Keine Gewalt gegen Mensch, Tier und Pflanze ► Worte Mahaviras ► Von den Seelen die Schwere nehmen...

Verfasst: 17.04.2015

...- ihnen den Zugang zum höchsten Himmel öffnen

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Berg Abu: Luna Vasahi Tempel

Es ist noch immer eine offene Frage, was die erotischen Bildgruppen an den Außenwänden der Hindu-Tempel von Khajuraho und anderswo für die Tempelbesucher von damals (um das Jahr 1000) wirklich bedeutet haben mögen. Es gibt auch Jaina-Tempel mit derartigem Außenschmuck. Für den Jaina aber, sofern er überhaupt Notiz davon nimmt, ist der Sinn dieser Skulpturen eindeutig. Er versteht sie als Hinweise an den Pilger, vor dem Betreten des Tempels alle Gedanken an leibliche Lustbarkeiten abzuwerfen. Sie gehören nicht in das Heiligtum. So nimmt er auch vor dem Tempelbesuch ein Bad und kleidet sich in zwei reine weiße Tücher. Der Jaina glaubt auch nicht an das Nachholenkönnen versäumter Freuden nach dem Tode. Erlöste Seelen sind für ihn »nicht weiblich, nicht männlich, nicht sächlich«. Lichtdurchflutete »Leichte« (um Professor Walther Schubrings treffende Übersetzung zu ge¬brauchen) charakterisieren den obersten Himmel der Jaina. Einen Vorgeschmack von dieser Schwerelosigkeit vermitteln die Tempel auf Mount Abu; und sie sind nur die bekanntesten, nicht die einzigen dieser Art.

 

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Kuppeldecke aus weißem Marmor über der Haupthalle des Jaina-Tempels Luna-Vasahi auf dem Berg Abu in Rajasthan. Der Tempel entstand um das Jahr 1230; bereits 1311 wurde er, wie auch der zweihundert Jahre ältere Vimala-Vasahi, von muslimischen Invasoren weitgehend zerstört. Die Halle mit der Kuppel scheint man verschont zu haben: sie eignete sich wohl gut als Moschee. Doch die mehr als hundert Jaina-Sta-tuen, die nicht rechtzeitig vergraben werden konnten, fielen den fanatischen Bilderstürmern zum Opfer. Der Wiederauf¬bau begann bereits zehn Jahre später.

 

 

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MAHAVIRA

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Alle Seelen mit Ausnahme der erlösten nehmen Stoffe auf, haben stoffliche Akzidenzen, entspringen aus stofflicher Stätte, haben körperliche Dauer auf Grund von Stoff und treten in Verbindung mit Karman, haben Bindung von Karman, haben eine durch Karman bedingte Dauer und erfahren durch Karman Veränderung in ihrer jeweiligen Körperlichkeit.

Auf Grund von Karman, nicht ohne Einwirkung von Karman erfahrt die Seele, - erfahrt das Lebende die jeweilig verschiedene Akzidenz (= Ausformung, Unverwechselbarkeit, stofflich bedingte Daseinsform; Anm. d. Hrsg.).

Alle Seelen mit Ausnahme der erlösten erfahren und empfinden Lust und Schmerz, die sie selbst ge-wirkt, nicht, die andere gewirkt haben oder die von ihnen selbst und anderen gemeinschaftlich gewirkt worden wären.

Das Wirken von Körper, Rede und innerem Sinn ist die Betätigung. Dies ist der Zu-Fluß von Karman. Gute Betätigung ist Zu-Fluß von Verdienst, schlechte von Schuld. (...) Die Zahl der Atome aller Karmanarten ist unendlich.

Das Karman kommt aus den sechs Richtungen (aus den vier Himmelsrichtungen sowie von oben und unten) in den Greifbereich aller Seelen und wird in allen seinen Atomen durchaus und gänzlich gebunden.

Weil die im Samsara treibende Seele Leidenschaft (= Klebsamkeit) hat, nimmt sie Stoffe auf, die für die Bildung des Karmanleibes tauglich sind. Dies ist die Bindung.

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Karman, das schmerzhaft zu empfinden sein wird, wirken die Seelen durch Schädigung von Wesen, durch unwahre Rede, durch unerlaubte Aneignung, durch geschlechtliche Regung, durch Besitz, durch Zorn, Stolz, Trug und Gier, durch Liebe und Haß, durch Streit, Anschwärzen, Zutragen und üble Nachrede, durch Unlust und Lust, durch Täuschung und Lüge und endlich durch falschen Glauben.

Karman, das nicht schmerzhaft zu empfinden sein wird, wirken die Seelen durch Enthaltsamkeit von Schädigung, von unwahrer Rede, unerlaubter Aneignung... (usw. wie oben).

Karman, das wohltuend zu empfinden sein wird, wirken die Seelen durch Mitgefühl mit den Wesen aller Art und dadurch, daß sie viele Wesen aller Art nicht unglücklich, traurig, niedergeschlagen, bedrückt, bekümmert oder leidend machen.

Karman, das nicht wohltuend zu empfinden sein wird, wirken die Seelen dadurch, daß sie andere, daß sie viele Wesen aller Art unglücklich, traurig, niedergeschlagen, bedrückt, bekümmert oder leidend machen.

