Zur Harmonie im Inneren ► 01. Verlangen und Disziplin

Verfasst: 11.11.2012

Acharya Tulsi, 9. Oberhaupt der religiösen Organisation der Terapanth Svetambara Jain, Initiator und Mentor der Anuvratbewegung in Indien, vertrat die Auffassung, dass die Einhaltung perfekter Disziplin notwendig sei. Er hat ein Buch mit dem Titel "Disziplinierung des Geistes" geschrieben, das sich besonders an den zeitgenössischen Menschen wendet, dessen Geist sich in nicht enden wollendem Aufruhr befindet. In der Tat ist dieses psychologische Problem zu einem Komplex nie gekannten Ausmaßes angewachsen. Natürlich gibt es den Geist und die von ihm verursachten Probleme seit Anbeginn der Zeit, doch erst seit kurzem wurden diese Probleme brennend aktuell und verzwickt. Industrialisierung und Überbevölkerung zwingen den Menschen zu erhöhten Aktivitäten, was mentale Unruhe und Unausgeglichenheit zur Folge hat.

Dies ist das Zeitalter der Information, Nachrichten kursieren schnell. In früheren Zeiten war das nicht so, es gab wenig über die unmittelbare Nachbarschaft hinausgehende Kommunikation. Kaum jemand erfuhr etwas von seinen Angehörigen, die in einem anderen Dorf lebten. Das hat sich in bemerkenswerter Weise geändert. Was in einem abgelegenen Winkel des Landes passiert, ist im Nu auf der ganzen Welt bekannt. Die Kommunikationsmöglichkeiten sind für jeden Einzelnen so vielfältig und schnell geworden, dass innerhalb von Minuten, ja Sekunden, über ein Ereignis in der ganzen Welt berichtet werden kann. Darin liegt auch die Hauptursache aller mentalen Probleme.

Faktisch wird damit der Nährboden für das Wachstum unzähliger psychologischer Komplikationen bereitet. Kein Wunder also, dass der Begriff "Disziplinierung des Geistes" eine Bedeutung von großer Relevanz erlangt hat. Es erhebt sich die Frage, ob eine Disziplinierung des Geistes spontan, ohne Vorbereitung, durch direkte Annäherung möglich ist oder besser graduell, in Phasen, basierend auf einer speziellen Technik.

Shivaji, der später zu Ruhm gelangte Feldherr, verlor eine Schlacht nach der anderen. Wann immer er eine Invasion begann, schlug sie fehl. Einmal betrat er verkleidet das Haus einer alten Frau. Diese hieß ihren Gast herzlich willkommen und bot ihm einen Teller Khichri an, eine aus Reis und Hülsenfrüchten zubereitete Speise. Sie gab reichlich Ghee, indisches Butterfett, dazu. Das Khichri war heiß. Shivaji hatte tagelang nichts gegessen. Der Duft der heißen Speise regte seinen Appetit noch mehr an und voll hungriger Ungeduld fasste er mit seiner Hand in die Mitte des Tellers [in Indien wurde und wird auch heute noch mit den Fingern gegessen] und verbrannte sich die Finger. Seine Hand zuckte unwillkürlich zurück, ohne dass er sich ein Stück in den Mund schieben konnte.  Die alte Frau lächelte und sprach: „Junge, du scheinst ein ebensolcher Narr wie Shivaji zu sein.“ Shivaji murmelte zu sich: „Shivaji ein Narr!“ und fragte höflich, warum Shivaji denn ein Narr sei. Die alte Frau entgegnete: „Junge, siehst du nicht, was Shivaji die ganze Zeit über macht? Er dringt in die Hauptstadt des Feindes ein, wo Krieger und Kriegsmaterial konzentriert sind. Kein Wunder, dass seine Angriffe stets zurückgeschlagen werden. Würde er zuerst die kleineren Städte am Rand angreifen würde, könnte er seine Schlagkraft verbessern, seine Ressourcen vergrößern und dann die Hauptstadt erfolgreich erobern. Man muss das Khichri vom Rande aus anfangen zu essen und nicht von der Mitte, wo es noch zu heiß ist.“ 

So erhielt Shivaji eine unschätzbare Lektion von einer alten, sehr lebenserfahrenen Analphabetin.

