Die Mahavira-Legende ►§119

Verfasst: 30.03.2015
Aktualisiert: 02.04.2015

§119

So lebte der Erhabene: abgesehen vom Aufenthalt während der Regenzeit, in den acht Monaten der heißen und der kalten Jahreszeit im Dorf jeweils eine Nacht, in der Stadt fünf Nächte; Axt und Sandelholz galten ihm als dasselbe, von gleichem Wert Gras und Edelsteine, Lehm und Gold, gleich waren ihm Leiden und Glückserfahrung, weder am Diesseits noch am Jenseits hing er, weder nach dem Leben noch nach dem Tod sehnte er sich. Er war einer, der zum Gegenufer des Daseinsstromes schritt, aufgestanden mit dem Ziel, die Haftung am Karma zu vernichten.

§120

Als der Erhabene, unübertrefflich im Hinblick auf Erkennen, Glauben und rechten Wandel, auf Nachtlager und Wanderschaft (vihāra), auf Energie (virya), Aufrichtigkeit, Milde, Bescheidenheit, Geduld, Bedürfnislosigkeit, Behutsamkeit, Zufriedenheit und auf den Weg, der mit den aufgehäuften Früchten von Wahrhaftigkeit, Zucht, Askese (tapas) und rechtem Wandel zum vollkommenen Erlöschen (parinirvāṇa) führt, seine Seele (seinen ātman) entfaltete, sich nach zwölf Jahren mitten im dreizehnten Jahre seiner Askese befand und im zweiten Monat der heißen Jahreszeit, im vierten Halbmonat, am zehnten Tage der lichten Hälfte von Vaiśākha,  um die Zeit, als der Schatten nach Osten wanderte und die Pauruṣī  sich entwickelt und das Normalmaß (einer Manneslänge) erreicht hatte, am Tage »Suvrata«, in der Stunde »Vijaya«, außerhalb der Stadt Jambhiyagāma, am Ufer des Flusses Ujuvāliyā, in der Nähe einer Tempelruine, auf dem Acker des Hausherrn Sāmāga unter einem Sālbaum, in der asketischen, »Kühemelken« (go-dohiyā) genannten Sitzpositur mit angehobenen Fersen in der Sonnenglut die Glut der Askese in sich bewirkend, nach zweieinhalbtägigem Fasten und ohne zu trinken, während der Mond mit dem Sternbild Uttaraphalgunī in Konjunktion trat, sich in tiefer Meditation befand, da ging ihm das unendliche, unübertreffliche, störungsfreie, unverhüllte, ganze, volle Erkennen und Schauen auf – die Vollkommenheit!

§121

Da war der Asket, der erhabene Mahāvīra, ein Arhat geworden, ein Jina, ein Vollkommener (kevalin), alles erkennend, alles schauend. Den Lauf der Welt samt Göttern, Menschen und Dämonen erkannte er, schaute er, in der ganzen Welt aller Seelen Kommen, Gehen (von einer Existenzform in die andere), Dauern (in den Existenzen), Fallen (aus einer Existenz in eine niedrigere), Erscheinen (in Existenzformen ohne Geburtsvorgang, als Gott oder Höllenwesen), Zweifel, ihren Sinn und ihr Denken, was sie genossen, getan und betrieben haben, ihr offenes und geheimes Tun, der Arhat, für den die Dinge offenbar sind. Alle Verhaltensweisen aller sich in der ganzen Welt befindenden Seelen, was sie in Gedanken, Worten und Werken zu dieser und zu jener Zeit trieben, erkennend und schauend zog er umher.

§122

In jener Zeit, in jenem Augenblick fand der Asket, der erhabene Mahavira, in der Herberge (niśrā) von Asthikagrāma für die erste Regenzeit eine Unterkunft; in Campā und Pṛṣṭicampā fand er in einer Herberge für drei Regenzeiten Unterkunft; in der Stadt Vaiśālī und Vāṇigagrāma fand er in einer Herberge für zwölf Regenzeiten Unterkunft; in Rājagṛha und dem Außengebiet von Nālandā fand er in einer Herberge für vierzehn Regenzeiten Unterkunft; sechs in Mithilā; zwei in Bhadrikā; eine in Ālambhikā, eine in Praṇitabhūmi, eine in Śrāvasti, eine im Zentrum von Pāpā, im Zollhaus des Königs Hastipāla, fand er in der letzten Regenzeit Unterkunft.

§123

Was diese letzte Regenzeit betrifft, während derer er im Zentrum von Pāpā im Zollhaus des Königs Hastipāla Unterkunft gefunden hatte, da, im vierten Monat der Regenzeit, im Kārttika-Monat, am 15. Tag der siebenten, dunklen Monatshälfte der Regenzeit, in der letzten Nacht der Monatshälfte, in jener Nacht starb der Asket, der erhabene Mahavira. Er war über das Leben hinausgeschritten, hatte sich erhoben, die Fesseln von Geburt, Alter und Tod zerschnitten, war vollendet (siddha), erwacht (buddha), befreit (mukta). Er war einer, der ein Ende macht (antakṛt), ein völlig Erloschener (parinirvṛta), einer, der alles Leiden überwunden hat (sarva-duḥkha-prahīna).

§124

Es war das zweite, Candra genannte Jahr (des Fünfjahreszyklus), der Monat Prītivardhana, die Monatshälfte Nandivardhana, der Tag namens Suvratāgni - er wird als Upaśama bezeichnet; die Nacht namens Devānandā – sie wird als Nirṛti bezeichnet, [weitere, kleinere Zeiteinheiten], die Stunde Sarvārthasiddha. Als der Mond in Konjunktion mit dem Sternbild Svāti getreten war, starb er, war über das Leben hinausgeschritten, hatte sich erhoben, die Fesseln von Geburt, Alter und Tod zerschnitten, war vollendet, erwacht, befreit. Er war einer, der ein Ende macht, ein völlig Erloschener (parinirvṛta), einer, der alles Leiden überwunden hat.

§125

Die Nacht, als der Asket, der erhabene Mahāvīra, starb (...), einer, der alles Leiden überwunden hatte, diese Nacht war durch die vielen hinab- und hinauf fliegenden Götter und Göttinnen hell erleuchtet.

§126

Die Nacht, als der Asket (...) alles Leiden überwunden hatte, diese Nacht war durch die vielen hinab- und hinauffliegenden Götter und Göttinnen voller Aufregung und Stimmengewirr.

§127

In der Nacht, als der Asket (...) alles Leiden überwunden hatte, ging dem ältesten Goyama, Indabhūi, dem Unbehausten, seinem persönlichen Schüler, da nun das gegenüber dem Nāya entstandene Freundschaftsband abgeschnitten war, das unendliche, unübertreffliche (...) Erkennen und Schauen auf: die Vollkommenheit.

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