Meditieren - warum?: Emotionale Gesundheit & Preksha Meditation (2)

Veröffentlicht: 01.12.2012

Der erste Schritt auf dem Weg zum Ziel ist die Transformation der Emotionen. Zur Transformation der Emotionen tauchen wir während der Meditation tief ins Innere, wo diejenigen Emotionen generiert werden, die keine reaktiven Impulse auf Einwirkungen von außen sind. Wer meditiert, ohne bis zur Wurzel des Übels vorzudringen, gelangt nicht in die Tiefe und kann die Emotionen nicht verfeinern. Verfeinerte Emotionen sind tief im Inneren generierte, reine und authentische Emotionen. Diese Emotionen bewirken eine Veränderung des Stroms der Gefühle, die sich in einer Abkehr von der Gewalt manifestiert. Durch die Abkehr von der Gewalt kann sich Neid beispielsweise in Mitgefühl und Besitzgier in Menschlichkeit wandeln. Keinen Zugang zu den Emotionen gewähren Geist, Sprache und Körper, denn über sie kommunizieren wir mit der Außenwelt. Der Weg zur Welt der Emotionen führt nach innen. Zu wissen, wo man ansetzen muss, ist von entscheidender Bedeutung für die Transformation.

Einmal hatte ein Autofahrer eine Panne. Als er allein durch eine verlassene Waldgegend fuhr, fernab von Dörfern und Städten, blieb sein Auto liegen. Trotz vieler Versuche bekam er es nicht wieder in Gang und machte sich auf den Weg, um Hilfe zu holen. Nach längerem Fußmarsch kam er an eine Hütte, vor der ein Mann saß. Er sprach ihn an: „Mein Auto ist liegengeblieben, und ich kriege es allein nicht wieder in Gang, können Sie es reparieren?“ Der Mann nickte, suchte die nötigen Werkzeuge zusammen und machte sich mit dem Autofahrer auf den Weg. Als sie die Stelle erreicht hatten, an der das Auto stand, öffnete der Mann die Motorhaube und sagte nach gründlicher Inspektion: „Ich kann es wieder in Gang bringen.“ - „Was nehmen Sie dafür?“ - „100 Euro.“ - „Gut. Ich habe keine Alternative. Anders komme ich hier nicht wieder weg.“ Der Mann von der Hütte schlug mit einem Hammer auf den Motor und versuchte anschließend das Auto zu starten. Es sprang sofort an. „Sie haben mich betrogen!“ rief der Autofahrer, „Sie haben nur mit dem Hammer auf den Motor geschlagen!“ Der Mann von der Hütte entgegnete: „Aber mein Herr! Sie verstehen das falsch. Der Hammerschlag kostet einen Euro, aber gewusst, wo ich ihn ansetzen muss, kostet 99 Euro.“

Es ist also von entscheidender Bedeutung zu wissen, wo man ansetzen muss. Wenn wir beim Geist ansetzen, wird er nur noch rebellischer. Genauso ist es, wenn wir bei der Sprache oder dem Körper ansetzen. Wenn wir uns wirklich transformieren möchten, müssen wir bei den Emotionen ansetzen. Wir müssen nach innen gehen, wenn wir die Emotionen verfeinern wollen. Dabei dürfen wir nicht bei der Sprache oder dem Körper Halt machen oder uns auf den Geist beschränken. Wir müssen tief in die Welt der Emotionen hinabtauchen, um die Probleme wirklich an der Wurzel packen zu können. Die Lösung besteht darin, die Emotionen anzugehen. Unser Ziel ist der Eintritt in die Innenwelt, in die Welt der Emotionen, in die Welt der Spiritualität. Preksha Meditation setzt nicht beim Geist an wie viele andere Meditationsverfahren, sondern bei der Transformation der Emotionen.

Der Teil des Gehirns, der hinter der Stirn liegt, regelt den emotionalen Bereich. Praktisch geschieht die Umwandlung unserer negativen Emotionen in positive durch Meditation über drei der psychischen Zentren im Stirn- und Kopfbereich: Das Zentrum der Erleuchtung in der Mitte der Stirn, das Zentrum des Friedens am Haaransatz, das Zentrum der Weisheit am höchsten Punkt des Schädels. Dort findet die Transformation statt, dort werden die Emotionen verfeinert. Meditation über das Zentrum der Erleuchtung wirkt mäßigend auf den Zorn. Durch Meditation über die Farbe Weiß in diesem Zentrum können wir beruhigend auf ihn und andere negative Emotionen einwirken. Meditation über das Zentrum des Friedens besänftigt Nervosität und innere Unruhe. Meditation über das Zentrum der Weisheit stärkt unsere Einsichtsfähigkeit.