Ist die Wirkung der direkten Disziplinierung des Geistes, damit zu vergleichen, heißes Khichri von der Mitte aus essen zu wollen? Ist es dem Menschen je gelungen, den Geist beim ersten Versuch zu bezwingen? Wer das versucht hat, dem ist es entweder missglückt oder er hat sich bei diesem Unterfangen schrecklich verirrt. Das heiße Khichri muss abkühlen, bevor man es essen kann. Man muss am Rand anfangen, nicht in der Mitte.

Es kam mir in den Sinn, dass der Titel "Disziplinierung des Verlangens" für Acharya Tulsis Buch besser geeignet wäre als "Disziplinierung des Geistes"- das heißt, den Appetit zügeln, das Verlangen einschränken. Doch das Buch trägt den Titel "Disziplinierung des Geistes", was auf Kontrolle und Beherrschung des Geistes zielt. Und vielleicht ist das auch richtig so. Eine augenfällige Tatsache kann einfach begriffen werden, während das Unfassbare geheimnisumwittert bleibt. Die verborgene Triebkraft des Verlangens bewegt den Geist und nicht der Geist die nicht enden wollenden Aspekte des Verlangens.

Der ewig ruhelose Geist ist eine offenkundige Tatsache, doch es ist nicht so offenkundig, warum er ruhelos ist. In "Disziplinierung des Geistes" werden sechs Phasen einer Technik beschrieben, mit der man den Geist beherrschen lernen kann:

  1. Kontrolle der Nahrungsaufnahme
  2. Kontrolle des Körpers
  3. Kontrolle der Sinne
  4. Kontrolle des Atems
  5. Kontrolle des Verlangens
  6. Kontrolle des Geistes

Will man den Geist kontrollieren, muss man zuerst lernen, die Sinne zu kontrollieren. Wir Menschen nehmen Nahrung auf, haben einen Körper, sind mit Sinnesorganen ausgestattet, atmen, wünschen, Verlangen empfinden und denken. In unserer von Maschinen dominierten Gegenwart beeindruckt uns der Computer mit seiner maschinellen Intelligenz. Er kann rechnen, dichten, medizinische Diagnosen stellen und auch gleich die entsprechenden Medikamente verschreiben. Der Computer kann vieles, doch kennt er von sich aus weder Wünsche, noch Verlangen. Das unterscheidet ihn von einem Lebewesen, dessen Denken eine Funktion des Gehirns und dessen Atmen ein Prozess ist, der die Lebensvorgänge im Organismus steuert.

Doch um das Verlangen aufzuspüren, muss man viel tiefer gehen. Hier finden wir ein Wunderwerk aus einer anderen Welt, der Welt der Psyche, eine Tür, die sich in einen physikalischen Körper hinein öffnet und sich dabei einen unsichtbaren Körper formt. Hervorgerufen durch eine subtile Drüse ist das Verlangen die Grundlage jeglichen Handelns und macht den Geist ruhelos. So kommt das Verlangen aus einer tiefgründigen, subtilen Welt jenseits des Geistes, erfüllt ihn mit Unruhe und zwingt ihn zur Bewegung. Wollen wir den Geist begreifen, entgleitet er uns. Auf diese Weise lässt er sich nicht kontrollieren.

 Einmal ärgerte sich ein Bauer über den starken Wind eines elektrischen Ventilators. Er wollte die Rotoren stoppen und steckte einen Knüppel zwischen sie. Nachdem sich der Ventilator nicht mehr bewegte, zog er den Knüppel wieder heraus und legte ihn neben sich auf den Boden. Sofort drehten sich die Rotoren des Ventilators wieder. Der Bauer geriet in Zorn und schlug einige Male auf den Ventilator ein. Der Stock zerbrach, und auch der Ventilator war beschädigt. Der Bauer empfand den Ventilator als widerspenstig in der völligen Missachtung seiner Wünsche.

