Die Mahavira-Legende ►§116

Verfasst: 27.03.2015
Aktualisiert: 01.04.2015

§116

Dort, unter dem besonders prächtigen Aśoka-Baum, ließ er die Sänfte halten, stieg aus, legte eigenhändig Schmuck und Blütenkränze ab und vollzog eigenhändig den Ritus des Haar-Ausreißens mit fünf Griffen der geballten Faust. Nach Vollzug dessen fastete er zweieinhalb Tage, ohne zu trinken. Als der Mond mit der Konstellation Uttaraphalgunī in Konjunktion getreten war, legte er ein einziges, ein Götter-Baumwollgewand (deva-dūsya) an und zog allein, ohne einen Begleiter, fort aus dem Haus in die Unbehaustheit.       

Entsagungsgelöbnis des Mahāvīra

Nachdem der Asket, der erhabene Mahāvīra, mit der Rechten rechts, mit der Linken links das Ausreißen des Haars (den loca) mit fünf Griffen der zur Faust geballten Hände vollzogen hatte, ehrte er die Vollendeten (siddha)  durch die Grußformel, dann gelobte er der Mönchskonvention gemäß mit den Worten »Jede böse Tat (Karma) ist von mir zu meiden!« den rechten Wandel (caritram). Nachdem er den der Mönchskonvention gemäßen rechten Wandel gelobt hatte, ließ er die Versammlung der Götter und die Versammlung der Menschen beiseite stehen.

Die Ausrufe der Götter und Menschen und das Tönen der Instrumente, auf ein Wort des Śakra hin verstummten alle sofort, als er (Mahāvīra) den rechten Wandel gelobte.

Als er den rechten Wandel gelobt hatte, zum Wohle aller Wesen,
Tag und Nacht lauschten da hingegeben die Götter,
deren Körperhärchen sich vor Freude sträubten. 

Als der Asket, der erhabene Mahāvīra, den rechten, der Mönchskonvention gemäßen Wandel erreicht hatte, der einen Zustand seiner Seele bewirkte, in dem das Karma teils bereits getilgt wurde und teils jedenfalls zur Ruhe kam (kṣājopaśamika), da ging ihm dasjenige Erkennen  (jñāna) auf, das den Namen manaḥparyāya-jñānam trägt: Im Bereich der zweieinhalb Kontinente und der beiden Ozeane erkannte er nun den Geisteszustand aller mit Bewußtsein ausgestatteten (saṃjñin), fünfsinnigen, fähigen, geistig entfalteten Wesen.

(Aus der Einleitung der Bhāvanāḥ)

§117

Der Asket, der erhabene Mahāvīra, trug ein Jahr lang und einen Monat darüber hinaus das Bastgewand der Asketen, danach ging er nackt. Indem er das Almosen mit bloßen Händen empfing, lebte der Asket, der erhabene Mahāvīra, weiterhin zwölf Jahre lang als einer, der seinen Körper von sich getan, seinen Leib aufgegeben hatte. Die dabei eintretenden Störungen (upasarga) - sie gingen von Göttern, von Menschen und von Tieren aus und waren teils angenehmer, teils unangenehmer Art –, wenn die eingetreten waren, ertrug er sie in der richtigen Weise, er litt, er duldete, er hielt aus.

Die letzte Störung der Askese und das Ausreißen des Stachels

Der Erhabene ging in ein Dorf namens Chammāṇi. Außerhalb des Dorfes stand er in der Kāyotsarga-Positur. Da ließ in der Nähe des Herrn ein Hirte seine Kühe allein zurück und ging ins Dorf. Zum Melken ging er wieder hinaus. Die Kühe aber hatten sich in den Dschungel begeben, um Weidegras zu finden. Da fragte der Kuhhirt: »Ehrenwerter, wo sind die Kühe (bailla)?« Der Erhabene verharrte schweigend. Da stieß der Hirt, voll Zorn, dem Erhabenen Bambusstöcke (kaḍa-salāgāo) in die Ohren, einen durch das eine Ohr, einen durch das andere Ohr, bis alle beide zusammenstießen. Dann brach er sie unmittelbar am Ohr (mūle) ab, damit keiner sie herausziehen könne. Dadurch ging das Empfindung bewirkende Karma des Erhabenen auf. - Einige sagen: Es gab nur einen Stock. Als der aus dem anderen Ohr herauskam, brach er ihn ab. –

Dadurch ging das Empfindung bewirkende Karma des Erhabenen auf.

