2008 ►IVU Welt-Vegetarier-Kongress, Dresden ►Vegane Ernährung und Nachhaltigkeit

Verfasst: 21.08.2008
Aktualisiert: 04.07.2015

38. IVU-Welt-Vegetarier-Kongress, Dresden - 100 YEARS OF FOOD REVOLUTION

A joint event of the International Vegetarian Union (IVU), and the Vegetarier-Bund Deutschlands e.V. (VEBU)


Vegane Ernährung und Nachhaltigkeit

Im Jahr des 100 jährigen Bestehens des Welt-Vegetarierbundes fand in Bonn eine UN-Konferenz zum Erhalt der biologischen Vielfalt statt. Diese Konferenz war, wie Naturschutz- und Umweltverbände berichteten, eine einzige Katastrophe, weil kein einziger Schritt zu dem Ziel eines nachhaltigeren Umgangs mit der Natur zustande kam.

Die weltweit praktizierenden Vegetarier können dagegen auf einen erfolgreichen Beitrag zu Natur- und Tierschutz zurückblicken. Und die Aussichten auf weitergehende Beiträge sind erheblich besser als beim politischen Prozeß.

Als jemand, der sich schon seit Jahren für eine konsequent nachhaltige Lebensweise einsetzt, muß ich Ihnen und dem weltweiten Vegetarierbund als erstes ganz herzlich zu diesem Jubiläum gratulieren. Daß Sie durchgehalten haben gegen die weltweiten Mehrheiten, die ohne Rücksicht und mit der „fatalen Lust aufs Fleisch“ (1) die Natur und die Erde ausbeuten., wie wenn wir noch einige Erden in Reserve hätten.

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Abb.1
Die Entwicklung des „ökologischen Fußabdrucks“

Tatsächlich wissen die, die das Thema interessiert, schon seit 1980, dass die Tragfähigkeit unseres Planeten überschritten ist (Abb. 1). Anschaulich dargestellt hat dies Mathis Wackernagel mit dem Begriff des ökologischen Fußabdrucks(2). Darunter wurde diejenige Fläche definiert, die benötigt würde, um die von jedem einzelnen oder der ganzen Menschheit benötigten Ressourcen (Getreide und weitere Nahrungsmittel, Holz, Fisch, Siedlungsflächen etc.) zu liefern und ihre Emissionen (Kohlendioxid etc.) aufzunehmen. Wackernagel kam zu dem im Diagramm dargestellten Ergebnis, dass wir weltweit beim Ressourcenverbrauch schon mehr als 20% über der ökologischen Tragfähigkeit liegen. Alles was getan werden kann, um die Fortsetzung dieses Prozesses zu verlangsamen, ist zu begrüßen.

Dazu gehört selbstverständlich auch die Umstellung der Lebensweise, wie sie z.B. viele Vegetarier schon geleistet haben. Dennis Meadows, der Autor der berühmten „Grenzen des Wachstums“ von 1973 hat in seinem neu erschienen Buch „Grenzen des Wachstums, das 30-Jahre Update“, welches die heutige Situation unter die Lupe nimmt, dazu geschrieben (2):

„Leider nimmt der ökologische Fußabdruck der menschlichen Gesellschaft trotz technologischer und institutioneller Fortschritte weiter an Grösse zu. Das ist umso bedenklicher, weil die Menschheit sich bereits jetzt in einem nicht nachhaltigen Bereich befindet. Aber die Allgemeinheit ist sich dieser misslichen Lage nur in hoffnungslos begrenztem Maße bewusst. Es wird noch sehr lange dauern, bis die Veränderungen der persönlichen Werteinstellungen und der Politik, die zu einer Umkehr der gegenwärtigen Trends führen und den ökologischen Fußabdruck wieder auf eine Größe unterhalb der langfristigen Tragfähigkeit des Planeten bringen könnten, politische Unterstützung finden.“ Ich sehe das etwas optimistischer, allein aus der Erfahrung heraus, dass die Umstellung der Lebensweise auf ein nachhaltigeres Verhalten wie z.B. alternative Urlaubsweisen, alternative Wohn- und Mobilitätsformen und auch vegetarische oder vegane Lebensweisen keineswegs mit einer Einbuße an Lebensfreude und –genuß verbunden ist.

