Die Mahavira-Legende ►§79

Verfasst: 24.03.2015
Aktualisiert: 27.03.2015

§79

Diese 14 Großträume, du Göttergeliebter, sind jetzt von der Kṣatriyāṇi Triśalā geschaut worden. Großartige Träume, du Göttergeliebter, hat die Kṣatriyāṇi Triśalā geschaut! (...) Glück bewirkende Träume, du Göttergeliebter, hat die Kṣatriyāṇi Triśalā geschaut! Sie bedeuten Gewinn von Gütern, (...) Gewinn der Königsherrschaft, du Göttergeliebter! So wird die Kṣatriyāṇi Triśalā, du Göttergeliebter, wenn neun volle Monate und siebeneinhalb Tage vergangen sind, ein Banner deiner Familie (...), einen wohlgestalteten Knaben gebären, der vollkommen gesund, schön an allen Gliedern und lieblich wie der Mond sein wird.

§80

Und dieser Knabe wird, wenn er die Kindheit hinter sich gelassen hat, zu unterscheiden weiß und gereift ist, als junger Mann ein Kämpfer, ein Held, ein weitausschreitender, mit einer großen Heeresmacht ausgerüsteter Weltherrscher (cāuranta-cakkavaṭṭi), Herr über ein Reich, ein König sein -oder ein Jina, ein Gebieter, der über die drei Welten herrscht, ein Weltherrscher über die beste Lebensordnung (d. h. die Jainalehre).

§81

Darum sind sie großartig, du Göttergeliebter, die von der Kṣatriyāṇi Triśalā erschauten Träume. Zufriedenheit, langes Leben, Segen, Glück bewirkend sind, du Göttergeliebter, die von der Kṣatriyāṇi Triśalā erschauten Träume.«

§82

Als König Siddhārtha von den Kennern der Traumkennzeichen diese Deutung der Träume gehört und vernommen hatte, war er glücklich und zufrieden. Freudigen Herzens sprach er zu den Traumdeutern mit diesen Worten:

§83

»So ist es, ihr Göttergeliebten, genau so ist es, ihr Göttergeliebten, es ist wahr! Ich habe dieses erwünscht, ich habe es empfangen! Dieses Erwünschte habe ich empfangen! Wahrheitsgemäß ist die Deutung, so wie ihr es sagt!« In diesem Gedanken nahm er die Träume voll und ganz an. Den Traumdeutern erwies er Ehre und Hochachtung mit einer üppigen Speisung und indem er sie mit Blüten, Gewändern, edlen Düften und Kränzen schmücken ließ. Er ließ ihnen eine üppige Rente auf Lebenszeit als Liebesgabe zuteilen und entließ sie.

§84

Dann erhob sich der Kṣatriya Siddhārtha vom Löwenthron und ging dorthin, wo Triśalā an der Innenseite des Vorhangs saß, und sprach zu ihr in folgender Weise:

§85-88

»Es ist nun so, du Götter geliebte! Im Traumbuch sind 72 Träume (...).«
Siddhārtha wiederholt vor Triśalā die Rede der Traumdeuter; erfreut und zufrieden nimmt nun Triśalā die Träume voll an. Mit Erlaubnis des Siddhārtha erhebt sie sich von ihrem reich versierten Sessel und begibt sich ruhigen Schrittes in ihren eigenen Palast.

§89

Seit dem Augenblick, als der Asket, der erhabene Mahāvīra, in die Nāya-Familie hineingebracht worden war, genau seitdem brachten die tiergestaltigen Jṛmbhaka, die im Dienste des Vaiśravaṇa standen, auf Befehl des Śakra sofort alles, was nur zu haben war an alten und uralten großen Schätzen, nämlich: Schätze von Eigentümern oder Pfandbewahrern oder Familien, wenn keine Verwandten da waren oder das Geschlecht ausgestorben war; Schätze, die sich in Dörfern, Erzminen, Städten (...), in Tempeln, Versammlungshallen, Brunnen, Parkanlagen, Gärten, Hainen, auf Leichenplätzen, in leeren Häusern, Berghöhlen (...) befanden, die brachten sie in den Palast des Königs Siddhārtha.

