Geheimnisse des Geistes: Mentale Gesundheit (2)

Veröffentlicht: 31.10.2012

Die vorangegangenen Erörterungen gelten nicht nur für die mentale Gesundheit, sondern auch für die Fähigkeit, alle Ereignisse im eigenen Leben als gleichwertig zu akzeptieren. Diese Haltung kann nur entfalten, wer Toleranz aufbringen kann. Toleranz beruhigt den Geist und lässt uns dem Auf und Ab des Lebens mit Heiterkeit begegnen.

Der Geist unterzieht sich unzähligen Modifikationen und verändert sich ständig. Er kann an keinen früheren Zustand anknüpfen, sein Zustand ist immer ungewiss und nicht vorhersehbar. Das ist keine sichere Ausgangsbasis für seine Haltung in der Zukunft. Toleranz ist eine Fähigkeit, die es ihm ermöglicht, auch angesichts wechselnder Umstände das Gleichgewicht zu halten.

Im Ayurveda wird gesagt: Gesund ist, wer einen ausgeglichenen Mineralhaushalt und die richtige Körpertemperatur hat, dessen Körperfunktionen nicht unter dem Einfluss Leiden verursachender Elemente stehen, wer den Aufruhr meistern kann, den die Wahrnehmungen seiner Sinnesorgane verursachen und wer über einen schwungvollen Geist verfügt. Schwungvoll ist etwas anderes als fröhlich, denn wer fröhlich ist, hat im nächsten Moment Sorgen. Freud und Leid wechseln einander ständig ab. Ein schwungvoller Geist steht mit der Reinheit des Herzens in Verbindung, die nichts mit Freud und Leid zu tun hat. Die Reinheit des Herzens ist wie ein wolkenloser, staubfreier Himmel. Freud und Leid sind wie Wolken und Staub. Ein gesunder Geist und ein gesunder Körper sind ebenso untrennbar miteinander verbunden wie mentale Gesundheit mit der Fähigkeit, alle im eigenen Leben vorkommenen Ereignisse als gleichwertig zu akzeptieren.

In der Psychologie werden die in einer Persönlichkeit auftretenden Konstanten als Persönlichkeitsparameter bezeichnet. Dazu werden 6 Faktoren näher betrachtet.

  1. Der erste Faktor ist die Kleidung. Die Kleidung eines Menschen gibt Auskunft darüber, wie sehr er sich seines Selbst bewusst ist und ob er über einen schwungvollen Geist verfügt.

  2. Das zweite Faktor ist das Verhalten. Untersuchen wir das Verhalten eines Menschen, können wir erkennen, ob er imstande ist, Freud und Leid als gleichwertig in seinem Leben zu akzeptieren oder ob sein Geist angesichts von Sorgen aus dem Gleichgewicht gerät. Ein mental gesunder Mensch wird niemals, selbst unter ungünstigen Umständen, aus dem Gleichgewicht geraten. Er beeindruckt durch Bescheidenheit und Toleranz und sein Verhalten. 

    Abraham Lincoln war ein Mensch mit spirituellen Neigungen. Er behandelte alle Besucher mit ausgesuchter Höflichkeit und wie seinesgleichen. Seine Berater fanden das seinem Amt nicht angemessen und rieten ihm, in seinem Büro mehr den einem amerikanischen Präsidenten angemessenen Prunk und die ihm angemessene Pracht zu zeigen. Lincoln hielt ihnen entgegen, dass gerade ein Präsident nicht weniger höflich sein sollte als alle anderen und gerade vor sozial schwächeren Bürgern seines Landes nicht protzen dürfe. Die Würde seiner Präsidentschaft lag in seiner Bescheidenheit und Höflichkeit. Ein mental gesunder Mensch legt auch gegenüber dem Unhöflichsten seine Höflichkeit nicht ab. Er behandelt alle gleich, die Guten wie die Schlechten. „Wie du mir, so ich dir“ ist Ausdruck von mentaler Schwäche. Wer einen charakterschwachen Menschen zum Gegner hat, sollte ihm seine Charakterstärke zeigen, damit dieser seine Schwäche bemerken kann.

