Fünf Gelübde und sechs Avashyakas - Grundzüge der Jaina-Ethik [1]

Verfasst: 20.09.2012
Aktualisiert: 16.01.2013

Grundlage dieses Beitrags ist ein Kurzreferat, gehalten in Berlin am 20.4.1997 anläßlich des Geburtstags von Mahavira ('Mahavira-Jayanti') in der dortigen Yoga-Schule (Dr. N.K. Jain). Es wurde versucht, einen einzelnen Prakrit-Originaltext aus dem Jaina-Kanon in die Behandlung der Jaina-Ethik zu integrieren (vgl. den Titel). Für Anregungen verschiedener Art bin ich K. Butzenberger verpflichtet. - Unter den "Fußnoten" finden sich einige sehr spezielle Literaturhinweise, die in erster Linie für den Indologen gedacht sind.

 


Inhalt:

  1. Einleitung
  2. Avashyaka I: Samayika
  3. Avashyaka II: Caturvimshatistava
  4. Avashyaka III: Vandana
  5. Avashyaka IV: Pratikramana
  6. Avashyaka V: Kayotsarga
  7. Avashyaka VI: Pratyakhyana
  8. Erlösung
  9. Resumee
  10. Postskript
  11. Literatur
  12. Abbildungen


 

0. Einleitung

Der Jainismus - häufig und nicht ganz zu Unrecht als Schwesterreligion des Buddhismus bezeichnet - war bis vor kurzem außerhalb Indiens nur in Fachkreisen bekannt, stößt aber seit einiger Zeit in vielen Ländern auf zunehmendes Interesse. Wir beschäftigen uns hier mit der Ethik dieser Religion.

Eine Kurzfassung der Jaina-Ethik wird meist von den Fünf Gelübden ausgehen - den Gelübden,

  • nicht zu töten (die himsa oder das Töten zu vermeiden, und mithin die a-himsa oder das Nicht-Töten zu praktizieren),
  • nicht zu lügen,
  • nicht zu stehlen,
  • Keuschheit zu üben,
  • auf Besitz zu verzichten.

Wir wollen die Fünf Gelübde, die de facto Gebote sind, heute jedoch in einen größeren Zusammenhang stellen, und zu diesem Zweck befassen wir uns mit den sechs "Avashyakas", in welche die in den Texten auch sonst ständig genannten Fünf Gelübde mit eingebunden sind. Die Avashyakas sind religiös-moralische Rezitationstexte, und zwar Texte, deren Beherrschung und Rezitation als "notwendig" (avashya) angesehen wird. Die Rezitation muß mit der entsprechenden inneren Haltung Hand in Hand gehen, und es wäre falsch zu sagen, es handele sich um ein "bloßes Ritual". Vielmehr wird im Rahmen des Möglichen darauf geachtet, daß das in der Rezitation Gesagte auch verinnerlicht wird. Die Fünf Gelübde erscheinen dabei im vierten und sechsten Avashyaka.

An wen richten sich die sechs Avashyakas? Die Jaina-Gemeinde ist vierfach: Mönche und Nonnen, männliche und weibliche Laienanhänger. Dieser Tatbestand spiegelt sich aber in der ethischen Literatur nur in ungenügender Weise wider. Zum einen ist es typisch für den Jainismus, daß er den Laienstand einerseits sehr ernst nimmt, andererseits aber aus dem Laien am liebsten doch eine Art Mönch zu machen sucht, so als sei der Laienstatus nur ein reduzierter Mönchsstatus. So ist auch der Adressat der sechs Avashyakas in erster Linie der Mönch (oder Mönch und Laie in gleicher Weise), und nur zu einem relativ kleinen Teil der Laie als solcher. Zweitens richtet sich die Literatur in erster Linie an die Männer. Das zeigt sich schon im Verhältnis von Mönchen und Nonnen, aber es zeigt sich noch deutlicher bei den Laien. Dort ist ausschließlich vom rechten Verhalten der Männer die Rede; die Frauen werden nur durch einen kurzen Hinweis eingeschlossen oder aber überhaupt nicht erwähnt (so in unserem Text). Da aber gerade im Laientum die Lebensverhältnisse von Männern und Frauen radikal verschieden sind, lassen sich die betreffenden Regeln auf die Frauen vielfach gar nicht anwenden. Davon einmal abgesehen, ist die Haltung gegenüber den Frauen ambivalent. Es gibt Loblieder auf spirituell fortgeschrittene Nonnen und Laienanhängerinnen, aber es gibt auch zahllose Tiraden gegen das weibliche Geschlecht als solches.

Nach Form und Inhalt stellen die Avashyakas eine spezielle Entwicklung innerhalb der alten Jaina-Literatur dar. Die sechs Textstücke bilden zusammen das Avashyaka-Sutra (sutra= 'Lehrbuch' im engeren oder weiteren Sinne), ein kleines Werk des Jaina-Kanons. Es ist strenggenommen ein Mittelding zwischen Ritualbuch und literarischem Werk. Die Thematik wechselt, aber der größere Teil ist geprägt durch die ständig in ähnlicher oder identischer Form wiederkehrenden moralischen Bekenntnisse und Anweisungen: dieses (von mir Getane) bereue ich, dieses will ich unterlassen, dieses habe ich zu unterlassen, dieser Haltung befleißige ich mich, die Tirthankaras (s. Avashyaka II) verehre ich. Die Entwicklung zum Avashyaka-Sutra findet ihre Fortsetzung in zahlreichen späteren Werken des gleichen Typs.

Wir geben nachstehend zunächst den vollen Text der ersten drei Avashyakas wieder: mittelindischer Text (Prakrit) und deutsche Übersetzung von Ernst Leumann (1859-1931) [1]. Der Vorspann ist jeweils von uns eingeblendet. Es folgt unsere Behandlung der im Text weitaus umfangreicheren Avashyakas vier bis sechs; in diesem zweiten Teil gehen wir dann selektiv vor.

 

1. Avashaka I: Samayika [2]

Das erste Avashyaka ist ein moralisches Bekenntnis. Es basiert auf einer alten Formel der Jaina-Überlieferung, die geringfügig erweitert wurde, um als selbständiges Glied der sechsfachen Avashyaka-Kette verwendet zu werden.

Beichte und Reue (vgl. den letzten Satz des Samayika und Avashyakas III-V) sind wichtige Themen in der Jaina-Literatur. Dennoch wurde der Jainismus von seinen Anhängern nie als Religion der Reue dargestellt, und viele Texte behandeln (trotz ethischer Ausrichtung) das Thema "Reue" nur am Rande oder überhaupt nicht.

 

Text

Übersetzung



karemi bhante Samaiyam:

Ich mache, Ehrwürden, das Samaiya:

savvam savajjam jogam paccakkhami javaj-jivae

Alles Tadelnswerte verdamme ich zeitlebens

tiviham tivihenam: manasa vayasa kayasa, na karemi, na karavemi, karentam pi annam na samanujanami.

in dreimal dreifacher Weise: das in Gedanken, das in Worten, das in Werken, nicht tue ich es, nicht veranlasse ich Jemanden es zu tun, nicht billige ich es, wenn Jemand es tut.

tassa bhante padikkamami nindami garihami appanam vosirami.

Seinetwegen, Ehrwürden, bereue ich, tadle, schelte und kasteie ich mich.

 

savajja joga (zweite Zeile) ist in wörtlicher Übersetzung "tadelnswertes" Verhalten. Gemeint ist damit aber falsches Verhalten schlechthin.

Fußnoten:
[1]
[2]
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