Ehe ich in die Details gehe, muß ich die Begriffe vegan und nachhaltig klären. Unter veganer Ernährung soll eine konsequent vegetarische Ernährung verstanden werden, die nicht nur Fleisch sondern auch sämtliche tierischen Nahrungsmittel links liegen läßt; die weitergehende Konsequenz sagt „nein“ zu der Verwendung aller Produkte, die von Tieren stammen.. Den Hintergrund hierzu werden wir noch genauer betrachten; hier soll nur auf die damit verbundene Vermeidung weiteren Tierleids hingewiesen sein.
Unter einer nachhaltigen Lebensweise möchte ich eine verstanden wissen, die konsequent die Schonung und Erhaltung der Natur in den Mittelpunkt stellt. Damit möchte ich mich klar abgrenzen von einem Nachhaltigkeits-Verständnis, das neuerdings vor allem von den Bundesregierungen und den großen Konzernen artikuliert wird. Und das den sogenannten Markt und seine Ökonomie als erhaltenswert ins Zentrum rückt. Da der Markt blind ist für ökologische und soziale Probleme, da es ihn völlig ungerührt lässt, ob spätere Generationen noch auf dieser Erde glücklich leben können und da er ungerührt Massen von Tieren über die Schlachtbank führt, hat er absolut nichts mit einer Nachhaltigkeit zu tun, die auf Achtsamkeit aufgebaut ist. `Achtsamkeit` ist dabei das Schlüsselwort und ich hoffe, dieser Begriff ist nicht so leicht zu missbrauchen.

Unser Planet hat gegenwärtig 6,5 Mrd. Menschen zu ernähren; aber auch 1,5 Mrd. Rinder, je eine Mrd. Schweine und Schafe und abermillionen weiterer „Nutztiere“ wollen ernährt sein. Die sogenannten Nutztiere erreichen mit ihrem Lebensgewicht das 4-5-fache der 6,5 Mrd. Menschen, und entsprechend viel Futter muß für sie bereitgehalten werden. Immerhin 38% des Weltgetreideverbrauchs wandert in die Viehmägen.

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Abb. 2
Entwicklung der landwirtschaftlichen Produktion (....) und des ProKopf-Angebots(-) an Lebensmitteln in verschiedenen Weltregionen

Seit den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde in allen Weltteilen die landwirtschaftliche Produktion von Nahrungsmitteln um zwischen 100 und 300% gesteigert (Abb. 2). Dies geschah mittels der sogenannten „grünen Revolution“, des gezielten und verstärkten Einsatzes von Industrie-Dünger und Pestiziden. Jedoch diese Entwicklung hatte zwei Tragödien zur Folge: wie die Graphiken zeigen, führte die gestiegene Produktion keineswegs zu einer besseren pro Kopf-Versorgung der Bevölkerung, sondern höchstens zu Arbeitslosigkeit.. Mit der erhöhten landwirtschaftlichen Produktion wurde dagegen die Umwelt massiv geschädigt: die industrialisierte Landwirtschaft zerstört die natürliche Bodenfruchtbarkeit, belastet die Gewässer und die Luft mit Stickstoff- und Phosphor-Immissionen, sowie mit den verschiedensten Giftstoffen der versprühten Insektizide, Fungizide, Herbizide, usw., zusätzlich die Luft mit Methan. Sie schädigt damit Wälder und ganze Ökosysteme.

In vielen Fällen wurden die landwirtschaftlichen Flächen in Übersee dazu genutzt, in riesigen Monokulturen die Futtermittel für die europäische und US-amerikanische Viehhaltung zu produzieren. Schlimmer noch: wertvollste, weil artenreichste Wälder und Savannen wurden und werden für den Anbau von Futtermitteln zerstört. Die Futtermittel werden exportiert; Nahrungsmittel für die einheimische Bevölkerung müssen stattdessen importiert werden. Im übrigen bleiben ihr nur die Schadstoffe.

Die weltweite Tierhaltung und –Tierproduktion (ich verwende hier diesen und ähnliche Begriffe, aber mit der Bitte an Sie, sich die Ignoranz und Verachtung bewusst zu machen...)hat bei dieser Vorgehensweise die bei weitem größten Verluste an wildlebenden Tier – und Pflanzenarten verursacht durch:

  • Rodung und Vernichtung von Tropenwäldern und Savannen

 

  • Einsatz von Industrie-Düngemitteln und Pestiziden,

 

  • Eutrophierung der Gewässer,

 

  • Degradierung und Erosion der Böden,

 

  • Anbau gentechnisch veränderter Nutzpflanzen mit noch stärkeren Einsätzen von Herbiziden und Insektiziden,

