Das Gespür für Wachstum ►Einführung

Verfasst: 29.01.2013
Aktualisiert: 27.06.2014

Einleitung

Fast alle Menschen beginnen ihr Leben mit Enthusiasmus. Jeder Schritt, den wir in die neue Welt gehen, konfrontiert uns mit unbekannten Dingen, deren Erforschung uns fasziniert und die Staunen und Freude in uns auslösen.

Diese Faszination begleitet unsere frühen Jahre. Sie erreicht einen absoluten Höhepunkt, wenn wir uns zum ersten Mal verheben und dabei entdecken, daß in unserem Inneren die noch unentdeckte Welt der Gefühle schlummert, deren Existenz wir zuvor nicht einmal vermuten konnten, in der aber Erlebnisse ungeahnten ekstatischen Glücks auf uns warten. Diese Entdeckung inspiriert uns, völlig neue Handlungsmuster auszuprobieren und unser Leben in unbekannte Bereiche zu lenken.

Nach diesem Höhepunkt beginnt die Faszination gewöhnlich nachzulassen. Erste tiefe Enttäuschungen veranlassen uns, gerade im Bereich unserer Gefühle vorsichtiger zu sein, um nicht in einen Schmerz hineingerissen zu werden, der uns überwältigen könnte. Und statt erneut nach dem ursprünglichen Enthusiasmus zu suchen, der unser Leben so spielerisch, so beschwingt begleiten und leiten kann, engen wir genau das ein, was uns mit Lebendigkeit füllt.

Mehr oder weniger bereitwillig akzeptieren wir die Einflüsterungen unserer Umwelt (Schule, Verwandte, Freunde etc.), daß nun der 'Ernst des Lebens' beginne und der Rest unseres Lebens nach diesem - ernsten - Muster verminderter Freude ablaufen werde. Wir lernen unseren Enthusiasmus geringer zu bewerten als materielle und emotionale Stabilität, - obwohl diese sich auf längere Sicht fast immer als flüchtig und auf Sand gebaut herausstellen, oder aber unser Leben derart erstarren lassen, daß sich in uns und um uns nichts mehr bewegt.

Wir folgen dabei dem überwältigenden Beispiel unseres Umfeldes, gegen das wir kaum Widerstand haben. Wir akzeptieren ein Leben, das nur gelegentlich von Faszination und Enthusiasmus inspiriert ist, ansonsten aber in Routinebahnen verläuft.

Doch so beruhigend diese vermeintliche Stabilität uns zumeist auch erscheinen mag, so sehr zerreißt sie uns zu Zeiten, wenn uns die Enge dieser Grenzen jäh bewußt wird. Wir fühlen, daß dies doch nicht alles gewesen sein könnte, daß das Leben doch mehr bieten müßte als stagnierende Resignation mit immer weniger tiefer Freude. Eine fast irrationale Sehnsucht nach Ausbrechen, nach Unbeschwertheit, nach Bewegtheit, Aufregung, Abenteuer steigt auf, - eine Sehnsucht nach genau dem Enthusiasmus, der uns unsere Jugend so intensiv erleben Heß.

Wenn wir nicht mit dieser unerfüllten Sehnsucht weiterleben wollen, dann müssen wir an unserer Situation grundlegend etwas ändern, dann müssen wir herausfinden, wo neue Welten hegen, deren Erforschung unser Leben wieder mit Lebendigkeit füllt. Wenn uns unsere Grenzen zu eng werden, dann müssen wir außerhalb dieser Grenzen neue Modelle, Vorstellungen und Ziele finden, die in uns dieses Gefühl des Enthusiasmus wiederbeleben können.

Das vorliegende Buch beschreibt einen Weg, der uns in unserem Inneren eine Welt entdecken läßt, die umso faszinierender wird, je tiefer wir darin eindringen. Es ist ein Weg zum Zentrum unseres Bewußtseins, der in unserer Zeit noch nie in die-ser Klarheit und praktischer Anwendbarkeit beschrieben wurde. Es ist ein Weg, der allen uneingeschränkt offen steht - unabhängig von jeder weltanschaulichen Orientierung oder Glaubensrichtung.

Es ist ein Weg, die Erhabenheit, die Größe, die unendliche Weite unseres Seins zu erfahren, die jeder von uns in sich spürt, wenn er nur den Mut hat, dies zuzulassen.

Das Wissen, auf dem dieser Weg beruht, hat seinen Ursprung in Zeiten, die vor jeder Geschichtsschreibung hegen. Es beschreibt nicht nur, wie wir uns aus der Verstrickung in unerwünschte Abläufe befreien können, sondern bietet auch den Einblick, welches immense - bislang ungenutzte Potential - uns zur Verfügung steht und wie wir diese angeboren Fähigkeiten weit wirksamer entfalten können, als wir es im Augenblick tun.

