Das Gespür für Wachstum : Sutra 03

Autor*in:  Image of Hermann KuhnHermann Kuhn
Veröffentlicht: 05.06.2014
Aktualisiert: 25.06.2014

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Tannisargadadhigamadva (3)

Vertrauen in den Sinn der Realität und das Gespür für Wachstum (samyag darshana) entstehen

  1. durch Intuition (nisarga)
    oder
  2. durch bewußtes Aneignen speziellen Wissens (adhigama). (3)


1 - Intuition, die das Gespür für Wachstum hervorruft (nisarga),

hat einen völlig anderen Charakter als unsere normale Intuition.

Normale Intuition kennen wir. Wenn sie auftritt, sind wir oft zwiegespalten. Die Vorahnung, die wir haben, steht häufig im Gegensatz zu dem, was unser Verstand besagt. Unwillig, die Situation erneut grundlegend zu überdenken, lehnt unser Intellekt jede vage Ahnung dann häufig als unbegründet ab.

Dieser Konflikt zwischen Intellekt und Emotion ist charakteristisch für die normale Intuition: wir wissen nie, ob wir ihr folgen sollen oder nicht, - wir haben zu oft erfahren, daß sie uns auch in die Irre führen kann. Doch - wie immer wir uns auch entscheiden und wie oft unsere Intuition auch recht behalten mag, - Gefühle des Zweifels und der Unsicherheit begleiten diesen Vorgang und werden auch in Zukunft wieder dabei auftreten.

Intuition, die das Gespür für Wachstum (samyag darshana) hervorruft, ist völlig anders als diese Art ungewisser Vorahnung.

Beim Auftreten unseres Gespürs für Wachstum empfinden wir weder Zwiespalt noch Zweifel. Es ist ein plötzliches Verstehen, ein klares Erkennen, welche Blockaden nur kurz zuvor noch unser Bewußtsein verdunkelt hatten. Wir fühlen uns, als ob wir endlich ans Licht treten, endlich klar sehen können. Eine immense Freiheit, ausgelöst durch die Auflösung der Blockaden, durchflutet uns, - eine Art Hochgefühl, immer begleitet von dem plötzlichen Einblick in eine Verständnisebene, die wir zuvor nicht sehen konnten.

Das Problem, das unsere Emotion und unser Bewußtsein verdunkelt hatte, ist verschwunden. Nach Erreichen der neuen Verständnisebene fiel es als belanglos weg. Unsere neue Sichtweise hat sich von dem einseitigen Standpunkt gelöst, der das Problem zuvor unüberwindbar erscheinen ließ. Die physischen Umstände mögen sich nicht geändert haben, doch ist unsere Einstellung jetzt eine andere. Ein Lösungsweg wird deutlich, die emotionale Last fällt von uns ab und löst das beschriebene Hochgefühl aus, das je nach Intensität des Problems kürzer oder länger andauern kann.

Es muß aber nicht unbedingt ein Problem sein, das diese Art Intuition auslöst. Unser Gespür für Wachstum wird auch aktiviert, wenn wir mit einer bestimmten Erfahrungsebene abgeschlossen haben und damit unser Blick auf neue Ebenen frei wird. Es wird dann empfunden als eine innere Sicherheit, daß die neue Ebene, die sich gerade eröffnet, zu weiterem Wachstum führen wird.

 

2 - Das bewußte Aneignen von Wissen, das unser Gespür für Wachstum hervorruft (adhigama),

hat ähnlich inspirierende Wirkung. Es ist etwas völlig anderes als das Lernen formaler Inhalte, das wir üblicherweise unter 'Aneignung von Wissen* verstehen.

Die Beschäftigung mit Schriften, die die Erweiterung unseres Bewußtseins Schritt für Schritt erklären, ruft ein dynamisches Verstehen hervor, bei dem unser Geist plötzlich auf einer zuvor unbekannten Ebene eine intuitive Neuordnung von Gedanken und Empfindungen erfährt.

Diese Wirkung kann auch durch die Anleitung derer ausgelöst werden, die auf diesem Weg weiter fortgeschritten sind. Zuweilen genügt dafür schon deren reine Anwesenheit.

Entscheidend ist die Energie, mit der wir nach diesem speziellen Wissen suchen, und die wir auf das Verstehen des Wissens richten. Je intensiver und bewußter wir dieses Ziel anstreben, desto schneller erhalten wir auch Einblicke in neue Ebenen unseres Bewußtseins.

Unser Gespür für Wachstum kann sowohl durch Intuition als auch durch Aneignen von Wissen entstehen. Beide Wege sind gleichgestellt; beide öffnen gleicherweise den Zugang zu dieser inneren Fähigkeit; durch beide entsteht der gleiche Zustand[10].