Verhalten wir uns nicht alle auf dieselbe Weise? Der Ventilator im Geiste ist eingeschaltet. Wir möchten ihn anhalten, ohne zu wissen, wie er ausgeschaltet wird. Wir haben keine Ahnung von der Kraft, die den Ventilator bewegt. Solange der Strom nicht ausgeschaltet wird, hält der Ventilator nicht an, denn die Rotoren bewegen sich nicht aus eigener Kraft. Unsere Antwort auf den endlos schwatzenden Geist unterscheidet sich kaum von der des Bauern. Vergebens bestürmen wir den Geist. Mit brachialer Gewalt möchten wir ihn zum Schweigen bringen, doch er lässt sich nicht zwingen. Der Ventilator des Geistes wird erst anhalten, wenn wir die ihn motivierende Kraft ausschalten. Diese motivierende Kraft ist das Verlangen. Die Kraft des Verlangens macht den Geist ruhelos. Die elektrische Ladung des Verlangens sendet ihre Wellen aus und versetzt den Geist in Turbulenzen.

Wie der Strom ist auch das Verlangen unsichtbar. Fangen wir mit den sichtbaren Rotoren des Ventilators Streit an, ist das vergebens. Man kann das 10, 50 oder 100 Jahre lang fortführen, es bleibt ohne Erfolg. Der Kampf endet erst, wenn wir die Funktion des Verlangens erkannt haben. Wo Verlangen ist, schleicht sich unvermeidlich Verwirrung ein, Leidenschaften toben, Irrwege und Unentschlossenheit sind die Folge. All dies lässt sich weder überwinden, noch zerstören, die Verwirrung endet erst, wenn wir das Verlangen selbst verstehen. Durch Verstehen lernen wir es zu kontrollieren.

Ein Kind trieb Schabernack, machte Knoten in Tücher, warf mit Kletten und versteckte Bücher. Jemand fragte: „Kind, warum tust du das alles?“ Zu seiner Verblüffung kam die Antwort: „Weil ich es will, und wer bist du, mich so zu fragen?“

Ein Mann saß mitten auf der Straße. Jemand fragte ihn: „Warum versperrst du den Weg?“ Er antwortete: „Weil ich es will, was geht es dich an?“

Eine Frau stritt mit ihrem Mann. „Du bist krank. Der Arzt hat dir Salz verboten. Warum nimmst du es trotzdem?“ Der Mann antwortete: „Was ich nehme oder nicht, ist meine Sache. Mögen du und der Arzt verdammt sein.”

Mein Wille! Mein Verlangen! Eine unwiderlegbare Antwort, neben der alle anderen Erklärungen bedeutungslos werden. Trotzdem hat der Mensch herausgefunden, dass es nichts Dauerhaftes im Verlangen gibt, es untersteht zeitlichen und räumlichen Voraussetzungen. Man kann seinen Willen nicht überall und zu allen Zeiten durchsetzen. Das führt natürlich zu der Notwendigkeit, das Verlangen beherrschen zu wollen. Der Mensch schließt daraus, dass er seinem Verlangen, wann immer es aufsteigt und auf welchem Impuls es auch basieren mag, nicht einfach folgen kann. Es muss beherrscht und diszipliniert werden. Daraus leitet sich die Maxime ab‚ sich des Verlangens bewusst zu werden.

Verlangen ist seinem Wesen nach willkürlich und uneinheitlich. Würde jedem Verlangen nachgegeben, herrschte komplettes Chaos, unser Leben wäre von ständig wechselnden Launen bestimmt. Jede Art von Verlangen findet Eingang in den Geist. Das Verlangen, sich jemandes Besitz anzueignen, führt zu Raub, Vertreibung und Schlimmerem. Das kann die Justiz nicht dulden. Es darf nur dem Verlangen nachgegeben werden, welches die Freiheit anderer Menschen nicht beeinträchtigt und Anderen keinen Schaden zufügt. Ohne solche Differenzierungen ist keine zivilisierte Gesellschaft möglich.

