Das Gespür für Wachstum : Sutra 33

Autor*in:  Image of Hermann KuhnHermann Kuhn
Veröffentlicht: 29.07.2014

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Naigama sangraha vayvahara rjusutra shabda samabhirudhaivambhuta nayah (33)

Erkenntnisse aus Teilsichten (naya) entstehen in sieben Schritten:

  1. Umreißen einer unklaren Erfahrung (naigama)
  2. Erkennen des zusammenhängenden Ganzen (sangraha)
  3. Identifizieren der Funk­tions­ele­men­te (vyavahara)
  4. Erkennen, was sich (davon) in unserer Gegenwart manifestiert (rju sutra)
  5. Vertiefen dieser Erkenntnis durch verbales Beschreiben (sabda)
  6. Verdichten der bewußten Erkenntnis zu einem klaren Bild (samabhirudha)
  7. Integrieren der klaren Erkenntnis in unser Bewußtsein (evambhuta). (33)


Die Teilsicht (naya) ist eine Methode, systematisch Erkennt­nisse über begrenzte Bereiche der Wirklichkeit zu erhalten. Mit der Technik der Teilsichten untersuchen wir Zustände oder Eigenschaften von Objekten und Ereignissen von einer bestimmten Perspektive aus.

Mit Teilsichten richten wir unsere Aufmerksamkeit wie mit dem Vergrößerungsglas auf einen speziellen Aspekt der Realität.

Je tiefer und präziser wir einen bestimmten Teilaspekt erfassen, desto tiefer und klarer wird auch unser Verständnis der gesamten Realitätsebene, aus der wir diesen Teilaspekt hervorheben. Dabei kann die tiefe Erkenntnis einer einzigen Erfahrung durchaus den Mechanismus des gesamten Realitätsbereiches enthüllen, in dem das Erlebnis eingebettet ist - so wie ein Teil oft Auskunft über das dahinterliegende Ganze gibt.[58]

Der Sutrentext stellt eine Methode vor, die uns Teilbereiche der Realität systematisch erschließt. Er beschreibt sieben aufeinanderfolgende, voneinander abhängige Schritte, die uns immer näher an das untersuchte Objekt heranführen. Der letzte Schritt ist die volle Integration der (neuen) Erkenntnis in unser Bewußtsein. Wie bei Totalem Erfassen - pramana - wird unsere Erkenntnis dabei Teil unserer ganzheitlichen Grundlage integrierten Wissens, mit dem wir unser Leben steuern.

Die Methode der Teilsichten eignet sich ausgezeichnet zum Bewußtmachen vager Erfahrungen. Sie bringt schnellere Ergebnisse, wenn wir sie im Dialog mit gleichartig Interessierten einsetzen. Erkenntnisse lassen sich weit einfacher verbalisieren - Schritt 5 - wenn wir einen Partner haben, mit dem wir darüber sprechen können.

Da die Realität ein komplexes Objekt ist, gibt es natürlich eine unendliche Fülle unterschiedlicher Perspektiven (nayas), aus denen dieses Objekt (die Realität) betrachtet werden kann. Das Tattvarthasutra stellt fest, daß jede Perspektive - wie global sie auch sein mag - immer nur eine Teilwahrheit darstellt. Das Werk akzeptiert grundlegend, daß andere Perspektiven und Teilwahrheiten die gleiche Gültigkeit haben können wie die eigene.

Dieses Verständnis ist die Grundlage einer souveränen Toleranz anderen Ansichten, Religionen und Philosophien gegenüber, die seinesgleichen sucht. Die grundlegende Erkenntnis, daß wir die Realität nicht als Ganzes erkennen können[59], läßt uns verstehen, daß andere die Welt auch nur aus ihren speziellen Perspektiven sehen können und diese daher mit der gleichen Berechtigung vertreten, wie wir unsere.

Diese Souveränität und Toleranz macht deutlich, daß fast alle Philosophien die Welt nur aus einer Perspektive interpretieren, in der Regel aber den Anspruch erheben, daß diese Teilperspektive absolut und universell gültig sei.[60]

Toleranz und der souveräne Umgang mit den Teilsichten anderer erlaubt uns zu akzeptieren, daß selbst gegensätzliche Perspektiven durchaus miteinander in Harmonie sein können, wenn wir sie als unterschiedliche Aspekte ein und derselben Realität ansehen.

Die Teilsicht (naya) ist jedoch weit mehr als nur ein präzises Analyse­instrument. Die sieben Schritte helfen uns nicht nur dabei, neue Erkenntnisse zu überprüfen und zu vertiefen, oder die Vielfalt der Realität so systematisch aufzubereiten, daß sie leicht faßbar wird. Die sieben Schritte stimulieren uns auch, nach immer subtileren und grundlegenderen Verständnis­ebenen zu suchen und unser Bewußtsein dadurch für immer größere Bereiche der Wirklichkeit zu öffnen.

Teilsichten (naya) entstehen in sieben Schritten:

Fußnoten
58:

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59:

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60:

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Quellen

Titel: Das Gespür für Wachstum

Ausgabe: 1999, 2000

Verlag: Crosswind Publishing, 31505 Wunstorf

ISBN: 3-9806211-7-0

HN4U Online Edition: 2014


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