Geheimnisse des Geistes: Suchen wir die Wahrheit des Selbst (3)

Veröffentlicht: 15.10.2012
Aktualisiert: 03.07.2015

Positiv und negativ, These und Antithese, gibt es nicht nur in der materiellen, sondern auch in der spirituellen Welt. Mahaviras Lehre vom Anekantvada ist kein intellektuelles Angebot, sondern Synthese seiner Erfahrungen und Erkenntnisse auf der Suche nach der Wahrheit des Selbst. Dabei erreichte er in der Meditation einen Zustand völliger Gewaltlosigkeit (Ahimsa), in dem er erkannte, dass er gegenüber allen Lebewesen Freundschaft empfindet und er keine äußeren Feinde hat. Das Gefühl, von Feinden umgeben zu sein, ist die Folge eines verengten Bewusstseins, das die Aktivitäten des Geistes so einschränkt, dass er sich lediglich einem einzigen Gedanken oder einer einzigen Anschauung zuwenden kann. Mahavira hielt dem die Lehre von der Mannigfaltigkeit der Wahrheit entgegen und vertrat deshalb mit Nachdruck die Auffassung von der Notwendigkeit einer Synthese in unseren Beziehungen zu anderen.

Ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Wahrheit des Selbst ist die Koppelung des Geistes mit dem Atem. Häufig fragen sich die Menschen, wie man Meisterschaft über den stets unruhigen Geist erlangen und ihn konzentrieren kann. Tatsächlich ist der Geist weder isoliert, noch arbeitet er unabhängig. Er wird von stets wechselnden Eindrücken bewegt - wie eine Fahne, die im Wind flattert. Solange der Wind weht, flattert die Fahne.

Deshalb unterscheiden wir 2 Geisteszustände:

  • aktiv, bewegt, angefüllt
  • inaktiv, unbewegt, leer

Für den aktiven Geist können wir unterscheiden:

  • Er ist mit der Aktivität beschäftigt, die wir gerade ausführen
  • Er beschäftigt sich eigenmächtig mit Dingen, die nichts mit unserer gegenwärtigen Tätigkeit zu tun haben.

In beiden Situationen ist er aktiv bewegt, wohingegen der leere Geist weder aktiv ist, noch sich bewegt oder bewegt wird. Tatsächlich kann man den Geist ebenso stilllegen wie den Körper im Kayotsarga.

Eine spirituelle Aspirantin berichtete mir einmal, dass sie während der Wahrnehmung des Atems eine derartige Leichtigkeit empfunden hat, das sie die Empfindung hatte, keinen Körper mehr zu haben. Dies wird durch die spirituelle Praxis tatsächlich möglich.

Ein Zen-Meister fühlte sich einmal während der Meditation so leicht, dass er unversehens aufschrie: „Wo ist mein Körper?“ In der Meditation kann es einem passieren, dass man sich von einem Schwarm quirliger Atome anstelle des kompakten Körpers umgeben fühlt.

In diesem Zustand funktioniert der Geist nicht mehr auf die gewohnte Weise und fühlt sich nicht mehr an den Körper gebunden. Damit verschwinden Körper und Geist gleichermaßen aus dem Bewusstsein des Meditierenden.

Betrachten wir einmal die geistigen Zustände Aufmerksamkeit und Unaufmerksamkeit genauer. Während der Geist aktiv ist, sollte man ihn weder kontrollieren, noch beeinflussen. Doch sollte der Meditierende ihn nicht von einem Objekt zum nächsten wandern lassen, sondern ihn auf ein Objekt, einen Punkt und damit auf einen einzigen Gedanken konzentrieren. Die Reduzierung auf einen Punkt ermöglicht  es dem Geist, alle seine Ströme zu einem einzigen Strom zu vereinigen.

Wahrnehmung des Atems ist eine Methode, den Geist ausschließlich auf den Atemvorgang zu konzentrieren. In diesem Zustand sollten wir so lange bleiben, wie wir können. Beobachten wir den Atem, und lassen wir den Geist dasselbe tun. Heften wir den Geist an die Fersen des Atems.

