Keine Gewalt gegen Mensch, Tier und Pflanze ► Einleitung (2)

Verfasst: 09.04.2015

Ohne sich einem geistigen Lehrer angeschlossen zu haben, wie es in Indien sonst üblich ist, erringt Mahavira nach zwölf Jahren und sechs Monaten strenger Askese die höchstmögliche Wissensschau: die Erleuchtung. Er ist nun ein Jina, der vierundzwanzigste und letzte Furtbereiter in der gegenwärtigen Welthalbzeit. In der nächsten Halbzeit, die eine aufsteigende sein wird, wird es wieder vierundzwanzig Tirthankaras geben.

Mahavira beginnt seinen neuen Lebensabschnitt nicht in dem Glauben, einen neuen Heilsweg gefunden zu haben. Er sieht seine Mission darin, vergessene Wahrheiten und vernachlässigte Gebote neu zu beleben. Es sind Wahrheiten und Gebote, an die viele Menschen nicht gerne erinnert sein wollen, besonders dann nicht, wenn sie ihnen so ungeschminkt gesagt werden, wie es Mahavira zu tun gedenkt.

Nicht Geborgenheit ist es, was Mahavira seinen Zuhörern verspricht. Die Religion der Tirthankaras kennt keinen wohlwollenden, allmächtigen Schöpfergott. Finde deinen Halt an dir selbst, solcherart wirst du dich vom Leiden befreien (...)« und »hast du den Zusammenhang der Welt erkannt, so sieh um dich: danach bist du kein Töter und kein Helfer beim Töten.« Das sind klare Worte, gesprochen von Mahavira in der Sprache des einfachen Volkes. Und immer wieder sein mahnender Hinweis auf das nie enden wollende Übel: »Überall verursachen Wesen Pein, die selbst Pein empfinden.« Stumpf gewordene Sinne tragen die Schuld, eine noch größere Abstumpfung ist die Folge. Diesen Kreis zu durchbrechen, das heißt, keinem Wesen, und sei es noch so unscheinbar, Leid zuzufügen, ist das Ziel und erste Gebot Mahaviras; nicht ein von ihm gefundenes, sondern ein von ihm neu verkündetes Gebot. In der Religion der Hindu-Brahmanen, in der der Opferkult unschuldiger Tiere an der Tagesordnung ist, fehlt dieses für die Jaina unabdingbare Gesetz. Wenig später wird auch der Buddha die großen Tieropferfeste der Brahmanen-Priester verurteilen; doch er wird nicht so weit gehen wie Mahavira, der den Verzehr von Fleisch, Fisch, Honig und Eiern als ein Vergehen gegen die Weisung des Nicht-Tötens bezeichnet. Buddha soll - so ist überliefert - nach dem Genuß verdorbenen Fleisches gestorben sein, das er auf einem morgendlichen Almosengang von einem Schmied erhalten hatte.

Mahavira lehrte - mehr als zweitausend Jahre ehe unsere Wissenschaft davon wußte -, daß sich im Wasser, in der Luft, in der Erde, an den Blättern und Wurzeln der Pflanzen kleine und kleinste Lebewesen aufhalten, manche von so geringer Größe, daß sie das menschliche Auge nicht wahrnehmen kann. Auch diese Wesen, beteuert Mahavira, wollen leben und verdienen Schonung.

Diese bewundernswerte, wenngleich nach landläufigem Verständnis extreme Einstellung, wirkte sich auf das gesundheitliche Wohlbefinden der Gläubigen vorteilhaft aus - ganz unbeabsichtigt, denn Mahavira ging es allein um die Befreiung der Seele aus dem Gefängnis des Karma.

Mahavira und die alten Jaina-Gelehrten waren der Meinung, daß die unsichtbaren »Wasser-Wesen« - wie man sie nannte - beim Erhitzen von Wasser mit dem Dampf aufsteigen und sich so vor dem sicheren Hitzetod retten würden. Man erließ daher die Weisung, nur abgekochtes Wasser zu trinken. Diese Vorschrift des Wasserabkochens, die zuerst nur für die Ordensmitglieder gedacht war, wurde schon bald von den Laien übernommen, was für den Gesundheitszustand in den Jaina-Gemeinden sehr förderlich war und ist. Dazu kommt noch, daß in den Jaina-Haushalten auf die insektensichere Aufbewahrung der Lebensmittel und auf die Reinigung des Gemüses sehr geachtet wird; nicht um Erkrankungen vorzubeugen - das ist eine zufällige Nebenwirkung -, sondern um möglichst kein Lebewesen zu schädigen. Auch das Rauchen und der Genuß von Alkohol sind für Jaina Verstöße gegen das Ahimsa-Gebot: glühender Tabak bringt die Luft-Lebewesen in Gefahr; Alkohol entsteht durch Gärungsprozesse, bei denen Kleinstlebewesen beteiligt sind und dabei umkommen. Heute, wo derartige Zusammenhänge allgemein bekannt sind, sehen sich die Jaina in ihrer Überzeugung bestätigt, daß Mahavira und ihre anderen großen Heiligen nicht einfach Moralprediger waren, sondern Wissenschaftler im wahren Sinne des Wortes. Für sie ist der Jainismus eine wissenschaftliche Religion.