Dann ging der Herr in den mittleren Bezirk von Pāvā. Dort war ein Kaufmann namens Siddhārtha. Zu dessen Haus kam er. Ein Freund des Kaufmanns aber, namens Kharaka, war Arzt. Alle beide nun befanden sich im Hause des Siddhārtha. Der Herr trat des Almosens wegen ein. Der Kaufmann begrüßte und ehrte ihn mit einem Lobpreis. Als der Arzt den Tīrthaṃkara gesehen hatte, sagte er: »Ach! Der Erhabene trägt vollzählig alle Glückszeichen, und doch hat er noch einen Stachel (salla)« Darauf sagte der Kaufmann aufgeregt: »Schau nach, wo ist der Stachel?« Der schaute nach und sah: »In den Ohren!« Der Kaufmann sagte: »Zieh dem großen Asketen diesen Stachel heraus! Das wird verdienstlich (punya) sein, für dich und auch für mich.« Der Arzt sagte: »Der Erhabene setzt sich nicht (gegen Störungen) zur Wehr – er will nicht!« Daraufhin wurde er veranlaßt, sich zur Wehr zu setzen: Sobald sie ihn sahen, wie er im Park in der Kāyotsarga-Haltung stand, nahmen sie die Heilmittel und gingen los. Da wurde der Erhabene in eine Wanne mit Sesamöl gelegt und gesalbt, danach von vielen Männern gefesselt. Sodann wurden die Bambusstöcke mit einer Zange gepackt und gezogen. Da wurden die blutigen Stöcke hervorgezogen. Während die hervorgezogen wurden, schrie der Erhabene auf, schleuderte die Männer in die Höhe und stand auf. – Dort entstand ein Park, den man den >Schreckensvollen< (Mahābhairava) nannte, und auch ein Tempel.

Danach gaben sie dem Erhabenen die Heilpflanze Saṃrohaṇī, die das Zusammenwachsen bewirkt. Daraufhin wurde der Erhabene sogleich gesund. Dann grüßten sie ihn verehrungsvoll, baten um Verzeihung und gingen.

(Aus der Āvaśyakavṛtti des Malayagiri)

§118

Der Asket, der erhabene Mahāvīra, der nun ein unbehauster Mönch geworden war, hielt die Achtsamkeiten (samiti) ein: er war achtsam, wenn er ging, wenn er sprach, wenn er Almosen suchte, wenn er Geräte und Gefäße ergriff und niedersetzte, wenn er Kot, Urin, Speichel, Schweiß und Nasenschleim beseitigte; er war achtsam in bezug auf den Geist, die Rede, den Körper; er war behutsam in bezug auf den Geist, die Rede, den Körper; behutsam in bezug auf die Sinnesorgane, behutsam als einer, der keusch lebte; er war ohne Zorn, ohne Stolz, ohne Trug, ohne Gier; ruhig, beruhigt, zur Ruhe gekommen; seine Affekte waren völlig erloschen (er war parininṛta); er war frei vom Einströmen des Karman; frei von Ichsucht, völlig besitzlos; er hatte die Knoten zerschnitten (chinna-granthaḥ). Er war unbefleckt: Wie ein Messingkrug, an dem das Wasser nicht haftet, wie Perlmutt, an dem 20 Schminkfarbe nicht klebt, wie die Seele (jīva), die nicht an eine Existenzform gefesselt ist, wie der Luftraum, an dem es kein Festhalten gibt; wie der Wind war er ungebunden; wie das Wasser eines herbstlichen Sees rein war sein Herz, wie ein Lotusblatt unbefleckt. Wie die kluge Schildkröte hütete er seine Sinne; wie das Hörn des Nashorns wanderte er allein; wie ein Vogel war er frei; wie der Bhāruṇḍa-Vogel war er stets wachsam. Wie ein Elefant war er von gewaltiger Kraft, wie ein Stier stark, wie ein Löwe unwiderstehlich, wie der Berg Mandara (Meru) unerschütterlich, wie der Ozean tief, wie so der Mond von angenehmer Farbe (leśyā), wie die Sonne von leuchtender Strahlkraft (tejas); wie edles Gold war er rein, wie die Erde ertrug er geduldig alles; wie ein gut brennendes Feuer flammte er strahlend (tejasā). (...) Es gab kein Erlösungshindernis (pratibandha) für den Erhabenen unter irgendeinem Gesichtspunkt.

Unter vier Gesichtspunkten kann ein Erlösungshindernis wirksam sein: nämlich hinsichtlich der Substanz (oder materiellen Beschaffenheit), hinsichtlich des Ortes, der Zeit und des Verhaltens. Der Substanz nach kann es lebendig (z. B. eine Frau) oder unbelebt (z. B. ein Schmuckstück) oder eine Verbindung aus beidem (z. B. eine mit Schmuck behängte Frau) sein. Der Ort, an dem es auftritt, kann ein Dorf oder eine Stadt, die Wildnis, ein Feld, ein Dreschplatz, ein Haus oder ein Hof sein. Hinsichtlich der Zeit kann es einen Augenblick dauern oder eine Weile oder einen Atemzug oder (...) eine lange Zeitspanne, hinsichtlich des Verhaltens kann es Zorn oder Stolz oder Trug, Gier, Angst, Spott, Liebe, Haß, Zank, Verleumdung, Hinterhältigkeit, Klatsch, Mißvergnügen und Vergnügen, betrügerische Falschheit (...), Stachel des Glaubensirrtums sein. Für den Erhabenen nun gab es nichts in dieser Art.

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