Geheimnisse des Geistes ► 13 ► Entspannung des Geistes (2)

Verfasst: 07.10.2012

Sich an die Vergangenheit zu erinnern oder Strategien für die Zukunft zu entwerfen, ist nicht falsch. Doch sollten wir das nur dann tun, wenn es nötig ist - diese Vorgänge erzeugen immer Spannungen in uns. Der Zeitprozess ist ein dialektischer Prozess. Die Gegenwart hält dem Vordringen der Vergangenheit bzw. der Zukunft stand. Sie möchte sich ihre Identität bewahren. Wir sollten deshalb Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht miteinander vermischen.

Im gegenwärtigen Moment zu leben bringt dem Geist Ruhe. Das Atmen geschieht in der Gegenwart, weder in der Vergangenheit, noch in der Zukunft. Wir nehmen ihn nur wahr, wenn er sich ereignet, und er ereignet sich nur im gegenwärtigen Moment. Also sollten wir unseren Atem wahrnehmen, gegenwärtig sein und so bewusst leben. Ist unser Geist mit der Wahrnehmung der Gegenwart beschäftigt, ist er frei von Erinnerungen bzw. Vorstellungen, ihren Bewertungen und daraus resultierenden Bindungen.

Der gegenwärtige Moment ist der Moment reinen Bewusstseins. Hier ist weder Liebe, noch Hass. Wir trauern weder vergangenen Erlebnissen nach, noch machen wir uns Sorgen um die Zukunft. Unser Leben besteht aus nichts anderem als dem gegenwärtigen Moment. Wahrnehmung des Atems heißt, gelassen und ausgeglichen leben. Es bedeutet, in einem Moment frei von Leidenschaften zu leben. Das verringert die Entstehung von Spannungen automatisch. 

Wahrnehmung des Körpers beschränkt sich nicht nur auf die Wahrnehmung seiner äußeren Form, seiner einzelnen Elemente und ihrer Anordnung. Vor allem muss der Praktizierende beobachten, was in seinem Inneren im Moment der Wahrnehmung geschieht. Er muss das Aufsteigen und Abklingen angenehmer und unangenehmer Empfindungen in sich bemerken lernen, ebenso die Gefühle der Freude und Sorge sowie die chemischen Veränderungen in seinem Inneren. Zugleich muss er die Außenwahrnehmung seines Körpers im gegenwärtigen Moment beobachten, Jucken, Schwitzen, Empfindungen von Wärme und Kälte.

Alles, was im gegenwärtigen Moment im Körper vorgeht, wird mit einem leidenschaftslosen Geist, ohne Nachsicht oder Härte wahrgenommen. Den gegenwärtigen Moment erkennen zu können, ist der Nutzen, den wir aus der spirituellen Praxis ziehen. Die Wahrnehmung des Körpers unterstützt die Entwicklung von heiterer Gelassenheit. Sie versetzt uns in die Lage, im gegenwärtigen Moment ohne Zustimmung oder Ablehnung leben zu können. Diese Übung baut Spannungen ab.

Es gibt körperliche und geistige Spannungen, zudem noch aus Vorstellungen oder Stimmungen hervorgehende. Jeder Mensch ist ihnen ausgesetzt. Für den Abbau körperlicher Spannungen ist Kayotsarga (Tiefenentspannung) sehr hilfreich. Die Entspannung, die wir nach zwei Stunden Schlaf erleben, können wir auch mit einer halben Stunde Kayotsarga erreichen.

Meditation hilft sehr gut bei geistigen Spannungen. Wenn wir meditieren, sind wir in der Gegenwart, wodurch sich die Spannungen automatisch verringern. Der Meditierende ist auf dem Weg, die „Leichtigkeit des Seins“ zu empfinden. Zuviel Denken produziert geistige Spannungen. Denken kann auch krank machen. Manche Menschen bleiben für nichts und wieder nichts in Gedanken versunken und meinen, das Denken sei das beste im Leben. Es ist ratsam, etwas mit einer bestimmten Absicht zu tun. Doch absichtlose Gedankenversunkenheit ist nicht gut. Das beschwert den Geist. Mithilfe der Meditation können wir diese Situation meistern. Wir sollten nicht mehr denken, als notwendig ist und damit aufhören, wenn es unnötig wird.

Die viermonatige Regenzeit - während dieser Zeit sind Jain Mönche und Nonnen nicht unterwegs - verbrachten wir einmal in Ujjain. Wir hatten uns vorgenommen, die Originalschriften der Agamas zu bearbeiten und neu zusammenzustellen. Mir wurde klar, dass wir uns eine gewaltige Aufgabe vorgenommen hatten, die sehr zeit- und arbeitsintensiv war. Wir mussten uns einen Zeitplan erstellen, denn wir hatten auch noch anderes zu tun.

