FAZ ►Jainismus: Dem Besitz entsagen

Verfasst: 22.10.2014

Frankfurter Allgemeine


Anshu Jain, neuer Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, ist eine „Inspiration“ für die uralte indische Lebensform des Jainismus. Ein Einblick in die Religion der Bildung und Kontrolle.

 

10.06.2012, von Jochen Buchsteiner, Delhi

Jochen Buchsteiner

 

Indien - Jainpriester in Bharatpur 2011

Im Lotossitz: Jain-Mönch in Bharatpur im indischen Bundesstaat Rajasthan. © picture alliance / ZB 

Das Gemeindezentrum „Kund Kund“ im Süden der indischen Hauptstadt beherbergt nicht nur die größte Bibliothek der Jain, sondern, wie es hier heißt, zwei der wichtigsten „Acharyas“ (Heiligen). Der ältere ist 88 Jahre alt und kaum noch ansprechbar, der jüngere, Elacharya Shri Shrutsagar, steht an diesem Morgen nackt in einem Raum und nimmt sein Essen für den Tag ein. Er hat die Hände zu einer Schale geformt, in die ihm fünf Helfer, unter ihnen Frauen, abwechselnd Wasser und den Linsenbrei Dal gießen. Zu den Füßen des Acharya steht ein Blecheimer, der die Reste aufnimmt, aber hin und wieder kleckern Tropfen auf seinen leicht gewölbten Bauch, die von den Helfern vorsichtig abgetupft werden.

Was ist die Botschaft, was das Elixier des Jainismus?

Die Jain sind anders, und in Indien hat man sich an die sonderbare Minderheit gewöhnt. Man könnte auch sagen, die Jain haben sich an die Mehrheit gewöhnt, denn glaubt man ihrer Geschichtsschreibung, waren sie schon vor den Hindus da. Außerhalb Indiens sind die Jain ein Mysterium geblieben, das nur ein paar Fachleute beschäftigt. Dies hat sich ein bisschen geändert, seit die Deutsche Bank von einem Jain geleitet wird. Das Unnahbare, fast Sphinxhafte, das den neuen CEO, Anshu Jain, umgibt, ließ das Interesse an seinem kulturellen Hintergrund wachsen: Was hat es mit dieser Glaubensgemeinschaft auf sich? Was ist die Botschaft, was das Elixier des Jainismus, der trotz kleiner Gefolgschaft - etwa vier bis acht Millionen, überwiegend in Indien - als Weltreligion gehandelt wird?

„Der Jainismus ist keine Religion“, protestiert der Acharya auf seinem Podest. „Er ist eine Lebensform und eine Wissenschaft.“ Neben ihm steht ein Tischchen, auf dem sich Bücher stapeln. Der Acharya ist belesen, aber kein klassisch gebildeter Mann. Gleich nach der Schule ließ er sich von einem älteren Lehrer ausbilden und durch die elf Stadien führen, die einen Schüler zum „Muni“ machen, zum Mönch. Er musste lernen, mit seiner Nacktheit zu leben. Mit jeder Erkenntnisstufe verlor er eine Hülle mehr; inzwischen besteigt er ohne Kleider und Schuhe Fünftausender im Himalaja und empfindet keine Kälte, berichtet man in Kund Kund.

Investmentbanker Jain war an Verkauf von Schrottpapieren beteiligt
Etwas Unnahbares, fast Sphinxhaftes: Anshu Jain, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank. © dapd

Während seiner Ausbildung lernte er auch, wie man mit einem spartanischen Stehfrühstück über den Tag kommt und sich alle vier Monate den Bart und die Haare so mit den Händen zupft, dass man wieder frisiert aussieht. Und natürlich studierte er die Philosophie der Jain, vor allem die 'Tattvartha Sutra' von Uma Swami. Heute liest der Acharya auch Sachbücher, um, wie er sagt, „auf dem Laufenden zu bleiben“. In umgekehrtem Verhältnis zur strengen Lebensweise der Jain steht ihre Botschaft, die der Acharya in vier Worten wiedergibt: „Leben und leben lassen.“ Die Jain haben - wie Hindus und Buddhisten - keinen Missionsauftrag und arbeiten nur an ihrem eigenen spirituellen Fortkommen.

