Zur Harmonie im Inneren: 13. Ich möchte Selbstdisziplin lernen

Veröffentlicht: 23.11.2012

Jedes Individuum diszipliniert sich in gewisser Weise, wenn es gesellschaftliche Normen übernimmt und befolgt. Gespräche über Freiheit sind sehr gut, doch in dieser eindrucksvollen und leicht zu beeindruckenden Welt gibt es nur relative, keine absolute Freiheit. In einem Sanskrit-Gedicht heißt es: "Eine Frau ist niemals frei. Solange sie Jungfrau ist, beschützt sie der Vater, als Ehefrau der Ehemann und als alte Frau der Sohn." Was dort über die Frau gesagt wird, gilt für alle. Nicht nur Frauen, auch Männer sind nicht frei, kein Lebewesen ist unabhängig. Alle sind vielen Einflüssen ausgesetzt, der unmittelbaren Umwelt, dem Sonnensystem, anderen Lebewesen, der Sprache. In einer Welt mit derartig vielen Einflüssen kann keine Rede von absoluter Freiheit sein, ohne Disziplin geht es nicht.

Allerdings müssen Kontrolle und Disziplin voneinander unterschieden werden. Wir werden von äußeren und inneren Einflüssen geleitet. Von außen auferlegte Disziplin nennt man Kontrolle, die sich aus Meditation und Kayotsarga entwickelnde innere Disziplin ist Selbstdisziplin. Hätten Meditation und Kayotsarga nicht die Entwicklung von Selbstdisziplin zur Folge, wären sie nicht besser als ein Medikament. Nach Einnahme einer Pille fühlt man sich wie berauscht, sobald ihre Wirkung nachlässt, ist alles wie vorher. Wäre es bei Meditation und Kayotsarga genauso, würde man ihnen nicht soviel Bedeutung beimessen. Ich behaupte, dass Meditation und Kayotsarga keine vorübergehende, sondern permanente Wirkung erzielen.

Wir unterteilen die Zeit in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Vergangenheit übt einen beträchtlichen Einfluss auf uns aus. Wie viel wir auch über Freiheit nachdenken und darüber reden, niemand kann sich dem Einfluss der Vergangenheit entziehen. Aufgelaufene Erfahrungen, Triebkräfte und Impulse behindern den Menschen auf Schritt und Tritt. Während er wie mit Ketten an die Vergangenheit gefesselt ist, versucht er pausenlos davonzurennen. In einem anderen Sanskrit-Gedicht heißt es: "Die Vergangenheit ist eine seltsame Fessel, wer an sie gebunden ist, rennt unentwegt vor ihr weg, wer von ihr befreit ist, rührt sich kaum von der Stelle."

Die Psychologen unterscheiden die Bereiche Unbewusstes, Unterbewusstes und Bewusstes. Alles, was das Bewusstsein bewegt, sind Reaktionen auf äußere und innere Einflüsse. Frühere Eindrücke, Reaktionen und Gefühle aus dem Unbewussten bewegen den Geist und dirigieren ihn. Der bewusste Geist ist lediglich der Schauspieler, Autor und Regisseur sind tief im Inneren verwurzelt. Der Schauspieler kann so lange nichts ändern, wie die Handlung unverändert bleibt. Die schauspielende Bewusstseinseinheit übernimmt heute diese Rolle, morgen jene und übermorgen wieder eine andere. Heute steht Zorn auf dem Spielplan, morgen Hochmut und übermorgen Geiz, manchmal auch Angst und Wollust. Diese Dramen werden so lange aufgeführt, bis das Unbewusste von diesen Impulsen gereinigt wird. Diese Aufgabe übernimmt die Meditation.

In einem Park stand ein Schild mit der Aufschrift  'Blumen pflücken verboten'. Ein Gassenjunge betrat den Park und fing an, Pflanzen auszugraben. Der Gärtner rief: "Was machst du da? Hast du das Schild nicht gelesen?" Der Junge erwiderte: "Doch! Blumen pflücken ist verboten, aber Pflanzen ausgraben nicht!"

Solange wir uns damit begnügen, Blumen zu pflücken und hier und da ein Blatt aufzusammeln, ist kein Ende des Stückes in Sicht. Wir müssen das Übel an der Wurzel packen und entfernen. Oberflächliche Behandlung ist zwecklos. Das Meditationsverfahren wurde aus der Einsicht entwickelt, dass eine Kette nutzloser Handlungen nicht durch gelegentliche Nachbesserungen unterbrochen werden kann. Man findet gefallen daran, eine Wahrheit zu hören. Der Geist ist für einen Augenblick beeindruckt, doch wenn dieser Eindruck wie jeder andere nach etwa zwei Stunden wieder verschwindet, ist alles wie vorher. Mit den Eindrücken des Geistes verhält es sich ähnlich wie mit der Wirkung einer Pille, beides hält nicht lange an. Eine rein verbale Behandlung ist oberflächlich und zeigt keine dauerhafte Wirkung.

In der Meditation dringen wir zum Kern vor. Der Meditationsprozess bewirkt eine Reinigung des Unbewussten in Verbindung mit dem Abbau von Vorurteilen, ein selbst initiierter Prozess der inneren Umwandlung. Kein die Oberfläche des Intellekts von außen beeinflussender Drill wie die Gehirnwäsche, sondern eine Reinigung des Drüsensystems, das die Impulse für Verhalten und Handlungen des Menschen generiert. Meditation berührt das innerste Wesen des Menschen. Es kann zu mächtigen Ausbrüchen der Leidenschaften bei den Sadhaks kommen, durch die manche in Panik geraten. Diese Ausbrüche finden nur statt, wenn man sehr tief in sein Inneres gelangt ist und der Prozess der inneren Reinigung aktiviert wurde. Die tief verwurzelten Leidenschaften kämpfen um ihr Fortbestehen. Sie errichten eine regelrechte Hölle und verursachen verwirrenden Aufruhr im Inneren.

In solchen Momenten kann man die Unterstützung eines Gurus brauchen, der einem erklärt, dass diese Situation nicht beängstigend ist, sondern vielmehr ein Hinweis darauf, dass die Reinigung die Tiefen des Unbewussten erreicht hat und der Geist sich zu beruhigen beginnt. Diese Wahrheit sollte man nicht aus den Augen verlieren. Stellen wir uns einen riesigen Abfallhaufen vor, den wir abtragen wollen. Je tiefer wir vordringen, desto mehr stinkt es. Wir müssen den Gestank aushalten, wenn wir den Müll beseitigen wollen. Ließen wir ihn, wo er ist, würde es immer mehr werden und uns schließlich krank machen.

Meditation verändert den Menschen grundlegend von innen heraus. Mit ihrer Hilfe kann er das Übel an der Wurzel packen und ist bereit für den Wandlungsprozess. Mit dem Auskehren der mentalen Eindrücke, welche die Bewegungen des Geistes verursachen, und der Beseitigung der Wurzeln dieser Eindrücke hört allmählich auch das Schauspielern auf. Manchmal fragen sich die Sadhaks, ob sie wirklich für die Meditation geeignet sind und zweifeln an sich. Sie betrachten sich als unreine Gefäße, in die reine Nahrung gegeben wird, und fragen sich, ob das unreine Gefäß nicht die Nahrung verdirbt. Das klingt zwar plausibel, doch ist gerade die Meditation die Kraft, die alles reinigt. Was die Meditation durchdringt, wird gereinigt. Selbst die schmutzigste Hand wird durch sauberes Wasser wieder reingewaschen, ein anderes Mittel braucht man nicht. Das Wasser entzieht sich der schmutzigen Hand nicht, es sagt nicht: „Diese Hände machen mich schmutzig“. Das Wasser nimmt den Schmutz bereitwillig auf, und er verschwindet. Das Wasser zweifelt niemals an seiner Fähigkeit, den Schmutz beseitigen zu können. Meditation ist wie das fließende Wasser, das den Schmutz wegschwemmt.

