Setzkasten, in den Figuren von Tirthankaras und Tempeltürme hineingestellt wurden.

An der Südseite des Tempels findet sich ein prachtvolles Relief von Parshva, dem 23. Furtbereiter. Es zeigt ihn stehend, flankiert von zwei Jainas und zwei wedeltragenden naginis. Sein Kopf wird von einer 1000­köpfigen Schlangenhaube geschützt. Umgeben wird die ganze Szene von Schlangengöttern und -göttinnen mit menschlichen Leibern, deren Schlangenenden miteinander verknotet sind. Auch die beiden Wedelträgerinnen sind mit ihnen verbunden (s.Foto S.47).

Wenn auch erst 1846 entstanden, ist dieses Relief des wohl populärsten Tirthankaras wegen der guten Beleuchtung, vor allem aber wegen der Schlangenhaube ein besonders beliebtes Fotomotiv für Touristen. Ähnliche Darstellungen begegnen uns in vielen anderen Jaina-Tempeln und haben bereits Neugier geweckt. Deshalb soll hier kurz die Geschichte Parshvas erzählt werden, die dem europäischen Reisenden zudem Assoziationen mit der ihm bekannten Mythologie erlaubt.

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