„Auch in Deutschland ist das Vieh die Hauptbelastung für Natur und Umwelt. Für die beinahe 30 Mio Schweine, die 13 Mio Rinder und ca. 140 Mio Hühner des Viehbestandes müssen Millionen Tonnen Futtermittel wie Soja zusätzlich zur inländischen Produktion importiert werden. Ihrer Erzeugung, vor allem für den Anbau von Soja, fallen in den Tropen und Subtropen höchst artenreiche Wälder der Rodung zum Opfer. Deutscher Stall frisst globale Artenvielfalt auf“.(1)

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Abb. 3
Szenarien für die weltweite Waldvernichtung

Wie diese Waldzerstörung weiter verlaufen kann wurde von Meadows et al. in einer Graphik dargestellt (Abb. 3). Sie kommen zu dem dramatischen Ergebnis, dass bei anhaltend um 2% steigendem Einschlag bezogen auf den für die 90er Jahre typischen Verlust von 20 Mio Hektar, sämtliche ungeschützten Wälder 2054 verschwunden sein würden. Neben der globalisierten Landwirtschaft und insbesondere der Viehwirtschaft sind an diesem globalen, extrem traurigen Prozeß selbstverständlich auch die multinationalen Holz- und Papierfirmen beteiligt, und neuerdings auch noch der internationale Ölkomplex, der Plantagen für Agrotreibstoffe aufbauen lässt und last not least die armen Landlosen, die ein paar Krümel vom großen Waldkuchen abbekommen möchten.

Deutschland und Europa insgesamt gehören einerseits zu den Hauptverbrauchern von landwirtschaftlichen Produkten aus den Tropen, andererseits hat ihre landwirtschaftliche Produktion vor allem in Mitteleuropa aber auch in den übrigen Teilen Europas maßgeblich dazu beigetragen, dass auch hier eine „Todeszone“ für viele Tier-, Pflanzen- und Biotoparten entstanden ist. Während in den Tropen die artenreichsten Biotope überhaupt durch diese Wirtschaftsweise vollends zerstört werden, sind in Deutschland und Mitteleuropa 70% der Tier-, Pflanzen- und Biotoparten entweder schon ausgestorben, vom Aussterben bedroht oder stark gefährdet. Landwirtschafts-, Verkehrs- und Strukturpolitik haben hier weitflächig die ehemalige biologische Diversität vernichtet.

Bezeichnend für diese Situation ist der eintönig grün-gelbe Frühling in den landwirtschaftlich genutzten Fluren: 1 bis 2 Wochen lang blühender – viel zu gelber – Raps in den Feldern und etwas länger blühender Löwenzahn in den Wiesen ist zu beobachten. Die blühende Farben- und Strukturvielfalt von Wiesen und Feldern früherer Zeiten, heute nur noch in einigen kleineren geschützten Gebieten zu bewundern, ist völlig verschwunden. Der schon 1965 von Rachel Carson befürchtete „stumme Frühling“ wird von den normalen Menschen zwar noch nicht bemerkt, weil noch ein paar robustere Singvogelarten leben, er kann aber bald folgen. Denn von was sollen sich Bienen, Hummeln, Schmetterlinge, usw. ernähren, wenn es kaum noch Blühpflanzen gibt; was geschieht mit den Vögeln, die von Insekten leben??

Nicht nur die ökologische Dimension der Nachhaltigkeit ist massiv geschädigt worden durch die industrialisierte Land- und Viehwirtschaft, sondern auch die soziale Dimension. Mit der Zerstörung der ehemaligen biologischen Vielfalt ging auch eine Zerstörung der sozialen und kulturellen Vielfalt einher. Die landwirtschaftlichen Subventionen haben, und sie tun es noch immer, die Großbetriebe und diejenigen unterstützt, die auf größere Ertragsleistung auf dem Acker und im Stall programmiert waren. Auf der Strecke blieben dabei hunderttausende Klein- und Mittelbetriebe. Damit wurde die bäuerliche Vielfalt und Kultur in den Dörfern zerstört.

Eine weitere Folge der Massentierhaltung und der Anlage von Monokulturen ist das Ausbringen riesiger Gülle- und Mistmengen zur Erhaltung und Steigerung der Bodenfruchtbarkeit – oder einfach zur Entsorgung auf die Felder und Wiesen.. Große Teile des damit eingetragenen Stickstoffs landen im Grundwasser, den Gewässern und letztlich in Ost- und Nordsee. Mit dem so überreichlich eingetragenen Stickstoff, ergänzt noch durch Industriedünger und den Dünger aus Autoabgasen und anderen Quellen ersticken wir im wahrsten Sinne des Wortes die ehemals bei uns vorhandenen Artenvielfalt.

