Keine Gewalt gegen Mensch, Tier und Pflanze: Bedenkenswertes für Reisende zu heiligen Stätten der Jaina

Autor*in:  Image of Kurt TitzeKurt Titze
Veröffentlicht: 24.04.2015
Aktualisiert: 24.04.2015

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Abgeschlagener Kopf einer Jaina-Statue aus schwarzem Stein im Museum des Jaina Tempels von Ahar, einem Dorf bei Tikamgarh, Zentral-Indien. Foto: K. Titze 1992

Was Ein- und Zweisamreisende nach Indien vor ihrer Abreise wissen sollten, erfahren sie von: Indisches Fremdenverkehrsamt, Kaiserstraße 77, D-6000 Frankfurt/M. 1; Indisches Touristenbüro, Opernring 1, A-1010 Wien; Indisches Touristenbüro (Schweiz), 1-3 Chantepoulet, CH-1201 Genf.


Die Hinweise hier sind an jene gerichtet, die sich, angeregt durch die Lektüre des vorliegenden Buches, eingehender über die Jaina-Religion und ihre gewaltlos lebenden Gläubigen informieren möchten. Informieren ist vermutlich eine falsche Bezeichnung: eher sich anstoßen und berühren lassen, um dann, ohne sich dazu zu zwingen, gelegentlich einzutauchen in diese einzigartige Kultur, zu der es noch keinen Reiseführer gibt.[1]


Die ersten Kontakte wird man bewußt suchen müssen - ein offenes Lächeln genügt oft schon. Danach ergibt sich vieles wie von selbst; vorausgesetzt, daß man den Eindruck zu vermitteln versteht, an der Religion ehrlich interessiert zu sein. Das Wort Ahimsa wird sogleich verstanden. (Es würde auch helfen, das Gandhi-Bild mit dem englischen Zitat auf der Rückseite dieses Buches vorzuzeigen.) Erkundigt man sich nach dem nächstgelegenen Jaina-Tempel und wird nicht gleich verstanden, gebrauche man die Bezeichnung Jain Mandir.

Unbedingt sollte man die hauptsächlichen Regeln beachten: saubere und angemessene Bekleidung (keine kurzen Hosen und ärmellosen Hemden und Blusen; das gilt für beide Geschlechter); Schuhe vor dem Haupteingang ausziehen; befindet sich nahe dem Eingang ein Wasserhahn, sollte man sich unaufgefordert die Hände waschen und die Füße leicht benetzen; innerhalb eines Tempelbezirks nicht rauchen oder essen; nicht ohne Erlaubnis die Jina-Bildnisse im Innern des Tempels fotografieren. In vielen Tempeln wird das Mitführen von Lederartikeln beanstandet. Setzt man sich, sollen die Füße nicht auf die Statue im Allerheiligsten zeigen.

In den Tempeln der Shvetambara-Jaina, die man schnell zu unterscheiden lernt von denen der Digambara, in denen fast immer Bilder von nackten Mönchen hängen und vor deren Eingängen gewöhnlich eine freistehende Säule steht, sind die »Priester«[2] keine Jaina, sondern vishnuitische Hindu-Brah-manen, die für ihre Dienste einen Lohn erhalten. Wenn also beispielsweise der »High Priest« von Ranakpur sich dem Touristen als Führer anbietet und dann den Jainismus beiläufig als eine Glaubensform des Hinduismus bezeichnet, sollte man wissen, daß da kein Jaina redet. Hingegen handelt es sich bei den Priestern in den Digambara-Tempeln um Jaina; doch auch sie haben keine lehrende Funktion; ihre Aufgabe beschränkt sich auf die täglichen Weihehandlungen an und vor den Jina-Bildnissen und darauf, den Tempelbesuchern bei ihren Zeremonien zur Hand zu gehen. Dieser Beistand muß ausdrücklich verlangt und dann auch bezahlt werden. Die meisten Tempelbesucher beider Glaubensrichtungen ziehen es vor, ihre täglichen Riten ohne priesterliche Hilfe vorzunehmen. Ist man zugegen und bekommt eine Handvoll Reiskörner angeboten, sollte man sie nehmen und sich dem Opferritual anschließen. Wie schon an anderer Stelle betont, kennen die Jaina bei der Ausübung ihrer Religion keine Trennung der Geschlechter. Übrigens kennzeichnet die Säule vor den Tempeln u. a. den Ort, wo man seinen Stolz und seinen Eigensinn zurücklassen soll.

Die gelegenste Zeit für einen Tempelbesuch ist der Vormittag, so ab sieben Uhr, dann wieder spät am Nachmittag oder abends. Von mittags zwölf bis etwa 17 Uhr bleiben die meisten Tempel geschlossen. Hat man einen Tempel betreten, habe man keine Bedenken zu fragen, ob ein Muni oder Sadhu (beides steht für Mönch) »in residence« sei. Mönche und Nonnen pflegen sich in einem Nebenraum oder Nebenhaus aufzuhalten, selten länger als eine Woche und immer getrennt voneinander. Klöster in unserem Sinne kennt man nicht.