Durch das Transformieren unserer Emotionen wird der Geist wieder klar. Damit verändern sich auch die Aktivitäten von Sprache und Körper. Wer seine Emotionen verfeinert, schenkt negativen Gedanken keine Aufmerksamkeit. Beispielsweise wird über Andere weder schlecht gesprochen, noch werden sie sie hinter ihrem Rücken kritisiert. Auch die Aktivitäten des Körpers verändern sich. Die Reaktionen des Körpers basieren auf Emotionen, so beherrschen diese auch unsere Handlungen. In der Jaina Terminologie werden Handlungen als „Yog“ bezeichnet. Eine Bedeutung von „Yog“ ist „spirituelle Praxis“, eine andere „Handlungen ausführen“. Hier bezeichnen wir das Zusammenwirken von körperlichen, sprachlichen und geistigen Aktivitäten als „Yog“. Unsere Unausgeglichenheit ist mit „Yog“ verbunden, doch ohne „Yog“ erstarrt das Leben in uns und kommt zum Stillstand. Daher können wir unsere Aktivitäten und die damit verbundene Instabilität nicht völlig einstellen. Hindern wir unseren Körper einen ganzen Tag lang an der Ausführung von Bewegungen, stirbt er ab.

Wer anfängt zu meditieren, gewinnt vielleicht den Eindruck, dass der Körper nicht kooperiert und die Meditation nicht akzeptiert. Selbst die Sprache wehrt sich, der Geist sowieso. Versuchen wir uns auf eine Sache zu konzentrieren, ist größere Instabilität die Folge. Vielleicht bemerkt man die Unruhe des Geistes nicht, wenn man beschäftigt ist, aber sobald man zu meditieren beginnt, überschlägt sich der Geist geradezu in seinen Aktivitäten. Viele behaupten, dass ihnen das genauso geht, wenn sie Mantras shanten und dabei die 108 Perlen einer Mala (Kette zum Shanten von Mantras) nacheinander durch die Finger gleiten lassen.

Ich fragte einen Mann: „Shanten Sie Mantras mit der Mala?“ Er entgegnete: „Damit habe ich aufgehört.“ Als ich den Grund wissen wollte, erwiderte er: „Selbst wenn ich arbeite, ist mein Geist nicht so in Aufruhr, wie dann, wenn ich mich hinsetze und mit der Mala Mantras shanten will. Alle Gedanken stürmen dann gleichzeitig auf mich ein. Deshalb habe ich aufgehört.“ - „Waren Sie jemals in einem kleinen Dorf? Haben Sie die Abfallhaufen am Dorfeingang und Dorfausgang bemerkt? Wenn man daran vorbeikommt, stinkt es nicht. Sollte man aber jemals versuchen, die Abfallhaufen zu beseitigen und bewegt sie, macht sich pestilenzartiger Gestank breit. Natürlich nimmt Ihre Instabilität erst einmal zu, wenn Sie zu shanten beginnen. Doch davon sollte man sich nicht abschrecken lassen. Wer sich erschreckt, wird überwältigt. Nur wer ruhig und gefasst bleibt, dem gibt der Geist schließlich nach und verhält sich wunschgemäß. Genauso tun es dann auch Sprache und Körper.“

Es passiert, weil der Geist sich weigert, bei einer Sache zu bleiben, wenn wir meditieren oder shanten. Stellen wir uns einmal ein Kalb vor, dass mit seiner Mutter auf der Weide herumspringt. Wenn man es anbindet, wird es alles versuchen, sich wieder loszureißen, denn das Herumspringen entspricht seinem Wesen. Wir müssen uns darüber im klaren sein, dass Meditation dem Geist etwas abverlangt, das seinem Wesen zuwiderläuft, das seiner Natur entgegengesetzt ist. Unbeständigkeit gehört zum Wesen von Körper, Sprache und Geist. In der Meditation arbeiten wir dagegen. Deshalb sollte man nicht aus Unwissenheit über das Wesen von Körper, Sprache und Geist auf halbem Weg umkehren und aufhören.     

Auf dem Campus von Jain Vishva Bharati in Ladnun, Rajasthan, fand einmal ein Preksha Meditationscamp statt, zu dem viele Teilnehmer aus Mumbai angereist waren. In der ersten Reihe saß eine Dame auf einem aufblasbaren Plastikkissen. Den Geräuschen ihres Kissens nach muss sie ihre Haltung ungefähr sechzig Mal während der fünfundvierzig Minuten dauernden Meditationssitzung verändert haben. Nach der Sitzung machte ich sie darauf aufmerksam, dass es den anderen Teilnehmern sicher schwer fällt, sich bei den Geräuschen ihres Kissens zu konzentrieren. Das Erstaunliche war, dass sie nach zwei weiteren Sitzungen kein einziges Mal ihre Position verändern musste. Sie saß noch immer auf dem Kissen, aber es war nichts mehr zu hören.

Quellen

Englischer Titel:
Why Meditate?

Redaktion:
Muni Dhananjay Kumar

Herausgeber:
2005 Jain Vishva Bharati
Institute, ©2005

Übersetzung ins Englische:
2005 Samani Charitra Pragya,
Neeraja Raghavan, Sudhamahi
Regunathan

Übertragung ins Deutsche:
2008 Carla Geerdes
2012 Überarbeitete Fassung
Carla Geerdes

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