  3. Der dritte Faktor sind die Gedanken. Einer der Gründe, warum die Menschen nicht zur Ruhe kommen, ist, dass sie nicht wissen, wie man richtig denkt. Ein unruhiger Geist kann nicht bei einem Gedanken bleiben und ihn zu Ende denken, sondern springt von einem zum nächsten.

    Betrachten wir das einmal genauer. Acharya Bikshu saß einmal allein unter einem Baum, als eine Karawane vorbeizog. Einige Leute von der Karawane fragten ihn, wer er sei. Acharya Bikshu sagte ihnen, dass er ein Jain Mönch sei und Bikshu heiße. Sie hatten schon von ihm gehört und ihn sich anders vorgestellt. Ihn so allein unter einem Baum sitzen zu sehen, war ihnen unangenehm, weil sie ihn sich als eindrucksvolle Persönlichkeit mit großem Gefolge vorgestellt hatten. Acharya Bikshu kümmerte sich wenig darum, was sie von ihm dachten oder wie sie ihn sich vorgestellt hatten. Er machte sich nichts aus Lob oder Tadel, und schon gar nichts aus Pracht und Zurschaustellung von Macht. Gerade weil er so bescheiden und einfach war, schätzten ihn die Menschen.

  4. Der vierte Faktor besteht aus den Reaktionen eines Menschen. Sie sind der Schlüssel zu seinem Geist. Wird sein Gegenüber zornig, bleibt er ruhig und gelassen. Einmal wurde ein Sohn sehr wütend auf seinen Vater. Der Vater blieb gelassen und versicherte dem Sohn, ihn genauso zu respektieren wie vor seinem Wutausbruch. Das beeindruckte den Sohn sehr. Sein Zorn ließ sofort nach, und es kam zwischen Vater und Sohn nicht zur Konfrontation.

  5. Der fünfte Faktor ist, ob ein Mensch sorgsam oder nachlässig, optimistisch oder pessimistisch ist. Manche Menschen sind selbst unter den günstigsten Bedingungen pessimistisch. Andere Menschen bleiben auch unter den ungünstigsten Umständen standhaft. Menschen mit einem schwungvollen Geist verbreiten Heiterkeit und Schwung in ihrer Umgebung. Sie sind große Realisten und werden kein Opfer von Eskapismus. Es gibt Menschen, die uns beflügeln, und andere, die uns deprimieren.

  6. Der sechste Faktor für die mentale Gesundheit eines Menschen ist seine Entscheidungskraft. Wer schnelle Entscheidungen treffen und zu ihnen stehen kann, ist mental gesund.

Wir haben nun die sechs von Psychologen aufgestellten Faktoren erörtert, die anzeigen, ob jemand mental gesund ist oder nicht. Ebenso haben wir den Grundsatz des gleichwertigen Umgangs mit allen im Leben auftretenden Situationen behandelt. Wir sind zu der Schlussfolgerung gelangt, dass ein Mensch mental gesund ist, der auch unter ungünstigsten Umständen ausgeglichen und tolerant bleibt und alle in seinem Leben auftretenden Situationen als gleichwertig ansieht. Mentale Gesundheit ist die wichtigste Konsequenz einer auf der Gleichbehandlung aller Lebensumstände basierenden Lebensführung.

Wer mental gesund ist, sollte sehr vorsichtig mit seiner mentalen Gesundheit umgehen und sie wie ein zu bewahrendes Vermächtnis behandeln.

Quellen

Englischer Titel:
The Mysteries Of Mind

Redaktion:
Muni Mahendra Kumar

Herausgeber:
Jain Vishva Bharati Ladnun, India

2. Edition: 2002

Übertragung ins Deutsche:
2006 Carla Geerdes
2012 Überarbeitete Fassung
Carla Geerdes

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