Keine Gewalt gegen Mensch, Tier und Pflanze ► Nachbemerkungen ► Zum Verständnis des Karma-Begriffs in der Lehre des Mahavira

Verfasst: 19.04.2015

Im Hinduismus wie auch im Buddhismus versteht man unter Karma (bzw. Karman) eine wirkende Kraft, die - so glaubt man - von jeder Tat ausgeht. Gewöhnlich, besonders im westlichen Schrifttum, erweitert man den Begriff und spricht vom Karma-Gesetz. Georg Grimm (1868 -1945), einer der besten Kenner der indischen Karma-Lehre, definiert in einer Fußnote seines Buches »Die Lehre des Buddho« knapp und klar: »Karma (Sanskrit), in der Pali-Form Kammam, = die wirkende Tat oder, kurz, das Wirken, also das Gesetz des Wirkens oder, da nach dem Obigen Wirken = Wollen ist, das Gesetz, dem jedes Wollen untersteht.«

Durch welche Mechanismen eine vergangene Tat eine spätere Tat im gegenwärtigen oder in einem zukünftigen Dasein eines Menschen bewirkt, wird weder im Hinduismus noch Buddhismus eindeutig erklärt. Es sei das Wirken des Gesetzes sagt man: Gutes bewirke Gutes, Böses habe Böses zur Folge.

Vielleicht war es die Beobachtung der vertrackten Tatsache, die uns Menschen seit Anbeginn plagt, daß gute Absichten und gutes Wollen, ja sogar gute Taten nicht notwendigerweise gute Ergebnisse zeitigen, die Mahavira veranlaßte, sich nicht mit einer schnell hingesagten Erklärung zufriedenzugeben, oder daß er, was wahrscheinlicher ist, bereits in einer anderen Denk-Tradition stand als die Brahmanen-Priester seiner Zeit. Wie auch immer. Die mechanisch anmutende Wiederholungen in westlichen Büchern, in denen Mahavira als ein bloßer Reformer bezeichnet wird, überzeugen nicht, sobald man sich mit der Lehre Mahaviras näher einläßt.

Reformer sind Umdeuter schon vorhandener Religionen und Ideologien, auf deren Grundwerten sie weiterhin basieren. Das läßt sich von Mahavira nicht sagen. So lautet seine Beschreibung von Raum und Materie beispielsweise folgendermaßen: »Die Grundtatsache Raum wirkt als Gelaß für die lebendigen und unlebendigen Substanzen. Er wird ausgefüllt durch ein Atom wie durch zwei Atome; auch hundert dürften Platz finden; er wird ausgefüllt durch tausend Millionen Atome; auch zehntausend Millionen davon dürften Platz finden. Raum ist Platzgewährung. (...) Ein Atom ist vierfach bestimmt; nach Substanz, Ort, Zeit und Zustand. Der Substanz nach ist es nicht zu schneiden, zu brechen, zu brennen, zu greifen; dem Ort nach ohne Hälfte, ohne Mitte, ohne Raumpunkt, ohne Teilung (...). Zwei Atome verbinden sich miteinander, und zwar warum? Zwei Atome haben ein Quantum Klebrigkeit, kraft dessen verbinden sie sich miteinander. Werden sie geschieden, so tritt eine Zweiteilung ein; wenn diese geschieht, so ist je ein Atom für sich. Drei Atome verbinden sich miteinander (...). Werden sie geschieden, so tritt eine Zweiteilung oder eine Dreiteilung ein. Wenn eine Zweiteilung eintritt, so ist ein Atom für sich und ein Aggregat aus zwei Atomen für sich (...). Ein Aggregat von zwei und mehr bis zu unendlich vielen Atomen ist nicht ewig, es nimmt beständig zu oder ab.« - Diese Atomlehre, älter als die von Demokrit, sowie seine, Mahaviras, Überzeugung von dem Vorhandensein unendlich vieler für das menschliche Auge unsichtbarer Lebewesen im Erdreich, im Wasser, in der Luft sind keine an frühere Bilder anknüpfende Schritte der üblichen Erkenntniserweiterung; es sind gewaltige Sprünge vorwärts. Und seine Worte: »Wesen bedrängen Wesen: siehe, das ist die große Gefahr in der Welt!« beschreiben einen Zustand der Welt, den wir Heutigen erst jetzt zu begreifen anfangen; war unser Denken doch zu lange beherrscht von Begriffen wie Fruchtbarkeit, Wachstum und Vermehrung.