Unter dem Ansturm von Chemikalien und Güllemassen können die landwirtschaftlichen Böden mit ihrer Mikrofauna und –flora und damit ihre Fruchtbarkeit ebenso zusammenbrechen wie Wälder, Feuchtgebiete, Oberflächen-, Grundwasser und die Atmosphäre..

Parallel zu der Zerstörung der Artenvielfalt werden bedeutende sogenannte Ökosystemleistungen massiv geschädigt oder stark beeinträchtigt. Darunter versteht man die natürlichen Prozesse der Energie- und Stoffumwandlung, die für das Überleben von Pflanzen, Tieren und dem Menschen essentiell sind:

  • Reinigung von Luft und Wasser,

 

  • Regulierung von Klima und Wasserständen,

 

  • Aufnahme und Speicherung von Wasser unter Abschwächung der Auswirkungen von Dürren und Überschwemmungen,

 

  • Zersetzen, Entgiften und Absondern von Abfallstoffen,

 

  • Regenerierung von Bodennährstoffen, Aufbau der Bodenstruktur,

 

  • Bestäubung von Blütenpflanzen,

 

  • Reduzierung von Schädlingen durch natürliche Räuber-Beute-Verhältnisse,

 

  • Lieferung einer großen Vielfalt landwirtschaftlicher, forstlicher, medizinischer und industrieller Produkte (Nahrung, Trinkwasser, Holz, Medizin, usw.)

 

  • Evolution und Erhaltung des Gen-Pools, der diese genannten Aufgaben erfüllt,

 

  • Lektionen in Überlebens-, Widerstands-, Evolutions- und Diversifikationsstrategien, die sich über drei Milliarden Jahre lang bewährt haben,

 

  • Einzigartige ästhetische, seelische und geistige Erbauung für uns Menschen (Inspiration, Ästhetik, Erholung, Bildung, usw.)

 

  • Hieraus eine einzigartige, der biologischen Vielfalt folgende, kulturelle Vielfalt (Zentren mit höchster z.B. Pflanzenvielfalt besitzen auch eine erstaunlich hohe Diversität an Sprachen; in Papua-Neuguinea werden von 5 Mio Einwohnern 850 verschiedene Sprachen gesprochen) (3).

Den katastrophalen Zustand unserer natürlichen Welt hat neben der Verkehrs- und Strukturpolitik hauptsächlich die Landwirtschaftspolitik über gesetzliche Rahmen und Subventionen zu verantworten. Und zentraler Hauptverursacher der Umweltmissstände ist und bleibt der riesige Viehbestand (siehe Tabelle).

Gemessen an den Lebendgewichten dieses Viehbestand geht ein hoher Prozentsatz der Getreide- und Feldfruchtmengen in die sogenannte Tierproduktion. Die Entscheidung für eine vegetarische Lebensweise hat also in Bezug auf die Umweltkomponente ein ganz beträchtliches Gewicht. Aber etwa 30% der Umweltzerstörung durch den Viehbestand geht immer noch auf das Konto der Milch- und Eierproduktion (siehe Tabelle).

Aus der folgenden Tabelle geht ferner eine weitere Entwicklung hervor: diejenige zur Hochleistungskuh. Damit werden Tiere zu reinen Produktionsmaschinen für Milch gezüchtet mit entsprechenden Folgen für die davon betroffenen Kälber, denen die Mutter vollends entzogen wird. Die Entwicklung dieser Hochleistungsmilchproduktion ist einer übermächtigen Milchindustrie geschuldet, die immer billigere Milch beziehen will und die Landwirte zu einfachen Rohstofflieferanten herabwürdigt (4).

Tabelle:

Viehbestand in der Bundesrepublik Deutschland (5)

Tierart(in Tausend)

1991

2006

Rinder

17 134

12 677

Davon Milchkühe

6 058

4 054

Schweine

26 063

26 821

Schafe

3 252

2 560

Geflügel

 

120 560
(2005)

Davon Legehennen

 

36 157

 

Leistung:

Milchleistung kg/Kuh

4 899

6 820

Legeleistung St/Henne

259

281

 

Erzeugung (1000 t):

Rind-und Kalbfleisch

2 273

1 285

Schweinefleisch

3 786

4 324

Kuhmilch

29 063

27 995

Eier

932

804

Fische(Anlandungen)

200

101

Immerhin müssen für eine Kalorie tierischer Produkte wie Fleisch, Milch und Eier etwa sieben Kalorien pflanzlichen Futters aufgewendet werden. Der Einsatz von Ressourcen zur Herstellung von Produkten aus dem Tierbestand ist um ein Vielfaches höher als für pflanzliche Nahrungsmittel. 32.000 Liter Wasser werden für ein einziges Kilo Rindfleisch benötigt, 3.300 Liter für 1 kg Eier, 840 Liter für einen einzigen Liter Milch (6); verglichen damit sind die Wassermengen für jeweils ein Kilo Pflanzenprodukte sehr gering: z.B. 106 Liter für Weizen, 150 Liter für Kartoffeln und 50 Liter für Äpfel.


