23.09.2014 ►Delhi ►ASK ►Wieder mittendrin

Verfasst: 29.01.2015
Aktualisiert: 06.02.2015

Nach kurzer, aber erholsamer Nachtruhe machten wir uns nach dem Frühstück wieder auf den nun schon vertrauten Weg vom Hotel zum ASK. Inzwischen hatten sich die Sicherheitsleute des Hotels, die an der Hoteleinfahrt an der Straße Dienst taten, daran gewöhnt, dass wir uns nach einem Threewheeler Taxi umschauten und dann einstiegen und losfuhren, wobei wir immer dasselbe Ziel hatten. Man kannte sich bereits und grüßte sich. Keine besonderen Vorkommnisse, wir hatten das Gefühl, nach einer Woche Aufenthalt in ihren und den Alltag der anderen Hotelangestellten fast schon integriert zu sein. In wenigen Tagen würden wir in das Hotel wechseln, in dem alle Konferenzteilnehmer untergebracht werden würden.  Vor uns lag ein entspannter Tag auf dem Gelände des ASK, an dem wir eigentlich nur Interviewtermine für den nächsten Tag absprechen wollten.

DSC00862 Acharya Mahashraman

Acharya Mahashraman kehrte gerade von der Morgenansprache in seinen Raum zurück

DSC00863 Shyam Nandem, Suresh Dubey, Sunil Agarwal, Rajendra Sancheti, Vikas Chhajer

Shyam Nandem, Suresh Dubey, Sunil Agarwal, Rajendra Sancheti, Vikas Chhajer hatten alle Hände voll mit der Vorbereitung der Anuvrat Internationale Konferenz zu tun

In einem Raum im 3. Stockwerk des Gebäudes, in dem Acharya Mahashraman und die Mönche untergebracht waren, herrschte geschäftiges Treiben an Computern und Mobiltelefonen. Dort bereitete Vikas Chhajer mit einem aus Kollegen und freiwilligen Helfern bestehenden Team die Konferenz vor. Sie galt schon im Vorfeld als eines der Großereignisse anlässlich des 100. Geburtstages von Acharya Tulsi, dem Gründer der Anuvratbewegung. Ihm zu Ehren wollten sie das Beste geben, arbeiteten unter improvisierten Bedingungen, immer mit Blick auf das Ganze. Eine solche Einstellung und Arbeitshaltung kann man nicht mit Geld kaufen, dazu braucht es inneres Engagement und die Bereitschaft, sich voll und ganz mit allem zu identifizieren, das zu tun ist. Vor allem aber Kooperationswillen und Teamgeist. In dieser Atmosphäre verging auch uns die Zeit wie im Fluge, und nach  kurzer Besprechung war es schon wieder Zeit für das Mittagessen. Doch vorher vereinbarten wir noch die Termine mit Muni Mahendra Kumar, Muni Kishan Lal und Muni Kumar Shraman für den kommenden Morgen, bzw. Vormittag.

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 3 Generationen („joint family“) aus Patiala (Punjab): (v.l.) Rucki Jain mit Tochter Ghiya, Vater Hardik Jain, Großmutter Nirmala Jain, Großvater Sitaram Jain

Im Speisesaal erlebten wir eine Überraschung. Wir begegneten alten Freunden, die wir lange nicht gesehen hatten. Familie Sitaram Jain waren wir 2005 in Ladnun begegnet, wo sie uns die Stadt zeigten und uns Pan, eine indische Leckerei, zu kosten gaben. Ihre Söhne waren damals noch Jugendliche, nun hatte der ältere, Hardik, selbst eine Familie, und der Jüngere bereitete sich auf ein Examen vor, weshalb er zuhause geblieben war. Hardik Jain wohnt mit Frau und Tochter als „joint family“ (Mehrgenerationenfamilie) mit den Eltern zusammen in dem Haus, in dem er aufgewachsen war. „Joint families“ wohnen immer im Haushalt der Eltern des Ehemannes, was für alle Beteiligten nicht einfach ist, wenn das nötige Fingerspitzengefühl füreinander fehlt.

DSC00905 Hardik Jain, Sitaram Jain, Arjun Medatwal, Carla Geerdes

Sohn Hardik Jain, Vater Sitaram Jain aus Patiala (Punjab), Arjun Medatwal aus Surat (Gujarat), Carla Geerdes

Arjun Medatwal waren wir 2006 in Surat begegnet, als wir dort für einen Tag Halt machten auf dem Weg von Jaipur nach Mumbai, um die Freunde dort zu besuchen, die ich während meines sechswöchigen Aufenthaltes anlässlich des II. IPMC dort gewonnen hatte und mit denen ich bis heute in Kontakt bin. Er ist ein Mann des Wortes und hatte über die Bedeutung von Ahimsa im eigenen Leben eine sehr bewegende Rede im City Light Terapanth Bhawan, Surat, gehalten und uns anschließend zu einer Veranstaltung der Terapanth Jugend begleitet, wo er uns den Jugendlichen vorstellte und uns mit ihnen bekannt machte.

DSCN5779 Mohanlal Bhadari, his wife, Sushil Bafana

 Mohanlal Bhadari und seine Frau, Sushil Bafana

Nach dem Essen wurde ich mit einem Mal sehr müde. Durch Vermittlung von Sushil Bafana konnte ich die heiße Mittagszeit im Air-Condition-Zimmer der Familie Bhadari aus Sri Dungargarh verbringen, während Christian Geerdes im Raum des Organisationsteams noch etwas zu erledigen hatte. Die Bhadaris sind gemeinsame Freunde aus dem Geburtsort Sushil Bafanas, Sri Dungargarh, woher sie sich seit Kindertagen kennen. Wir hatten damals bei der gastfreundlichen Familie einen sehr amüsanten Abend im Kreise ihrer zahlreichen Familienmitglieder verbracht und auch ein ausgezeichnetes Abendessen dort genossen. Ohne zu zögern boten sie mir an, mich in ihrem Zimmer auszuruhen. Wir hatten uns immerhin einige Jahre nicht mehr gesehen, und unsere Begegnung 2010 in Sri Dungargarh war nur an einem Abend. Der war aber uns allen in ganz besonderer Erinnerung. Wie schon vor fast 5 Jahren verständigten uns mit Gesten, bzw. jeder in seiner eigenen Sprache an diesem Nachmittag und freuten uns über das Wiedersehen.

