Karma: Der Mechanismus: Tattvarthasutra 6.10

Autor*in:  Image of Hermann KuhnHermann Kuhn
Veröffentlicht: 11.03.2014
Aktualisiert: 22.03.2014

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Tatpradosa ninhava matsaryan taraya sadanopaghat jnanadarshana varanayoh (10)

  • Die Ablehnung (Herabwürdigung,  Mißachtung, Nicht Wertschätzung) von Wissen[18] im Allgemeinen,
  • die Zurückhaltung (Geheimhaltung) von Wissen,
  • die durch Neid oder Eifersucht verursachte Weigerung, Wissen weiterzugeben,
  • das Behindern desVorgangs der Wissensgewinnung,
  • das Leugnen der Wahrheit, die andere verbreiten, obwohl sie als solche erkannt wird und
  • die Zurückweisung (Zerstörung) der Wahrheit, obwohl sie als solche erkannt wird

verursachen das Einfließen von Karmas, die das Entfalten von Wissen (samyag jnana) und von nicht-irrendem intuitivem Verstehen (samyag darshana) blockieren. (10)


Die Weitergabe und Erläuterung wahren Wissens eröffnet anderen die Möglichkeit, Befreiung zu erlangen. Die Ablehnung oder Herabwürdigung dieses Wissens, das Zeigen einer negativen Haltung dem Wissen gegenüber, oder die bewußte Behinderung der Wissensgewinnung haben karmische Auswirkungen, die dem derart Handelnden den eigenen Zugang zu Wissen - und damit seinen Weg zur Befreiung - blockieren.

Es ist grundlegend nicht möglich, die Wissensgewinnung anderer zu verhindern, da der Vorgang der Wissensgewinnung in erster Linie durch das Auflösen der karmischen Blockaden eines jiva ausgelöst wird. Nur durch den Wegfall dieser Blockaden enthält der jiva Zugang zu seinem - in ihm vollständig vorhandenen - Wissen. Sobald ein jiva diese Öffnung in sich wahrnimmt, wird ihm dieses Wissen zugänglich. Auf welche Weise ihm die Öffnung bewußt wird, - ob durch verbale Erläuterung, das Lesen der Schriften (jnana), oder plötzliches intuitives Verstehen (darshana) - ist nicht von primärer Bedeutung. Der bewußte Zugang zum Wissen stellt sich ein, sobald nach der inneren Öffnung förderliche Umstände dafür eintreten. Während es völlig unmöglich ist, die primäre innere Öffnung zu blockieren, kann auch der sekundäre Vorgang - das bewußte Erkunden der inneren Öffnung - höchstens verzögert, aber nie endgültig verhindert werden.

Der Wert der Vermittlung und Erläuterung von Wissen besteht darin, denjenigen, in denen die Öffnung bereits erfolgt ist, das Wissen bewußt zu machen. Denjenigen, denen der Zugang noch blockiert ist, kann die Präsentation von Wissen die Inspiration bieten, aktiv an der eigenen Wissensgewinnung zu arbeiten, wobei das Gehörte (oder Gelesene) möglicherweise erst zu einem späteren Zeitpunkt vollständig verstanden und integriert wird.

Eine negative Haltung - aus welchem Grund auch immer -diesem Vorgang gegenüber manifestiert jedoch im Handelnden selbst genau die Behinderung, die er in anderen bewirken wollte. Im Einzelnen sind dies:

  1. Die innere und/oder die nach außen kommunizierte Ablehnung und Herabwürdigung von Wissen, das Nicht-Wertschätzen von Wissen und/oder das Zeigen einer negativen Haltung Wissen gegenüber.

  2. Das Verbergen von Wissen. Damit ist sowohl das Vortäuschen von Unwissenheit, als auch das bewußte Geheimhalten von Wissen gemeint.