Unterdrücktes Verlangen ist sehr gefährlich und bedeutet ein hohes Risiko für die Gesellschaft. Beispielsweise hat die Gesellschaft lange Zeit nur verheirateten Paaren das Recht zur sexuellen Vereinigung eingeräumt. Auf diese Weise ließ sich das sexuelle Verlangen kanalisieren und eingrenzen. Das exzessive Ausleben sexuellen Verlangens zieht einen Menschen in einen Strudel der Lust, der seine Gesundheit gefährdet, seine Energien bindet und es ihm schwer macht, den Leidenschaften wieder zu entkommen. Die bloße Begrenzung des Verlangens reicht nicht aus, man muss auf dem Weg zur Selbsterkenntnis herausfinden, was dem eigenen Verlangen widerspricht, um sein Gleichgewicht zu finden.

Das Für und Wider öffnet die Augen für Ursachen und Folgen. Wird die Einsicht verfeinert, wird das Verlangen vergeistigt. Für diese Anstrengung muss man sich disziplinieren. Der Ayurveda [der fünfte Veda, Basis für das klassische System medizinischen Wissens im alten Indien, Wissenschaft für Gesundheit und langes Leben] lehrt drei Sachverhalte:

  • Konzentrationslosigkeit
  • Konzentration
  • Hyperkonzentration

Konzentrationslosigkeit führt nicht zum Erfolg. Kann man sich nicht auf den Lehrstoff konzentrieren, bleibt man unwissend. Auch zuviel Konzentration schadet. Liest man ununterbrochen Tag und Nacht, bleibt wahrscheinlich wenig hängen. Konzentrationslosigkeit und Hyperkonzentration bringen beide nicht die gewünschten Ergebnisse. 2-4 Stunden Studium, dann Pause und wieder Studium und Pause. Das ist mit Disziplinierung des Verlangens gemeint. Konzentration ist Begrenzung und Zentrierung des Verlangens im Geiste und reguliert es angemessen.

Zur spirituellen Entwicklung gehört die Kontrolle des Verlangens. Disziplin muss spontan entstehen. In Acharya Tulsis Buch wird dieser Prozess detailliert beschrieben.

In unserem Körper finden sich Zentren für Verlangen und Emotionen. In ihnen ist jede Disposition vorhanden, Grausamkeit ebenso wie Gnade, Tugend und Lust. Unruhe und Frieden sowie die Erlösung davon koexistieren nebeneinander. Studiert man den Gesamtprozess, findet man das Wissen, welcher Knopf gedrückt werden muss, um ein bestimmtes Zentrum zu aktivieren. Seit undenklichen Zeiten konfrontiert sich der Mensch mit der Frage "Wer bin ich?". Über diese Frage gibt es endlose  Betrachtungen. Unzählige Philosophen, Gelehrte und religiöse Menschen haben sich diese Frage über Tausende von Jahren wiederholt gestellt, viele haben so den Kern ihres Seins erreicht. Maharishi Raman provozierte sie oft, indem er endlos wiederholte: "Wer bin ich, wer bin ich?"

Heute möchte ich diese Frage aus einem anderen Blickwinkel angehen. Bin ich von Verlangen [ichha-purush] dominiert? Bin ich im Besitz von Weisheit[prana-purush]? Ich muss nicht weit gehen, um die Antwort herauszufinden, kein einziges Buch lesen, ich muss dafür überhaupt nichts tun, außer zu beobachten, in welchem Teil meines Körpers sich mein Bewusstsein normalerweise aufhält, und ich werde wissen, wer ich bin.

Hierzu unterteilt man den Körper in 2 Bereiche mit dem Nabel als Mittelpunkt:

  • nabelaufwärts
  • nabelabwärts

Der gewissenhafte Sucher sollte das Zentrum seines Bewusstseins in einer dieser beiden Partien lokalisieren können. Diejenigen Körperzentren sind am aktivsten, in denen sich das Bewusstsein am häufigsten aufhält, da die Anwesenheit des Bewusstseins die betroffenen Zentren aktiviert.