Das bedeutet, daß zu allen Zeiten Menschen ihren Weg zur Befreiung intuitiv finden können, ohne je Zugang zu Schriften mit dieser Art Wissen zu erhalten. Der Autor des Tattvarthasutra sagt damit deutlich, daß die Bewußtseinsentwicklung des Menschen von jedem formalen Wissen unabhängig ist - auch von den Informationen des Tattvarthasutras. Es betont, daß der eigentliche Schlüssel im eigenen intuitiven Verständnis liegt, und daß jeder, der diese Richtung einschlägt, dieses auch jederzeit in sich entfalten kann.

* * *

Vertrauen in den Sinn der Realität ist der Schlüssel zur Befreiung. Was aber ist Realität?

Viele der heutigen Menschen würden spontan antworten: Realität? Das ist - Arbeiten, Essen, Trinken, Schlafen, Erholung Familie, Freunde, Fernsehen, Urlaub. Was soll die Frage?‘

Und sie haben Recht: Das, was sie schildern, ist Realität, das ist ihre Wirklichkeit. Es ist eine der vielen möglichen Antworten.

Doch was ist mit folgender Situation:

Sekunde für Sekunde treffen Milliarden von Reizen auf unsere Sinne - die Farbe und Struktur der Wände, die Härte des Stuhles, auf dem wir sitzen, die verschiedenen Gerüche und Laute, die wir wahrnehmen, das trockene Gefühl in unserem Mund, vage Empfindungen im Inneren unseres Körpers, Gedankenimpulse, die uns durch den Kopf jagen, etwas Unrast, Emotionen, die so flüchtig sind, daß wir sie keiner konkreten Erfahrung zuordnen könnten, - all dies und noch unendlich viel mehr erreicht unsere inneren und äußeren Sinnesorgane. Und wie reagieren wir darauf? Wir verschließen uns diesem gewaltigen Universum und richten unsere ganze Aufmerksamkeit auf die Reihen schwarzer Buchstaben auf weißem Papier vor uns. Und nicht einmal darauf, sondern auf etwas, das irgendwie über den Buchstaben schwebt und im Augenblick gerade unseren Geist stimuliert.

Wo ist jetzt die Realität von Arbeit, Essen, Trinken, Schlafen usw.?

Aus den Milliarden von Impulsen, die auf uns treffen, selektieren wir nur eine winzige Menge Material, der wir erlauben, zu uns durchzukommen. Wir haben keine andere Wahl, wir könnten den ganzen Rest nicht auch noch aufnehmen, - unser Bewußtsein wäre so überwältigt, daß wir nicht funktionieren könnten. Wir müssen selektieren. Und dieser Selektionsprozess geschieht so selbsttätig, so unterschwellig, so automatisch, daß wir fast nie auf ihn aufmerksam werden. Nur manchmal, wenn wir aus tiefer Konzentration erwachen, wird uns bewußt, wieviel unserer Umgebung wir ausgeschlossen hatten.

Nun sollte man meinen, daß wir diesen Auswahlvorgang recht routiniert handhaben, z.B. wenn wir uns entscheiden ein Buch zu lesen, mit dem Auto zu fahren oder einen Vortrag anzuhören - alles Aktivitäten, die ja eine gewisse Aufmerksamkeit erfordern.

Doch sehen wir uns einmal genauer an, was unser Bewußtsein dabei mit uns macht und wie wenig wir diesen Prozeß steuern:

Wie oft mußten wir beim Lesen eines Buches wieder und wieder über den gleichen Absatz gehen, weil unsere Aufmerksamkeit den Faden verlor? Wir wollten uns auf das Buch konzentrieren, aber der Selektionsprozess richtete uns auf etwas ganz anderes aus. Die Buchstaben erreichten unsere Augen, aber schafften es nicht, zu unserer Aufmerksamkeit durchzudringen. Irgend etwas verschloß das Buch gegen unseren Willen vor unserem Bewußtsein.

Wie oft fuhren wir Auto, mit unseren Gedanken hier, dort und überall, nur nicht auf der Straße? Haben wir uns dabei je umfragt, wer denn eigentlich fährt, wer wirklich den Wagen steuert?

Wie oft hörten wir Vorträge - denken wir nur zurück an unsere Schultage - und unsere Aufmerksamkeit wanderte, hierhin, dorthin, nur niemals zu dem, was vorgetragen wurde? Was ließ uns die Worte des Sprechers verlassen und in andere Welten treiben? Nichts, was wir auf irgendeine Weise kontrollieren konnten.