Wo Mahavira das Wort Karma gebraucht, denkt er nicht an eine gesetzmäßig wirkende Kraft, sondern an eine feinstoffliche Materie, bestehend aus unterschiedlichen winzigen Atomen, die eine gewisse Haftfähigkeit besitzen. [1] Auch diese Deutung ist grundverschieden von der hinduistischen und kann nicht als reformistisch bezeichnet werden. Es handelt sich um ein vollkommen anderes Weltverständnis.

Religionen, die einen Gott voraussetzen, sind verständlicherweise angehalten, das Wirken in der Natur auf äußere Kräfte zurückzuführen. Mahavira, der in seiner Lehre ohne einen Schöpfergott und Weltlenker auskommt, hielt offensichtlich seine Ansicht für überzeugender, die das, »was die Welt im Innersten zusammenhält«, nicht dem Walten überirdischer Mächte zuschreibt, sondern dem Wirken innewohnender Kräfte (die im obigen Zitat erwähnte »Klebrigkeit« der Atome, eine Übersetzung von Walther Schubring, wäre eine solche Kraft). Durch diese Sicht der Dinge sah sich Mahavira allerdings zu der schwer begründbaren These genötigt - so schwer begründbar wie die Existenz Gottes -, daß es voneinander unabhängige, unerschaffene und ewig bestehende Seelen (Jivas) seien, die den Lebewesen und Pflanzen ihre Eigenartigkeit verleihen.

Die Monadenlehre des Philosophen Leibniz, geb. 1646, kommt der jainistischen Lehre von den Jivas sehr nahe, was Heinrich Zimmer möglicherweise veranlaßt hat, Jiva nicht - wie üblich - mit Seele zu übersetzen, sondern mit Lebensmonade.

Die alte Frage: »Wie harmoniert die Welt der sichtbaren Dinge mit der Welt der unsichtbaren Kräfte?« beherrscht uns noch immer. Vor einigen Jahren gab es in Hannover eine vielbeachtete internationale Konferenz mit dem Thema »Geist und Natur«, auf der dieses Thema behandelt wurde. Die Meinungen gingen weit auseinander.

Abgesehen von der Philosophie, ist es namentlich die Heilkunde, die sich in dieser Frage nicht festzulegen vermag. Der beruhigende Glaube an das All-Eine der indischen Upanishaden, von dem der Philosoph Schopenhauer so eingenommen war, gibt keine Antwort auf die Frage, welche Krankheiten durch das Fehlen oder Vorhandensein von stofflichen Substanzen verursacht werden und welche auf das Wirken unstofflicher Kräfte zurückzuführen seien. Es ist noch nicht lange her, da hatten die sogenannten Geistheiler großen Zulauf (Ähnliches gab es schon zu Mahaviras Zeiten. Siehe Zitat 18).  Heute sind es eher die Gene, also stoffliche Gebilde, von deren Entschlüsselung man sich Antworten auf noch unerklärliche Krankheitsverläufe verspricht.

Wenn man - als Laie - erläutert bekommt, wie kranke, aber auch gesunde Zellen in unserem Körper von anderen Zellkörpern aufgespürt, förmlich eingekesselt und schließlich daran gehindert werden, sich ihrer Natur entsprechend zu verhalten, erscheint einem Mahaviras Theorie von den Seelen gar nicht so abwegig. Diese Theorie erklärt, daß die Seele, wann immer sie sich in Erregung versetzt - sei es aus Zorn, Begierde, Racheanfallen, Machtgelüsten und dergleichen, das heißt, wie schon das Wort Regung andeutet, zu zittern und vibrieren beginnt (ein Vorgang, den man an sich und anderen gut beobachten kann, namentlich an Menschen, die einer Droge oder einem Laster verfallen sind) -, Schwingungen aussendet, auf die dann die frei im Raum schwebenden Karma-Atome ansprechen, dem Sog folgen und sich kraft ihrer »Klebrigkeit« an die Seele heften. Weitere Erregungszustände und die von ihnen ausgehenden Handlungen - das Töten von Lebewesen erzeugt die stärkste Anziehungskraft - verursachen immer mehr Anhaftungen von Karma-Atomen. Zuletzt gleicht die Umhüllung einem steifen »schwarzen« Panzer (vgl. das Gleichnis von der Flaschengurke, Zitat 42), der schon allein durch seine Schwere die Seele hinab zieht in die verschiedenen unterweltlichen Höllen, an die der Jaina glaubt.