Hält sich das Bewusstsein in der Nabelgegend auf, sollte ich wissen, dass ich ein von Verlangen und dessen vitalen Grundbedürfnissen beherrschter Mensch bin, geprägt von triebgesteuertem Willen. Der Nabel ist der Sitz erwachenden Verlangens, hier laufen alle Motivationsfäden zusammen. Aktiviert das umherwandernde Bewusstsein dieses Zentrum durch sein Verweilen, folgt ein Verlangen dem anderen.

Verweilt das Bewusstsein im Herzen, in der Kehle, in der Nase, zwischen den Augenbrauen, in der Mitte der Stirn oder des Scheitelpunkts, bin ich ein

  • prana-purush, jemand, in dem Lebensfreude und Vitalität vorherrschen, oder ein
  • prajna-purush, jemand, in dem Weisheit vorherrscht.

Bewegungen des Bewussteins vom Nabel zur Nase zeigen einen prana-purush an, von Augenbrauenhöhe aufwärts einen prajna-purush. Ist das Bewusstsein in den höheren Regionen aktiviert, erwachen die höher gelegenen Zentren zur Aktivität und dem unteren Drittel wird Energie entzogen. Ist das Bewusstsein in der oberen Sphäre aktiv, diszipliniert sich das Verlangen von selbst. Das wirklich Wichtige ist somit die Lokalisierung des Bewusstseins im eigenen Körper.

Eine Frau fuhr ihr Auto mit furioser Geschwindigkeit. Ein Polizeiwagen hielt sie an, und der Polizist sagte: „Es ist ein Verbrechen, so schnell zu fahren!“ Die Frau schrie: „Weiß ich! Aber ich kann nichts machen, der Tachometer ist kaputt, und ich kann ihn auch gar nicht finden.“ Sie raste davon und kollidierte mit einem Baum. Das war das Ende der Frau und des Autos.

Solange das Kontrollsystem und die Bremsen arbeiten, gleitet das Gefährt des Lebens sanft dahin. Ist die Kontrolle außer Betrieb, gibt es Turbulenzen. Im Körper befinden sich unzählige Kontrollzentren, die alle vom Gehirn gesteuert und reguliert werden. Nervensystem und Wirbelsäule (Shushumna) sind die wichtigsten. Ein Kontrollzentrum hat seinen Sitz im Oberkörper, eines befindet sich im Rücken, eines rechts, eines links, eines in der Körpermitte. Wer die Bewegungen des Bewusstseins in den verschiedenen Regionen des Körpers, der Wirbelsäule oder im Gehirn verfolgt hat, kennt bereits viele Geheimnisse.

Es ist möglich, unseren Körper an diesen fünf Stellen transparent werden zu lassen. Unser gesamter Körper bildet ein magnetisches Feld und kann an diesen fünf Stellen stärker magnetisiert werden. Ist er völlig magnetisiert, kann man hellsehen. Die fünf Arten des Hellsehens stehen mit der Stirn, dem Rücken, der rechten Körperseite, der linken Körperseite und der Körpermitte in Verbindung. Ohne Verständnis des Körpers und seiner Kontrollzentren kann der Körper nicht vollständig magnetisiert werden und von der generierten Elektrizität keinen Gebrauch machen. Für die Kontrolle des Verlangens ist es sehr wichtig, die Arbeit der Kontrollzentren zu verstehen. Verlangen hat seine Ursache im Inneren, angetrieben wird es von der Lebenskraft. Verliert es diesen Antrieb, entsteht es zwar, wird aber inaktiv, sobald es nach außen tritt. Was auch immer aus dem Inneren entspringt, braucht Unterstützung durch die Lebenskraft und den ganzen Menschen. 