Zudem ist die Erzeugung tierischer Lebensmittel verantwortlich für 18% aller anthropogenen, klimawirksamen Emissionen, d.h. noch vor dem Verkehr rangierend (7). Die Hauptrolle spielen dabei die Methanemissionen aus den Kuhmägen; wobei Methan ca. 150 mal stärker klimaschädigend wirkt als das Treibhausgas Kohlendioxid. Daher liegen die Treibhausgasemissionen für Rindfleisch bei 6450 CO2-Äquivalenten, für Schweinefleisch bei 1900 im Gegensatz zu 240 bzw. 150 CO2-Äquivalenten für Kartoffeln und Gemüse.

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Abb. 4a
Treibhausgas-Emissionen bei tierischen bzw. pflanzlichen Lebensmitteln

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Abb. 4b
Treibhausgas-Äquivalente für die Produktion verschiedener Lebensmittel

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Abb. 4c
Umweltbelastungen verschiedener Ernährungsstile

Betrachtet man die Umweltbelastungen der verschiedenen Ernährungsformen (Abb.4), dann ergibt sich erwartungsgemäß eine geringere beim Verzehr biologisch erzeugter Produkte. Der Effekt verstärkt sich jedoch deutlich beim Übergang zum vegetarischen und dann nochmals deutlicher beim Übergang zum veganen Lebensstil (8).

Und die moralisch-ethischen Probleme der nicht artgemäßen Tierhaltung, der Quälerei der Tiere und der Tiertötung betreffen selbstverständlich auch das schon genannte Drittel des Viehbestands, welches die Milch- und Eierproduktion gewährleistet.

Oft wird argumentiert: ja, aber biologisch gehaltene Kühe, oder Hühner haben es doch gut. Aber schauen Sie sich mal z.B. im Urlaub die Tierhaltung biologisch wirtschaftender Betriebe und zwar mehrerer an. Die Tiere der meisten Biohöfe haben es sicher besser als viele konventionell gehaltene. Aber auch hier werden die Kälber meist sofort nach der Geburt in kleine Plastikboxen gestellt und mit Milchaustauschstoffen gefüttert. Auch hier stehen die Kühe dicht an dicht im Stall. Selbst kleine Zicklein werden bei einem Demeterbetrieb, den wir gut kennen, sofort nach der Geburt in separaten Boxen unter die Heizlampen gestellt. Auch Hühner leben öfters auf viel zu engem Raum und reißen sich gegenseitig die Federn aus. Dies gilt selbstverständlich nur für Tierhaltungen im größeren Stil, nicht für die wenigen Hühner, Kühe, Ziegen, etc., die in kleinen Gruppen auf grünen Wiesen leben dürfen. Aber so gut wie alle werden geschlachtet, obwohl sie noch gesund sind und noch leben möchten.

Also: Essen wir doch statt Käse, Eiern und Milch leckere Bratlinge und andere Zubereitungen mit und aus Soja und anderem pflanzlichem Eiweiß, geniessen Soja-, Reis- oder Hafermilch, Obst, Nüsse und Sojajoghurtprodukte, essen noch mehr Gemüse- und Getreidegerichte, besonders die altbekannten, neuentdeckten wie Hirse, Quinoa, Amaranth, und tun damit unserem Körper, unserer Gesundheit das Beste. Das Angebot an Alternativen ist so vielfältig wie nie zuvor. Durch das bis in die Supermärkte hinein sich erstreckende Angebot von Bionahrungsmitteln können wir uns heute von einer Vielfalt von Getreiden und ihren Folgeprodukten, aber auch von einer Vielfalt von Hülsenfrüchten ernähren. Was jetzt nur noch fehlt, ist eine stärkere Nachfrage nach all den neuentwickelten und den altbekannten veganen Lebensmitteln, damit sie noch günstiger und vor allem überall angeboten werden können.

Dieser Appell richtet sich als erstes an alle Vegetarier, sich und der Welt damit etwas Gutes zu tun.

Die Umstellung muß ja nicht von heute auf morgen 100%ig sein. Während es für viele relativ leicht sein kann, Milchprodukte ganz oder teilweise zu ersetzen und es jetzt auch wunderbare Alternativen zum Honig gibt: z.B. Reis-, Agaven- oder Ahornsirup, fällt die Substitution von Wolle und Leder vielen schon schwerer.