DSCN5784 Sadhvi Chaitanya Prabha (in front), Sadhvi Sambhavishree, Sadhvi Prafull Prabha (r)

 Sadhvi Chaitanya Prabha (l), Sadhvi Sambhav Shree, Sadhvi Prafulla Prabha (r)

Nach der Mittagsruhe ging ich erfrischt und gestärkt zu den Sadhvis. Dort wollte ich Sadhvi Chaitanya Prabha treffen, der in weltlichen Begriffen Schwester Sadhvi Rajul Prabhas, mit der ich vor einigen Tagen gesprochen hatte. Diese hatte ihr wohl schon von meinem Kommen berichtet. Auch Sadhvi Chaitanya Prabha hatte 2007 an meinem Deutschkurs an der JVBU Ladnun teilgenommen und war mit ihrer Schwester zusammen in der Gruppe der damaligen Universitätsrektorin Samani Mangal Pragya, inzwischen Sadhvi Mangal Prajna. Sadhvi Chaitanya Prabha freute sich über meinen Besuch und erzählte mir, wie sehr sie die Einschränkungen und den Frieden in ihrem Leben als Sadhvi schätzt, weil diese zu einem Prozess zunehmender Bewusstwerdung beitragen, der die Intensität der Wahrnehmung des Lebens erhöht und sie spirituell sehr bereichert. Ein Reichtum, den sie gern teilt, wie ich in dem Gespräch bemerkte, durch das ich mich in ihr Erleben einbezogen fühlte. Ein spiritueller Wachstumsprozess, der sie ihrem Selbst immer näher bringt, je weniger sie mit der Welt kommuniziert. Wobei sie ihre Fähigkeit zur Kommunikation mit der Welt meiner Auffassung nach eher gesteigert hat. Denn so, wie sie über die Vorgänge in ihrem Inneren sprach, hatte ich außer ihrer Schwester Sadhvi Rajul Prabha noch niemanden darüber sprechen hören. Die vielfältigen Aktivitäten einer Sadhvi sind nicht auf und an die Welt gerichtet, sondern dienen Erkenntnis und Kenntnis des Selbst. Alles, was sie tut, ist Bestandteil ihrer Sadhana, Laufen, Sprechen, Essen, etc. Darüber wollte ich gern mehr erfahren. Auf Ihre Bitte hin ging ich zu ihrer Gruppenleiterin und bat diese um die Einwilligung zu einem Interview für den nächsten Tag, was mir sofort sehr freundlich zugesagt wurde. Auch das ist Teil der Welt der Sadhvis, sich an Regeln zu halten und niemanden zu übergehen. Im Laufe der Jahre habe ich herausgefunden, dass die Grundlage dieses Regelsystems Respekt und Achtung voreinander sind, keineswegs aber Unselbständigkeit, wie ich anfangs irrtümlich annahm. Zudem ist dieser Respekt die Grundlage für die Einhaltung einer Ordnung, in der sich alle richtig an ihrem Platz im Leben fühlen können. Das macht sie stark und versetzt sie in die Lage, was andere als Härten und Entbehrungen ansehen, als willkommene Übungen auf dem Weg zur Befreiung zu begreifen. Dabei sind sie fröhliche und erleuchtete Individuen, die im Einklang mit sich und den kosmischen Kräften karmischen Verwicklungen keine Widerstände mehr bieten und alle Situationen ihres Lebens so annehmen, wie sie sich zeigen.

DSCN5786 Sadhvi Muka Yasha

 Sadhvi Muka Yasha

Plötzlich kam eine strahlende Sadhvi auf mich zugelaufen und begrüßte mich sehr herzlich mit den Worten: „Na, du erkennst mich wohl nicht?“ Um Zeit zu gewinnen, hielt ich erst einmal ihr strahlendes Lächeln mit der Kamera fest, was sie noch mehr amüsierte. Mit einem Mal wusste ich, woher ich sie kannte: Die frühere Samani Manan Pragya hatte uns 2007 eine Woche lang in Berlin mit ihrer Gruppenleiterin Samani Prasanna Pragya (inzwischen Sadhvi Prasanna Yasha) besucht und Vorträge gehalten. Die zu Paryushan abrasierten Haare und der Mundschutz einer Sadhvi hatten mir zwar das Wiedererkennen schwer gemacht, doch an ihrem sogar noch stärker als bei unserer letzten Begegnung in Berlin ausgeprägten Strahlen hatte ich sie erkannt. Auch sie fühlt sich sehr wohl als Sadhvi und führt ein glückliches Leben. Mit ihrer erfrischend fröhlichen Art kann sie bestimmt vielen Menschen die Aufmerksamkeit, Ansprache und Ausrichtung im Leben geben, die sie brauchen.

Nachdem ich für den nächsten Tag Interviews mit Sadhvi Vishrut Vibha und Sadhvi Pramukha Kanak Prabha vereinbaren konnte, freuten wir uns sehr darauf und fuhren zurück ins Hotel. Der Ausflug des Vortages steckte uns noch in den Knochen, und wir wollten unseren Gesprächspartnern gern ausgeruht begegnen.

Fotos vom 23.09.2014:

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