Dabei streben sie an, die absolute Kontrolle über ihre Sinne zu gewinnen. Dies soll dabei helfen, die fünf Grundsätze zu beherzigen. Oberstes Gebot ist Gewaltlosigkeit, nicht nur gegenüber Menschen, auch gegenüber Tieren und Pflanzen. Manche Jain tragen sogar einen Mundschutz, damit sie keine Minilebewesen aus der Luft einatmen. Fast alle achten darauf, kein Wurzelgemüse aus dem Boden zu reißen - ihm wird ohnehin ein schlechtes, dunkles Karma nachgesagt -, aber auch Äpfel sollten nur verspeist werden, wenn sie zuvor vom Baum gefallen sind.

„Was immer er tut, er muss den anderen dienen“

Jains dürfen nicht stehlen und nicht lügen. Und sie müssen sexuell treu sein oder - wie die Mönche - zölibatär leben. Der fünfte Grundsatz schließlich ist die Abwendung von allem Materialismus. Man muss dem Besitz entsagen - was nicht zuletzt den Fall Anshu Jain interessant macht. Darf ein Jain so viel Geld verdienen, wie es jeder CEO einer großen Bank tut? Der Acharya findet darauf eine weise Antwort: „Was immer er tut, er muss dabei gut sein und den anderen dienen.“

Die Jain sind eine erfolgreiche Minderheit in Indien, neben den Parsi die vielleicht erfolgreichste. Überproportional oft findet man sie in angesehenen Berufen, und selbst in den weniger angesehenen - wie dem des Politikers - gelingt ihnen zuweilen der Aufstieg nach ganz oben. Der Weg ins Büro des Ministers für Ländliche Entwicklung führt durch Korridore, die eigentlich Teil der ministeriellen Entwicklungsprogramme werden müssten.

Aus den Löchern in der Decke hängen die Stromkabel so tief heraus, dass man sich ducken muss, um nicht mit dem Kopf anzustoßen. An jedem Treppenabsatz verbietet ein Schild das Spucken auf die Stufen. Nichts verrät, dass in diesem Gebäude viel Geld verdient wird, denn wie die meisten Staatsdiener stehen auch die des Ministeriums für ländliche Entwicklung im Ruf, einträgliche Zuverdienste zu erwirtschaften.

Jainismus als Denkprozess

Äußerlich unterscheidet sich Pradeep Kumar Jain nicht von anderen Ministern in Delhi. Unter seinem Dhoti zeichnet sich ein Bauch ab, an zwei Fingern prangen Ringe mit Edelsteinen, in der Hemdtasche steckt, gut sichtbar, ein goldener Stift. Pradeep Jain setzt andere Zeichen. „Sehen Sie, hier“, sagt er und nimmt seine Latschen in die Hand: „Kein Leder!“ Dann kramt er seine Geldbörse hervor und zeigt sie dem Besucher; auch sie ist aus Kunstleder. Im Umfeld des Ministers spricht man mit Respekt von seinen Grundsätzen. Er werde nie laut, heißt es, trinke keinen Alkohol und sei konsequenter Vegetarier. Dinners, zu denen Fleisch serviert wird, sage er ab.

Pradeep Jain hat es geschafft, nach zwei Legislaturperioden im Landtag von Uttar Pradesh zum „State Minister“ und damit - trotz eines „Union Minister“ über sich - zum Kabinett des Premierministers Manmohan Singh zu zählen. Den Erfolg der Jain erklärt der Staatsminister mit ihrer Bildung. 99 Prozent aller Jain, sagt er, seien alphabetisiert - im Gegensatz zu weniger als 70 Prozent im indischen Durchschnitt. Jainismus, erklärt der Minister, sei ein „Denkprozess“. Weil man lerne, seine Sinne zu kontrollieren, habe man es leichter, auch im Berufsleben hohe Ziele zu erreichen.