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Wenn ein Mann eine große trockene Flaschengurke, die kein Loch hat und unbeschädigt ist, mit Darbha- und Kusa-Gras umwickelt, mit nassem Ton bestreicht, sie erwärmt und, wenn der Ton trocken ist, ein zweites Mal (und so bis zu acht Malen) umwickelt, (...) bestreicht und erwärmt und sie dann ins Wasser wirft, wo es ohne Grund, breit und mehr als mannstief ist, so sinkt, Goyama, diese Flaschengurke durch die Schwere, die Last und das Vollgewicht jener acht Tonschichten unter die Wasseroberfläche bis auf den Grund. Ganz ebenso erwerben, Goyama, die Seelen durch die Schädigung von Wesen, durch unwahre Rede, durch unerlaubte Aneignung, durch geschlechtliche Regung, durch Besitz, durch Zorn, Stolz, Trug und Gier, durch Liebe und Haß, durch Streit, Anschwärzen, Zutragen und üble Nachrede, durch Unlust und Lust, durch Täuschung und Lüge, und endlich durch falschen Glauben, diesen Stachel, die acht Arten des Karman eine nach der anderen, und durch deren Schwere, Last und Vollgewicht sinken sie, wenn sie in ihrem Sterbemonat abgeschieden sind, unter die Erdoberfläche bis in den Höllengrund. So gelangen die Seelen zur Schwere.

Wenn nun, Goyama, die äußerste erste Lehm-schicht dahin, vergangen und zerstört ist, so hebt sich die Flaschengurke ein wenig vom Grunde, (und ebenso bei jeder folgenden Lehmschicht), und sind so alle acht Lehmschichten dahin, vergangen und zerstört, so ruht sie nach Durchdringung der Wassertiefe auf der Oberfläche. Ganz ebenso, Goyama, die Seelen, wenn sie durch Enthaltsamkeit von Schädigung, von unwahrer Rede, von unerlaubter Aneignung, von geschlechtlicher Regung, von Besitz, Zorn, Stolz, Trug und Gier, von Liebe und Haß, von Streit, Anschwärzen, Zutragen und übler Nachrede, von Unlust und Lust, von Täuschung und Lüge, von falschem Glauben, diesem Stachel, die acht Arten des Karman eine nach der anderen getilgt haben, nach Erhebung über den Luftraum oben am Gipfel der Welt. So gelangen die Seelen zur Leichte.

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Wissend, woher wir kommen und wohin wir gehen, verläßt er (der Wissende) die Straße von Geburt und Tod und gibt sich der Freude des Befreitseins hin. »Wo Vermutungen keinen Raum haben, nach dorthin fließen alle Laute zurück«; noch vermag der wortemachende Verstand dort einzudringen. Wer frei ist von Liebe und Haß, der kennt das, was ohne Stützung (Leib) fortbesteht.

Es (das Bleibende des Befreiten) ist nicht lang noch kurz noch kuglig; es ist nicht schwarz noch blau noch rot noch grün noch weiß; weder von gutem noch von schlechtem Geruch; weder bitter noch scharf noch herb noch süß; weder hart noch weich, weder schwer noch leicht; weder kalt noch heiß; weder rauh noch glatt; es ist ohne Leib, ohne Wiederverkörperung, ohne Berührung (mit Materie), es ist nicht weiblich, nicht männlich, nicht sächlich; es erkennt, es weiß, doch es gibt keinen Vergleich (der die Natur der befreiten Seele zu erhellen vermöchte); seine Essenz ist ohne Form; es gibt keine Dinglichkeit des Unbedingten. Da ist kein Ton, keine Farbe, kein Geruch, kein Geschmack, kein Tastgefühl - nichts dieser Art. So sage ich.

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Indem sie (die befreiten Seelen) die Allwissenheit anwenden, erkennen sie das Wesen aller Dinge und ihre zeitlichen Eigenschaften, mit unendlichem, durchdringendem geistigen Blick sehen sie überallhin. Weder bei Menschen noch bei allen Göttern gibt es eine so unhemmbare Seligkeit, wie sie für die Vollendeten begonnen hat. Die Seligkeit der Götter, in ihrer Dauer zur Ewigkeit vervielfacht, Erreicht nicht die Seligkeit der Befreiung, wäre sie selbst in ihrer Fülle unendlich potenziert. Wenn die ganze Seligkeit eines Vollendeten aus einem Augenblick zur Ewigkeit vervielfacht und dann in unendliche Bruchteile verkleinert würde, so würde ein solcher unendlich kleiner Bruchteil, räumlich vorgestellt, nicht im ganzen Raum der Welt Platz finden.

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Wie ein Wilder, der die vielfältigen Schönheiten einer Stadt kennenlernt, sie nicht beschreiben kann, weil ihm ein Vergleich fehlt, so ist auch die Seligkeit der Vollendeten unvergleichlich, es gibt keine Ver-gleichung, und doch will ich in gewissem Sinne einen Vergleich mit ihr angeben. Wie ein Mann, wenn er eine mit allen Wünschenswerten ausgestatte Speise gegessen, Durst und Hunger nicht mehr kennt, als hätte er sich am Göttertrank gesättigt, so weilen die Vollendeten, die zum einzigartigen Verlöschen gekommen sind, für alle Zeit gesättigt, selig im Besitz unhemmbarer Seligkeit ohne Ende.

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Während der gegenwärtigen absteigenden Halbdrehung des Zeitrades wird, Goyama, auf dem Erdkreis Jambudvipa, in dem Erdteil Bharata meine Lehre und Gemeinde sich einundzwanzigtausend Jahre halten. [1]

Fußnoten:
[1]
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