Wir brauchen uns nicht zu fürchten, unter dem Aspekt der Meditation gibt es nichts Unreines. Das Bewusstsein, der Geist, der Körper, die Sprache, der Atem, alles wird gereinigt. Wir müssen nur darauf vertrauen, dass die Meditation dazu imstande ist die Unreinheiten aufzulösen. Wenn wir voll und ganz auf die reinigende Kraft der Meditation vertrauen, sind wir der Selbstdisziplin schon sehr nahe. Selbstdisziplin verhindert, dass die mentalen Eindrücke Wurzeln bilden können. Selbstbeschränkung und Askese geben uns wichtige Anhaltspunkte. Kontrolle durch Strafandrohung ist von außen auferlegte Beschränkung. Diese Art der Disziplin beruht auf keiner anderen Kraft als der Angst vor Strafe. Sie wirkt, solange sich der Mensch vor Strafe fürchtet, für Selbstdisziplin lässt sie keinen Raum. Ein Mensch mit Selbstdisziplin hat sich von der Angst vor Strafe befreit, er ist völlig furchtlos.

Einst sagte Alexander der Große zu einem Digambara Mönch: „Komm' mit in mein Kaiserreich.“ Der jedoch weigerte sich. Alexander war entgeistert. Nicht einmal die mächtigsten Könige der Zeit wagten ihm zu widersprechen, auf das kleinste Zeichen von ihm zitterten alle. Doch hier verweigerte ihm ein Bettelmönch den Gehorsam! Alexander fühlte sich gedemütigt und schaute den Mönch unverwandt an. Schließlich sagte er: „Oh, Einsiedler, weißt du nicht, wer ich bin? Ich bin Alexander der Große. Du bist dir vielleicht über die Konsequenzen deines Ungehorsams mir gegenüber nicht im klaren?“ Der Mönch entgegnete: „Doch, aber lassen wir die Quelle selbst sprechen.“ Alexander fuhr fort: „Siehst du dieses Schwert? Es wird dich töten, das ist die Konsequenz.“ Der Mönch entgegnete: „Wem willst du mit dem Tod Angst einjagen? Die Angst vor dem Tod ist seit langen in mir erloschen. Der Tod kann mich nicht töten, denn ich habe ihn besiegt. Du versuchst vergebens, mir Furcht einzuflössen! Der arme Tod hat vor mir Angst, haha. Wie kannst du auch nur daran denken, mir mit dem Tod Angst zu machen?“ Auf diese Worte hin steckte Alexander der Große sein Schwert wieder in die Scheide und murmelte: „Der Tod war meine letzte Waffe. Was ist mit einem Mann zu tun, der keine Angst vor dem Tod hat? Was kann einem Furchtlosen Angst machen?“

Keine Macht der Welt kann den Furchtlosen Angst machen, nur Furchtsame haben Angst, sie lassen sich von allem und jedem erschrecken, selbst von einer Ratte. Ein kleiner Klick, und sie können nicht schlafen. Die Furchtsamen werden von allen ausgenutzt, wer furchtlos und ohne Angst ist, den kann keine Macht der Erde erschrecken. So stand auch Alexander verwirrt da und verabschiedete sich letztendlich. Wer sich selbst vor Exekution nicht fürchtet, wird keine von außen auferlegte Disziplin akzeptieren. Die Menschen beklagen sich über zu viele Kontrollen, ein Gesetz nach dem anderen wird erlassen, niemand kennt sich mehr in der Flut der Gesetze aus. Natürlich muss man auch vor Gericht, wenn man ein Gesetz übertreten hat, das man nicht kennt. Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Die Gesetzgeber erlassen weiter Gesetze und Menschen werden wegen Gesetzesübertretungen verhaftet. Warum setzt diese Farce sich fort? Ganz einfach aus Angst.

Wenn jemand unabsichtlich ein Gesetz übertritt und es schließlich bemerkt, fürchtet er sich vor Entdeckung. Diese Furcht macht ihn zum hilflosen Opfer. Die Tiere des Dschungels erstarren vor Schreck, wenn der Löwe zu brüllen anfängt. Was würde der Löwe tun, wenn sie weiterrennen würden? Doch sie sind so erstarrt, dass der Löwe nicht mehr viel tun muss. Sie scheinen beinahe aus eigenem Antrieb zum Verspeisen zu ihm zu kommen. Das Problem der von außen auferlegten Disziplin, der Kontrolle, wird kompliziert durch die Furcht in der Gesellschaft. Es gibt nur ein Mittel dagegen, die Entwicklung von Selbstdisziplin. Erwecken wir das zum Leben in uns, was uns furchtlos werden lässt. Bei der Entwicklung von Selbstdisziplin helfen uns schrittweise fünf Faktoren: die Beherrschung des Körpers, des Atems, der Lebenskraft, der Sprache und des Geistes.