Ein Schriftsteller schrieb einem Herausgeber: „Die Geschichten in ihrer Zeitung haben weder Hand, noch Fuß. Was für Abscheulichkeiten sie veröffentlichen! Anbei eine Geschichte mit Hand und Fuß.“ Der Herausgeber antwortete: „Ihre Geschichte ist gut gemacht. Sie hat Hand und Fuß, ist aber ohne Leben. Anbei das Manuskript zurück.“

Weder Hand, noch Fuß sind brauchbar, wenn das Leben fehlt. Ist Leben vorhanden, hat die Hand ebenso ihre Funktion wie der Fuß. Doch Hand und Fuß einer Leiche haben keine Funktion, nur in Verbindung mit der Lebenskraft sind sie von Nutzen. Wird die das Verlangen begleitende Lebenskraft in die oberhalb des Nabels gelegenen Zentren geleitet, werden diese vitalisiert, und die unteren Zentren gehen leer aus. So entsteht zwar Verlangen, findet aber keine Unterstützung und vergeht wieder. Das ist die Technik, das Verlangen zu beherrschen.

In "Disziplinierung des Geistes" wird der ganze Prozess ausführlich beschrieben. Die Lektüre dieses Buches kann zur Grundlage unserer Selbsterkenntnis werden. Vielleicht lernen wir dabei auch den Verfasser, Acharya Tulsi, noch besser kennen. Ohne uns selbst zu kennen, sind alle Kriterien sinnlos, die wir entwickeln. Wenn wir dazu übergehen, uns selbst kennen zu lernen, habe wir keine Schwierigkeiten, andere zu erkennen. Dann sind unsere Ansätze stichhaltig und unsere Erkenntnisse fehlerfrei.

Um sich selbst erkennen zu können, muss man nach innen schauen. Nach innen kann nur schauen, wer seinen Geist disziplinieren kann. Der Disziplinierungsprozess läuft folgendermaßen ab: Kontrolle des Verlangens und Kontrolle des Geistes führen zur Einsicht über sich selbst. Das graduelle Verschwinden des Verlangens unterstützt die Kontrolle der Nahrungsaufnahme. Warum besteht der Mensch überhaupt darauf, zuviel zu essen? Es ist nicht notwendig, dass der Mensch zuviel isst. Jeder sollte herausfinden, wie viel Nahrung er braucht und wie viel er verlangt. Überraschenderweise ist es schwierig, einen unter hundert herauszufinden, der nur isst, was er braucht. Die meisten Menschen essen, um sich selbst und die Sinne zu belohnen.

Wenn ein kalter Wind bläst, entsteht das Verlangen nach heißer Schokolade. Man trinkt sie wegen des Bedarfs an Wärme. Hier wird das Verlangen einfach durch das Wetter hervorgerufen, die Frage nach dem Nutzwert gerät in den Hintergrund, und die Frage nach der Notwendigkeit stellt sich erst gar nicht. Nehmen wir ein anderes Beispiel. Direkt nach dem Essen geht man auf den Markt. Einige Köstlichkeiten verlocken das Auge und lassen einem das Wasser im Munde zusammenlaufen. Man kauft sie und isst sie auf, während man auf dem Markt umherstreift. Konsumiert man aus Notwendigkeit ein Stück nach dem anderen? Oder aus schierem sinnlichen Verlangen? Aus Notwendigkeit wohl kaum. Würde der Mensch nur aus Notwendigkeit essen, träten viele Probleme gar nicht erst auf. Isst der Mensch nur, wenn er muss, lebt er länger, ist frei von Beschwerden und hat mehr Lebensfreude.  

Der Disziplinierungsprozess hat also seine eigene Ordnung:

  • Kontrolle über das Verlangen
  • Kontrolle über das Essen
  • Kontrolle über den Körper
  • Kontrolle über die Sinne
  • Kontrolle über den Atem
  • Kontrolle über die Rede
  • Kontrolle über den Geist

Wir werden dieser Ordnung in unserer Darstellung von "Disziplinierung des Geistes" folgen. Wir haben erkannt, dass wir nicht mit der Kontrolle des Geistes beginnen können, sondern mit der Wurzel, dem Verlangen, anfangen müssen. Später werden wir die Zweige, Blätter und Blüten betrachten, erst zum Schluss gelangen wir zur Frucht. In dieser Reihenfolge fahren wir mit unserer Untersuchung fort. Möge unser Verständnis graduell reifen.

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