Ein Beispiel dafür ist das Errichten künstlicher Hindernisse im Vorgang der Wissensgewinnung, wie es oft in hierarchisch aufgebauten Organisationen, die um eine zentrale Person (z.B. einen Guru etc.) herum angelegt sind, beobachtet werden kann. Die dabei gerne vorgebrachte Begründung, jemand sei noch nicht reif für sogenanntes 'höheres' Wissen, ist ein Scheinargument, das den Schüler in Abhängigkeit halten soll.

Die Menge und Art des Wissens, zu dem ein jiva Zugang hat, ist nur von seiner eigenen Öffnung dem inneren Wissen gegenüber abhängig. Da jeder jiva alles Wissen bereits vollständig in sich trägt, ist ihm dieses Wissen in dem Maße zugänglich, in dem er die entsprechenden karmischen Blockaden bereits abgebaut hat. Weiterführendes (sogenanntes 'höheres') Wissen - obwohl in ihm vorhanden - kann er aufgrund der noch aktiven karmischen Blockaden zu diesem Zeitpunkt nicht erkennen (d.h. innerlich verstehen, integrieren und anwenden), selbst wenn es ihm präsentiert wird.

Die 'Reife', Zugang zu Wissen zu erhalten, ist also in jedem Fall von den karmischen Blockaden des jiva abhängig und kann nicht dadurch gesteuert werden, daß ihm Zugang zu Wissen ermöglicht oder verweigert wird. Wieweit jedoch ein jiva an der Beseitigung seiner karmischen Blockaden arbeitet, liegt in seiner eigenen Verantwortung und sollte nicht künstlich behindert oder verzögert werden.[19].

  • Die aus Neid oder Eifersucht geborene Weigerung, Wissen weiterzugeben. Dies kann sich beispielsweise in folgender Situation äußern: Ein jiva zeigt die Bereitschaft Wissen zu erhalten, der 'Lehrer' - d.h. jemand im Besitz des Wissens - hält dieses Wissen jedoch zurück, weil er glaubt, der Schüler würde ihn überflügeln oder sich schneller entwickeln als er selbst.

  • Das Behindern des Vorgangs der Wissensgewinnung (siehe Kommentar zum Verbergen von Wissen).

  • Das Leugnen von Wahrheit, die andere verbreiten, obwohl deren Lehre als Wahrheit erkannt wird. Damit ist das Zurückweisen, mutwillige Zerdiskutieren oder Verhöhnen der Lehren anderer in Wort und Tat gemeint. Oftmals entsteht derartiges Handeln aus Neid darüber, daß der Lehrende über mehr Schüler, umfassenderes Verständnis oder eine bessere Rednergabe verfügt.

  • Der Versuch, Wissen, das als wahr erkannt wird, bewußt zu zerstören.

Die oben aufgeführten Handlungsmuster verursachen das Einfließen zweier Arten von Karma, die unterschiedliche Lebensbereiche behindern:

  • Karma, das Wissen verschleiert, blockiert das bewußte In-Kontakt-kommen, Wahrnehmen, Aufnehmen, Verarbeiten und Integrieren von Wissen.

  • Karma, das die Erkenntnis blockiert, verhindert das intuitive Verstehen der Mechanismen und Zusammenhänge, die zur eigenen Befreiung führen.

Wenn diese beiden Karma-Arten wirken, wird zudem auch noch die Fähigkeit blockiert, zwischen Wahrheit und Irrtum intuitiv unterscheiden zu können. Der direkte Zugang zu umfassendem intuitivem Wissen (pramana) ist damit versperrt[20].

Fußnoten
18:

Zum Vorkommen im Text springen

19:

Zum Vorkommen im Text springen

20:

Zum Vorkommen im Text springen

Quellen

Titel: Karma: Der Mechanismus

Ausgabe: 1998

Verlag: Crosswind Publishing, 31505 Wunstorf

ISBN: 3-9806211-9-7

HN4U Online Edition: 2014

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