Arme und Beine sind wichtig für die Körperbeherrschung während der Meditation. Wenn man eine Stunde still steht, klagt man über Taubheit in Beinen und Füssen, die sich wie Säulen anfühlen, weil das Blut sich gestaut hat. Doch die Fähigkeiten des Menschen überschreiten jedes Vorstellungsvermögen, wir können uns vieles nicht vorstellen, was der Mensch aushalten kann. Wenn wir meditieren, stehen oder sitzen wir fast eine Stunde still, mal schläft einem ein Arm oder eine Hand ein, mal ein Bein oder Fuß, manchmal wird der ganze Körper steif. Man hat große Schwierigkeiten so lange still zu bleiben, ändert die Position und bewegt Bein oder Fuß. Die Aura der Umgebung verändert sich, man ist in diesen Positionswechseln wie gefangen. Körperbeherrschung ist sehr anstrengend. Wer sie erworben hat, kann stundenlang, ja sogar monate- und jahrelang in derselben Position stehen oder sitzen.

Das Standbild des Bahubali in Karnataka ist mit einer Höhe von ca. 13 Metern der höchste Monolith der Welt. Ein außergewöhnliches Baudenkmal! Wir waren anlässlich der Tausendjahrfeier bei den Zeremonien anwesend. Bahubali steht in der Position des Kayotsarga! Wie lange hat der große Bahubali in dieser Position ausgeharrt? Als Standbild über tausend Jahre, doch sogar im Leben hat Bahubali über ein Jahr lang meditiert. Nachdem er Einsiedler geworden war, stand er ein ganzes Jahr lang unbeweglich im Kayotsarga.

Die Kapazität unseres Gehirns ist grenzenlos, 90% bleiben ungenutzt, aber wer nutzt schon die vollen 10%? Der Durchschnittsmensch begnügt sich mit 2 bis 4%, wer über 7% verfügen kann, gehört schon zu den selten Glücklichen auf dieser Welt, und 10% Prozent nutzen nur herausragende Persönlichkeiten. Mindestens 90% der Energie des Menschen liegen brach. Hätten wir Zugang zu diesem gewaltigen inneren Reservoir und könnten diese Energien nutzen, wäre Selbstdisziplin ein Leichtes für uns. Durch Meditation können wir den Zugang zu diesen Energien finden. Es ist schon schwer, den Körper zu beherrschen, die Beherrschung des Atems ist noch schwieriger. Würde ich meine Zuhörer bitten, nur für fünf Minuten den Atem anzuhalten, fürchte ich, dass niemand mehr im Raum wäre, der das tun könnte. Alle wären längst hinausgeeilt und würden sich fragen, warum sie ihre Zeit mit einer derartigen Dummheit verschwenden sollten.

Zu einer klassischen Musikaufführung waren viele Zuhörer gekommen, der Saal war überfüllt. Das Konzert begann, und der Sänger fing an zu singen. Die einleitenden Vorbereitungen hatten eine Dreiviertelstunde gedauert, die Zuhörer wurden allmählich ungeduldig und begannen bereits, den Saal wieder zu verlassen. Schließlich waren alle bis auf einen gegangen. Der Sänger war so in seinen Gesang versunken, dass er nichts von alledem mitbekam. Als er zufällig die Augen öffnete, sah er, dass sein Publikum aus einem Mann bestand. Er sagte: „Klassische Musik ist nicht jedermanns Sache, ich bin froh, dass ich wenigstens einen guten Zuhörer habe.“ Dieser erwiderte: „Sir, ich verstehe nichts von Musik. Ich warte nur auf das Ende des Programms, damit ich den Teppich zurück bringen kann, der für diese Veranstaltung gemietet worden ist.“

Der Sänger in dieser Geschichte hatte wenigstens einen Zuhörer, auch wenn dieser nur der Teppichträger war. Doch wenn ich dazu auffordern würde, für fünf Minuten den Atem anzuhalten, bliebe nicht einmal der hier, das wäre selbst ihm zuviel. Kontrolle über den Atem ist sehr schwierig, bevor man das versucht, muss man erst einmal das richtige Atmen gelernt haben. Richtiges Atmen bedeutet richtig ein- und ausatmen und jeweils dazwischen den Atem kurz anhalten. So ist es möglich, den Atem zu kontrollieren und seine Bewegungen zu beherrschen.

