Jainismus und die Tempel von Mount Abu und Ranakpur ► Der Adinatha Tempel von Ranakpur ► Exkurs: Die Leben Parshvas

Verfasst: 02.12.2012

Wie bereits im Parshva-Absatz des Jainismus-Kapitels erwähnt, vollziehen sich die früheren Leben des Tirthankaras immer im Gegensatz zu einem feindlichen Bruder, der die dunkle Seite menschlicher Existenz: Selbstsucht und Machtgier verkörpert.

Das erste Mal wird er als Marabhuti geboren, der Sohn eines Ministers, der seinem Vater im Amt nachfolgt. Sein böser Bruder Kamatha verführt seine Frau und wird dafür in den Wald verbannt, wo er sich in härtester Askese übt, um magische Kräfte zu erwerben. Marabhuti hört davon, glaubt an edle Motive des anderen und sucht ihn im Wald auf. Er trifft ihn auf einem Bein stehend an, einen Felsbrocken in den erhobenen Händen. Als er ihm gerührt zu Füssen fällt, lässt dieser den Stein fallen und tötet ihn.

http://de.herenow4u.net/fileadmin/cms/Buecher/Jainismus-Tempel_von_Mount_Abu_und_Ranakpur/46_L.jpg

Parshva wird als Elefant wiedergeboren, da er im Moment seines Todes darüber Bedauern verspürt hat. Lange Zeit tobt er durch den Wald und erschreckt fromme Asketen, bis er sich seinem König gegenübersieht, der sich aus dem diesseitigen Leben zurückgezogen hat. Dieser erkennt in ihm sofort seinen früheren Minister, kann ihn zur Vernunft bringen und religiös belehren.

http://de.herenow4u.net/fileadmin/cms/Buecher/Jainismus-Tempel_von_Mount_Abu_und_Ranakpur/46_R.jpg

Zum Askese übenden Elefanten geworden, wird Parshva schließlich erneut von seinem Bruder getötet, der als Riesenschlange wiedergeboren worden war. Da er diesmal friedlich und in Selbstaufgabe verscheidet, kann er seine nächste Existenz als Gott durchleben, während Kamatha als Höllenwesen wieder erscheint.

Ranakpur 46c

Damit vollendet sich ein Zyklus von drei frommen Leben als Mensch, Tier und Gott, immer mit dem dunklen Gegenspieler zur Seite. Das Dasein als Tier steht dabei für den Suchenden auf den Anfangsstufen religiöser Erfahrung, im Christentum etwa dem Lamm Gottes entsprechend.

Danach folgen als Zyklen nur noch menschliche und göttliche Leben, denn bereits bei seiner nächsten Wiedergeburt als Prinz Agnivega wendet er sich das erste Mal von der Welt ab und wird Asket, d.h. er hat bereits eine höhere Stufe der Erkenntnis erreicht. Diesmal tötet ihn sein Bruder als Giftschlange; Parshva steigt in eine höhere Göttersphäre auf, Kamatha hingegen in eine noch tiefere Höllenzone hinab.

Ranakpur 46d

Im dritten Zyklus hat Parshva in seiner menschlichen Existenz bereits den cakravartin-Status erreicht; das bedeutet, das er es bis zum moralisch hochstehenden Weltbeherrscher bringt, bevor er sich in die Einsamkeit zurückzieht. Sein Bruder tötet ihn hier mit einem Pfeilschuss und erneut durchleben sie himmlische Freuden bzw. höllische Qualen.

Beim nächsten Mal gibt Parshva das Herrscheramt bereits auf, als er das erste graue Haar an sich entdeckt. Als Asket erwirbt er derartige übernatürliche Kräfte, das rings um ihn her das Land und die Lebewesen Glück und Harmonie empfinden. So kann er, als ihn Kamatha erneut tötet, zur höchsten göttlichen Gestalt eines Indra gelangen.

Nun ist Parshvas Leben am Reifepunkt angelangt; in der fünften menschlichen Existenz wird er als Prinz von Benares geboren und die Vorzeichen weisen ihn bereits früh als künftigen Tirthankara aus. Schon mit acht Jahren legt er die jainistischen Grundgelübde ab. Die Zyklen vollenden sich: bei einem Ausflug in den Wald begegnet er erneut Kamatha als Asket. Die Gesellschaft stört diesen und um seine Wut abzureagieren, ergreift er eine Axt und will einen Holzklotz spalten. Der kleine Junge Parshva bittet ihn, dies nicht zu tun, weil sich zwei Schlangen darin aufhalten würden, aber Kamatha schlägt dennoch zu und tötet die beiden Tiere.

Mit 16 Jahren leistet Parshva den großen Verzicht und meditiert stehend im Wald, um sich herum eine Aura des Friedens. Sein Bruder, wegen der langanhaltenden Askese als niederer Gott wiedergeboren, entdeckt ihn dort und greift ihn mit allen übernatürlichen Kräften an. Aber ein Schlangenpaar als Reinkarnation der beiden früher von Kamatha getöteten Schlangen bauten sich mit seinen riesigen Hauben schützend über ihm auf; deshalb wird Parshva so oft in dieser Form dargestellt.

Nun zerreisst der Tirthankara nach und nach die letzten Fesseln seines karma und erlangt Allwissenheit und Erlösung. Er lehrt danach noch fast 70 Jahre und kann in der Zeit endlich auch seinen Bruder bekehren. Im Alter von 100 Jahren steigt seine Seele, endlich befreit, zum Gipfel des Alls auf.

Ranakpur 47

Ich habe die Abfolge dieser Leben etwas ausführlicher wiedergegeben, weil sie beispielhaft dafür stehen können, wie sich die Jainas eine vorbildliche Entwicklung hin zur Erlösung vorstellen. Zugleich bieten diese Erzählungen vom wahrscheinlich historischen Parshva genügend Parallelen zu anderen Religionskreisen der Alten Welt.

Teile diese Seite auf: