Geschichten aus dem Jainismus: 13. Chandanbala

Veröffentlicht: 10.12.2012

13. Chandanbala

Es lebte einmal eine hübsche Prinzessin Vasumati. Sie war die Tochter des Königs Dadhivahan und der Königin Dharini von Champapuri. Eines Tages kam es zum Krieg zwischen dem König von Champapuri und dem König von Kaushambi. Es war ein trauriger Krieg. Vasumatis Vater konnte den Krieg nicht gewinnen, deshalb musste er in letzter Verzweiflung flüchten. Als Vasumati und ihre Mutter von der Niederlage erfuhren, beschlossen sie ebenfalls zu flüchten. Während sie in den Wald rannten, erkannte sie ein feindlicher Soldat, der sie beide sofort gefangen nahm. Vasumati und ihre Mutter hatten Angst. Sie wussten nicht was der Soldat mit ihnen vor hatte. Er sagte zur Mutter von Vasumati, dass er sie heiraten werde und Vasumati werde er verkaufen. Als die Königin das hörte, bekam sie einen Schock und starb. Dem Soldat tat sein Ausspruch sofort sehr leid und er beschloss in Zukunft keine Kommentare mehr zu geben. Er nahm Vasumati mit nach Kaushambi um sie zu verkaufen.

Als Vasumati an der Reihe war um als Sklavin verkauft zu werden, kam der Händler Dhanavah vorbei. Er sah wie Vasumati verkauft werden sollte und er fühlte, dass Vasumati kein gewöhnliches Mädchen war. Er dachte vielleicht wurde sie von ihren Eltern getrennt und als sie als Sklavin verkauft werden würde, welches Schicksal sollte sie erwarten? Ohne Mitleid mit ihr, kaufte er Vasumati, befreite sie somit von der Sklaverei und nahm sie mit nach Hause. Auf dem Weg nach Hause fragte er sie: "Wer bist du? Was geschah mit deinen Eltern? Bitte habe keine Angst vor mir. Ich werde dich wie meine eigene Tochter behandeln." Vasumati sagte nichts.

Als sie zu Hause ankamen, erzählte der Händler seine Frau Moola, von Vasumati. "Liebling", sagte er, "ich habe dieses Mädchen nach Hause gebracht. Sie sagte bisher nichts über ihre Vergangenheit. Bitte, nehme sie an, wie unsere eigenen Tochter." Vasumati war erleichtert. Sie dankte dem Händler und seiner Frau mit großem Respekt. Die Händlerfamilie war sehr glücklich mit ihr. Sie gaben ihr den Namen, Chandanbala, da sie niemandem ihren Namen sagte. Chandanbala verhielt sich im Hause des Geschäftsmannes wie seine eigene Tochter. Das zu sehen, machte den Mann sehr glücklich und zufrieden. Moola, auf der anderen Seite, fragte sich was ihr Ehemann mit Chandanbala vor hätte. Sie dachte, dass er sie wegen ihrer Schönheit vielleicht heiraten würde. Deshalb fühlte sich Moola mit der Anwesenheit von Chandanbala nie so richtig wohl.

An einem sonnigen Tag, als der Händler von seinem Geschäft nach Hause kam, war der Hausangestellte, der normalerweise seine Füße wusch, nicht da. Chandanbala bemerkte dies und war glücklich über die Gelegenheit ihm die Füße zu waschen für all seine väterliche Fürsorge. Während sie damit beschäftigt war dem Geschäftsmann die Füße zu waschen, rutschten ihre Haare aus der Haarspange. Der Mann sah dies und dachte, dass ihre Haare eventuell schmutzig werden würden. Er nahm ihre Haare nach oben und steckte sie auf ihrem Hinterkopf fest. Moola beobachtete dies alles und wurde sehr wütend. Sie fühlte, dass ihre Zweifel über Chandanbala zu Recht waren. Moola beschloss Chandanbala so schnell wie möglich los zu werden.

Als Dhanavah auf eine dreitägige Geschäftsreise ging, nutze seine Frau diese Gelegenheit um Chandanbala los zu werden. Sofort rief sie ihren Friseur und beauftragte ihn die wunderschönen Haare von Chandanbala abzuschneiden. Dann legte sie schwere Ketten um Chandanbalas Beine und sperrte sie in einen abgelegenen Raum, entfernt von der Umgebung des Hauses. Sie sagte dem Hauspersonal über den Verbleib von Chandanbala gegenüber ihrem Ehemann, Stillschweigen zu bewahren, mit der Androhung, dass ihnen bei Zuwiderhandlungen das gleiche geschehen würde. Anschließend ging Moola in das Haus ihrer Eltern.

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Abb. 3. Chandanbala opfert Linsen an Mahavira. Der Legende nach wurde sie später die erste Nonne in Mahaviras Ordensgemeinschaft.

Als Dhanavah von seiner Reise zurückkam, sah er weder Moola noch Chandanbala. Er fragte sein Personal nach ihnen. Die Diener sagten ihm, dass Moola in das Haus ihrer Eltern ging, aber aus Angst vor Moola sagten sie ihm nicht wo Chandanbala war. Er fragte die Diener jetzt in einem ärgerlichen Ton: "Wo ist meine Tochter Chandanbala? Ihr sprecht besser jetzt, denn wenn ihr die Wahrheit verschweigt, werde ich euch verbrennen lassen." Immer noch schwiegen alle. Er war außer sich und wusste nicht was er tun sollte. Nach ein paar Minuten dachte eine der älteren Hausangestellten: "Ich bin eine alte Frau und werde auf Grund meines Alters bald sterben. Was kann Moola mir schon antun." Aus Mitleid mit Chandanbala und aus Mitgefühl mit dem Geschäftsmann erzählte sie alles was Moola Chandanbala angetan hatte.

Sie brachte ihn zu dem Raum wo Chandanbala eingesperrt war. Dhanavah sperrte auf und sah Chandanbala. Er war schockiert als er sie sah. Er sagte: "Chandanbala, meine liebe Tochter, ich werde dich befreien. Du wirst hungrig sein, ich suche für dich etwas zu Essen." Er ging in die Küche um Essen für sie zu holen. Er sah, dass kein Essen übrig war, nur ein paar trockene Linsen in einer Pfanne. Er brachte diese zu Chandanbala. Er sagte, dass er den Schmied holen würde um die schweren Ketten zu öffnen, und er ging weg. Chandanbala war über den Ablauf der Ereignisse sehr erstaunt. Sie begann sich zu wundern wie das Schicksal das Leben verändern kann, von reich bis nahezu hilflos. Chandanbala dachte etwas von den Linsen an jemanden zu opfern. Sie stand auf und ging zur Türe und blieb stehen, während sie mit einem Fuß innerhalb des Türrahmens stand und mit dem anderen außerhalb.

Zu ihrer Überraschung sah sie einen Mönch (Mahavira) nahe an ihrem Fenster vorbei laufen. Sie sagte: "Oh, ehrwürdiger Mönch, bitte akzeptiere dieses Essen, welches für dich geeignet ist." Aber Mahavira hatte ein Gelübde abgelegt, nur Essen von einer Person unter folgenden Bedingungen zu akzeptieren:

  1. Die Person sollte eine Prinzessin sein,
  2. Sie sollte kahl geschoren sein
  3. Sie sollte in Ketten liegen
  4. Sie sollte rohe Linsen anbieten, indem sie mit einem Fuß im Türrahmen steht und mit dem anderen außerhalb, und
  5. Sie sollte weinen.

Mahavira schaute nach Chandanbala und ihm viel auf, dass alle seiner Bedingungen erfüllt waren, nur die Tränen in den Augen fehlten und deshalb ging er weiter. Chandanbala wurde sehr traurig und Tränen stiegen in ihre Augen und rannten über ihre Wangen. Sie war traurig, dass der Mönch, jetzt wo sie die Gelegenheit hatte ihm Speise zu opfern, er diese nicht akzeptierte. Mit weinerlicher Stimme bat sie den Mönch nochmals, die Speise zu akzeptieren. Mahavira sah die Tränen in ihren Augen und ging zurück um die Speise anzunehmen, denn jetzt waren all seine Bedingungen erfüllt. Chandanbala schüttete Mahavira die Linsen in seine Hand, das machte sie sehr zufrieden.

Während Mahavira auf der Suche war, nach einer Person, die all seine Bedingungen erfüllt, hatte er bereits fünf Monate und fünfundzwanzig Tage gefastet. Engel des Himmels feierten Mahaviras Fastenbrechen (Parna). Mit der Kraft der Engel sprangen die Ketten von Chandanbala auf, ihre Haare wuchsen und sie trug die Kleider einer Prinzessin. König Shatanik bemerkte die laute Musik und die Feier. Er ging in Begleitung seiner Familie, Ministern und anderen Personen zum Ort des Geschehens. Sampul, ein alter Diener, erkannte Chandanbala. Er ging zu ihr, verbeugte sich und brach in Tränen aus. König Shatanik fragte ihn: "Warum weinst du?" Sampul antwortete: "Lieber König, dies ist Vasumati, die Prinzessin von Champapuri, die Tochter des Königs Dadhivahan und der Königin Dharinee." Das Königspaar erkannte sie jetzt und lud sie ein, bei ihnen zu wohnen. Sie nahm die Einladung an, bedankte sich aber erst bei dem Geschäftsmann Dhanavah für seine Freundlichkeit.

Später, als Mahavira die absolute Allwissenheit (Keval Gnan) erreicht hatte, gründete er die vierfache Glaubensgemeinschaft (Sangh). Chandanbala trat in den Orden ein (Diksha) und wurde Mahaviras erste Nonne. Am Ende ihres Lebens erlangte Chandanbala die Befreiung (Moksh).

Quellen

Titel:
Geschichten aus dem Jainismus
Verlag:
Akademische Verlagsgemeinschaft München (AVM), München
Erscheinungsjahr:
2010
Seitenzahl:
52

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  1. Allwissenheit
  2. Befreiung
  3. Diksha
  4. Mahavira
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