Nach der Erleuchtung bleiben Mahavira noch dreißig Jahre für die Verbreitung seiner Lehre der Gewaltlosigkeit. Halbherzigkeiten lehnt er ab. Das Erstaunliche ist, daß er trotz anfänglicher Anfeindungen und tätlicher Angriffe wegen seiner Nacktheit, die er ohne Gegenwehr über sich ergehen läßt, bei immer mehr Menschen Verständnis findet, bei Angehörigen aller Kasten; sogar Fürsten begegnen ihm mit Wohlwollen, wobei ihm sicherlich seine hohe Abkunft behilflich ist. Er gründet einen Mönchsorden mit einem strengen Verhaltenskodex; gleichzeitig bemüht er sich - und das ist neu im Indien seiner Zeit -, Orden und Laiengemeinde so zu organisieren, daß sie eine organische Einheit bilden. Das Kastenwesen wird abgelehnt, und obwohl die ersten geistigen Gefährten, die sich Mahavira anschließen - es sind elf an der Zahl -, gelehrte Brahmanen sind, kommt es nicht zur Etablierung einer Priesterkaste innerhalb der Jaina-Religion.

Die vielleicht bemerkenswerteste Neuerung auf dem immerhin schon vielgestaltigen Feld der indischen Religionen ist Mahaviras Einladung an die Frauen, eigene Ordensgemeinschaften zu gründen. Im Hinduismus haben die Frauen noch heute nicht das Recht, es auf diesem Gebiet den Männern gleich zu tun, und von Buddha wissen wir, daß er erst nach vielen Bittgesuchen seinen halbherzigen Segen dazu gab. Im Hinayana-Buddhismus, der hauptsächlich in Südostasien und Sri Lanka zuhause ist und die Lehre des Buddha am getreuesten bewahrt hat, sind die Frauen, die ein klösterliches Leben führen, keine Nonnen, sondern sogenannte Acht-Gebotefrauen: sie stehen zwei Gebotsstufen unter den Mönchen. Allerdings warnt auch Mahavira seine Mönche vor den Verführungskünsten der Frauen; und nach der Lehre der Digambara-Jaina muß die Frau, ehe sie, das heißt ihre Seele, ins Nirvana eingehen kann, als Mann wiedergeboren werden. Das aber ist zur Zeit irrelevant, da es noch etliche zehntausend Jahre dauern wird, bis die allgemeinen Lebensbedingungen und die Tugendhaftigkeit der Menschen den Stand wiedererreicht haben werden, der nötig ist, um einzelnen Menschen die Selbstbefreiung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten zu ermöglichen.

Mit zweiundsiebzig Jahren stirbt Mahavira: »(...) frühmorgens, in der Stadt Papa (das heutige Pavapuri in Bihar), im Büro der Schreiber am Hofe des Königs von Hastipala; allein, in der Samparyanka-Pose sitzend und die fünfundfünfzig Lektionen der Karmalehre sowie die sechsunddreißig ungefragten Fragen aufsagend, starb er, ging er weg, verließ er die Welt, durchschnitt er die Bande aus Geburt, Alter und Tod, wurde er ein Siddha (= erlöste Seele), ein Buddha, ein Beender allen Leidens, endgültig befreit, schmerzlos (...).«

»Zu diesem Zeitpunkt«, so heißt es weiter im Kalpa-Sutra der Jaina, »hatte der ehrwürdige Asket Mahavira eine vorbildliche Gemeinde bestehend aus 14 000 Mönchen mit Indrabhuti als Oberhaupt, 36 000 Nonnen mit Kandana als Oberin, 159 000 Laienanhänger mit Sankhasataka als Anführer, 318 000 Laienanhängerinnen mit Sulasa und Revati als deren Oberhäupter.« Ferner werden noch »siebenhundert männliche und vierzehnhundert weibliche Jünger« - also doppelt so viele Frauen als Männer! - aufgeführt, die den Status der Vollkommenheit erreicht haben. Das ist (wenn auch die Zahlen geschönt sein mögen) für ein Land wie Indien, wo die Frau noch heute sehr viel weniger Rechte genießt als der Mann, ein beachtliches Bekenntnis zur Gleichwertigkeit der Geschlechter. Und diese Aufgeschlossenheit hat sicherlich dazu beigetragen, daß innerhalb der indischen Grenzen die Religion des Mahavira überlebt hat, während der Buddhismus aus seinem Geburtsland fast völlig verdrängt wurde.

An einer Stelle bei Mahavira heißt es - und man bedenke, daß diese Worte vor mehr als zweitausendfünfhundert Jahren gesprochen wurden -: »Beim Anblick von Bäumen in einem Park, an Berghängen oder im Walde sollte man nicht sagen: Diese Bäume gäben ein gutes Holz für den Bau von Palästen oder für Tore, Häuser, Kähne, Fässer (...). So sollte man, die Umstände recht bedenkend, nicht von Bäumen sprechen. Beim Anblick von Bäumen in einem Park, an Berghängen oder im Walde sollte vielmehr so geredet werden: Sieh, jene Bäume! Sie sind prächtig, groß, hochragend; sie haben weit ausladende Äste mit vielen Zweigen; sie sind herrlich, schön, wunderschön! So sollte ein Mönch oder eine Nonne wohlbedacht von Bäumen sprechen.«

Sich solcher Rede zu öffnen, tut not, ist sie doch beseelt von dem, woran es uns schmerzlich mangelt: an der Absage an die Gewalt im Denken, Reden und Handeln.

Kurt Titze

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