Geheimnisse des Geistes: Suchen wir die Wahrheit des Selbst (2)

Veröffentlicht: 14.10.2012

Im Laufe des Prozesses enthüllen sich uns immer mehr Wahrheiten des Selbst. Eine davon ist das Gefühl der Freundschaft mit allen Lebewesen. Auf dem spirituellen Weg produziert man keine zerstörerischen Waffen, sondern möchte anderen Gutes tun und den Bereich der Freundschaft ausdehnen.

Würden wir uns nicht auf die Suche nach der Wahrheit machen, würden wir wahrscheinlich dem sich immer weiter ausbreitenden Gefühl der Feindseligkeit zum Opfer fallen. Doch sobald wir die Welt des Geistes betreten, empfinden wir für niemanden mehr Feindschaft. Manchmal sind Meinungsverschiedenheiten der Auftakt zu einer feindseligen Haltung denen gegenüber, die eine andere Auffassung haben als wir. Verhält sich jemand nicht unseren Erwartungen entsprechend, neigen wir dazu ihn gleich als Feind zu betrachten.

Vergegenwärtigen wir uns die Wahrheit, dass es nichts in der Welt gibt, dem nicht etwas anderes entgegenwirkt. Wo es Thesen gibt, gibt es auch Antithesen. Nicht nur das. Wo es keine Thesen gibt, gibt es auch keine Antithesen. Das Leben ist ein dialektischer Prozess. Bhagwan Mahavira kam nach seinen Bemühungen um das Selbst zu dem Schluss, dass die Wahrheit viele Facetten hat. Er nannte diese Erkenntnis Anekantvada oder die Lehre von der Multiplizität der Wahrheit. Diese Lehre erkennt den Wert an, der in der Multiplizität der Möglichkeiten liegt, sich der Wahrheit zu nähern. Sie bestätigt die Richtigkeit beider, der These und der Antithese, in ihren eigenen Sphären. Wir müssen beide anerkennen oder beide verwerfen.  

Die Wechselatmung setzt bewusst das Zusammenwirken entgegengesetzter Energieströme ein. Man atmet durch eine Nasenhöhle ein und durch die andere aus. Danach atmet man wieder ein, wo man soeben ausgeatmet hat und atmet durch die andere aus. Dieser Wechsel wird kontinuierlich fortgesetzt. Im Körper gibt es drei Ströme der Lebensenergie, des Prana:

  • Ida
  • Pingala
  • Shushumna

Im Hatha Yoga wird die durch das rechte Nasenloch einströmende Energie Ida und die durch das linke einströmende Pingala genannt. Die durch die Wirbelsäule einströmende heißt Shushumna. Der dem Mond zugeordnete Ida-Strom ist kalt, während der Pingala-Strom heiß ist und der Sonne zugeordnet wird. Der Shushumna-Strom ist weder heiß noch kalt.  

Ida und Pingala sind einander komplementär entgegengesetzt. Ohne sie käme das Leben zum Stillstand. Sie kontrollieren sich gegenseitig nach dem Prinzip der Einheit im Gegensatz, ohne Einfluss aufeinander zu nehmen. Damit sind sie eine Lektion für das Geben und Nehmen im Leben.  

Die Übungen zur Wechselatmung sind auch eine Übung in Freundlichkeit. Beide, die Kälte des Idastroms und die Hitze des Pingalastroms, sind für uns notwendig und nützlich. Wenn wir durch das rechte Nasenloch einatmen, fühlen wir die Wärme, während wir beim Einatmen durch das linke die Kälte fühlen. Die Wissenschaft vom Atmen erörtert das ausführlich. Ebenso versetzt das Einatmen durch das rechte Nasenloch den Körper in einen Ruhezustand, während das Einatmen durch das linke den Körper aktiviert. Auch hier korrespondieren die Körpervorgänge zueinander ohne gegenseitige Einmischung und halten sich im Gleichgewicht.

Gemäß den Jaina-Lehren vermittelt der Kontakt mit der Materie vier grundlegende Empfindungen: heiß – kalt, rau – weich. Jeder Kontakt mit einem materiellen Objekt erzeugt eine der einander entgegengesetzten Empfindungen. Überall in der Welt finden wir Gegensatzpaare. Ihr paarweises Vorhandensein sehen wir als Einheit der Gegensätze. Auch die Elektrizität vereint in sich positiv und negativ gepolte Gegensätze. Wenn sich die einander entgegengesetzten Ströme verbinden, erzeugen sie Licht. Diese Gegensätze sind nicht wie Feinde, die einander vernichten. Sie sind wie Freunde, die miteinander kooperieren. Die auf Gegensätzen beruhende Struktur der Welt ist uns gerade wegen der ihr innewohnenden Gegensätze dienlich.

Das Gehirn ist der wichtigste Teil des Körpers. Es besteht aus zwei Teilen, der linken und er rechten Hemisphäre. Die linke Hirnhälfte regelt und überwacht die Vorgänge in der rechten Körperseite, die rechte die in der linken. Die Aktivitäten jeder Körperseite werden von der ihr entgegengesetzten Hirnhälfte gelenkt.

Die materielle Welt ist also eine Komposition aus Gegensätzen. Warum denken wir dann, dass derjenige unser Feind ist, der eine gegensätzliche Sicht hat? Freundlichkeit ist ein Kompromiss zwischen entgegengesetzten Kräften, sozusagen eine Synthese der Gegensätze. Freundlichkeit beschränkt sich nicht auf bloßes Nettsein und gelegentliche Zusammenarbeit. Wäre es so, wären nur sehr wenige miteinander befreundet und das Ideal der Freundschaft eine leere Hülle. Der positive Aspekt von Freundschaft besteht darin, nicht unfreundlich zu jenen zu sein, die eine andere Lebensweise und andere Anschauungen als wir haben. Das bestärkt uns in einer Haltung grenzenloser Freundschaft nicht nur gegenüber der empfindenden, sondern auch der nicht empfindenden Energie.

Der Erfolg einer Demokratie beruht auf einer effektiven Opposition. Eine demokratische Regierung kann ohne die Opposition keinen Erfolg haben. Eine Regierung ohne Opposition ist autokratisch und unberechenbar, denn die Opposition bleibt der Regierung gegenüber immer wachsam.

Quellen

Englischer Titel:
The Mysteries Of Mind

Redaktion:
Muni Mahendra Kumar

Herausgeber:
Jain Vishva Bharati Ladnun, India

2. Edition: 2002

Übertragung ins Deutsche:
2006 Carla Geerdes
2012 Überarbeitete Fassung
Carla Geerdes

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  1. Anekantvada
  2. Mahavira
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