Der Atem gibt uns die für all unsere Aktivitäten nötige Lebenskraft, ohne ihn können wir nichts tun. Doch vernachlässigen wir ihn leider. Vergessen wir also nicht, dass der Atem eine natürliche Betätigung des Körpers ist, und noch dazu eine leichte. Wenn wir die Tiefenatmung praktizieren, müssen wir dem Körper nichts von außen zuführen. Der Atem ist in uns, wir müssen ihn nur erhaschen.

Wir sollten ständig den Atem und den Körper wahrnehmen, und uns, so oft wir können, Zeit dafür nehmen, den Atem mit dem Geist zu verfolgen. Lassen wir den Geist mit dem Atem hinunter- und hinaufsteigen und dabei jeden Partikel des Körpers beobachten. Dafür brauchen kein weiteres Hilfsmittel, keine bestimmte Zeit und keinen bestimmten Ort. Das können wir praktizieren, wo auch immer wir sind. Dann brauchen wir uns auch nicht mehr über den stets unruhigen Geist zu beklagen, der so schwer zu meistern ist. Er folgt dem Atem. Das ist der erste Schritt.

Als nächstes geht es darum, den Geist zu leeren. Das macht uns unbeschwert und glücklich, denn ein konzentrierter Geist verbreitet keine Unruhe mehr.

Während der Leshya Meditation kann der Meditierende erst ein Leuchten und dann schließlich ein glänzendes Schillern wahrnehmen. Sein Inneres beginnt zu vibrieren, er sieht Farben und erlebt seinen Geist in einem bis dahin unbekannten Zustand der Zeitlosigkeit. Solange der Geist wie gewohnt funktioniert, bleiben wir uns der Zeit immer bewusst. Doch sobald der Geist leer wird, haben wir auch kein Zeitgefühl mehr. Eine Stunde kommt einem dann vor wie eine Minute. Unser Geist ist nicht mehr an das Raum-Zeit-Kontinuum gebunden, in dem er sich gewöhnlich bewegt. Wenn der Geist leer geworden ist, haben wir auch keine Gedanken mehr. Das gelingt nur, wenn man sich mit viel Geduld und unermüdlicher Praxis auf die Suche nach der Wahrheit des Selbst begibt.

Der zeitgenössische Mensch ist ungeduldig und möchte die Früchte ernten, bevor sie reif geworden sind. Er möchte sofort Ergebnisse und Erträge. Diese Haltung ist in der spirituellen Praxis sehr hinderlich. Eile ist in der spirituellen Praxis nicht angebracht.

Ein Mann in zu engen Schuhen begegnete auf der Straße einem anderen, der ihn fragte, was los sei. „Was geht dich das an?“ fragte er zurück. Der Frager deutete auf die Schuhe und fragte: „Woher hast du diese Schuhe?“ Der Gefragte erwiderte genervt: „Ich habe sie von einem Baum gepflückt.“ – Darauf der andere: „Dann hättest du auch warten können, bis sie reif sind.“ Genauso ist es mit der spirituellen Praxis. Es dauert ziemlich lange, bis man den Geist zu leeren gelernt hat. Ein beständiger, auf einen Strom konzentrierter Geist wird dann auch Früchte tragen. Doch hauptsächlich ist der Praktizierende darauf angewiesen, seine eigenen Erfahrungen zu machen.

Sagte doch Mahavira: „Suche selbst die Wahrheit.“ Oder: „Suche die Wahrheit in dir selbst.“

Quellen
Englischer Titel:
The Mysteries Of Mind Redaktion:
Muni Mahendra Kumar Herausgeber:
Jain Vishva Bharati Ladnun, India 2. Edition: 2002 Übertragung ins Deutsche:
2006 Carla Geerdes
2012 Überarbeitete Fassung
Carla Geerdes

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