Ich glaube, es ist wichtig, sich gut und umfassend zu informieren über den gesamten Themenkomplex – hier ist ja ein idealer Ort dafür – und dann nach den Gefühlen, welche aufgrund der Informationen entstehen, zu handeln.

Nur kurz erwähnen, da sie an anderer Stelle hier sicher ausführlich dargestellt werden bzw. wurden, möchte ich die enormen positiven Auswirkungen einer veganen Ernährung auf die Gesundheit., wobei ich voraussetze, dass diese vegane Ernährung vollwertig geschieht. Die Bewusstheit der Veganer, die die Entscheidung für ihre Art zu leben bedingt, erstreckt sich zumeist auch auf die Auswahl ihrer Lebensmittel.

Auch Vegetarier belasten ihren Stoffwechsel durch den – oft recht hohen – Konsum von Milch, Milchprodukten und Eiern mit den grossen Mengen säurebildend verstoffwechselten tierischen Eiweißes, die zur Verschlackung des Körpers führen. Häufig wird auch noch das Immunsystem sehr stark belastet.

Es sei in diesem Zusammenhang daran erinnert, dass 80% der Weltbevölkerung Milch und Milchprodukte gar nicht vertragen. Die Mittel- und Nordeuropäer, ausgerechnet diejenigen die verantwortlich sind für den ungeheuren Verbrauch an Energie und Rohstoffen auf der Welt, haben die Entwicklung einer gigantischen Milchindustrie auf der Basis einer ausgedehnten Rinderhaltung und –zucht vorangetrieben. Bei ihren Vorfahren, den früheren mittel- und nordeuropäischen Bevölkerungsstämmen, soll eine zufällige Mutation im Verdauungssystem vor rund 5000 Jahren eine Verträglichkeit für Kuhmilch bewirkt haben; wahrscheinlich wurden diejenigen ohne diese Verträglichkeit im Laufe der Geschichte aufgrund ihres durch den Milchkonsum angeschlagenen Immunsystems von Epidemien und Seuchen dahingerafft.

Dadurch, dass der menschliche Körper mit Nahrung tierischen Ursprungs seine gewünschte Kalorienmenge bekommt – oder sogar schon zuviel bekommen hat, wird entsprechend viel weniger an pflanzlichen Lebensmitteln gegessen, mit der Folge einer Unterversorgung an all den für eine gute Gesundheit notwendigen sekundären Pflanzenstoffen, Vitaminen, Ballaststoffen usw.

Auch bessere Gesundheit bedeutet schließlich nachhaltiges Leben, denn mit besserer Gesundheit habe ich mehr Kraft und Zeit, mich für unsere Ziele einzusetzen, ich verursache der Allgemeinheit, speziell den Krankenkassen weniger Kosten und lebe länger und fröhlicher, und kann mit dieser Lebensfreude andere mitreissen.

Und wenn sich Vegetarier dazu entschliessen, vegan zu leben, sind für sie keine Fleischesser mehr notwendig, die das anfallende Rind-, Schaf- und Ziegenfleisch, und die Hähnchen und Suppenhühner verzehren, weil Milch- und Eierproduktion ohne Fleischproduktion nicht möglich ist.

Es ist den Vegetariern bekannt, dass für ein kg Rindfleisch 10 kg Getreide verfüttert werden müssen. Aber viele Vegetarier möchten sich nicht damit beschäftigen, dass auch für ein kg Käse entsprechende beachtliche Mengen an Getreide verfüttert werden müssen.

Wenn dieser unser Planet nachhaltig gesunden soll, müssen wir alle die gegenwärtige Entwicklungsstraße möglichst schnell verlassen. Das wurde schon am Beispiel der Landwirtschaft deutlich, gilt aber für sämtliche Lebensbereiche. Die Umstellung auf vegane Lebensweise ist ein Teilabschnitt des neuen Weges – wie wir gesehen haben.

Seit der Entwicklung der Dampfmaschine hat die industrielle Welt einen einmaligen Wachstumsprozeß vollzogen. Dabei wurden immer wieder scheinbare Grenzen durchbrochen bzw. überschritten, ähnlich wie im Konkurrenzsport. Trotz dieser Ähnlichkeit mit dem nach Rekorden jagenden Konkurrenzsport, wird von der Allgemeinheit nicht wahrgenommen, dass die Innovationssprünge immer kleiner geworden sind, dass der dazu erbringende Aufwand immer größer geworden ist(z.B. auch (Abb. 6).