§90

In der Nacht, als der Asket, der erhabene Mahāvīra, in die Jñātṛ-Familie hineingebracht worden war, da begann die Jñātṛ-Familie an ungemünztem Gold zu wachsen, an gemünztem Gold zu wachsen, an Geld, Getreide, ihrem Herrschaftsbereich und ihrer Herrschaftsmacht; es wuchsen Heeresmacht, Fahrzeugbestand, Schatz und Schatzhaus, Stadt, Harem, das Volk und der Ruhm; und sobald die Jñātṛ-Familie durch eigene Mittel, angefangen mit Geld, Gold, Edelsteinen (...), gesichert war, wuchsen ihr in überreichem Maße auch freudige Zuneigung und Ehrerweisung zu. Da kam den Eltern des Asketen, des erhabenen Mahāvīra, folgender, sie innerlich bewegender Gedanke:

§91

»Seit dem Augenblick, daß dieser unser Sohn in den Mutterleib als Embryo herabgestiegen ist, genau seitdem wachsen wir an ungemünztem Gold, wachsen wir an gemünztem Gold, wachsen wir an Geld (...), und mit der durch viel Geld, Gold und (...) anderes entstandenen Sicherung an eigenen Mitteln wachsen uns in überreichem Maße auch freudige Zuneigung und Ehrerweisung zu. Darum werden wir, wenn dieser unser Sohn geboren sein wird, ihm den folgenden, diese besondere Eigenschaft beschreibenden, aus dieser Eigenschaft hergeleiteten Namen geben: Vardhamāna (der Wachsende).«

§92

Zu der Zeit verhielt sich der Asket, der erhabene Mahāvīra, aus Mitleid mit seiner Mutter reglos, bewegungslos, ohne sich zu rühren, still hingeschmiegt, zusammengekauert, behutsam.

Da kam der Kṣatriyāṇi Triśalā der folgende (...) Gedanke: »Geraubt ist mir der Embryo! Gestorben! In eine andere Existenz gefallen, abgegangen ist mir der Embryo! Dieser mein Embryo regte sich vorher, jetzt regt er sich überhaupt nicht!« So dachte sie, und niedergeschlagenen Sinnes, voll schlimmer Ahnungen sank sie in ein Meer von Sorgen und Kummer. Sie schlug die Handflächen vor das Gesicht, und von trübsinnigen Gedanken gepackt, mit zu Boden gesenktem Blick grübelte sie. Und auch der Königspalast des Siddhārtha, in dem die Trommeln, die Saiteninstrumente, das rhythmische Händeklatschen und die Schauspieler nun verstummt waren, verharrte ohne Leben, bedrückt und traurig.

§93

Da erkannte der Asket, der erhabene Mahavira, daß seiner Mutter solch ein Gedanke in den Sinn gekommen war und sie innerlich bewegte, und er regte sich mit einem einzigen Glied.

§94

Als die Kṣatriyāṇi Triśalā nun merkte, daß der Embryo sich regte, zitterte, zappelte und sich bewegte, da war sie froh und zufrieden und sagte freudigen Herzens dieses: »Keineswegs also ist mein Embryo geraubt (...), keineswegs ist dieser mein Embryo abgegangen! Vorhin regte er sich überhaupt nicht, jetzt regt er sich!« In diesem Gedanken war sie froh und zufrieden (...). Und so war ihr Herz voller Freude.

Daraufhin nahm der im Embryonenstadium befindliche Asket, der erhabene Mahāvīra, ein Sondergelübde folgender Art auf sich:

»Keineswegs ziemt es sich für mich, schon zu Lebzeiten meiner Eltern ein kahlköpfiger Mönch zu werden und aus dem häuslichen Leben in die Hauslosigkeit auszuziehen.«

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