Ich suchte nach einem Ausweg. Dann teilte ich meine Arbeitszeit in drei Bereiche auf: Studien, Forschungen, persönliche spirituelle Praxis. Ich entschied mich, täglich drei Stunden an den Schriften zu arbeiten und wenn die Zeit um war, die ich mir für eine Arbeit vorgenommen hatte, hörte ich mit dieser Arbeit auf. So konnte ich ohne Zeitverzögerung mit der nächsten Aufgabe beginnen.

Am Ende des Tages hatte ich auf diese Weise alles erledigt, was ich mir vorgenommen hatte und musste mir keine Sorgen darum machen, was der nächste Tag bringen würde. Der Zeitplan ermöglichte es mir weiterzuarbeiten, ohne dass ich mich erschöpft fühlte, obwohl die Arbeit sehr anstrengend war.

Kann man sich von den Eindrücken befreien, die eine Arbeit im Geist hinterlässt, sammelt man Energie, anstatt sie zu verbrauchen, und die nächste Aufgabe kommt einem wie eine Pause vor. Auf diese Weise habe ich eine Menge Energie gespart und war der Ansicht, alles mir mögliche getan zu haben. Hätte ich mir darüber Sorgen gemacht, was noch alles zu tun ist, hätte das nur Spannungen in meinem Geist erzeugt. Die Sorgen hören nie damit auf, den Geist anzuspannen.

Niemand ist in der Lage, sein Lebenswerk mit dem Zeitpunkt seines Todes abzuschließen. Ravana, der Dämonenkönig von Lanka, bemerkte als er starb, dass seine Wünsche unerfüllt geblieben waren und er nicht hatte tun können, was er gern getan hätte. Dieses Schicksal teilen wir alle. Wer kein spirituell orientiertes Leben führt, fühlt sich frustriert, wenn er stirbt. Wer ein spirituell orientiertes Leben führt, wählt stattdessen die Versunkenheit in das Selbst und stirbt mit dem Gefühl, nichts unerledigt zurückzulassen, weil das Leben eine glückliche Reise war.

Warum sollten wir uns sorgen? Unerledigte Arbeit bleibt unerledigt, wir können es nicht ändern.

Wer kein spirituell orientiertes Leben führt, leidet sein Leben lang unter Spannungen und stirbt einen elenden Tod. Das schafft Probleme auch für die Angehörigen. Wie vernünftig ist es, sich ein Bündel voller Sorgen aufzuschultern, das einem das Herz schwer macht? Die spirituelle Praxis ist eine Technik, diesen Lebensstil zu ändern. Durch die Meditation können wir erkennen, dass ein ideales Leben das im gegenwärtigen Moment gelebte Leben ist. 

Sehr problematisch sind emotionale Spannungen. Sie können auch durch Arta-Raudra Meditation hervorgerufen werden. Den theoretischen Hintergrund dieser Meditationen haben wir schon in den vorangegangenen Kapiteln diskutiert, nun wollen wir uns um ein praktisches Verständnis bemühen. In der Arta Meditation vertieft man sich in das, was man erreichen möchte, bisher aber nicht realisieren konnte, und verschmilzt damit.

Versucht man, nur angenehme Situationen zu erleben und unangenehme zu vermeiden, erzeugt das emotionale Spannungen, weil man sich ständig mit seinen Sorgen beschäftigen muss. Wer fürchtet, von dem getrennt zu werden, was ihm angenehm ist, wird wieder und wieder versuchen, es zu bekommen. Zudem lebt er in ständiger Sorge, ja Angst vor dem ihm Unangenehmen, was sich bis zur Angstneurose steigern kann.

Realistisch ist hingegen, dass wir uns nicht immer an dem uns Angenehmen festhalten und das uns Unangenehme vermeiden können. Im Leben eines Menschen gibt es immer beides, Nähe und Entfernung halten sich in ihrer Wahrscheinlichkeit die Waage, und niemand ist davor gefeit. Angstneurosen allerdings gewähren uns keinen einzigen Moment der Entspannung.

Auch die Raudra Meditation kann zur Erzeugung von Spannungen beitragen, indem sie Komplikationen schafft durch die Verstärkung aggressiver und rachsüchtiger Tendenzen in uns. Viele zeitgenössische Manager sind rund um die Uhr ängstlich damit beschäftigt, ihr gewissenloses Geschäftsgebaren zu verbergen. Die durch die Raudra Meditation erzeugten emotionalen Spannungen zeigen sich hauptsächlich an vier Charakteristika: Aggression, Betrug, Diebstahl, Hortung von Besitz.

Körperliche Spannungen sind ein großes Problem heutzutage, geistige ein viel größeres, doch emotionale Spannungen das akuteste. Ihre Folgen kann man abmildern, wenn man auf der Grundlage von Dharma meditiert, sich von negativen Tendenzen reinigt und sich der eigenen Grenzen und Beschränkungen bewusst wird.

Farbmeditation mit den drei Dharma Leshyas unterstützen die verheißungsvollen Färbungen der Seele:

  • Tejo Leshya gibt uns Erleuchtung und Freude
  • Padma Leshya reinigt das Herz
  • Shukla Leshya führt zu innerem Frieden 
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