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Abb. 6
Exponentieller Anstieg der Vermeidungskosten für Umweltschädigungen
(hier Emissionsminderungen)

Es wird nicht wahrgenommen, dass der industrielle Wachstumsprozeß aus einem exponentiellen Anstieg in einen asymptotischen, gegen Null gehenden übergegangen ist (Abb. 5). Von daher erklärt sich die Erwartungshaltung, das technisch-wissenschaftliche, ja das gesamte materielle Wachstum könne dauerhaft anhalten.

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Abb. 5
Exponentielles Wachstum und Übergang zu einer Asymptote

Die Geschichte der westlichen Industriekultur hat fast jeder Gesellschaft in Ost und West den Glauben, den Wunsch und die Erwartung eingeimpft, Wachstum sei unendlich fortsetzbar. Nicht einmal die traditionellen Naturwissenschaftler, Chemiker oder Physiker weisen daraufhin, dass auch ein ökonomisches perpetuum mobile, das unaufhörlich Gewinne ausspuckt, das ständiges wirtschaftliches Wachstum ermöglicht, genauso wie ein physikalisches perpetuum mobile nicht realisierbar ist. Die Ökologen um und nach Dennis Meadows haben auf die Grenzen des Wachstums verwiesen und wurden verspottet; und die Gewinner von der Wachstumslüge verbreiten noch immer, es gäbe keine Grenzen. Dennis Meadows hat das Dilemma so formuliert, dass aus heutiger Sicht nichts hinzuzufügen ist: (2, S. 211):

„Dass dem Wachstum irgendwelche Grenzen gesetzt sein könnten, ist für viele Menschen schlichtweg unvorstellbar. Solche Grenzen sind politisch ein Tabuthema und dem ökonomischen Denken völlig fremd. Die vorherrschende Kultur leugnet meist, dass solche Grenzen möglich sind, indem sie völlig darauf vertraut, dass die Macht der Technik, das Funktionieren der freien Marktwirtschaft und das Wachstum der Wirtschaft alle Probleme lösen werden – selbst jene Probleme, die das Wachstum selbst mit sich bringt.“


Meadows et al. haben in ihrem neuen Weltmodell die Möglichkeiten der Technik und des Marktes, auf Grenzen zu reagieren berücksichtigt, kommen dann aber zu folgendem Schluß:

„Je erfolgreicher eine Gesellschaft ihre Grenzen durch wirtschaftliche und technische Anpassungen verschiebt, desto wahrscheinlicher wird sie später gleichzeitig an mehrere dieser Grenzen stoßen. In den meisten Simulationen (des Weltmodells, J.R.) gehen die nutzbaren Flächen, die Nahrungsmittel und die Ressourcen nicht völlig zur Neige, und es kommt auch nicht so weit, dass die Umwelt keine Schadstoffe mehr aufnehmen kann. Aber die Gesellschaft erreicht einen Punkt, an dem sie diese Probleme nicht mehr in den Griff bekommt.“

An oder kurz vor diesem Punkt sind wir jetzt. Dies zeigt sich seit kurzem z.B. auch an der Preisentwicklung der schwindenden Ressource Erdöl, dem sich beschleunigenden Klimawandel und dem Ansteigen der Nahrungsmittelpreise und seit längerem schon an der Situation der Meeresfischerei. Die unregulierten Märkte und die Technik der Fischerei auf hoher See haben die Meeresfischerei an den Rand des Zusammenbruchs gebracht, ein Schicksal, das auch der konventionellen Land- und Viehwirtschaft noch blühen kann.

Meadows führt schließlich noch weitere, entscheidende Gründe dafür an, warum sich weder mit Techniken noch mit Marktmechanismen Probleme einer Gesellschaft bewältigen lassen, die mit exponentiell zunehmender Geschwindigkeit auf die miteinander verbundenen Grenzen zusteuert:

„Märkte und Techniken sind lediglich Hilfsmittel, die den Zielen, den ethischen Grundsätzen und dem zeitlichen (und geistigen, J.R.) Horizont der Gesellschaft insgesamt dienen. Wenn die unausgesprochenen Ziele einer Gesellschaft darin bestehen, die Natur auszubeuten, die Elite zu bereichern und die langfristige Zukunft zu ignorieren, dann wird sie auch Techniken und Märkte entwickeln, die die Umwelt zerstören, die Kluft zwischen Reichen und Armen vergrößern und kurzfristigen Gewinn maximieren. Kurzum einer solchen Gesellschaft werden Techniken und Märkte entwickelt, die den Zusammenbruch beschleunigen, statt ihn zu verhindern.“

Wie diese kommenden Entwicklungen aussehen werden, weiss niemand. Niemand kann auch voraussagen, wie viel Zeit wir noch haben, um uns an kommende schwerwiegende Veränderungen des Klimas, der Energie- und Rohstoffangebote anzupassen. Was wir, was jeder tun kann, ist, Alternativen zu entwickeln und zu leben, um heute und für eine wie auch immer aussehende Zukunft zu zeigen, dass und wie ein achtsamer Umgang mit uns selbst und all unseren Mitgeschöpfen möglich ist.

