Fünf Gelübde und sechs Avashyakas - Grundzüge der Jaina-Ethik [2]

Verfasst: 20.09.2012
Aktualisiert: 16.01.2013

2. Avashyaka II: Caturvimshatistava

Das zweite Avashyaka ist ein Hymnus (stava) auf die vierundzwanzig (caturvimshati) Tirthankaras und heißt deswegen 'Caturvimshati-stava'. Die Jinas (Sieger) oder Tirthankaras (Heilskünder) sind die Stifter der Jaina-Religion, gehören aber mit Ausnahme der beiden letzten nicht der Geschichte, sondern einer legendären Frühzeit an. Der letzte Tirthankara ist unter dem Namen bzw. Titel 'Mahavira' (großer Held) bekannt; er war ein Zeitgenosse des Buddha (Lehrtätigkeit zwischen 450 und 350 v. Chr.). Mahaviras Vorgänger Parshva lebte geraume Zeit früher. Das Wort Jaina ist von Jina abgeleitet. Unser Text (Vers 2-4) enthält links die Prakrit-Namen (mittelindisch) und rechts die Sanskrit-Namen (altindisch) der Tirthankaras.

Avashyaka II ist ein Zeugnis für die Tendenz, die Tirthankaras zu vergöttlichen (vgl. unsere Abbildungen 1-4). Obwohl das Element der Hingabe (Bhakti) kaum erkennbar ist [3] - die Tirthankaras sind nur geistliche Wegweiser - besteht doch eine gewisse Nähe zur hinduistischen Bhakti. Im Schlußvers erscheint der Ausdruck siddhi als Bezeichnung für den Zustand der Erlösung. Vergleiche dazu unseren gleichnamigen Abschnitt weiter unten.

Text


Übersetzung





Vers 1





logassa ujjoyagare


Die einst mit Licht die Welt erfüllten,

dhamma-titthamkare jine /


als siegreich sie den Glauben lehrten,

arahante kittaissami


die Hocherhabnen will ich preisen,

cauvvisam pi kevali //


die vierundzwanzig Ewigweisen.






Ich verehre sie alle (Vers 2-4):





Vers 2





Usabham

(1.)

Rishabha

Ajiyam ca vande

(2.)

Ajita

Sambhavam

(3.)

Sambhava

Abhinandanam ca

(4.)

Abhinandana

Sumaim ca /

(5.)

Sumati

Paumappaham

(6.)

Padmaprabha

Supasam

(7.)

Suparshva

jinam ca Candappaham

(8.)

Candraprabha

vande //







Vers 3





Suvihim ca Pupphadantam

(9.)

Suvidhi Pushpadanta

Siyala

(10.)

Shitala

Sejjamsa

(11.)

Shreyamsa

Vasupujjam ca /

(12.)

Vasupujya

Vimalam

(13.)

Vimala

Anantam ca

(14.)

Ananta

jinam Dhammam

(15.)

Dharma

Santim ca

(16.)

Shanti

vandami //







Vers 4





Kunthum

(17.)

Kunthu

Aram ca

(18.)

Ara

Mallim vande

(19.)

Malli

Munisuvvayam

(20.)

Munisuvrata

Nami-jinam ca /

(21.)

Nami

vandami (A)ritthanemim

(22.)

Arishtanemi

Pasam

(23.)

Parshva

taha Vaddhamanam ca //

(24.)

Vardhamana (= Mahavira)





Vers 5





evam mae abhithuya vihuya-raya-mala

pahina-jara-marana /


Die also von mir Angerufenen, die Staub und Unrat von sich warfen und Tod und Alter überwanden,

cauvisam pi jina-vara titthayara me pasiyantu //


O daß die vierundzwanzig Sieger mir gnädig seien, die Propheten.





Vers 6





kittiya-vandiya-mahiya je 'e logassa uttama siddha /


Die da, gerühmt, verehrt, gefeiert, an höchster Stelle selig thronen,

arogga-bohi-labham samahi-varam uttamam dentu //


O daß sie mir Gesundheit schenken, Erkenntnis mich erlangen lassen und Andacht auch in höchstem Maße.





Vers 7





candesu nimmalayara aiccesu ahiyam payasagara /


Die fleckenloser sind als Monde und lichtverbreitend mehr als Sonnen und unergründlich gleich den Meeren,

sagara-vara-gambhira siddha siddhim mama disantu //


O daß sie, die da ewig selig, den Weg zur Seligkeit mir weisen.