Der dritte Faktor ist die Lebensenergie. Man kann die Bewegungen des Atems wahrnehmen, sie sind Kennzeichen des Lebens selbst. Solange man atmet, lebt man, niemand kann leben, ohne zu atmen. Die Wahrnehmung der Lebensenergie ist noch subtiler als die des Atems und deshalb auch nicht leicht durchzuführen. In der Preksha Meditation beziehen wir uns darauf, wenn gesagt wird: „Wir spüren die pulsierenden Vibrationen der Lebensenergie und nehmen wahr, wie sie den Körper durchströmen.“ Die Menschen können sie nicht spüren, sie empfinden nur Chaos und wissen nicht mehr, wo sie sind. Natürlich spüren sie nichts! Wie können sie für die subtile Welt des Geistes sensitiv sein, wenn sie hauptsächlich in der Welt der materiellen Objekte leben. Nur ein hoch entwickeltes Bewusstsein ist imstande das Subtile zu spüren, ohne das kann man den Geist nicht erfassen.

Wer die Lebensenergie beherrschen gelernt hat, kann die Körpertemperatur in einer Hand erhöhen und in der anderen absenken. Das geht auch mit der gesamten rechten oder linken Körperhälfte. Genauso kann ein Teil des Körpers stillgelegt werden und der andere aktiviert. Hypnose kann Wunderwerke der Lebensenergie vollbringen. Auf einen bloßen Blick hin versteinert ein Mensch und bleibt wie angewurzelt stehen, oder er wird schläfrig, oder er erwacht. Auch das Durchtrennen einer Eisenkette mit der Faust ist ein Wunder. Kontrolle über die Lebenskraft schließt Kontrolle über das autonome Nervensystem ein.

Beherrschung der Sprache, Disziplinierung der Zunge, ist der vierte Faktor der Selbstdisziplin. Das ist eine der schwersten Übungen. Man möchte einen Tag lang schweigen und entschlossen sein, kein Wort zu sprechen. Doch dann kommen Erinnerungen. Ist die Erinnerung etwas anderes als Sprache? Ohne Sprache keine Erinnerung, keine Erinnerung reicht weiter zurück als die Sprache. Ein Gedanke kommt, auch das ist Sprache, Denken ist ohne Sprache nicht möglich. Woher kommt die Vorstellungskraft? Nicht aus der Leere, das ist sicher. Auch die Vorstellungskraft kommt zu uns über das Medium Sprache. Man schweigt und spricht nicht, doch der Geist ist in der Vorstellungskraft gefangen. Auch das ist eine Form des Ausdrucks. Äußerlich sprechen wir nicht, doch das innere Sprechen geht die ganze Zeit weiter. Sogar der Traum ist nichts anderes als Sprache. In wissenschaftlichen Experimenten wurde nachgewiesen, dass der Kehlkopf im Traum aktiv ist. Wird der Kehlkopf stillgelegt, arbeiten weder Gedächtnis, noch Vorstellungskraft und Denken. Nur wenn der Kehlkopf aktiv ist, sind Erinnerung, Imagination und Denken möglich. In der Preksha Meditation wird die Aufmerksamkeit auf den Kehlkopf, in der Preksha Meditation das psychische Zentrum der Reinheit, gelenkt, damit er in seinem Ruhezustand bewusst wahrgenommen wird.