Wir haben in den letzten Jahrzehnten gelernt, dass wir nicht warten können, bis von oben etwas richtiges bestimmt wird. (Die oben warten auf das Wählervotum, und die Wähler warten auf ihre Politiker).

Auf den Monitoren in der Berliner U-Bahn war kürzlich zu lesen, dass Ex-Beatle Paul McCartney dazu aufgerufen hat, montags kein Fleisch mehr zu essen, da die Obst- und Gemüse-Produktion die Umwelt weniger belaste als die Fleischproduktion. Wir sehen: es geht voran.

Aber ich möchte hier auch daran erinnern, dass die heutigen Mengen von Nahrungsmitteln tierischen Ursprungs nur im Rahmen einer industrialisierten Tier-„Produktion“ möglich sind. Es ist nur wenige Jahrzehnte her, dass es auch in Deutschland nur einmal pro Woche Fleisch gab. Und wie wenig Käse und Eier gab es, wie teuer waren diese Nahrungsmittel! Aber: wir wollten täglich wie sonntags leben, oder zumindest so essen. Und die Nachfrage ließ eine wachsende Lebensmittelindustrie entstehen. Der Konsum tierischer Produkte stieg, rasant, massiv, gefördert von einer Werbung, die diese Art der Ernährung als die gesündeste proklamierte. Jetzt wissen es schon viele Menschen besser, und ich sehe eine Chance, dass die Menschheit in der Spirale ihrer Entwicklung auf einem höheren Niveau zurückfindet zu einer wie in früheren Zeiten nachhaltig produzierten und gesunden Ernährung.

Wir, jeder von uns, sollte alles tun, was ihm möglich ist, damit diese Welt besser wird und uns erhalten bleiben kann. Und wie die meisten Vegetarier und besonders die Veganer unter uns wissen, bedeutet dies im Bezug auf die Ernährung keinen Verzicht und keine Entbehrung, sondern erfordert nur ein kurzfristiges Umdenken, welches ungeheuer reich belohnt wird mit neu entdeckten Genüssen auf physischer Ebene und mit dem guten Gefühl, auch täglich selbst etwas dazu beizutragen, dass unsere Erde bewohnbar bleibt, dass das Leid auf dieser Erde sich verringert. Es lohnt sich, unbeirrt mit gutem Beispiel voranzugehen, und Spöttern und Besserwissern unbeirrt vorzuleben:

EINE BESSERE WELT IST MÖGLICH.

Literaturzitate:

(1)

Das Parlament Nr. 14/15, 2008

„Fatale Lust aufs Fleisch“, Josef H. Reichholf

(2)

D. Meadows, J.Randers, D. Meadows

“Grenzen des Wachstums – das 30 Jahre Update”,Stuttgart 2007

(3)

Deutsches Referenzzentrum für Ethik in den Biowissenschaften, Sachstandsbericht „Biodiversität“,

Freiburg/München 2008

(4)

Junge Welt Nr. 149, 2008

„Selbstbewusste Milchbauern“, Rainer Balcerowiak

(5)

Statistisches Jahrbuch

2006

(6)

Vebu-Faltblatt Nr. 11

„100% Vegan“

(7)

FAO/UNO-Erklärung vom 29.11.2006

Vebu-Faltblatt „Klimaschutz im Alltag“

(8)

European J. of Clinical Nutrition, 11.10. 2006

“Evaluating the environmental impact of various dietary patterns combined with different food production systems.”

Abbildungen

  1. Die Entwicklung des „ökologischen Fußabdrucks“
  2. Entwicklung der landwirtschaftlichen Produktion und des ProKopf-Angebots an Lebensmitteln in verschiedenen Weltregionen
  3. Szenarios für die weltweite Waldvernichtung
  4. a,b,c, Umweltbelastungen verschiedener Ernährungsstile
  5. Exponentielles Wachstum und Übergang zu einer Asymptote
  6. Exponentieller Anstieg der Vermeidungskosten für Umweltschädigungen (hier Emissionsminderungen)


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