Steht die Tür des Aufenthaltsraumes offen und essen die Mönche nicht gerade, darf man unaufgefordert eintreten; Schuhe und Strümpfe sind vorher abzulegen. Der ranghöchste Mönch sitzt immer etwas höher als die anderen; vor ihm sollte man zuerst niederknien und mit zusammengefügten Händen den Kopf neigen; ohne etwas zu sagen, es sei denn, man hat die vorgeschriebene Sanskrit-Formel oder ihre Hindi-Übersetzung auswendig gelernt. Wird die Ehrerbietung durch Heben der Hand erwidert, bringe man sein Anliegen vor.

Will man einem Mönch etwas zeigen - einen Empfehlungsbrief etwa -, lege man den Gegenstand vor ihm auf den Boden; bekommt man von ihm etwas gereicht, halte man beide Hände auf, er wird es dann auf die Handflächen fallen lassen. Das Einhalten dieser Geste ist wichtig, wenn eine Frau den Kontakt sucht. Ehe man den Raum verläßt, bringe man dem Ranghöchsten noch einmal seine Verehrung dar. Für kurze Besuche eignet sich der frühe Morgen, für längere der Nachmittag, etwa nach 15 Uhr. Shvetambara-Mönche lassen sich ungern fotografieren; Digambara-Mönche sind eher dazu bereit; fragen sollte man aber vorher immer.
Einen nackten Mönch auf seinem Almosengang zu begleiten, wird nicht als Aufdringlichkeit betrachtet, man darf jedoch nicht den Raum betreten, in dem ihm das Essen gereicht wird, dafür müssen besondere Reinigungsriten beachtet werden. Auch beim Haarauszupfen darf man zugegen sein; oftmals ist dieses Ritual ein Anlaß der Glaubensvertiefung, zu dem sich viele Gläubige einfinden.

Befindet man sich in der Gesellschaft von Jaina-Laien, sollte man sich etwa eine Stunde vor Einbruch der Dämmerung verabschieden, da sich viele gläubige Jaina an das selbst auferlegte Gelübde halten, nach Sonnenuntergang nichts mehr zu essen.

Der frühe Abend bietet sich an, noch einmal in den Tempel zu gehen. An Orten wie Ranakpur und Shravana-Belagola sollte man das nicht versäumen. Die light-waving (= lichterschwenkende) Zeremonie wird dann nochmals vor dem Jina im Allerheiligsten zelebriert. Dies sind auch die Stunden, wo man sich mit der Musik der Jaina vertraut machen kann. Man zeige keine Scheu, eine singende Gruppe von Pilgern - manchmal sind es nur zwei, drei Nonnen; Mönche beteiligen sich nicht daran - zu bitten, das Namokar-Mantra, ihre heiligste Lobes-Hymne zu singen oder noch einmal anzustimmen. Es handelt sich dabei um eine unaufdringliche, meditative Musik.


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Shvetambara Acharya Gunratna Suri und ein junger Muni im Mirpur Tempel bei Sirohi, Rajasthan.


Wie man es anstellt, wenigstens ein Dutzend der über dreihundert Wallfahrtsorte der Jaina ausfindig zu machen, sei der Abenteuerlust des Einzelnen überlassen. Viele liegen auf einsamen Bergen. Zumindest zwei Heiligtümer - Sonagiri und Mahavirji - haben einen nach ihnen benannten Bahnhof. Am gewünschten Ort einmal angekommen, findet man fest immer Unterkunft in einer Pilgerherberge, Dharmashala genannt. Wird für die Übernachtung nichts verlangt, ein durchaus häufiger Brauch, sollte man vor dem Weggehen einen kleinen oder größeren Geldbetrag spenden; man kann sicher sein, daß er nicht in einer Privatschatulle verschwindet.

In Delhi findet man ein reiches Angebot von Büchern über den Jainismus im Jaina-Tempel gegenüber dem Roten Fort (nachmittags geschlossen). Im Süden empfehle ich den Buchladen in der Bahubali-Schule bei Kolhapur. Übrigens besteht die Möglichkeit, im Gästehaus dieser Schule ein paar Tage zu verweilen und Studien zu treiben. Der erste Jaina-Tempel in Europa befindet sich seit Juli 1988 in Leicester, England, 32 Oxford Street, zu dem auch eine Bibliothek gehört.
Der Verlag und der Herausgeber sind dankbar für die Kommentare von Pilgern, denen diese Hinweise und die vorangegangenen Kapitel geholfen haben, ein Stück unbekanntes Indien für sich zu entdecken, das von Menschen geprägt ist, die in der Tradition der Gewaltlosigkeit leben.

Kurt Titze

Fußnoten
1:

Zum Vorkommen im Text springen

2:

Zum Vorkommen im Text springen

Quellen
Titel: Keine Gewalt gegen Mensch, Tier und Pflanze
Verlag: Zerling Clemens, Berlin
Ausgabe: 1993
Umschlaggestaltung: Klaus Esche

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Die sinngemāße ūbersetzung des Sanskrit-Textes auf dem Umschlagbild lautet:

Mit der Absage an die Gewalt stirbt die Feindschaft zwischen den Lebewesen

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