Beachtenswert ist, daß bei dem genannten Prozeß der Kern der Seele nicht verändert wird; er bleibt, was er immer war und bleiben wird: ohne Einschränkung gut und im Besitz der Fähigkeit, sich durch eigene Kraft von allem Karmastoff zu befreien und ewige Glückseligkeit zu erlangen.
Man braucht also, folgt man diesen Überlegungen, keinen griechischen Dämon oder einen christlichen oder muslimischen Satan zu bemühen, um die Gefahrdung des Menschen in der Welt zu begründen. Auch die Hypothesen der westlichen Psychologie treffen nicht. Nach jainistischem Verständnis ist die menschliche Seele zu keinem Zeitpunkt krank, sondern immer nur gefesselt - gefesselt mit Stricken aus Karma-Atomen, die sich der einzelne Mensch selber geknüpft und angelegt hat. Schuldzuweisungen an andere und anderes sind fehl am Platze. »Durch ihre eigene Tat, durch zugefügtes Leid, das man nicht mehr kennt, werden die Wesen zu dem, was sie sind.«

Aus dem Vorausgegangenen läßt sich folgern, daß die Befreiung der gefesselten Seele durch eine Umkehrung des beschriebenen Vorgangs in Bewegung gesetzt werden muß. Kein Erlöser kann uns die Arbeit der Entfesselung abnehmen. Wir haben aus Neugier, aus Schwäche, aus Dummheit, aus Unwissenheit, aus Stolz, aus Übermut, aus Neid, aus Herrschsucht, aus Gleichgültigkeit, aus Mit-dabei-sein-wollen zu diesem und jenem ja gesagt; nun gilt es, wollen wir uns von der drückenden Schwere des Karmapanzers befreien und der Anziehung neuer Karma-Atome vorbeugen, nein zu sagen. Geistige Versenkung in die Lebensläufe der Jinas, der endgültig Befreiten, kann dabei hilfreich sein. Sie um magisch wirkenden Beistand bitten, bleibt nutzlos. Sie haben keinen Anteil mehr an dieser Welt. Grund zur Verzweiflung wegen vermeintlicher Unfähigkeit ist, wie schon erwähnt, nicht angebracht. Jeder Seele wird einmal die Selbstbefreiung glücken, das gewährleistet schon ein weiteres Gesetz der jainistischen Lehre von den Atomen. Bemerkenswert deshalb, weil Mahavira sicherlich nichts gewußt hat von den Verfallszeiten der Strahlkraft bei Atomen, er aber etwas Ähnliches bei den Karma-Atomen voraussetzt. So heißt es bei ihm, daß die Dauer der Verbindung des Karmastoffes mit der Seele von der Intensität des Anziehungsvorgangs (Seelenerregung) und der Haftkraft der jeweilig beteiligten Atome bestimmt wird. Ist die Haftdauer abgelaufen - Mahavira spricht von einem Reifungsprozeß - löst sich der Karmastoff von der Seele ohne zusätzliche Beeinflussung. Theoretisch betrachtet, würde der Mensch schon alleine durch Nichts-Tun - was keine neue Anziehung von Karma-Atomen bedeuten würde - das Ziel der endgültigen Befreiung erreichen. Allerdings kann diese Zeit des Wartens durch Askese, wie sie von den Mönchen und Nonnen vorgelebt wird, beträchtlich verkürzt werden.

Was Mahaviras Karmalehre nicht vorsieht, ist ein Erlösung der Menschheit en masse. Die christliche Vorstellung: »(...) und es wird sein eine neue Erde und ein neuer Himmel« fehlt im Jainismus. Auf dem von Menschen und Tieren bewohnbaren Teil des Kosmos wird es immer nur räumlich und zeitlich begrenzte Paradiese geben.

Einen Tempel im richtigen Seelenzustand zu betreten, gebadet und in reine Tücher gekleidet, vermittelt dem gläubigen Jaina einen Vorgeschmack, nicht so sehr auf jene unbeständigen Paradiese, sondern auf den anzustrebenden Zustand der endgültig entfesselten, schwerelosen Seele.

Fußnoten:
[1]
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