Ziel dieses Weges ist dabei nicht die Auflösung unserer Individualität in einem gesichtslosen Erleuchtungszustand, Nirvana, Satori oder Brahman. Es ist auch nicht die Erkenntnis, wie diese Welt grundlegend funktioniert. Das eigentliche Ziel dieses Weges hegt nicht auf der Ebene des Verstandes, sondern ist ein umfassendes, liebendes Verstehen, - ein von Liebe erfülltes Ausdehnen unseres Seins, das sich mit jedem Schritt mehr entfaltet, dabei aber nie unsere Individualität verletzt oder auslöscht. Mit hebendem Verstehen verlassen die Erkenntnisse, die wir auf diesem Weg gewinnen, die kalte Ebene des Geistes und erhalten dadurch ungeahnte Lebendigkeit und Tiefe.

Wenn wir entdecken, daß in unserem Inneren - jenseits unserer vertrauten Gefühle - eine völlig unbekannte, großartige Welt existiert, die in uns ungeahnte Dimensionen ekstatischer Liebe, Freude, Klarheit und Erkenntnis eröffnet, erfaßt uns eine Faszination, die sich nur mit der wunderbaren Entdeckung unseres ersten großen Verliebtseins vergleichen läßt, in ihrer Farbigkeit und kaleidoskopartigen Vielfalt aber weit darüber hinausgeht.

Sobald wir den Eingang zu dieser Welt kennen, begleitet uns dieser Enthusiasmus für den Rest des Weges. Wir brauchen uns nur unserer immensen, noch schlummernden Fähigkeiten bewußt zu werden, um sie einsetzen zu können. Die Weiterentwicklung unseres Bewußtseins stellt sich dabei als ebenso natürlich und einfach heraus, wie wir das Wachstum unseres Körpers vom Neugeborenen bis zur jetzigen Form erfahren haben.

Das uralte Wissen der Jains

Das vorliegende Buch ist Teil eines alten indischen Manuskriptes - des Tattvarthasutra. Das Tattvarthasutra beschreibt in komprimierter Form die Essenz der Jaina Philosophie, eine der ältesten, wenn nicht die älteste Philosophie der Welt überhaupt. Es präsentiert uns dabei aber nicht nur eine inspirierende, umfassende und extrem logische Weltsicht, sondern eröffnet eine im Westen unbekannte, praktische Methode, mit der wir dynamische Erkenntnis und Hebendes Verstehen auch in unserem eigenen Leben finden und leben können.

Im Gegensatz zu vielen anderen Religionen, Philosophien oder Weltanschauungen haben die Jains nicht die Absicht, der Menschheit Respekt vor echten oder imaginären übernatürlichen Kräften oder (einem oder mehreren) Göttern beizubringen, oder in irgendeiner Form um deren Segen zu bitten. Sie streben auch keine Konvertierung der Menschen in unkritische Gläubige an, um deren Leben dann um einen spirituellen Magneten kreisen zu lassen.

Ziel der Jaina Philosophie ist es, jedem, der sich dafür interessiert, ein Instrument, eine Methode in die Hand zu geben, mit der er den höchsten Status seines eigenen Potentials verwirklichen kann, - ein Potential, das nach den Jains eine wahrhaft atemberaubende Weite und Tiefe (in Liebe, Wissen, Macht, Fähigkeiten und der Erfahrung von Glück) besitzt und dem wir im Westen kein vergleichbares Konzept entgegenstellen können.

Diejenigen, die die Methode der Jains in die Praxis umsetzen, begeben sich auf einen Weg, an dessen Ziel vollkommene Selbstbestimmtheit und die Entfaltung von Eigenschaften Hegt, die im Westen üblicherweise nur übernatürlichen Wesen zugeschrieben werden. Dieses hohe Ziel wird nicht in Abhängigkeit vom Segen von Göttern (oder eines Gottes), einer übersinnlichen Kraft oder eines Guru erreicht. Die Methode der Jains läßt - abhängig vom eigenen Einsatz - Beschränkungen, Blockaden und Grenzen unseres Bewußtseins nach und nach fortfahren. In wachsender Selbstbestimmtheit zeichnet sich unser individueller Weg zu umfassender Erkenntnis dann immer deutlicher ab. Das Tattvarthasutra schildert auf exakte Weise, wie dies möglich ist.

Das Tattvarthasutra

Das Tattvarthasutra (wörtlich: Aphorismen, die den Sinn der Realität erläutern') ist ca. 1800 Jahre alt. Es wurde von dem indischen Weisen Umasvami im zweiten oder dritten Jahrhundert nach Christi Geburt geschrieben. Umasvami faßt darin das zu seiner Zeit bekannte Wissen der Jains in einem Werk zusammen.