Und dies sind nur simple Beispiele. - Wie oft ignorierten wir unsere Intuition, - und merkten dann, daß sie totrichtig lag. Wie oft hören wir dann doch auf unsere innere Stimme? - Aber wer oder was gab dabei den Ausschlag?

Was läßt uns vor Risiko zurückschrecken, - oder darauf eingehen? Was motiviert uns Dinge zu tun, die wir nicht tun möchten? Was läßt uns sagen, ein Glas ist halb voll - wie es die Optimisten tun, oder halb leer - nach Art der Pessimisten? Wer oder was traf all die unzähligen Entscheidungen, die uns bis hierher führten? - War es wirklich das 'ich‘, das wir kennen, mit dem wir so vertraut scheinen?

Doch auch die zwei, drei wichtigen Entscheidungen in unserem Leben, bei denen wir bewußt den einen Weg allen anderen vorzogen, - hatten wir da wirklich soviel Kontrolle wie wir glaubten? Welches Motiv bewegte uns wirklich zur Zeit der Entscheidung, - das wahre Motiv, über das wir nie sprechen, das wahre Motiv, das den eigentlichen emotionalen Anstoß gab für eine Karriere, ein Abenteuer, den Partner, für Sicherheit, Verantwortung, Herausforderung oder Monotonie?

Verlassen wir doch kurz einmal die netten offiziellen Gründe, die unsere Entschlüsse so perfekt rationalisieren und gehen wir etwas tiefer, als es bequem ist. -

War es der Drang, den Vater zu beeindrucken, - um seine Achtung zu erringen, seine Liebe, seine Aufmerksamkeit oder Bewunderung? Oder war es die Mutter, der ältere Bruder, der Freund oder der alte Rivale? War es die Angst vor Armut, Ruin, vor Einsamkeit oder Verlust? Was es die Hoffnung dort Mädchen, Jungen oder nur andere Menschen zu treffen, weil es zuvor kaum Möglichkeiten gab dazu? War es Begeisterung für ein bestimmtes Ziel, - doch wer oder was hat diese Begeisterung ausgelöst? Oder wollten wir den anderen nur zeigen, wie mutig wir sein können?

War uns all dies wirklich bewußt, als wir die wichtigen Entscheidungen trafen? War uns zu diesem Zeitpunkt wirklich völlig klar, was unter der Oberfläche alles ablief?

Machen wir uns nichts vor, - nicht wir steuern unseren Selektionsvorgang, der Selektionsvorgang steuert uns. Ein Mechanismus beeinflußt uns, der uns Gedanken, Bedeutungen, Gefühle und Handlungsimpulse eingibt und dem wir nur folgen können. Wir kennen keine Alternative, haben keine Vorstellung, wie Leben ohne all diese Automatik sich anfühlt, können den Vorgang nicht von außen sehen. - Wir wissen nicht, was uns zu manchen Zeiten die gleichen schmerzhaften Abläufe immer aufs Neue präsentiert und damit unser Innerstes wieder und wieder zerreißt.

Unsere modernen materiellen Konzepte der Welt können uns keinen Aufschluß darüber geben. Doch Realität ist mehr als nur zufällig herumschwirrende Materie. Unsere Wirklichkeit - das was wir in unserem Inneren und außen erleben - wird von mehr Einfiüssen bestimmt, als die Gesetze der Materie je beschreiben könnten.

Wenn wir uns also von unerfreulichen Einflüssen befreien wollen, wenn wir die Steuerung unseres Lebens selbst in die Hand nehmen wollen, dann lohnt es sich herauszufinden, was Realität ist, - was wirklich wirkt in unserem Leben. Dann lohnt es sich herauszufinden, wie der Selektionsvorgang funktioniert, und dann lohnt es sich herauszufinden, wo Änderungen Erfolg versprechen.

Und wenn wir unsere Grenzen als zu eng empfinden und daraus ausbrechen wollen, dann lohnt sich auch die Frage, wo neue, unbekannte Bewußtseinswelten liegen, deren Erkundung zum faszinierendsten Abenteuer unseres Lebens werden kann.

Aus all diesen praktischen Gründen und nicht aus trockenen, theoretischen Überlegungen beschreibt der nächste Sutra, was Realität ist.

Fußnoten
10:

Zum Vorkommen im Text springen

Quellen

Titel: Das Gespür für Wachstum

Ausgabe: 1999, 2000

Verlag: Crosswind Publishing, 31505 Wunstorf

ISBN: 3-9806211-7-0

HN4U Online Edition: 2014


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  1. Adhigama
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