 

3. Avashyaka III: Vandana

Vandana heißt Begrüßung. Das dritte Avashyaka kann beschrieben werden als Verbindung von Reue-Ritual und Begegnungs-Ritual. [4] Der Schüler (Novize) begibt sich am Ende des Tages zu seinem Lehrer und gibt seiner Reue in Hinblick auf mögliche oder tatsächliche Verfehlungen im Laufe des Tages Ausdruck. Der schwierige Text ist auf die formelhafte Rede der beiden Partner reduziert und hat nicht den Charakter einer vollständigen Beschreibung (vgl. auch die englische Version). Der "bemessene Bereich" ist der unmittelbare Umkreis des Lehrers, der nicht ohne weiteres von Besuchern betreten und verlassen werden darf. Der von Leumann als "Bürstchen" bezeichnete Gegenstand ist der für das Ritual wichtige Besen des Jaina-Mönchs. Er diente ursprünglich wohl tatsächlich dem Fortfegen kleiner Tiere, die nicht zu Schaden kommen sollten, wenn beispielsweise etwas auf den Boden gestellt werden sollte. Später überwog dann die symbolische bzw. ritualistische Verwendung.

Zu den sechs Formeln des ersten Teils gehört nach der Tradition je eine Antwort des Lehrers. Wir fügen in der nachfolgenden Übersetzung diese Antworten in Klammern ein, samt den sonst zum Verständnis notwendigen Ergänzungen. [Zusatz von Ernst Leumann]

Text


Übersetzung





Teil I







(In gemessener Entfernung spricht der Schüler zum Lehrer:)

icchami khamasamano vandium javanijjae nisihiyae.

(1.)

Ich wünsche Euer Gnaden zu ehren in tunlichster Sammlung. - [Gern.]

anujanaha me mi' oggaham.

(2.)

Erlaubt mir, den bemessenen Bereich (zu betreten). - [Ich erlaube es.]



(Zu des Lehrers Füßen hingetreten legt er das Bürstchen auf den Boden und berührt dasselbe sowie die (eigene) Stirne mit den Händen, sprechend:)

aho-kayam kaya-samphasam.

(3.)

(Erlaubt) unten am Leib (d.h. an den Füßen) die Berührung mit dem (meinigen) Leibe (d.h. mit meinen Händen).



(Den Kopf hebend und mit an der Stirn gefalteten Händen dem Lehrer ins Antlitz schauend spricht er:)

khamanijjo bhe kilamo.


Es möge von Euch die(se) Belästigung geduldet werden.

appa-kilantanam bahu-subhena bhe divaso vaikkanto.


Wenig belästigt habt Ihr (wohl) den Tag recht gut verbracht. - [Ja.]

jatta bhe.

(4.)

Des geistlichen Fortschrittes erfreut Ihr Euch. - [Euch auch kommt er zu.]

javanijjam ca bhe.

(5.)

Und der Zufriedenheit erfreut Ihr Euch. - [So ist es.]

khamemi khamasamano devasiyam vaikkamam.

(6.)

Ich bitte ab, Euer Gnaden, (mein) tägliches Vergehen. - [Ich auch bitte Dir ab.]





Teil II







(Aufgestanden und aus dem Bereich herausgetreten spricht der Schüler:)

avassiyae - padikkamami

(1.)

Aus (Pflicht-) Nötigung - ich bereue

khamasamananam devasiyae asayanae tettis' annayarae jam kimci micchae mana-dukkadae vaya-dukkadae kaya-dukkadae kohae manae mayae lobhae

(2.)

was irgend Unrechtes (ich begangen habe) gegen Euer Gnaden an täglicher Unerbietigkeit in dieser oder jener ihrer dreiunddreißig Äußerungsweisen, sei es in Gedanken, Worten oder Bewegungen, aus Zorn, Hochmut, Unaufrichtigkeit oder Begierde,

savva-kaliyae savva-micchovayarae, savva-dhammaikkamanae asayanae


an jederzeitiger jede falsche Dienstleistung und jede Pflichtversäumnis betreffender Unehrerbietigkeit,

jo me aiyaro kao,

(3.)

was ich mir habe zu Schulden kommen lassen,

tassa khamasamano padikkamami nindami garihami appanam vosirami

(4.)

dessentwegen, Euer Gnaden, bereue ich, tadle, schelte und kasteie ich mich.

Fußnoten:
[3]
[4]
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