Die Verehrung der Mönche

Anders als der Acharya hat der Minister den Aufstieg des fast gleichaltrigen Anshu zum Chef der Deutschen Bank verfolgt und nennt ihn „eine Inspiration für uns Jain und für alle jungen Inder“. Karriere und Wohlstand seien mit der Jain-Philosophie durchaus vereinbar, sofern sie nicht Anspruchsdenken oder gar Gier nach sich ziehen, doziert er: „Es geht darum, das Leben als Ganzes im Blick zu behalten und sich demütig der Vergänglichkeit einzelner Phasen bewusst zu sein.“ Ziel der Jain bleibe es immer, sich durch nichts im Leben binden zu lassen, nicht von beruflichem Erfolg, nicht von Geld, nicht einmal von der Familie. Die Freiheit von allen Abhängigkeiten, sagt er, werde von Arm und Reich gleichermaßen angestrebt: „Armut ist eine eiserne Fußkette, Wohlstand eine goldene“, sagt er.

Die Jain kennen weder Priester noch Götter, dafür verehren sie ihre Mönche, die in Ausnahmefällen zu „Tirthankaras“ werden können, zu historischen Vorbildern, denen die Befreiung von den Sinnen gelungen ist. In der Jain-Welt gibt es 24 Tirthankaras, und einer von ihnen ist Parshavnath, nach dem der Tempel von Green Park benannt ist. Green Park zählt zu den gutbürgerlichen Vierteln im Süden der Hauptstadt, und es ist kein Zufall, dass diese Gemeinde den größten Zulauf hat.

Der gute Lebensstil

Gleich am Eingang, gegenüber dem Schuhregal, sitzt ein Mann an einem Tisch und sammelt Geld für gute Zwecke. Von hier aus bewegen sich die Gläubigen barfuß den Marmorgang hinunter und biegen dann in den Tempelsaal ab. In die Wände sind ringsum Bücherregale eingelassen, im Zentrum des Raumes stehen zwei eiserne Tresore für die Kollekte und der steinerne Parshavnath, an dem sich eine Schlange emporwindet. Vor allem Ältere sitzen an diesem Morgen an langen Bänken vor der Glasvitrine, lesen und stellen Gaben aus Reis, Mandeln und geraspelter Kokosnuss zusammen.

Deep Chandra Jain, der hier jeden Tag betet, hat vom Beruf her einen medizinischen Blick auf den Jainismus. Bis vor wenigen Jahren arbeitete er als Professor für Neurologie in einem indischen Krankenhaus, jetzt verbringt er genauso viele Stunden im Tempel wie in seiner Privatpraxis; mehr braucht er nicht mehr zum Leben. „Der Jainismus wird auch deswegen immer attraktiver, vor allem für die Jugend, weil er einen gesunden Lebensstil exerziert“, erklärt der Arzt.

Nichtrauchen sei in Mode gekommen, ebenso Vegetarismus, und beides lebe der Jainismus seit Jahrtausenden vor - ergänzt um eine karmische Note: „Wenn wir Fleisch oder zu früh geerntetes Obst und Gemüse essen, inkorporieren wir das Leid der Tiere oder Pflanzen“, sagt er. „Dann bleibt die Trauer in uns.“ Auch gegen Übergewicht habe der Jainismus ein geeignetes Rezept gefunden, sagt der Professor. Im Alltag lasse sich zwar das Stehen bei der Nahrungsaufnahme nicht immer durchhalten, aber schon verkürzte Sitzzeiten - und der Verzicht auf ein Tischgespräch - hülfen dabei, der Völlerei vorzubeugen.

Alle Fragen können nicht geklärt werden, weder mit dem Professor noch in der Audienz beim Acharya. Die weitet sich inzwischen zu einer Diskussion mit den Gläubigen aus, die vor ihm auf dem Teppich hocken. Weder ist man sich einig, ob die Jain Kasten kennen und die beiden Hauptsekten - die Gigambara und die Svetambara - darunter zu subsumieren wären, noch lässt sich der Abstand zu Buddhismus und Hinduismus eindeutig vermessen.

Der Acharya sieht eine größere Nähe zum Buddhismus, sagt dann aber: „Letztlich suchen wir alle, auch die Hindus, nach dem Gleichen: nach Erlösung, nach innerer Reinigung, nach Befreiung.“ Das letzte Wort überlässt er dem Dalai Lama, der das Gemeindezentrum unlängst besucht und nach Gesprächen mit den Heiligen ein treffendes Fazit gezogen habe: „Der Jainismus ist purer als der Hinduismus und der Buddhismus, weil er die Gewaltlosigkeit mit größerer Konsequenz verfolgt.“

Teile diese Seite auf: