Die Mahavira-Legende ►§110

Verfasst: 26.03.2015
Aktualisiert: 31.03.2015

§110

Der Asket, der erhabene Mahāvīra, war klug, wußte klug zu verzichten; er war musterhaft, sanft, gut und wohldiszipliniert, der Nāya, Angehörige der Nāya, Mond der Nāya-Gemeinschaft, der Videha, Videhadatta, zu preisen als ein in Videha Geborener, Videha-Prinz, hatte er dreißig Jahre in Videha verbracht, war nun, nachdem seine Eltern in eine Götterexistenz eingetreten waren, von den Würdenträgern und Ältesten freigegeben und hatte sein Sondergelübde des Verzichts auf das asketische Leben erfüllt.

Vor dem Auszug aus dem häuslichen Leben

So war der Erhabene, Vardhamāna, achtundzwanzig Jahre alt geworden. Inzwischen waren seine Eltern gestorben. Der Erhabene, der das Sondergelübde seines Verzichts zu Ende geführt hatte, faßte den Entschluß, jetzt den Auszug aus dem weltlichen Leben durchzuführen (pravrajyā-grahaṇam), und fragte seine Verwandten, zuerst seinen Bruder Nandivardhana. Der aber sagte: »Erhabener, streu nicht ätzendes Salz in die Wunde! Warte jedenfalls noch eine Weile!« Der Erhabene fragte: »Wie lange?« Die Verwandtschaft sagte: »Zwei Jahre!« Der Erhabene sagte: »Wenn es so ist, dann soll um mein Essen nicht mehr Sorge getragen werden!« Als ihm das zugestanden war, aß er länger als zwei Jahre nur für Jaina-Mönche berührbare (prāśuka) Speisen, wie sie auf dem Almosengang zu erlangen sind, und trank auch kein kaltes (ungekochtes) Wasser, und er nahm kein Vollbad, nicht einmal mit >berührbarem< Wasser. Nur soweit es allgemeine Sitte war, spülte er Hände, Füße und Mund mit >berührbarem< Wässer. Aber bei dem Fest seines Auszugs aus dem weltlichen Leben (niṣkramaṇa-mahotsava) badete er mit Wasser, das Lebenskeime (sacittodaka) enthielt, und das Keuschheitsgelübde wahrte er von da an lebenslänglich in völliger Reinheit. Seit der Geburt des Erhabenen war wegen der vierzehn Träume bekannt, daß er künftig ein Weltherrscher (cakravartin) sein werde. Darum waren die königlichen Prinzen, angefangen mit Śreṇika (Bimbisāra) und Caṇḍapradyota, alle von ihren Eltern zum Erhabenen geschickt worden, um ihm aufzuwarten; jetzt aber, als der Erhabene angefangen hatte, sich so grausame Härten aufzuerlegen, kehrten sie alle an ihre eigenen Orte zurück, weil sie sich sagten: »Der wird kein Weltherrscher!«
(Aus der Āvaśyakavṛtti des Malayagiri)

Die Götter aber, die am obersten Rande der Welt wohnen, sprachen, dem Brauch folgend, indem sie ihn mit schönen, lieben, freundlichen, angenehmen, großen, segenbringenden, glückverheißenden, herzerfreuenden Worten unaufhörlich freudig priesen, folgendermaßen:

§111

»Sieg, Sieg, du Freudenbringer! Sieg, Sieg, du Guter! Gutes sei dir, du Stier unter den Besten der Kṣatriya! Erwache, Erhabener, Herr der Welt! Zum Wohl der Seelen (jiva) der ganzen Welt laß den Wallfahrtsort der rechten Lebensordnung (dharmatīrtha) entstehen! Er wird das allerhöchste Wohl und Glück für alle Seelen in der ganzen Welt bewirken!« Mit diesen Worten brachten sie den Siegesruf dar.

§112

Schon früher besaß der Asket, der erhabene Mahāvīra, das höchste übernatürliche (āhohiya), unvergängliche Erkennen und Schauen, das in der menschlichen Lebensform eines Hausherrn möglich ist. Nun sah der Asket, der erhabene Mahāvīra, mit diesem höchsten übernatürlichen Erkennen und Schauen, daß die Zeit für sein Ausscheiden aus dem weltlichen Leben da war. Als er daraufhin alles aufgegeben hatte: gemünztes und ungemünztes Gold, Geld und Getreide, Reich und Herrschaft; als er das Heer und die Fahrzeuge aufgegeben hatte, den Schatz und das Schatzhaus, die Stadt, den Harem, das Volk; als er alle bestehenden Werte, alles Eigentum von sich getan hatte und nicht mehr bewahrte, sondern es, angefangen mit Kostbarkeiten wie Geld, Gold, Edelsteinen, Juwelen, Perlen, Muscheln, Steinen, Korallen, Rubinen, als Spende verteilt hatte (...), als Spende an erbberechtigte Verwandte verteilt hatte,

§113

zu jener Zeit, in jenem Augenblick, im ersten Monat der kalten Jahreszeit, in der ersten, der dunklen Monatshälfte Mārgaśiras, am 10. Tag der Mondkonstellation Mṛgaśiras, als der Schatten nach Osten wanderte und die Pauruṣī sich entwickelt und ihr Maß erreicht hatte, am Tage »Suvrata«, in der Stunde »Vijaya«, wurde er von einer Gemeinde (pariṣad) von Göttern, Menschen und Asura, die dem Weg seiner Sänfte »Mondglanz« folgte, und der Schar der Schneckenhornbläser, (...) Herolde und Glockenschläger mit schönen, lieben, freundlichen, angenehmen, großen, segenbringenden, glückverheißenden, herzerfreuenden Worten freudig gepriesen:

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»Sieg, Sieg, du Freudenbringer! Sieg, Sieg, du Guter! Gutes sei dir! Mit ungebrochenem Erkennen, Glauben und Wandel besiege die unbesiegten Sinnesorgane! Und bewahre die asketische Lebensform, die du dir ersiegt hast! Als Sieger über die Hindernisse lebe du, o König, inmitten des Glücks der Vollendung! Schlag mit deiner Askesemacht (tapas) die beiden Ringkämpfer nieder, die Liebesleidenschaft und den Haß! Du, dessen Leibgurt des festen Willens eng geschnürt ist, zermalme die acht karmischen Bindungen, die Feinde, mit höchster und reiner Konzentration des Denkens! Und ohne zu ermatten, halte das Banner des Wohlgefallens an der Jainalehre hoch! Du Held (vīra) Mitten auf der Bühne der drei Welten erwirb du das von Dunkelheit freie, höchste Erkennen, nämlich das vorzügliche Allwissen (kevalam) und geh an die Spitze, an den höchsten Platz auf dem von den vorzüglichen Jina gelehrten Weg, der keine Krümmungen hat! Besiege das Heer der Mühsale (parīṣahā). Sieg, Sieg, du Stier unter den Besten der Kṣatriya! Viele Tage, viele Wochen, viele Monate, viele Viertel-, Halbjahre und Jahre sei furchtlos gegenüber Mühsalen und Störungen, Ängste und Schrecknisse in Geduld ertragend! Ohne Hindernisse sei deine Lebensordnung (dharma

Mit diesen Worten brachten sie den Siegesruf dar.

§115

Dann, während unablässig, wie Blütenkränze an ihm hängend, tausend Augen ihn anschauten, tausend Worte ihn priesen, tausend Herzen ihn freudig erhoben, tausend Wünsche ihn betrafen, ihn wegen seines Liebreizes, seiner Schönheit und Tugend begehrten, tausend Finger auf ihn zeigten, er mit seiner rechten Hand die Blütenkränze der tausend Añjali-Grüße vieler Männer und Frauen dankend entgegennahm, zog er, an den tausend sich aneinanderreihenden Palästen vorbei, von sehr lieblichen Klängen immer wieder ermuntert, dem Lärm der Saiten und Schlaginstrumente, der Trommeln und Gesänge, der sich mit dem süßen und sinnberaubenden Klang der Siegesrufe mischte, mit aller Pracht, allem Glanz, mit der gesamten Heeresmacht, samt allen Fahrzeugen, (...) mit großem Aufwand mitten durch die Stadt Kuṇḍapuram hinaus und gelangte genau dorthin, wo der Park, der »Nāya-ṣaṇḍa-Hain«, war und genau dorthin, wo der besonders prächtige Aśoka-Baum war.

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