Die Mahavira-Legende ►§35

Verfasst: 24.03.2015
Aktualisiert: 25.03.2015

§35

Dann wieder erblickte sie einen Löwen. Dessen Körper war weiß wie Haufen von Perlenketten, wie der Milchozean, (...) lieblich anzusehen mit seinen festen, schönen Vorderpfoten, mit dem durch ebene, gesunde, wohlgeformte, scharfe Zähne gezierten Maul, im Schmuck seiner schönen, in den Ausmaßen edler Lotusse prangenden Lippen. An seinem zarten, den Blütenblättern des roten Lotus gleichenden Gaumen spielte die Zungenspitze. Seine Augen glichen feinem Gold, das erhitzt aus dem Schmelztiegel hervorrollt, und waren hell wie der Blitz. Er hatte ausladende, pralle Schenkel, runde, stattliche Schultern; eine Mähne von weichem, hellem, feinem Haar zierte ihn; er schüttelte seinen aufgerichteten Schwanz, der die richtige Länge hatte und gut gewachsen war. Anmutig, von anmutiger Gestalt, spielerisch von der Fläche des Himmels herabspringend, sprang er über ihr eigenes Gesicht hinüber. Er hatte seine Krallen mit ihren scharfen Spitzen eingezogen, und seine hübsche Zunge kam aus der Pracht seines Maules wie ein junger Sproß hervor.

§36-45

Dann wieder erblickte sie (...) die einen Lotus im Lotusteich bewohnende erhabene Glücksgöttin Sri, während diese auf der Spitze des Himālaya-Gebirges von den kräftigen Rüsseln der königlichen Weltelefanten durch Begießung geweiht wurde; sie sah eine wunderschöne Girlande von der Himmelsfläche herabfliegen, den Mond, die Sonne, eine Flagge, eine große Vase, einen Lotusteich, ein Meer, einen fliegenden himmlischen Palast, einen Juwelenhaufen


§46

und ein Feuer: schön, wie es aufflammte mit seinen durch reichlich aufflammendes gelbliches Honigbutterschmalz ringsum beträufelten, ohne Rauch prasselnd und knisternd flammenden Flammenzungen und wie es sich durch die in äußerst flüchtigen Verbindungen miteinander verbundenen Flammenmassen gleichsam eins ums andere verbreitete; als sei es der in Flammen aufflammende Himmelsraum, so erblickte sie das bald hier, bald dort voranschreitende, in übermächtigem Ansturm flackernde Feuer. Als sie diese derartigen schönen, angenehmen Träume gesehen hatte, die lieblich anzusehen und von schöner Gestalt sind, wachte sie auf ihrem Lager auf, die Lotusäugige, an deren Körper sich die Härchen vor Freude sträubten. Diese vierzehn Träume sieht jede Mutter eines Tīrthaṃkara in jener Nacht, in der ein ruhmreicher Arhat in ihren Leib herabsteigt.

§47-49

Glücklich erhob sich Triśalā von ihrem Lager, stieg von dem Fußschemel herab, begab sich ruhigen Schrittes zum Lager ihres Gatten Siddhārtha und weckte ihn mit schönen, lieben, freundlichen, angenehmen, großen, segenbringenden, glückverheißenden, zu Herzen gehenden Worten. Von Siddhārtha, dem König, dazu aufgefordert, nahm sie auf einem edelsteinverzierten, bequemen Sitz Platz und sprach: »So bin nun ich, Herr, jetzt auf diesem derartig angenehmen Lager erwacht. (...) Ich sah: Einen Elefanten, einen Stier (...). - Welch segenbringendes Geschehen, Herr, wird da wohl die besondere Frucht dieser großartigen vierzehn Großträume werden?«

§50

Als König Siddhārtha von der Kṣatriyāṇi Triśalā diese Nachricht gehört und vernommen hatte, war er überglücklich, nahm die Träume in sein Inneres auf, bildete sich zunächst seine eigene Meinung, faßte dann mit Einsicht und Unterscheidungsvermögen den Sinn der Träume in seinem Gedächtnis zusammen und sprach zu der Kṣatriyāṇi Triśalā mit frohen, wohltönenden Worten in folgender Weise:

§51

»Großartige Träume hast du, Göttergeliebte, gesehen! Segenbringende Träume hast du, Göttergeliebte, gesehen! Freundliche Träume, die Reichtum und Glück, Gesundheit und langes Leben bedeuten, hast du, Göttergeliebte, gesehen! Sie bedeuten Gewinn von Gütern, du Göttergeliebte! Gewinn von Genüssen, Gewinn von Söhnen, Gewinn des Glücks, Gewinn der Königsherrschaft, du Göttergeliebte! So wirst ja du, du Göttergeliebte, wenn neun volle Monate und siebeneinhalb Tage vergangen sind, ein Banner unserer Familie, eine Leuchte, einen Berg, einen Ehrenkranz, ein Stirnornament, einen Bewirker des Ruhms, eine Sonne unserer Familie, (...) einen wohlgestalteten Knaben gebären.

§52

Und dieser Knabe wird, wenn er die Kindheit hinter sich gelassen hat, zu unterscheiden weiß und gereift ist, als junger Mann ein Kämpfer, ein Held, ein weitausschreitender, mit einer großen Heeresmacht ausgerüsteter Herrscher, ein König sein.

§53-55

Großartige Träume hast du erblickt!« So wiederholte er ein zweites und drittes Mal, und glücklich, erfreuten Herzens sprach die Kṣatriyāṇi Triśalā, indem sie ihre Fingerspitzen zum Añjali zusammenlegte: »So ist es, Herr, genauso verhält es sich, Herr! Unvorhergesehen war das, Herr! Erwünscht war das, Herr! Ersehnt, Herr! Erwünscht und ersehnt, Herr! Wirklich ist dies der Sinn dieser Träume, so, wie du es sagst!« So nahm sie die Träume voll und ganz an. Von König Siddhārtha verbschiedet, erhob sie sich von dem kostbaren Sitz, begab sich ruhigen Schrittes, ohne Eile, ohne zu schwanken, zu ihrem Lager, und in dem Gedanken: »Daß mir nicht diese höchsten, wichtigen, glückverheißenden Träume durch andere, schlechte Träume zurückgedrängt werden!« blieb sie wach, indem sie ihre guten Träume mit geeigneten glückverheißenden, frommen und schönen Geschichten über Götter und bedeutende Persönlichkeiten im Bewußtsein festhielt.

§56-57

Als dann die Zeit der Morgendämmerung gekommen war, ließ der Kṣatriya Siddhārtha die seinem Haushalt angehörigen Leute rufen und sprach: »Nur schnell, ihr meine Lieben, sorgt jetzt dafür und laßt dafür sorgen, daß die äußere Audienzhalle ganz und gar mit duftendem Wasser besprengt, gescheuert und gebohnert, mit wohlduftendem Blumenschmuck in allen fünf Farben ausgestattet und durch in Brand gesetztes Räucherwerk, schwarze Aloe und vorzügliches Kuṇḍurukka und Turukka zu einer Oase reinsten Wohlgeruchs wird. Wenn ihr das bewirkt und veranlaßt habt, laßt meinen Löwenthron bereitmachen und meldet mir schnell den Vollzug des Befehls!«

§58

Erfreut und zufrieden gehorchten die Leute aufs Wort, führten alles sogleich aus und statteten ihm Bericht ab.

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