Der Beginn des Jainismus wird oft mit dem Leben des Propheten Mahavir (599 bis 527 v. Chr.) gleichgesetzt, doch gilt als erwiesen, daß die Jains bereits in der Indus Valley Zivilisation existierten, der ältesten Hochkultur Asiens (ca. 3000 v. Chr.). Nach den Geschichtsdaten der Jains reicht der Ursprung des Wissens jedoch in noch ältere Zeiten zurück. Die Jains sehen das Tattvarthasutra als ihre zentrale Schrift an.

'Sutren' (kurze Merksätze) und deren Interpretation durch Kommentare entwickelten sich in Zeiten, in denen eine Aufzeichnung auf Papier oder andere Medien nicht existierte und Wissen mündlich von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Sutren sind daher knapp gefaßt und halten sich an ein komplexes Regelwerk, das die Bedeutung eines Wortes beispielsweise schon durch seine Position festlegt. Damit Wissen in möglichst reiner Form erhalten blieb, hielten sich auch die Kommentatoren der Sutren an feste Regeln. Diese Methode funktionierte so perfekt, daß komplexe Informationen, deren Ursprung Tausende von Jahren zurückhegt, unsere Zeit nahezu vollständig intakt erreichten.

Einem im westlichen Kulturkreis aufgewachsenen Menschen mag die Wissensübermittlung in Form von Sutren anfangs fremdartig und ungewohnt erscheinen. Die komplexen Regeln und der formale Stil blockieren leicht den Zugang zu Werken dieser Art, - insbesondere wenn sie wörtlich und nahe am Originaltext übersetzt sind.

Das darin enthaltene Wissen ist jedoch hochaktuell, selbst wenn sein Ursprung in vorgeschichtlichen Zeiten hegt. Für die heutige Suche nach einem Sinn jenseits der materiellen Übersättigung bietet das Tattvarthasutra den Schlüssel zu einer ungeahnten Ausdehnung des menschlichen Erfahrungsbereiches.

Um dieses Wissen einem breiten Leserkreis zugänglich zu machen, wurde der Text mit einem modernen Kommentar versehen. Damit Text und Kommentar leichter lesbar sind, wurden außerdem bei der Transliteration der Sanskrit-Worte alle Akzente eliminiert. Die in Klammern aufgeführten Sanskrit-Worte dienen nur dazu, die behandelten Inhalte eindeutig zu bezeichnen und deren Identifizierung zu vereinfachen.

Das Tattvarthasutra besteht aus drei inhaltlich deutlich voneinander abgegrenzten Teilen:

Kapitel 1

breitet das Gesamtbild eines Universums aus, in dem die Verwirklichung der Ideale, Vorstellungen, Wünsche und Sehnsüchte, die wir in unserem Inneren tragen, das wesentliche Thema ist. Es beschreibt die Methoden, mit denen wir verborgene Fähigkeiten unseres Bewußtseins entwickeln können. Es stellt die Kanäle dar, über die wir Wissen erhalten -darunter auch die Funktion und Steuerung übersinnlicher Wahrnehmung und die Mechanismen, mit denen sich Wahrheit von Irrtum trennen läßt.

Kapitel 2 bis 5

definieren die Ebenen, auf denen sich Leben manifestieren kann. Sie gehen weiterhin auf Funktion und Aufgaben von Zeit, Raum, Materie und anderen Grundelementen dieser Welt ein.

Kapitel 6 bis 10

beschreiben die Ursachen der Blockaden und Beschränkungen unseres augenblicklichen Zustandes und gehen dann auf die Mechanismen ein, mit denen sich diese Ursachen beseitigen lassen. Das letzte Kapitel behandelt den Übergang in einen Zustand, in dem karmische Mechanismen den Menschen nicht mehr blockieren und er ungehinderten Zugang zu seinem gesamten Potential gewinnt.

Die praktische Umsetzung dieses Wissens in Handlung, das Verstehen der eigenen Handlungsmechanismen und die konkrete Entfaltung potentieller Fähigkeiten bietet das Buch Karma: der Mechanismus von Hermann Kuhn, das den Komplementärband zu diesem Buch bildet. Es enthält die Teile des Tattvarthasutra, die sich auf karmische Mechanismen beziehen und für den Menschen der heutigen Zeit relevant sind (Kapitel 6, 8 und einen Teil des Kapitels 9).

Das vorhegende Buch enthält das erste Kapitel des Tattvarthasutra. Der begleitende moderne Kommentar basiert zum Teil auf einem Kommentar (Sarvarthasiddhi), den der Inder Puja-Pada im siebten oder achten Jahrhundert nach Christi Geburt schrieb. Dabei wurde Wert darauf gelegt, den Einblick in die Größe des menschlichen Potentials und dessen Erforschung und Ausbildung unmittelbar auf unser tägliches Leben zu beziehen und in anwendbarer Weise darzustellen.

 

 


aus dem Buch:

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