Mit zunehmender Meditationspraxis versteht man die tiefe Bedeutung der psychischen Zentren. Anderenfalls würde man sich fragen, wozu es gut ist, Kehlkopf und Zunge wahrzunehmen. Wir essen zwar mit der Zunge und benutzen sie jeden Tag, doch wenn wir nur das Oberflächliche wahrnehmen, macht nichts von dem hier Gesagten Sinn. Wenn wir uns darin vertiefen, erfassen wir den Kern und erkennen, wie signifikant die Wahrnehmung des Kehlkopfes ist. Wer im Kayotsarga die Stillegung des Kehlkopfes gelernt hat, ist allein damit schon der Lösung vieler Probleme nahe. Viele fragen sich vielleicht, ob es nicht empfehlenswerter wäre, zuerst die drückenden äußeren Probleme anzugehen, bevor man sich den inneren zuwendet. Doch insgesamt handelt es sich nicht nur um innere Probleme, denen wir hier gegenüberstehen. Da ist die wachsende Armut, die zunehmende Schwierigkeit, sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, das Problem der Ernährung, die Ausbildung der Kinder, Heirat, Mitgift und vieles mehr. Durch Meditieren allein lösen sich diese Probleme nicht. Im Meditationscamp wird zehn Tage lang meditiert, und anschließend geht es wieder nach Hause. Es gibt keinen Zauber, der dafür sorgt, dass die Ausbildung der Söhne und Töchter sich von allein finanziert, so einfach ist das nicht.

Man muss sich schon sehr anstrengen, um Lösungen für diese Problemfelder zu finden. Nun mag man sich fragen, ob Meditation tatsächlich ein geeignetes Mittel ist. Die Frage ist verständlich, doch kann man wirklich ernsthaft annehmen, dass sich alle Problemfelder von allein lösen, ohne dass man einen Finger rührt, nur weil man meditiert? Meditation ist kein Wunschbaum, der alle Wünsche sofort erfüllt. Meditation ist kein Allheilmittel, doch in ihrem Bereich sehr effektiv. Sie ist sehr wohl imstande, mentale Täuschungen und innere Zweifel zu beseitigen sowie Anspannungen und den durch starke Gefühlsaufwallungen hervorgerufenen Stress aufzulösen. Doch wer erwartet, dass Meditation einen mit Essen und Trinken versorgt und auch sonst alles für einen erledigt, muss enttäuscht werden. Mit Sicherheit rettet Meditation aus Ängsten und mentalen Spannungen, die durch das Ringen um Lösungen für die aktuellen Probleme entstanden sind.

Es gibt zwei Möglichkeiten, entweder man geht die Probleme an oder man macht sich ihretwegen Sorgen. Es ist eine weitverbreitete Tendenz, sich Sorgen zu machen, anstatt Lösungen finden zu wollen. Wenn wir verschmutztes Wasser filtern würden, wäre es anschließend ziemlich sauber. Doch leider scheinen wir uns zu Lösungen nicht durchringen zu können. Wenn wir ein Problem nicht gelöst haben, schaffen wir trotzdem sofort das nächste. Wenn man einem Kind Unarten abgewöhnen möchte, wird es erst einmal freundlich dazu aufgefordert, bestimmte Dinge sein zu lassen. Doch wenn das Kind immer wieder nur verstockt reagiert, wird es in einer Zornesanwandlung geohrfeigt. Das Problem ist damit nicht gelöst, es bleibt bestehen und ist obendrein sogar komplizierter geworden. Man hat ein Problem mit dem Nachbarn und möchte sich mit ihm treffen, um es zu lösen. Doch gegenseitige Schuldzuweisungen enden damit, dass man endgültig explodiert. Viele Alltagsprobleme werden durch unsere Herangehensweise nur komplizierter, wir müssen die Einstellung gewinnen, Lösungen zu suchen und nicht nutzlose Klagen anzustimmen. Dazu brauchen wir Selbstdisziplin. Selbstdisziplin erlangen wir durch Beherrschung von Körper, Atem, Lebenskraft, Zunge und Geist. Meditation ist der springende Punkt in diesen fünf Disziplinen. Tun wir etwas für die Entfaltung von Selbstdisziplin in uns.

Quellen

Englischer Titel:
Towards Inner Harmony

Redaktion:
Muni Dulheraj

Herausgeber:
Jain Pubilishers (P) Ltd, New Delhi
http://www.bjainbooks.com

Übertragung ins Deutsche:
2004 Carla Geerdes
2012 Überarbeitete Fassung
Carla Geerdes

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